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Jugend im Wandel der Zeiten – alte und neue Probleme der Identität

Anton Schlittmaier

Veröffentlicht am 30.01.2012.

Vortrag auf der Fachtagung "Jugend auf dem Abstellgleis" der Arbeiterwohlfahrt in Breitenbrunn/Erzgebirge am 18.05.2011.

Zusammenfassung
Vermehrt steht Jugendarbeit auf dem Prüfstand. Lohnt es sich noch, sie zu finanzieren? Der Vortrag zeigt, dass sie Qualitäten hat, die durch andere Angebote nicht ersetzt werden können. Insbesondere wird ihre Bedeutung als ein Grundpfeiler für die Demokratie hervorgehoben

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Studenten – ich bin gebeten worden, über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens zu sprechen.

Bei einer Veranstaltung zum Thema ‚Steht die Jugend auf dem Abstellgleis?‘ kann es natürlich kein Selbstzweck sein, über Erwachsenwerden und seine Probleme zu sprechen. Erwartet wird vielmehr, dass deutlich wird, wie ungeheuer schwer und mühsam es ist, heute erwachsen zu werden – und wie notwendig und unentbehrlich Jugendarbeit deshalb gerade heute ist.

Dabei muss man zuerst einmal darauf hinweisen, was Jugendarbeit eigentlich ist! Nicht jede Hilfe, die sich auf Jugendliche bezieht, ist schon Jugendarbeit. Ganz klar: Jugendpsychiatrie ist nicht Jugendarbeit. Und Heimerziehung ist auch nicht Jugendarbeit.

Andere Paragraphen des SGB VIII sind hier jeweils einschlägig und auch die Finanzmittel fließen aus anderen ‚Töpfen‘. Aber auch Hortpädagogik und Nachmittagsangebote an Schulen sind nicht unbedingt Jugendarbeit.

Was ist das entscheidende Kriterium für die Zugehörigkeit zur Jugendarbeit? Einschlägig sind hier die zahlreichen Theorien zur Jugendarbeit, die deutlich hervorheben, dass Jugendarbeit sich an alle Jugendlichen einer Altersgruppe richtet und die Jugendarbeit auf der Freiwilligkeit der Teilnahme ihrer Adressaten beruht. Zudem hat Jugendarbeit neben subjektbezogen Zielen – wie Selbstständigkeit oder Autonomie – immer auch gesellschaftsbezogene und politische Ziele.

Politiker – die letztendlich über den Fluss von Geldmitteln entscheiden – orientieren sich im Allgemeinen nicht an Theorien – maßgeblich sind für sie die Gesetze. Zum Glück fallen zentrale Aussagen von Theorien der Jugendarbeit mit dem SGB VIII zusammen. Im § 11 des SGB VIII wird hervorgehoben: Jugendarbeit ist ein offenes Angebot für alle; die Teilnahme ist freiwillig; Ziel der Jugendarbeit ist Autonomie, Integration in die Gesellschaft und Hinführung zu politischem Engagement.

Gerade letzteres gilt es besonders hervorzuheben, denn im breiten Feld Sozialer Arbeit nimmt die politische Dimension menschlichen Lebens nur im Handlungsfeld der Jugendarbeit eine derart herausgehobene Stellung ein.

Jugendarbeit ist von daher auch nie ausschließlich und primär ein Handlungsfeld professioneller Sozialpädagogen oder Erzieher gewesen. Jugendarbeit war immer maßgeblich auch bestimmt von Ehrenamtlichkeit. Im politischen Jugendverband, bei den Pfadfindern, bei den christlichen Jugendverbänden waren Alte und Junge zusammen – durch gemeinsames Tun sollten Lernprozesse initiiert werden – als einer der wichtigsten Lernprozesse galt es Jugendliche zu aktivieren, selbst zu aktiven Mitgliedern ihres Gemeinwesens zu werden.

Nicht umsonst bauten die US-Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg und der Zerschlagung des Dritten Reiches die Jugendarbeit im Westen Deutschlands sehr schnell aus.

Sie sahen in der Jugendarbeit nach amerikanischem und Weimarer Vorbild ein wirksames Bollwerk gegen Diktatur und ein effektives Mittel zur Förderung demokratischer Grundhaltungen.

Jugendarbeit ist also nicht nur sozialpädagogische Förderung von Benachteiligten oder Prävention, sondern mehr – eben Erziehung zur Teilnahme an demokratischen Prozessen in einem Gemeinwesen. Letzteres ist – folgt man bestimmten philosophischen Traditionen unserer abendländischen Kultur – kein bloß randständiges Ziel. Bereits der griechische Philosoph Aristoteles hat den Menschen als zoon politikon, als Lebewesen in der Polis, begriffen. Nur als am Gemeinwesen beteiligter Mensch realisiert nach Aristoteles der Mensch sein Menschsein in der ihm möglichen Fülle.

Ganz ähnlich hat die deutsch-jüdische Philosophin Hanna Arendt argumentiert und ähnliches finden wir aktuell bei der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum, deren Denken zur Zeit die Diskussion über Soziale Arbeit in Deutschland ganz wesentlich bestimmt.

Jugendarbeit ist also aufgrund ihrer Traditionen, ihrer Einbindung von Ehrenamtlichkeit, der Freiwilligkeit der Teilnahme sowie der politischen Dimension ihrer Ziele ein Sonderfall der Sozialpädagogik. Sie richtet sich obendrein an jeden Jugendlichen der Gesellschaft und ist damit prinzipiell allgemeines Bildungsprogramm für alle – vergleichbar der Schule.

Bevor ich meine Ausführungen zur Jugendarbeit begonnen habe, habe ich über die Erwartungen gesprochen, die sich wahrscheinlich an einen Vortrag zu den aktuellen Problemen des Erwachsenwerdens richten.

Können solche Erwartungen überhaupt erfüllt werden? Warum brauchen wir Jugendarbeit? Warum brauchen wir sie gerade auch als ein Angebot an alle Jugendlichen und nicht nur als Spezialangebot für besonders benachteiligte Gruppen? Warum brauchen wir sie als maßgeblichen Grundpfeiler für Demokratie und als Rahmen, in dem Jugendliche auch Sinn- und Existenzfragen klären können?

Im Ankündigungsflyer zur Tagung findet sich der genaue Titel meines Vortrages: Jugend im Wandel – alte und neue Probleme der Identität.

Der Identitätsbegriff ist ein schillernder Begriff – insbesondere mit philosophischen Wurzeln. So wird die Hegelsche Philosophie beispielsweise als Identitätsphilosophie bezeichnet und die ganze neuzeitliche Philosophie wird häufig als Reflexionsphilosophie tituliert. Identität ist ein Verhältnis; eine Bestimmung seiner selbst als etwas Bestimmtes.

Wer bin ich? Das ist die klassische Frage, die Jugendliche stellen. Man kann eine solche Frage sehr unterschiedlich beantworten. Z.B.: Ich bin ein Deutscher; ich bin ein Punker; ich bin ein Fußballfan – das wäre eine Bestimmung über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Man könnte aber auch besondere eigene Fähigkeiten oder bestimmte Überzeugungen als maßgeblich für sich selbst herausstellen.

In der Sozialwissenschaft wird die Entwicklung der Identität als zentrales Thema der Jugendphase gesehen. Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden bedeutet also maßgeblich: Schwierigkeiten bei der Findung der eigenen Identität zu haben. Der 1902 geborene Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson hat das Jugendalter durch das Spannungsfeld von Identität und Identitätsdiffusion beschrieben. Die Suche nach Identität, also herauszufinden, wer man ist und was zu einem passt, kann scheitern. Man verliert sich, wird vielfältig manipulierbar, bildet im extremen Fall das aus, was Erikson negative Identität nannte und orientiert sich dann z.B. am gesellschaftlichen Outsider, am Drogensüchtigen oder Kriminellen.

Das Modell von Erikson hat lange Zeit die Diskussion bestimmt. Ziel der Jugendphase ist es eine stabile Identität zu entwickeln.

Dies war in Eriksons Augen bereits in den 1940er Jahren ein massives Problem. Im Gegensatz zu früheren Gesellschaften musste der einzelne immer mehr Entscheidungen selber fällen. Während in früheren Jahrhunderten die Identität über die Familie weitgehend vorgezeichnet war, und Jungen häufig den Beruf des Vaters ergriffen, stellte sich in der Industriemoderne das Problem des Entscheidens bzw. der Wahl.

In der Industriemoderne traten auch die Welt der Gesellschaft und der Familie zusehends auseinander. In der Familie galten ganz andere Wertsetzungen und Kommunikationsformen als in der Arbeitswelt und der Gesellschaft.

Die Jugendphase wurde als schwierige Zeit des Übergangs in eine neue Welt gesehen, die im Gegensatz zur Familie viel stärker formal strukturiert ist und in der Rollenhandeln gegenüber unmittelbarer menschlicher Begegnung dominiert. Der 1932 in Warschau geborene Soziologe Shmuel Noah Eisenstadt hob die Bedeutung der Gleichaltrigengruppe für das Erwachsenwerden heraus. Unter seinesgleichen konnte der Jugendliche Umgangsformen einüben wie sie in der Erwachsenwelt üblich waren. Die Clique wurde hier nicht – wie auch heute vielfach noch üblich – negativ bewertet, sondern eminent positiv. Die Clique oder Peergroup ist ein sozialer Raum, in dem Kommunikationsformen eingeübt werden können, wie dies sonst nirgendwo möglich ist.

Die Theorie der Jugendarbeit hat in den 1960er Jahren diese Gedanken aufgegriffen – z.B. bei C.W. Müller, Klaus Mollenhauer oder Hermann Giesecke – und die soziale Gruppe als Lernfeld besonderer Art für Jugendliche herausgearbeitet.

Man kann pointiert sagen: In der Industriemoderne entstehen Spannungen, Konflikte, die Aufwachsen schwierig machen. Junge Menschen müssen anspruchsvolle Übergänge bewältigen; sie müssen aus der Welt der Kindheit in die Welt der Erwachsenen hineinfinden. Gerade dies ist die Aufgabe des Jugendalters. In der Moderne klaffen die Bereiche Familie und Gesellschaft weit auseinander. Die Schule bietet nur eingeschränkt Möglichkeiten, diesen Übergang zu bewältigen.

Der junge Mensch ist hier – in der Schule – dem Lehrer untergeordnet. Er lernt nicht den freien Diskurs mit Gleichgestellten. Gerade die Jugendarbeit ist der genuine Ort dies einzuüben; also die Kompetenzen zu trainieren, die erforderlich sind, um erfolgreich erwachsen zu werden.

Natürlich könnte man einwenden, dass dies sozusagen naturwüchsig geschehen kann, dass die Jugendlichen dies unter sich machen, dass hier keine organisierte ehrenamtliche oder hauptberufliche sozialpädagogische Praxis erforderlich ist.

Wo Licht ist, ist auch Schatten! Die Skepsis den Cliquen gegenüber, denen Eisenstadt seine positive Sicht entgegensetzte, ist nicht reine Willkürlichkeit. So ist allen Erwachsenen, die Kinder haben, die Möglichkeit einer negativen Einwirkung durch Cliquen geläufig.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sang Franz Josef Degenhardt bereits 1965. Jugendarbeit sollte also die Gefahren der Clique bannen, aber zugleich ihre positiven Möglichkeiten nutzen. Eine geniale Erfindung!, die im Laufe des 20. Jh. theoretisch immer besser untersetzt und begründet wurde. Man denke an Lothar Böhnischs Pädagogik des Jugendraumes und an Franz Josef Krafelds Cliquenorientierte Jugendarbeit. Beide stellten die Bedeutung der Gleichaltrigengruppe heraus. Der Adressat des Pädagogen war hier nicht mehr primär der einzelne Jugendliche, sondern das Geflecht der Clique oder der psycho-soziale Raum in dem der einzelne existiert.

Eine fixe Identität zu finden. Das sah man lange als Zielpunkt einer erfolgreich durchlaufenen Jugendphase an.

Mit 19, 20, 21, 22 …, zumindest aber zum Ende des drittten Lebensjahrzehnts sollte man für sich geklärt haben, wer man, ist und man sollte aufbauend auf dieser Identität sein Leben bewältigen können. In der Industriemoderne, so die allgemeine Auffassung, war dies zwar weit schwerer als in früheren Gesellschaften. Junge Menschen standen vor vielfältigen Wahlmöglichkeiten, die auch immer das Risiko des Scheiterns beinhalteten. Wer frei ist, kann auch in die Irre gehen!

Jugendarbeit bezog sich auf diese Konstellation. Zwar wurde Jugendarbeit immer auch als Instrument zur Kriminalitätsverhinderung gesehen. Ihr gesetzlich und theoretisch begründetes Hauptanliegen war jedoch immer, ein Angebot für alle Jugendlichen in der Gesellschaft zu sein.

Alle Jugendlichen benötigen prinzipiell Unterstützung beim Erwachsenwerden – aber dies ist nicht in erster Linie ein Abbau von Defiziten, sondern die Einübung in ein demokratisches Miteinander und in die Übernahme von Verantwortung.

Im Grunde könnte der Vortrag nun zu Ende sein, wenn nicht seitens der Jugendforschung bereits seit über 20 Jahren klare Hinweise erfolgten, dass das Modell von Erikson, also die Entwicklung einer festen Identität, unser Gegenwart nicht mehr entspricht.

Der 1943 geborene amerikanische Soziologe Richard Sennet veröffentlichte 1998 das Buch ‚Der flexible Mensch‘. Hier kommt durch das Attribut ‚flexibel‘ deutlich zum Ausdruck, welches Problem heute die Forderung nach einer fixen Identität aufwirft.

Es ist heute nicht möglich, in den ersten Jahren des dritten Lebensjahrzehnts das Leben auf eine abgeschlossene Basis zu stellen und von dieser aus sozusagen im immer gleichen Fahrwasser sein Berufsleben bis zur Rente zu durchschreiten. Normalität ist heute Firmenwechsel, Berufswechsel, Phasen der Arbeitslosigkeit sowie Umschulungen und Weiterbildungen. Unser Leben ist heute wesentlich gerahmt durch die Norm des lebenslangen Lernens. Nicht mehr die fixe Identität, sondern die Flexibilität und der permanente Wandel sind gefragt.

Verschärft wird diese Situation durch das sogenannte Bildungsparadoxon. Eine hochqualifizierte Ausbildung garantiert nicht mehr per se eine Stelle mit dem entsprechenden Qualifikationsprofil und einer letzterem angemessenen Vergütung.

Von daher ist die Jugendphase durch Unsicherheit in Bezug auf die berufliche Zukunft gekennzeichnet. Die Frage ‚Werde ich es schaffen? Werde ich mich gegen andere durchsetzen?‘ durchzieht die Jugendphase. Die Jugendphase ist damit immer weniger ein sorgenfreier Schonraum wie er in bürgerlichen Jugendtheorien, z.B. von dem 1882 geborenen Philosophen und Pädagogen Eduard Spranger konzipiert wurde. Bereits in der Grundschule beginnt der Kampf um Noten. Nur die Besten schaffen den Übertritt auf das Gymnasium und eröffnen sich damit zumindest der Wahrscheinlichkeit nach die besten Zukunftschancen – allerdings nur der Wahrscheinlichkeit nach.

Ein Drittel eines Jahrgangs der heutigen Jugendlichen ist nicht mehr qualifiziert genug für den Erwerb eines beruflichen Abschlusses, so z.B. der Fernsehmoderator und Buchautor Peter Hahne kürzlich in der Sendung ‚Hart aber fair‘. Umfragen der IHK bestätigen dies. Bei etwa 50 % der Schulabgänger beklagen Ausbildungsverantwortliche Mängel des Ausdrucksvermögens, der elementaren Rechenfertigkeiten sowie der Leistungsbereitschaft und Motivation.

Die deutsche Wirtschaft und auch die Politik setzen vermehrt auf qualifizierte Menschen aus anderen Ländern und Erdteilen. Der Kampf um die sogenannten besten Köpfe hat begonnen. Ein Drittel der deutschen Jugendlichen wird trotz Fachkräftemangels womöglich beim Kampf um vernünftige und angemessen bezahlte Arbeit leer ausgehen.

Und das Damoklesschwert, in diese Gruppe abzusinken, droht prinzipiell jedem. Auch unter diesem Aspekt ist die Erlangung einer fixen Identität, die ein Leben wie ein verlässlicher Fels trägt, eine nicht mehr erreichbare Fiktion geworden.

Junge Menschen reagieren auf diese Konstellation, und so erstaunt es nicht, dass aktuelle Jugendstudien ganze Gruppen von Altersjahrgängen z.B. als ‚generation kick.de‘ bezeichnen, um die permanente Suche nach aufregenden Erlebnissen, nach stimulierenden Gruppenerfahrungen und nach provozierenden Inszenierungen zum Ausdruck zu bringen. Auch politische Naivität wird der jungen Generation als Label zugeordnet, weiter oberflächliche Lebenseinstellung und Lust am Konsum.

Gerade in diesem Kontext ist ein Abbau in der Jugendarbeit hochproblematisch. Wenn Jugendarbeit – wie zu Beginn des Vortages gezeigt – eine zentrale Zielstellung in der Entwicklung demokratischer und gemeinwesenorientierter Tugenden hat, dann ist angesichts der Politikabstinenz vieler Jugendlicher ein Abbau von Jugendarbeit absolut kontraproduktiv für unsere Gesellschaft.

Insgesamt ist der prozentuale Anteil der Ausgaben für Jugendarbeit im Verhältnis zu den Gesamtausgaben für die Jugendhilfe seit 1991 bundesweit von einer Basis von 9 Prozent um etwa 2 Prozent zurückgegangen (Seckinger/van Santen). Es wurden Gelder aus der Jugendarbeit abgezogen.

Diese flossen in andere Bereiche. Insbesondere erfolgten eine stärkere Förderung der Arbeit mit jungen Kindern, eine Förderung der Betreuung in der Schule sowie eine Förderung Sozialer Arbeit im Zusammenhang mit der Berufsausbildung.

Grundsätzlich ist jede zusätzliche Förderung im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe zu begrüßen. Die Jugendarbeit beinhaltet jedoch Potentiale, die andere Hilfsangebote nicht haben. Insbesondere die Elemente der Freiwilligkeit, jugendlicher Selbstorganisation sowie die politische Dimension von Jugendarbeit sollen nochmals betont werden.

Vielfach wurde die Jugend als zweite Chance bezeichnet. Fehlentwicklungen aus der Kindheit können nochmals korrigiert werden. Die Jugendarbeit hat mit ihrer Option, alle Jugendlichen anzusprechen, hier die besten Möglichkeiten, junge Menschen zu erreichen.

Ihr Angebot ist niedrigschwellig und ermöglicht zahlreiche Erfahrungen, die eine Korrektur bereits vorliegender Deformierungen ermöglicht. Dies kann Jugendarbeit jedoch nur erreichen, wenn sie als Angebot für alle offensiv propagiert wird. Ein Image der Jugendarbeit als Randgruppenarbeit unterminiert ihr Potential, da das Stigma nur für Gescheiterte da zu sein, viele Jugendliche davon abhält, das Angebot anzunehmen. Gerade in der Arbeit in offenen Jugendtreffs ist dies ein nicht zu vernachlässigendes Problem. Schnell entsteht das Image: Dorthin gehen nur die Assis!

Neben den eher konkreten Ursachen der Schwierigkeit, eine abgeschlossene Identität zum Ende der Jugendphase auszubilden, kann man auf abstrakterem Niveau noch auf folgende Aspekte verweisen:

  • Jugend individualisiert sich zusehends; klare Normvorgaben verlieren zunehmend an Bedeutung. Der einzelne Jugendliche muss seinen Weg durch die Jugendphase sehr individuell kreieren. Dies beinhaltet immer das Risiko des Scheiterns.
  • Jugend wird zudem entstrukturiert. Der Übergang zwischen Kindheit und Jugend wird immer diffuser; gleichzeitig beginnt die Pubertät früher. Zwischen Jugend und Erwachsenenstatus gibt es ebenfalls keinen eindeutigen Übergang; die Volljährigkeit beinhaltet noch nicht den Erwachsenenstatus. Die ökonomische Selbstständigkeit oder die Gründung einer Familie, die zum vollständigen Erwachsenenstatus gehören, liegen meist erst weit im dritten Lebensjahrzehnt.
  • Jugend tritt immer mehr im Plural auf. Es gibt nicht die Jugend. Jugend zerfällt in vielfältige Milieus und Szenen.
  • Jugendliche sind hin- und hergerissen zwischen den Logiken der Freizeit- und Konsumindustrie auf der einen Seite und der Welt von Schule und Arbeit auf der anderen Seite. Diese unterschiedlichen Systemlogiken zusammenzubringen wird immer schwieriger und es erfordert vom einzelnen Jugendlichen erhebliche Kompetenz, dies zu bewerkstelligen.
  • Unsere Gesellschaft ist geprägt von einem Jugendkult; Jung-Sein wird immer attraktiver; Alt-Sein unattraktiv. Von daher wird für Jugendliche die Gewinnung des Erwachsenenstatus schwierig, da Erwachsene insbesondere im Freizeitbereich den Jugendlichen nicht den Wert des Erwachsenseins kommunizieren. Erwachsensein wirkt dann eher unattraktiv, uncool.
    Für Jugendliche besteht wenig Motivation erwachsen zu werden, erleben sie doch das permanente Bemühen der Erwachsenen jung zu bleiben oder wieder jünger zu werden.
  • Jugendliche befinden sich immer mehr in einer virtuellen Parellelwelt, in der neue Arten der Kommunikation, die es in dieser Weise weltgeschichtlich noch nie gab, erfunden werden. Hier liegen Chancen und Risiken nah beieinander; neben positiven Möglichkeiten liegen die Gefahren der Sucht, der sozialen Isolation sowie der Fremdgefährdung, z.B. durch Mobbing über das Internet.

Man könnte die Liste von Konflikten und Schwierigkeiten, vor denen heutige Jugendliche stehen, weiter fortsetzen.

Das Feld ist in großem Umfang und in großer Differenziertheit erforscht. Durch quantitative und qualitative Forschung haben wir über unser Alltagswissen weit hinausgehend Kenntnis von Lebenslagen und der Art und Weise, wie Jugendliche ihre Lebenslagen subjektiv verarbeiten und handelnd auf diese antworten.

Eine feste Identität am Ende des Jugendalters zu entwickeln, erscheint heute schwierig, aussichtslos, vielleicht sogar kontraproduktiv. Die Kultur, der Freizeitbereich und der Arbeitsmarkt legen eher eine bleibende Flexibilität nahe. Aber was bedeutet eine solche Flexibilität? Soll gänzlich auf Identität verzichtet werden? Aber steht am anderen Ende des Spektrums nicht die multiple Persönlichkeit als das Nebeneinander unverbundener Teilpersönlichkeiten?

Die Internationale Klassifikation der psychischen Störungen nach der Weltgesundheitsorganisation fasst gerade dieses Phänomen als schwere psychische Störung.

Der 1943 geboren Sozialpsychologe Heiner Keupp sieht als zentrale Merkmale der Gegenwartsgesellschaft: Unbehaustheit, Unübersichtlichkeit, Orientierungslosigkeit und Diffusität. Menschen müssen Baumeister ihrer eigenen Identität werden. Dies – so Keupp – ist keine Kür mehr, sondern Pflicht eines jeden. Die veränderte Gesellschaft zwingt es uns ab, ob wir wollen oder nicht.

Wie also eine neue Form der Identität – jenseits der fixen Identität der Vergangenheit – gewinnen? Das Zauberwort ist hier Eigenleistung. Immer weniger kann man sich auf feste Bestände, auf Werte, die ungefragt gelten, zurückgreifen.

Um nicht verrückt zu werden, muss man heute selbst seine Identität stiften. Der Mensch braucht Identität; sie schafft Sinn und inneren Zusammenhalt.

Heiner Keupp hat die neue Art der Identität Patchworkidentität genannt. Sie ist heute erforderlich, um den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen zu sein. Heterogene Erfahrungen aus verschiedensten Bereichen müssen zusammengebracht werden und vom einzelnen als eigenes, als zu ihm gehöriges erkannt und angenommen werden. Wie gesagt – hierbei kann er sich nicht mehr auf vorgefertigte Schablonen, Muster und Sinnvorgaben beziehen. Der Einzelne wird immer mehr zum Herrn seines eigenen Sinns.

Um diese schwere Aufgabe zu leisten, benötigen gerade Jugendliche, die lebensgeschichtlich zum ersten Mal vor dieser Herkulesarbeit stehen, Ressourcen.

Einige der Ressourcen, die Keupp genannt hat, erscheinen mir hochgradig evident. Deshalb nenne ich sie im Folgenden. Sie führen auch ins Zentrum des Themas dieses Vortrages – Jugendarbeit scheint mir eine zentrale Ressource für Identitätsarbeit zu sein.

Um eigene Wege in der heutigen, komplexen Gesellschaft gehen zu können, benötigen Menschen u.a.

  • Lebenskohärenz; also das Gefühl dass alles, was einen ausmacht, auch zusammenhängt;
    wichtig hierfür ist es, erzählen zu können und Gehör zu finden; wo können junge Menschen, die sich vom Elternhaus ablösen müssen, so etwas besser finden als in der Jugendarbeit!
  • Boundary Management; dort, wo Vorgaben fehlen, wo feste Regeln sich auflösen, müssen einzelne ‚ihre‘ eigene Grenze finden; wie viel Risiko will ich eingehen; wo ist meine Grenze in Bezug auf Sucht und Gewalt; auch hier sind Gemeinschaftserfahrungen entscheidend; da sie immer weniger naturwüchsig zustande kommen, müssen sie gefördert werden und Jugendarbeit ist der Ort, wo dies am besten gelingen kann.
  • Soziale Ressourcen und Zugehörigkeitserfahrung; junge Menschen benötigen das Gefühl dazuzugehören; sie benötigen Rückmeldung auf ihr Verhalten und Anerkennung sowie Bestätigung; nur so kann sich Identität in der Postmoderne aufbauen; auch hier erscheint Jugendarbeit als geeigneter Ort, der diese Prozesse in einzigartiger Weise ermöglicht.
  • Zivilgesellschaftliche Kompetenzen; der Mensch als soziales und politisches Wesen erfährt Identität im umfassenden Sinn nur, wenn er – ich zitiere sinngemäß die Ottawa Charta von 1984 – für sich selbst und andere sorgt und wenn er nicht nur Objekt politischer Entscheidungen ist, sondern selbst an der Gestaltung des Gemeinwesens partizipiert.

Meine Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Studenten zum Ende möchte ich nochmals kurz zusammenfassen:

Jugendarbeit als Angebot für alle Jugendliche war in der Vergangenheit primär eine Hilfe, eine feste Identität zu gewinnen; heute – in den Zeiten der Postmoderne oder der zweiten Moderne – mit einer rasant wachsenden Komplexität der Gesellschaft ist Jugendarbeit primär ein Ort, der die Gewinnung einer selbstgeschaffen Identität bei jungen Menschen unterstützt und fördert. Dies leistet die Jugendarbeit durch ihre klassischen Zentralmerkmale: Autonomie, Integration und politische Teilhabe – jeweils in einer der Komplexität der Gegenwart angemessenen Form.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Literatur

Deinet, U./Sturzenhecker, B. (1998). Handbuch offene Jugendarbeit, Münster

Göppel, R. (2005). Das Jugendalter. Entwicklungsaufgaben – Entwicklungskrisen- Bewältigungsformen, Stuttgart

Griese, Hartmut M. (2007). Aktuelle Jugendforschung und klassische Jugendtheorien. Ein Modul für erziehungs- und sozialwissenschaftliche Studiengänge, Berlin u.a.

Schlittmaier, Anton (1999). Konzepte der offenen Jugendarbeit: Praxisorientierte Einführung in grundlegende Ansätze, Coburg

Thole, W. (2000). Kinder- und Jugendarbeit. Eine Einführung, München


Autor
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier: Jugend im Wandel der Zeiten – alte und neue Probleme der Identität. Veröffentlicht am 30.01.2012 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/134.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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