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Zen und die Kunst ein Segelflugzeug zu bauen und davon zu fliegen

Intuition und Übung versus Kognition und Training

Otto Felix Hanebutt

Veröffentlicht am 05.04.2013.

Zusammenfassung
Zen als (sozial)pädagogische Methode in der Jugendarbeit mit gewalttätigen, delinquenten männlichen Jugendlichen – eine Auseinandersetzung mit dem sozialkognitiven Trainingsprogramm DENKZEIT, Berlin für delinquente Jugendliche

Eine neue bemerkenswerte Methode (sozial)pädagogischer Arbeit mit delinquenten Jugendlichen sieht ein manualisiertes, sozialkognitiv orientiertes Einzelverfahren als Training zur Förderung psychosozialer Kompetenzen der zumeist männlichen Jugendlichen vor. (DENKZEIT, Berlin) Es sollen in einem zeitlich begrenzten, kurzfristigen Rahmen basale Identifikationen mit solchen Werten und Normen vermittelt werden, deren Übertretung Schuldgefühle auslösen. Schuldgefühle sollen als eine Art Schwellenwertmarker die Funktion haben, die Verletzung dieser Normen dem Jugendlichen bewusst werden zu lassen und dadurch vor ihm selbst, als Bestandteil eines zu achtenden Wertekanons, eine Bestätigung zu erfahren. Schuldgefühle, die bei Normverstößen entstehen, die aber situativ, z.B. um jemanden zu schützen, mitunter legitimiert seien, sollen im DENKZEIT-Modell die „Wahrhaftigkeit“ der vermittelten Normen in den Jugendlichen nicht außer Kraft setzen können. Als Beispiel sei hier der Normenverstoß gegen das Nicht-Lügen-Gebot genannt. Diese Norm erweise sich in der Alltagspraxis als nicht haltbar. Eine Zwecklüge beispielsweise zum Schutze einer Person, stelle somit nicht das gesamte Normengebäude infrage. Die „Wahrhaftigkeit“ bleibe als zugrundeliegende Wertvorstellung erhalten. (S.144)

Es soll mithin für Jugendliche im Training als erstrebenswert erkannt werden, sich in Konfliktsituationen nicht von ihren Aggressionen überwältigen zu lassen ohne dabei ihr „Gesicht“ zu verlieren.(S.132) Gemeint ist damit, dass sie nicht, wie sie es in ihrem Herkunftsmilieu gelernt haben, durch Gewalt eine Situation als triumphierender Sieger für sich entscheiden und damit eine Verstärkung dieses Verhaltens durch den damit verbundenen narzisstischen Gewinn als immer wieder neu zu belebenden suchtartigen Kick anstreben. Stattdessen sollen sie Konfliktsituationen analysieren können, sich in andere Menschen hineinversetzen können, moralisch urteilen, eigene Affekte kontrollieren und die Folgen ihres Handelns im voraus realistisch, nach personeller Nützlichkeit, einschätzen können. Das ist mithin ein pädagogisches Modell, das Zweckgebundenheit, Gewaltabstinenz als Ausstieg aus der quasi-Suchtthematik und reflexive Selbstoptimierung als wesentliche Konstituenten favorisiert.

Zen als (sozial)pädagogische Methode in der Arbeit mit delinquenten Jugendlichen aber auch im Projektunterricht in Schulen, lehnt dagegen eine, an kurzfristige Erfolge orientierte Zweckgebundenheit und Selbstoptimierung seiner Praxis, durch einen zu vermittelnden kategorialen ethischen Normen- und Wertekanon, ab. Zen versteht sich eher als absichtslose lebenslange aber achtsame Übung von Tätigkeiten im Alltag, ohne Fixierung auf leicht störbare und zerstörbare kategoriale Normen und Wertesysteme. Es gilt die Zen-Erfahrung: „Es gibt nichts zu erreichen, weil es nichts zu erreichen gibt.“

Durch permanentes achtsames und geduldiges Üben beispielsweise im Handwerken an Modellflugzeugen können die notwendigerweise damit entstehenden Fehler und einhergehenden Misserfolgserlebnisse der Jugendlichen als Mittel der Selbsterfahrung verstanden werden. Fehler werden üblicherweise als zu vermeidende Hindernisse bei der Erlangung kurzfristig angelegter Ziele gesehen. So nicht im Zen. Zen entzieht diesen die abwertende Beurteilung. Die Fehler geraten so zum Fehlen. Sie werden positiv gewendet und als Übung des Fehlens in die Praxis des Zenübenden integriert. Sie werden nicht nur als jedem Lern- und Arbeitsprozess innewohnend betrachtet. Sie werden auch als auf Langfristigkeit angelegte Möglichkeiten gesehen, Türen zu neuen Erfahrungs- und Bewußtseinszuständen und damit zu Werten, zu öffnen. Sie erwachsen im Laufe des Übens aus sich selbst heraus und werden dem Übenden allmählich aber manchmal auch spontan bewusst. Werte oder Normenverstöße im Sinne des DENKZEIT-Modelles gibt es nicht. Es gibt stattdessen Achtsamkeitszustände, die durch ständiges Üben selbsttätig, ohne bewussten Willensimpuls, schmerzhafte oder destruktive Bewusstseinszustände bewusst werden lassen. Damit wird dem Übenden die Möglichkeit an die Hand gegeben, durch entsprechende Aktivierung ausgleichender mentaler Energien, eine Bewusstseinskontrolle und damit Bewusstseinssteuerung zu erlangen. Anders ausgedrückt, es ist dem Übenden möglich, die mannigfachen Ich-Zustände seines Bewusstseins, mit Hilfe seiner Achtsamkeit zunehmend einschätzen und handhaben zu können. Einen kognitiv abzuarbeitenden Quasi-Algorithmus aus Probleme analysieren, Affekte managen und moralisch denken und handeln, wie Bei DENKZEIT, gibt es im ZEN nicht. Gäbe es das, wäre es nicht mehr Zen. Denn Zen ist in seiner Übungspraxis auf Verschmelzung oder Einswerden mit der gegenwärtigen Augenblickssituation angelegt, ohne die Hilfe eines Gedankenkonstruktes dazu zu gebrauchen. Ein wie auch immer gestaltetes Gedankenkonstrukt läge wie ein Hindernis zwischen dem augenblicklichen Bewusstseinszustand des Zenübenden und der realen Augenblicksituation. Im Hier und Jetzt geht es im Zen eher um Intuition statt um Kognition.

Schuldgefühle nehmen als eine Art Schwellenwertmarker eine bedeutsame Steuer- und damit Lernfunktion in DENKZEIT ein. Sie sollen u.a. die „Wahrhaftigkeit“ der vermittelten Normen in den Jugendlichen nicht außer Kraft setzen können, heißt es. Die „Wahrhaftigkeit“ erscheint mir somit als ein allem zugrunde liegender Wert an sich. Eine „Wahrhaftigkeit sui generis“. Sie verdankt allerdings ihre Stellung und Funktion offensichtlich gerade dem gelehrten Normengebäude, das, soweit es die Situation notwendig erscheinen lässt, ausser Kraft gesetzt werden soll. Eine paradoxe Situation, bei der sich die Frage stellt, wie ein Jugendlicher, dessen Bild von der Welt noch instabil ist, dieses ethisch hochkomplexe Dilemma flexibel lösen soll. Es geht ja um nichts Geringeres als darum, zu entscheiden, ob dem gerade erlernten Sinn und Orientierung stiftenden Normen und Wertesystem oder der Wahrhaftigkeit der Vorrang gegeben werden soll. Eine fragwürdige Hypothese, die ihre Bewährungsprobe spätestens dann erführe, wenn die Jugendlichen ihre „ Gesichter“ verlieren müssten, um eine erlernte Norm einzuhalten, also auf Gewalteinsatz als Mittel zur Wahrung ihres „ Gesichtes“ verzichten sollten. Das Gefühl, damit eine demütigende Niederlage erlitten zu haben, dürfte ungleich stärker sein, als die Befriedigung, eine Norm eingehalten zu haben, aber als Verlierer vom Platz gehen zu müssen. Darüber hinaus setzt ein solches Handeln doch einen selbstreflexiven, flexiblen und sehr komplexen Bewusstseinsapparat voraus, der gerade bei diesen Jugendlichen in der Regel nicht vorhanden ist und dessen Fehlen zu ihren Problemen geführt hat. Außerdem führen sie letztlich in eine dualistische Welt der Verhaftungen von Schuld und Sühne, Wert und Unwert-, Verdienst und Versagen, Moral und Unmoral und allen damit leidvoll verbundenen Zielfixierungen. Gerade bei Jugendlichen, die keine Ich-stärkenden Bindungserfahrungen in ihren Herkunftsfamilien erfahren durften, kann das Evozieren von Schuldgefühlen absolut kontraproduktiv werden. Es gehört schon ein gerüttelt Maß an Ich-Stärke dazu, Schuldgefühle lediglich als einen gewollten systembedingten Schwellenmarker des neuen kognitiven Handlungsapparates und nicht als Begleiter oft erlebten Leistungsversagens anzusehen. Die Versuchung, gerade bei einer Klientel mit geringer Frustrationstoleranz die durch Schuldgefühle evozierten Versagenserlebnisse und Unterlegenheitsgefühle durch respektverschaffende Gewalttätigkeit zu kompensieren, dürfte groß sein. Das aber wäre ein Rückfall in die alten Teufelskreisläufe, aus denen die Jugendlichen herauskommen wollen. Nicht Kognition und Training, sondern Intuition und Übung sind der Weg, etwas zu Übendes zu einer Einstellung werden zu lassen. Es ist kein „Gesicht“ zu verlieren, weil es kein „Gesicht“ gibt.

Dennoch, DENKZEIT ist für mich ein bemerkenswertes Modell, weil es den Mut hat, traditionelle Wege wie z.B. die mehr gruppen- und erlebnisorientierte Jugendarbeit zu verlassen und neue Methoden auszuprobieren. Die dabei entfaltete Kreativität unterschiedliche pädagogische und psychotherapeutische Ansätze in die neue Methode zu integrieren verweist auf die Adaptionsfähigkeit des Modells.

Anlagen

  1. kompletter Aufsatz als PDF-Datei (190 kb) (pdf)

Autor
Dr. phil. Otto Felix Hanebutt
Beruf: Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Paar- und Familientherapeut
Promotionsthema: Die vaterlosen 68er und ihr Erbe. Identitätsfindung bei Nachkommen der NS-Generation
Entwurf eines intergenerativ und narrativ orientierten Konzeptes zum Verständnis rechtsextremistischer gewalttätiger Jugendlicher
an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg bei Prof. Micha Brumlik, 2003
Homepage www.paarberatung.de
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Zitiervorschlag
Otto Felix Hanebutt: Zen und die Kunst ein Segelflugzeug zu bauen und davon zu fliegen. Intuition und Übung versus Kognition und Training. Veröffentlicht am 05.04.2013 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/146.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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