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Christoph Strieder: Kontrollierter Gebrauch illegalisierter Drogen

Cover Christoph Strieder: Kontrollierter Gebrauch illegalisierter Drogen. Funktion und Bedeutung des Gebrauchs illegalisierter Drogen im gesellschaftlichen Kontext. Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2001. 288 Seiten. ISBN 978-3-86135-242-6. 24,00 EUR.

Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit Band 32, herausgegeben vom Institut zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik (INDRO e.V.).

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Zum Thema

Die Mehrzahl deutschsprachiger Veröffentlichungen zum Drogenkonsum behandeln diese Thematik in erster Linie unter dem Aspekt des suchthaften Konsums. Während der Konsum legaler Drogen wie Alkohol und Tabak gemeinhin als sich auf einem Kontinuum von Genuss und Missbrauch bewegend wahrgenommen und beschrieben wird, definiert man den Konsum illegalisierter psychoaktiver Substanzen oftmals von vornherein als pathologisch. Ähnlich verhält es sich bei der überwiegenden Zahl von Publikationen hinsichtlich der Analyse der gesellschaftlichen und individuellen Funktionen berauschender Substanzen: die Funktionen legaler Drogen werden als kulturell durchaus akzeptiert beschrieben (Stichworte sind hier Schaffung von Geselligkeit und Abbau von Kontaktängsten etc.), wohingegen ähnliche und identische Funktionen illegalisierter psychoaktiver Substanzen (z.B. als Symbol der Gruppenzugehörigkeit und Abgrenzung, oder als Element eines Lebensstils, der sich gegen Leistungs- und Konsumgesellschaft wendet) gar nicht erst wahrgenommen werden.

Publikationen, die sich, wie die hier zu besprechende, mit dem kontrollierten und damit genussmittelartigen Gebrauch illegalisierter Drogen auseinandersetzen, stellen daher nach wie vor eine Seltenheit dar und verdienen bereits aus diesem Grunde Beachtung.

Zum Aufbau

Der Autor stellt dem empirisch-qualitativen Teil seiner Arbeit (die Auswertung von Interviews mit acht Drogenkonsumenten aus Österreich) zunächst einen mit ca. 150 Seiten äußerst umfangreichen und vielschichtigen Theorieteil voran, welchen er in die drei großen Abschnitte "Psychoanalyse und Rausch", "Rausch und Gesellschaftliche Wirklichkeit" und "Rausch und Identität" gliedert. Dem folgt ein, mit ca. 20 Seiten recht knappes methodisches Kapitel, in welchem er einführend das von ihm verfolgte Forschungsanliegen ("die Analyse kontrollierter Umgangsformen mit rauscherzeugenden Substanzen", S. 151) präzisiert, die ihn

leitenden Untersuchungsfragen jedoch leider nicht explizit darstellt (wenngleich er auf sie verweist und gar mit Flick die Notwendigkeit ihrer Präzisierung erwähnt, sucht man sie in diesem Kapitel dann doch vergebens – immerhin erfährt man, dass es derer vier sind). Im Anschluss hieran will der Autor die von ihm gewählte Methode darstellen, was er strenggenommen jedoch nicht macht (es sei denn die Präzisierung "qualitative Forschungsmethode" gelte als ausreichend). Stattdessen exzerpiert er die Charakteristika qualitativer Sozialforschung in Rückgriff auf Lamnek und schließt einen Exkurs über den methodologischen Standort des symbolischen Interaktionismus an). Den methodischen Teil seiner Arbeit abschließend beschreibt er den Ablauf seiner Untersuchung, dem man dann auch die gewählte qualitative Methode - nämlich qualitative Interviews anhand eines Leitfadens - entnehmen kann. Er beginnt mit der Darstellung des verwendeten Interviewleitfadens, beschreibt die Zusammenstellung der Stichprobe und die Interviewsituationen, um dann die von ihm angewandte Auswertungsmethode (eine "modifizierte" Form der tiefenhermeneuitisch orientierten Methode der Kernsatzfindung nach Leithäuser und Volmerg) zu beschreiben.

Hieran schließt sich mit ca. 100 Seiten der qualitativ-empirische Teil seiner Arbeit - die Auswertung von den mit acht Drogenkonsumenten geführten Interviews - an, dessen Ergebnisse auf weiteren 10 Seiten noch einmal in verdichteter Form dargestellt werden.

Zum Inhalt

Insgesamt krankt dieses Buch, dessen erklärtes Ziel es ist, u.a. Aussagen zu den "Erfahrungswerten, Ritualen und Lebensumständen, die sich im Zusammenhang mit dem kontrollierten Konsum von Drogen herausgebildet haben" (S. 13) zu treffen, inhaltlich leider an einer gewissen Zerrissenheit von Empirie und Theorie. Zwar bittet der Autor den Leser bereits im Vorwort um Geduld bei der Lektüre des theoretischen Teils, falls "am Anfang der Zusammenhang mit dem Thema Rausch noch nicht gleich deutlich wird" (S. 14), diese Geduld nimmt er dann aber (meinem Empfinden nach) deutlich über Gebühr in Anspruch. Was da als theoretischer Teil - erarbeitet im übrigen nach der Durchführung der Interviews - firmiert, mutet eher als eine untereinander wenig verknüpfte Aneinanderreihung der "Aufarbeitung wissenschaftlicher Literatur zum Thema Rausch" (S. 14) an. So enthält z.B. der erste Theorieabschnitt "Psychoanalyse und Rausch" allein vier umfangreiche Exkurse ("Der Bedeutungsverlust der Religion und seine Auswirkung auf Rausch und Ekstase", "Sucht als Folge einer frühkindlichen Störung", "Kreativität und schöpferische Regression", "Tiefenpsychologisch orientierte LSD-Therapie"), und der zweite Theorieabschnitt "Rausch und Gesellschaftliche Wirklichkeit" zwei Exkurse ("Ausgewählte Themenbereiche über den Drogenkonsum und seine gesellschaftliche Bewertung" und "Das Fest: Funktion und Bedeutung im gesellschaftlichen Wandel").

So ungern man eine solche Wertung auch abgibt, der Theorieteil stellt sich in diesem Falle als seitenfüllender Ballast der Publikation dar und erscheint eher als eine Aneinanderreihung der Arbeitsunterlagen des Autors.

Nur an wenigen Stellen des theoretischen Teils wird pauschal ("vergl. empirischer Teil") auf die durchgeführten Interviews verwiesen und im empirischen Teil wird wiederum nur an wenigen Stellen und in knapper Form auf die eingangs dargelegten Theorien Bezug genommen. Leider wird dieses Defizit auch bei der zusammenfassenden Darstellung der Ergebnisse nicht behoben, denn auch diese erfolgt "ohne noch einmal explizit auf Quellenliteratur bezug zu nehmen." (S. 273)

Nichtsdestotrotz enthält der theoretische Teil Ausführungen, die für die Interpretation der Interviews von Bedeutung sind. So beschreibt er substanzunspezifisch die Funktionen des Rausches für das Individuum: Der Rausch, welcher nicht nur durch den Konsum psychoaktiver Substanzen erzeugt, sondern z.B. auch in Form religiöser oder künstlerischer Berauschung erlebt werden kann, dient dem Berauschten dazu, Triebenergien abzuführen, das Realitätsprinzip außer Kraft zu setzen und den Alltag zu transzendieren. Auch dient er dem Ausdruck, dem Umgang und der Bewältigung narzißtischer Tendenzen. Im Wunsch nach Rauscherfahrung zeigt sich ein menschliches Bedürfnis, mit dem affektivem Erleben in Verbindung zu treten. Auch verdeutlicht er die Bedeutung einer kulturellen Einbindung des Rausches: Rauschzustände bringen auch immer die Gefahr mit sich, "dass das Verhältnis zur gesellschaftlichen Ordnung, zur Alltagsbewältigung brüchig wird." (Lorenzer zitiert nach Strieder). Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, bedarf es der "sozialen Einbindung und rituellen Gestaltung" des Rauscherlebnisses. Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen, in denen dem Rausch große Bedeutung beigemessen wird und der Umgang mit ihm reglementiert, ritualisiert und interpretiert wird, wird der subjektiven Rauscherfahrung in der westlichen Kultur nur noch bedingt ein gesellschaftlicher Platz und Sinn zugewiesen. Müßiggang, Tagtraum und insbesondere der Rausch durch illegalisierte Drogen werden als ökonomisch nicht verwertbare Verhaltensweisen "aus den gesellschaftlichen Bedeutungszusammenhängen exkommuniziert und degenerieren zu unverstehbaren Randerscheinungen." Rausch und Ekstase sind hier "privatisiert".

Darüber hinaus gibt der Theorieteil Thesen über die Ursache einer repressiven Drogenpolitik und die Ungleichbehandlung der Konsumenten legaler und illegalisierter Drogen wieder: Das Verbot als auch die Kriminalisierung der Konsumenten illegaler Drogen ist nicht zuletzt auch darin begründet, dass die Drogenkonsumenten über das rauschhafte Erschließen nichtalltäglicher Wirklichkeitserfahrungen alternative subjektive Sinnwelten bilden, welche politisch als eine Gefährdung der bestehenden Ordnung wahrgenommen werden. Legale Drogen wie Alkohol, Tabak und Tabletten als auch "legale" Süchte, wie der Konsumismus in Form des unstillbaren Warenhungers oder die Arbeitssucht werden hingegen aufgrund ihrer systemfunktionalen Bedeutung nicht negativ sanktioniert. Wem derartige Überlegungen fremd sind, der sei auf die Originalquellen (Lorenzer, Legnaro, etc.) verwiesen.

Ihren eigentlichen Wert erhält diese Publikation durch ihren empirischen Teil, in dem die acht interviewten Drogenkonsumenten zu Wort kommen. Bei den Interviewten, welche über Schneeballsystem, Aushang und Annonce (deren Text leider nicht mit abgedruckt ist) rekrutiert wurden, handelte es sich um Personen, die den folgenden Kriterien für kontrollierten Konsum entsprechen mussten: über 26 Jahre alte Personen, die bereits über einen längeren Zeitraum von mind. drei Jahre gelegentlich und zumeist in der Gruppe stattfindend (maximal zwei mal pro Woche), mit dem Ziel der Berauschung illegalisierte Drogen konsumierten. Des weiteren sollte es sich um zu Interviewende handeln, welche "im Leben stehen", präzisiert als Personen, die seit mind. fünf Jahren berufstätig (wenn dann nur kurzfristig arbeitslos waren) sind und innerhalb dieses Zeitraumes "weder juristisch noch psychiatrisch auffällig geworden sind" (S. 160). Die geführten Interviews vermitteln dann einen guten Eindruck von einem regelorientierten kontrollierten Gebrauch, vornehmlich der Droge Cannabis und lassen Rückschlüsse auf die von den Konsumenten durchlebten Lern-, Erfahrungs- und Aneignungsprozessen zu.

Fazit

Bei Strieders Arbeit handelt es sich um eine Diplomarbeit (dies wird an zwei Stellen der Publikation eher nebenbei ersichtlich, über den weiteren Entstehungszusammenhang der Arbeit äußert sich der Autor nicht), aber nicht jede Diplomarbeit bringt auch die Qualität mit – und diese Kritik richtet sich in erster Linie an den Herausgeber – als Monographie zu erscheinen. Strieder wäre gut beraten gewesen, die wichtigsten Erkenntnisse seiner Arbeit zunächst in einem längeren Zeitschriftenaufsatz zu veröffentlichen. Dennoch: wer selektiv mit den Inhalten der Publikation umgeht, der wird den empirischen Teil der Interviews mit den (vornehmlich) Cannabiskonsumenten schätzen dürfen. Dies nicht, weil die Auswertung herausragend gut ist, sondern vielmehr, weil Darstellungen eines kontrollierten Konsums illegalisierter Drogen, in welchen die Konsumenten selbst zu Worte kommen, ansonsten in der Fachliteratur recht rar sind.


Rezensent
Dipl. Soz.-Wiss. Kurt Groll
Dipl.-Soz.Wiss. Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Forschungsprojekt "Kommunale Drogenpolitik"
Lehrbeauftragter (Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle) des FB Wirtschaftswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Kurt Groll. Rezension vom 01.08.2001 zu: Christoph Strieder: Kontrollierter Gebrauch illegalisierter Drogen. Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2001. 288 Seiten. ISBN 978-3-86135-242-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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