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Anmerkungen zu Bertolt Brechts „Der Krieg ist wie die Liebe, er findet immer einen Weg“ aus der Sicht von Systemaufstellungen

Albrecht Mahr

Veröffentlicht am 28.01.2011.

socialnet Materialien. Reihe 4: Unwirtliche Zeiten

Vortrag auf der Tagung "Unwirtliche Zeiten" – Systemische Aufstellungen als Sprache der Veränderung am 27. und 28. September 2010 an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Zusammenfassung
Der Autor schlägt einen Bogen von einem engen, ausschließenden und kriegsbereiten Stammesbewusstsein zu einem mehr einschließlichen und friedensfähigeren integralen Bewusstsein und entdeckt dabei in der Repräsentativen Demokratie ein Kriegs-Liebes-Spiel, das er in seinen Ausführungen näher erläutert.

Einleitung

Vom Stammesdenken zum integralen Bewusstsein

Wenn wir dem Tagungsthema folgen „Unwirtliche Zeiten. Systemische Aufstellungen als Sprache der Veränderung“, so gibt es Hoffnung: Systemaufstellungen können helfen, unwirtliche Zeiten – also Zeiten der Einsamkeit, der Trostlosigkeit, der körperlichen und seelischen Unbehaustheit – zum Besseren zu verändern.

„Unwirtlich“ ist die Welt tatsächlich in sehr vielen Gegenden, und wir haben das große Glück und Privileg, in einem vergleichsweise sehr „wirtlichen“ Land darüber auf dieser Tagung nachzusinnen.

Als ich vor kurzem noch weiter an diesem Vortrag arbeitete, war ich in Ruanda in Zentral-Südafrika und saß sonntags auf einer kleinen Terrasse meines Hotels. Für Stunden hörte ich die schier endlosen Gemeinde-Gesänge aus einer der vielen benachbarten Erweckungskirchen, die nach dem Völkermord von 1994 dort enorm zugenommen haben. Schöne, wiegende Gesänge, in denen auch etwas mitschwang wie eine Beschwörung von Heimat, Behausung und Heilung nach den unvorstellbar unwirtlichen Zeiten des Völkermords vor 16 Jahren.

Und gleichzeitig waren in dem kleinen blumenreichen Hotelgarten zwei Arbeiter dabei, ein urgemütliches traditionell-ruandisches Stangenhaus mit dickem Grasdach zu errichten - ein entzückendes Gartenhaus, das Entspannung, Schutz vor Sturm und Regen und wirkliche Behausung versprach, und eben auch – wie das in Ruanda oft zu spüren ist – ein leises, beschwörendes „nie wieder - es ist vorbei!“

Es geht mir bei meinem Vortrag um Bewusstseins-Wandel von einem engen, ausschließenden und kriegsbereiten Stammesbewusstsein (wie es auch in Ruanda gewütet hat) zu einem mehr einschließlichen und friedensfähigeren integralen Bewusstsein. Und ich will, als politischer Laie, eine Lanze brechen für die repräsentative Demokratie, ein Plädoyer für das große Kriegs-Liebes-Spiel – so möchte ich das nennen -, das diese Staatsform auszeichnet.

Hier drei Beispiele für ethnozentrisches Bewusstsein, ein anderes Wort für Stammesbewusstsein, das in jedem von uns bereitliegt.

In Lessings „Nathan der Weise“ hören wir den denkwürdigen Satz1: „Du kennst die Christen nicht … . Ihr Stolz ist es: Christen sein, nicht Menschen.“

Und wir können „Christen“ natürlich durch jede andere Religion oder Ideologie ersetzen, um diese singuläre oder monolithische Identität zu kennzeichnen, die der libanesische Autor Amin Maalouf in seinem gleichnamigen Buch zu Recht als „mörderische Identitäten“ bezeichnet hat.

Zweites Beispiel2: 1988 zerstörte ein mächtiges Erdbeben große Teile des damals noch sowjetischen Armeniens. Blutspenden für die Tausende von Opfern wurden auch von den benachbarten Azerbaijanis gesammelt, die mit den Armeniern in einem lang anhaltenden ethnopolitischen Konflikt lagen, u.a. um die autonome Region Bergkarabach.

Die azerbaijanische Blutspende wurde trotz immer weiter steigender Opferzahlen von den notleidenden Armeniern abgelehnt, die lieber leiden und sterben wollten als mit dem Blut des Feindes in ihren Körpern „vergiftet“ zu sein.

Und schließlich dieses Beispiel von einem holländischen Kollegen, der mir kürzlich folgende Begebenheit erzählte. Dabei ist zu wissen, dass in Holland zwei große Fußballclubs heftig mit- und gegeneinander kämpfen: Ajax in Amsterdam und Feyenoord in Rotterdam. Auf eine Hochzeitsparty in Amsterdam kam verspätet und sichtlich gestresst ein Ehepaar, die Frau hochschwanger mit einem Jungen. Die beiden hatten sich verspätet, weil sie so lange nach einem Parkplatz direkt vor der Tür der Gastgeber gesucht hatten. Auf die Frage, warum es denn genau vor der Haustür sein musste, erklärte der Ehemann ganz im Ernst: „Wir gehören zu Feyenoord, und wenn es losgeht mit den Wehen, wollen wir noch nach Rotterdam kommen (gut 50 km), damit unser Sohn auf keinen Fall im Lager des Feindes geboren wird!“

Wie können wir von hier aus, vom Stammesbewusstsein, in Richtung von integralem, einschließlichem Bewusstsein weitergehen?

Fangen wir mit einer bekannten Liebesgeschichte im Krieg an:

Erster Weltkrieg, Flandern, Weihnachten 1914. Nach dem „Augusterlebnis“, der enthusiastischen Begeisterung bei Kriegsbeginn im August 1914, ist die Entsetzlichkeit des Stellungskrieges Wirklichkeit geworden: deutsche und englische Soldaten stecken in Schützengräben fest, die Frontlinien 30 – 50 Meter entfernt, das Niemandsland dazwischen übersät mit den Leichen der Gefallenen, die nicht beerdigt werden können. Eiseskälte, Wasser knöcheltief in den Gräben, Schlafen nur im Stehen möglich, katastrophale hygienische Verhältnisse – und es ist Weihnachtsabend. Die deutschen Soldaten singen, erst zaghaft dann etwas beherzter „Stille Nacht, heilige Nacht“ – und aus den englischen Schützengräben kommt Applaus. Nun singen die Engländer ein Weihnachtslied, und die Deutschen applaudieren. Sie heben ein kleines improvisiertes Weihnachtsbäumchen aus den Schützengräben, die Engländer applaudieren und antworten mit eigenen Lichtern. Die ersten Soldaten klettern aus den Schützengräben, andere folgen und steigen über die Toten hinweg aufeinander zu. Händeschütteln, weitere Lieder, manche werden gemeinsam gesungen, Familienfotos und kleine Geschenke werden ausgetauscht, und die Soldaten helfen sich gegenseitig, ihre Toten notdürftig zu beerdigen.

Das Ereignis geht wie ein Lauffeuer durch die Schützengräben. Zehntausende, manche Historiker schätzen bis zu Hunderttausend britische und deutsche Soldaten in dieser Nacht bis in den Morgen des 25. Dezember 1914 hinein friedlich zusammen Weihnachten.

Die Nachricht von diesem Ereignis wird jedoch in den Befehlsständen auf beiden Seiten übel aufgenommen. Nach entsprechend massiv erteilten Ordern durch ihre Vorgesetzten, gehen die Soldaten zurück in ihre Schützengräben und nehmen das Feuer gegeneinander wieder auf.

Von deutschen Soldaten wissen wir, dass sie beim weiteren Vorrücken an jenem 25. Dezember 1914 britische Soldaten erschossen vorfanden, mit denen sie noch kurz zuvor Familienbilder ausgetauscht und Freundschaft geschlossen hatten. Erst nach dreieinhalb weiteren Jahren und fast neun Millionen Toten wird der Krieg beendet. Und er wird, wie wir wissen, unter Bedingungen beendet, die 20 Jahre später wesentlich zum Zweiten Weltkrieg und seinen fast 60 Millionen Toten beitrugen.

Warum diese mächtige Friedens-, ja Liebesdemonstration zu Weihnachten 1914 nicht zum Ende des Ersten Weltkriegs führte - mit all den unabsehbaren und vermutlich positiven Folgen, die das für den weiteren Verlauf der Geschichte gehabt hätte - müssen wir hier offen lassen. Wir müssen aber anerkennen, dass der Krieg sich einmal mehr auf mächtige Weise gegenüber der Liebe durchgesetzt hat.

Der Krieg: Naturgesetz und Notwendigkeit – wie die Liebe?

In der Tat scheint Krieg im Sinne absichtlicher massenhafter Zerstörung eine Konstante, ein Naturgesetz der Menschheitsgeschichte, ja womöglich eine Notwendigkeit - wie die Liebe? - zu sein, wie es auch diese Zahlen nahelegen:

Die norwegische Akademie der Wissenschaften hat im Jahr 2008 errechnet, dass seit dem Jahr 3600 vor Christus bis zum Jahr 2008 insgesamt 15.513 Kriege stattgefunden haben. Dabei gab es 3,64 Milliarden Tote. Nur 292 dieser rund 5.600 Jahre, d.h. etwas über 5 Prozent (= 5,2 Prozent) waren ohne Krieg. Das spiegelt sich auch in den globalen Rüstungsausgaben wider, die das SIPRI, das Stockholm International Peace Research Institute für 2009 mit 1,5 Billionen US-Dollars - also unvorstellbaren 1.500 mal 1 Milliarde US-Dollars! – wiedergibt, bei einer Steigerungsrate von fast 50 Prozent in den letzten 10 Jahren. Dafür, dass der Krieg also eine Notwendigkeit oder eine Unvermeidlichkeit - wie die Liebe? - sein könnte, kennen wir alle wohl Stimmen, die das bestätigen. Hier nur eine davon: James Hillmann, der renommierteste Vertreter der Jung’schen Psychologie in den USA hat das sehr herausfordernde Buch „Die erschreckende Liebe zum Krieg“ (2005) geschrieben. Er erinnert daran, dass Krieg gerade wegen seiner Schrecklichkeit eine ungeheure, wirklich unheimliche Anziehungskraft ausübt. Hillman spricht vom Erlebnis eines „beautiful horror“ und berichtet, dass Soldaten in der Schlacht in einen spirituell anmutenden grandiosen Liebes-Rausch verfallen können – ein Soldat wird mit den Worten zitiert „Gott, wie ich das liebte, sie alle, die dort lagen … . Ich fühlte mich wie ein Gott … ich war unberührbar.“ Hillmanns Schlussfolgerungen bleiben sehr skeptisch: nur wenn wir die schwierige Arbeit auf uns nehmen, uns selbst so weit kennen zu lernen, dass wir auch diese Faszination am Krieg - oder auch „das Bestienhafte in uns“3 – erleben und anerkennen können, haben wir vielleicht die Möglichkeit, sie nicht mehr in wirklichem Krieg auszuagieren sondern sie zu einer Art von mächtiger Lebens-Kraft zu entwickeln.

Brecht hat davon wohl gewusst. „Der Krieg ist wie die Liebe, er findet immer einen Weg“ beschreibt eine merkwürdig innige Beziehung zwischen Krieg und Liebe. Und das heißt wohl nicht weniger als: wenn wir den Krieg abschaffen, verlieren wir auch die Liebe.

Wie können wir mit dieser sperrigen, paradoxen Annahme zurechtkommen?

Unerwartete Befunde zur Abnahme von Kriegen

Um darauf eine Antwort zu finden, möchte ich mit Ihnen von den bisher erwähnten, eher belastenden, pessimistischen oder paradoxen Befunden zur Kriegsfrage nun einen großen Sprung machen und an den sogenannten Human Security Report von 2005 erinnern (siehe: http://www.hsrgroup.org, Zusammenfassung in: Le Monde, 19.10.2005) der außerhalb von Expertenkreisen erstaunlich wenig Beachtung gefunden hat. Eine dreijährige internationale Studie des Human Security Center an der University von Vancouver kam zu folgenden Ergebnissen, die für alle folgenden Berichtsjahre (bis 2009) bestätigt wurden. Ganz knapp zusammengefasst: Seit 1991, dem Ende des kalten Kriegs nach Zusammenbruch des Sowjetregimes, hat die Zahl von Kriegen, Genoziden und Menschenrechtsverletzungen z.T. drastisch (40 – 80 Prozent je nach Konflikttyp) abgenommen. Auch die durchschnittliche Zahl der Kriegstoten pro Konflikt ist stark gesunken (von 38.000 in 1950 auf 600 in 2002). Die Zahl von Flüchtlingen ist von 1995 bis 2005 um 30 Prozent gesunken. Die Zahl von Staatsstreichen ist von 25 in 1963 auf 10 in 2002, d.h. um 40 Prozent gesunken. In den 15 Jahren von 1990 bis 2005 wurden mehr zivile Konflikte durch Verhandlungen gelöst als in den vergangenen 200 Jahren zuvor (Befund der International Crisis Group, siehe: www.crisisgroup.org).

Nach dem Human Security Report von 2007 ist bis zu diesem Jahr (2007), im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung und den täglichen Nachrichten, auch terroristische Gewalt deutlich zurückgegangen.4

Für diese, wie ich finde, überraschenden Befunde, die der südafrikanische Bischof Desmond Tutu zu Recht ein „seltenes Hoffnungszeichen“ genannt hat, können wir folgende Begründungen finden.

In Verbindung mit den Medien wie Internet und Mobiltelefon5 - d.h. mit der sofortigen globalen Veröffentlichung eines jeden lokalen Ereignisses - ist es vor allem die nach Ende des kalten Krieges (1991, Zusammenbruch der Sowjetunion) enorm angestiegene Aktivität internationaler Organisationen - allen voran die Vereinten Nationen, aber auch der Internationale Gerichtshof in den Haag6, die International Crisis Group ICG, eine Art Welt-Außenministerium, das Interessen-unabhängig privat organisiert ist, und nicht zuletzt die Europäische Union – , die das Ziel haben, laufende Kriege zu beenden, Friedensverhandlungen zu unterstützen, stabilen Wiederaufbau nach Konflikten zu fördern und das Ausbrechen neuer Kriege zu verhindern.

Die Europäische Union ist gegenwärtig dabei, einen eigenen diplomatischen Dienst ins Leben zu rufen, den European External Action Service EEAS mit geplanten 8.000 Mitarbeitern weltweit.7 Dieser EU-Außendienst hat es sich zur Aufgabe gemacht,von reaktiver zu präventiver Diplomatie überzugehen und ist sehr aktiv, diese Maxime mit Inhalt und Leben zu füllen. Ich hatte im März 2010 die Aufgabe, politische Aufstellungen, also Systemaufstellungen im politischen Kontext, bei einem EU-Hearing in Brüssel vorzustellen unter dem Thema „Politische Aufstellungen und verwandte Ansätze zur Prävention von kollektiven Menschenrechtsverletzungen und kollektiven Gräueltaten“ und hatte dafür acht Minuten Zeit, was bei aller Ehre natürlich ein großer Stress war. In der Folge versuchen wir nun, Aufstellungsseminare für EU-Mitarbeiter zu entwickeln, vor allem auch für den genannten neuen diplomatischen Dienst und seine präventiven Bemühungen. Ich sehe in den enorm vermehrten Aktivitäten der Internationalen Organisationen, (die man in vieler Hinsicht und zu Recht kritisieren kann z.B. wegen ihrer Ineffizienz, Schwerfälligkeit u.a.), ebenso wie in den genannten Befunden u.a. des Human Security Report tatsächlich einen wichtigen Bewusstseinswandel – darum geht es mir ja in diesem Referat - von noch gar nicht abzuschätzender Reichweite. Es geht bei diesen internationalen Bemühungen ja nicht nur darum, drohende oder ausgebrochene Kriege zu verhindern, sondern vor allem auch darum, im Kleinen wie im Großen soziale Systeme – von der Familie bis zu Großgruppen - und das entsprechende Bewusstsein zu fördern, die den Gebrauch von Gewalt unwahrscheinlich oder überflüssig machen.

Wie müssen nun Systeme beschaffen sein, die diese Bedingung erfüllen? Brecht würde vielleicht antworten: Sie müssen dem Krieg bzw. seinen Beweggründen ebenso Ausdruck erlauben wie der Liebe, denn das ist unsere Conditio humana.

Der Beitrag von Systemaufstellungen

Eine Disziplin, die exemplarisch für eine solche Bewusstseins-Entwicklung von ethnozentrisch zu integral (oder tribal zu trans-tribal) steht - und das ist ein anderer Ausdruck für „Sprache der Veränderung“ -, das sind Systemaufstellungen. Aus der längeren Liste der Faktoren, die typisch für Systemaufstellungen und ihr Bewusstseins-wandelndes Potential sind, möchte ich hier vier nennen:

1. Stellvertretende Wahrnehmung. Wir können eine andere, uns ganz unbekannte Person vertreten, d.h. ihre körperliche, emotionale und mentale Verfassung erstaunlich genau nachvollziehen, so dass wir vorübergehend tatsächlich zu jenem anderen Menschen werden. Wenn ein Klient in einer Aufstellung Stellvertreter auswählt, ist es deshalb angemessen, dass er z.B. nicht sagt „kannst du bitte meinen Vater machen“ oder: „meine Mutter spielen“- das würde ein Rollenspiel nahelegen, um das es bei der stellvertretenden Wahrnehmung nicht geht – sondern z.B. „kannst Du bitte mein Vater sein“ oder auch „meine Mutter vertreten“.

Wir wissen noch nicht, wie der immer wieder erstaunliche Wissenstransfer von der repräsentierten zur repräsentierenden Person genau vor sich geht, der ja auch für gestorbene Personen, Gegenstände und abstrakte Elemente wie Ideologien oder eine religiöse Überzeugung gilt. Ich liebäugele immer mit der Quantenphysik in der Erwartung, dass uns diese Disziplin eines Tages Erklärungsmodelle für das Phänomen der stellvertretenden Wahrnehmung liefern kann. Aber ich mache mir keine Illusionen, dass es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis wir die Befunde der Quantenphysik auch auf soziale Phänomene anwenden können.

Nun ist die stellvertretende Wahrnehmung eigentlich kein aufstellungsspezifischer Vorgang, sondern sie ist ubiquitär, d.h. sie tritt zu allen Zeiten und Ort auf, sie gehört zu unserer Alltagserfahrung und ist Teil unseres Wissens voneinander und unseres Mitgefühls füreinander. Wir leben eigentlich in einem Gewebe wechselseitigen Identifiziertseins miteinander, ohne uns dessen ständig bewusst zu sein. Aufstellungen legen jedenfalls nahe, dass wir viel tiefer und weitergehend miteinander verbunden und aufeinander bezogen sind, als wir gemeinhin meinen. Diese Tatsache findet z.B. in dem der traditionellen südafrikanischen Begriff von „Ubuntu“ Ausdruck: „Ich bin, weil du bist“. Der Ausdruck „Inter-Sein“ des vietnamesischen Zen-Meisters Tich Nhat Hanh beschreibt den gleichen Befund von innig-wechselwirkenden Beziehungen, in denen wir leben. So können wir stellvertretende Wahrnehmung ohne weiteres mit Mitgefühl gleichsetzen. Und ein Resultat der häufigen Erfahrung von stellvertretender Wahrnehmung in Aufstellungen ist die Zunahme von Toleranz – nicht im Sinne der Erfüllung einer moralischen Forderung sondern vielmehr als Ausdruck einer natürlichen Neigung unseres Geistes, einschließlicher, anteilnehmender und damit ganz natürlich auch mitfühlender und toleranter mit dem und mit den Anderen zu werden - womit es sich bekanntlich auch viel angenehmer lebt.

2. Einschließlichkeit. Es ist in der Tat typisch für Systemaufstellungen, dass alles seinen Platz und seine Gültigkeit hat, dass nicht nur die Mitglieder meiner Gruppe und meines Stammes, sondern die Mitglieder aller Stämme zum Ganzen gehören. Das gilt auch für die Menschen, die wir böse oder widerwärtig nennen, und schließlich auch unsere eigenen dunklen und zerstörerischen Seiten. Sie - andere Menschen oder eigene Wesenszüge - abzulehnen und auszuschließen erhöht – fast messbar – die Gefahr von Krieg im weitesten Sinn. Sie einzuschließen bedeutet aber, ihre unverzichtbare Kraft für uns zu erschließen. Das ist im Prinzip Anliegen jeder guten Therapie, aber Aufstellungen sind in dieser Hinsicht unschlagbar konkret und erlebnisintensiv, so dass das etwas abgegriffene Wort von „den eigenen Schatten integrieren“ sehr direkt praktiziert werden kann.

3. Selbstorganisation. Ein ähnliches typisches Merkmal für Systemaufstellungen, etwas anders betrachtet, ist die Anerkennung der oder das Vertrauen in die selbst organisierenden Fähigkeiten von Systemen, das Vertrauen in ihr implizites Wissen, oder wenn Sie wollen, in ihre innere Weisheit. Das ist mit „phänomenologischer Praxis“ gemeint, die zur Aufstellungsarbeit gehört. Erich Jantsch, Astrophysiker und Evolutionstheoretiker (Erich Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist. München 1992), begründet die Bedeutung der Freiheit zur Selbstorganisation mit der knappen Aussage „Selbstorganisation führt zu Selbsttranszendenz“. Selbsttranszendenz meint die Erfahrung des weiteren trans-personalen Raumes („das Göttliche hinter Gott“) jenseits unserer biographischen, familiären, konfessionellen und ethnischen Grenzen. Diese Erfahrung führt regelmäßig zu einer liebevollen, mitfühlenden, klaren und durchaus kampfbereiten Friedfertigkeit – also zu einer nicht-destruktiven „Liebe zum Krieg“, wenn ich diesen gewagten Ausdruck einmal mehr verwenden darf, um ihn in ein paar Momenten zu erläutern.

4. Und schließlich möchte ich im Zusammenhang mit Aufstellungen noch die Dimension der Zeit und ihre große Bedeutung für mein Thema „Krieg versus Liebe“ nennen. Wir erleben in Aufstellungen oft, dass vergangene, vor allem traumatische Ereignisse ganz präsent erscheinen, wie ein ewig gegenwärtiges Damals, das nie vergeht. Das hängt mit unserer manchmal unseligen Fähigkeit zusammen, die Bilder schlimmer vergangener Erfahrungen als immer-gegenwärtig festzuhalten und unser ganzes Leben darum herum zu organisieren. Aufstellungen erlauben es (natürlich neben anderen Maßnahmen), diese vergangenen Bilder als solche zu erkennen und uns ganz ins JETZT kommen zu lassen, das synonym für „Leben“ ist. Leben geschieht nur jetzt, nicht damals und nicht in Zukunft.

Diese Realisierung des Jetzt, die vor allem bei persönlichen und kollektiven Traumata bedeutsam ist, kann recht dramatische positive Folgen haben und uns wesentlich dabei helfen, alte Kriegsschauplätze zu verlassen, und uns ganz im Jetzt niederzulassen.8

Bevor ich zum Schluss komme, muss ich noch kurz einen wichtigen älteren Bruder von Brecht zu Wort kommen lassen, den Vorsokratiker und vielleicht ersten Dialektiker Heraklitos von Ephesos, der im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebte. Er schien seinen Zeitgenossen oft schwer verständlich und wurde so „der Dunkle“ genannt, der Gott nicht auf einen guten Gott eingeengt hat, wenn er etwa sagt: „Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Hunger.“ Mit seiner verdichteten zentralen Aussage „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ beschreibt er die Notwendigkeit, dass jedes Ding zu seinem Sein seines Gegenteils bedarf, wie es, so Heraklit „auseinandergetragen mit sich selbst im Sinn zusammengeht“. „Gegenstrebige Vereinigung“ nannte er das: „Denn es ist die Krankheit, die die Gesundheit angenehm macht, nur am Übel gemessen tritt das Gute in Erscheinung, am Hunger die Sättigung, an der Mühsal die Ruhe.“

Nun - ein System, das dem Krieg im Sinn von Heraklits gegenstrebiger Vereinigung ebenso Ausdruck verleiht wie der Liebe; das mit dem Prinzip von Stellvertretern („Volksvertretern“) anstrebt, genau die Deutung von Gemeinwohl im Parlament zu repräsentieren, mit deren Realisierung ein Teil des Volkes, seine Wähler, ihn beauftragt haben und deren Authentizität wir einklagen können, wenn unser Stellvertreter uns nicht mehr angemessen vertritt – mit einem Augenzwinkern also eine Art von „stellvertretender Wahrnehmung“; ein System, das Einschließlichkeit hinsichtlich aller beteiligter Individuen und Gruppen praktiziert; das Selbst-Organisation in Gestalt einer starken Zivilgesellschaft ausdrücklich fördert; und das mit vergangener eigener Verletzung und eigener Schuld nicht-manipulativ sondern wahrheitsgemäß und zugleich zukunftsorientiert umgeht, das ist – wie sollte es anders sein – die repräsentative Demokratie.

Lebendige repräsentative, parlamentarische Demokratie ist in der Tat eine Form des Krieges: ständiger und oft massivster Konflikt zwischen gegenstrebigen Kräften, dauernder Streit, tiefste Meinungsverschiedenheiten, mühsamer Kompromiss und neuer Konflikt, schwere Niederlagen, triumphale Siege, alsbald wieder schwere Verluste etc. etc. – oft genug ist die Sprache der Politik ja eine Sprache des Krieges. Entscheidend ist dabei der garantierte und durch das staatliche Gewaltmonopol gesicherte Gewaltverzicht. Je tiefer und existentieller der Krieg in diesem, im heraklitischen Sinn also ist, je näher er an die Grenze, aber nie über die Grenze eines physisch-destruktiven Krieges geht, desto mehr erfüllt er als „gewaltloser Krieg“ seine Aufgabe als schöpferischer Gegenpol zur Liebe. In diesem, und nur in diesem Sinn ist also die oben genannte „Liebe zum Krieg“ gemeint.

Wir alle sind Zeugen und Mitgestalter dieser Entwicklung. Systemische Aufstellungen sind Bewusstseins-Laboratorien, in denen wir auf vielen Ebenen an der Weiterentwicklung des zur Zeit besten Kriegs-Liebes-Spiels, das wir Demokratie nennen, mitwirken können.

1 Sittah zu ihrem Bruder Saladin, 2. Aufzug, 1. Auftritt Zeile 867/8, Reclam-Ausgabe S. 39. in: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Ditzingen 2006

2 aus Vamik Volkan: Bloodlines – From Ethnic Pride to Ethnic Terrorism. New York 1997, S. 5

3 Dirk Kurbjuweit „Die Zähmung der Bestie. Über das schwierige Verhältnis von Demokratie und Krieg“ in: Der Spiegel 27/2010)

4 Zur Abnahme von Bürgerkriegen und Opferzahlen siehe Stefan Wolff: The Path to Ending Ethnic Conflicts. Recorded at TEDGlobal 2010, July 2010 in Oxford, UK. Duration: 17:36

5 Smart Mobs: Auf den Philippinen haben im Januar 2001 Hunderttausende von Bürgern den korrupten Präsidenten Estrada aus dem Amt gedrängt, indem sie über Nacht – mittels Internet und SMS – eine gewaltige Anti-Estrada-Demonstration zusammenriefen. Amerikanische Soziologen nannten diesen Vorgang „Adhocracy“ (Ad-hoc-Demokratie), lobten die Demonstranten als „Daumen-Stämme“ (thumb tribes, weil SMS mit dem Daumen geschrieben werden) und sahen in dem Ereignis einen verblüffenden Ausdruck „symbiotischer Intelligenz“ des Zusammenwirkens von Mensch und High-Tech.

6 Der Internationale Gerichtshof wurde 1945 gegründet. Er arbeitet unter der Charta der Vereinten Nationen als „Hauptrechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen“ (Art. 92). Der Gerichtshof ging aus dem von 1922 bis 1946 bestehenden Ständigen Internationalen Gerichtshof hervor.

7 unter der Federführung von Catherine Ashton, die seit 19. November 2009 Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik ist

8 Ein schließlich auch politischer Faktor dieser Bewegung ins Jetzt zeigt sich in der Art, wie kollektive Traumata gesellschaftlich erinnert werden. Die ständige vergangenheitsorientierte Reaktivierung vergangener Traumata ist durchaus gefährlich, wie das z.B. in der Vorgeschichte des Kosovo-Konfliktes zu beobachten war, der schließlich zu schwersten Grausamkeiten geführt hat.


Autor
Dr. med Albrecht Mahr
Facharzt für Psychotherapeutische Medizin Psychoanalyse, Psychotherapie Systemtherapie
Homepage www.mahrsysteme.de
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Zitiervorschlag
Albrecht Mahr: Anmerkungen zu Bertolt Brechts „Der Krieg ist wie die Liebe, er findet immer einen Weg“ aus der Sicht von Systemaufstellungen. Veröffentlicht am 28.01.2011 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/116.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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