Praxisforschung der Erziehungsberatung des Kantons Bern, Thomas Aebi u.a.: [...] Fortschreitende differenzierende Triage (FTD)
Praxisforschung der Erziehungsberatung des Kantons Bern, Thomas Aebi, Jacqueline Hesse, Martin Inversini, Regula Mathuys und Anna Maria Rüedi: Weichen stellen. Fortschreitende differenzierende Triage (FTD). Entscheidungshilfen für die erziehungsberaterische Arbeit. Edition Soziothek (Rubigen) 2003. 36 Seiten. ISBN 978-3-03796-020-2. 12,50 EUR, CH: 20,00 sFr.
Bezugsadresse: mail@soziothek.ch, www.soziothek.ch (Online- Bestellung).
Einführung
Die Autoren - allesamt Mitarbeiter einer Erziehungsberatungsstelle im Kanton Bern, Schweiz - versuchen mit dieser Arbeit, ihre praktischen Erfahrungen in der Erziehungsberatung theoretisch zu erfassen und systematisch zu gliedern. Anstatt theoretische Konzepte in die Praxis umzusetzen, gehen die Autoren hier einmal den umgekehrten Weg: Praktische Erfahrungen werden theoretisch analysiert und systematisiert. Dadurch ergibt sich ein Instrument, welches die Autoren die "Fortschreitende Differenzierende Triage (FDT)" nennen. Diese ist eine theoretische Anleitung, um dem oft unübersichtlichen und hektischen "Praxis - Chaos" zu begegnen, den Arbeitsprozess effektiver zu gestalten und einer fortwährenden Kontrolle und Reflexion unterziehen zu können.
Inhalt
Die "Fortschreitende Differenzierende Triage" wird in zwei übergeordnete Ebenen unterteilt:
- Die Ebene handlungsleitender Prinzipien
- Die Handlungsebene
Diese beiden Ebenen bilden, neben der Einführung, die zwei weiteren Kapitel, in welchen die Ebenen genauer konkretisiert werden.
Die Ebene handlungsleitender Prinzipien wird in diesem Kapitel aufgegliedert in folgende Teil- Prinzipien: Im Zentrum steht das Kindeswohl. Darum ordnen sich die Prinzipien Situationsadäquatheit, Hilfe zur Selbsthilfe, Subsidiarität, Ökonomie, Legitimation und fachliche Kompetenz.
Auf acht Seiten werden diese Prinzipien kurz definiert und mit praktischen Beispielen anschaulich dargestellt.
Die Handlungsebene wird zunächst grob unterteilt in folgende Phasen:
Einstieg - Exploration/ Urteilsbildung - Intervention - Abschluss
Die Autoren nennen diese Abfolge die "stehende Sequenz", da sie davon ausgehen, dass diese Phasen " . . . die Chronologie eines immer wieder gleichen Vorgehens in jeder neuen Problem- oder Aufgabenstellung bilden" (S.5).
Innerhalb der einzelnen Phasen der "stehenden Sequenz" kommt der Erziehungsberater immer wieder zu "natürlichen" Einhalten, Etappen, Abschnitten. Die Autoren nennen diese Übergänge "Knoten" oder "Weichen". Sie bilden die konkreten Schritte im Arbeitsprozess.
- In der Phase des Einstiegs sind diese Knoten: Zuteilung der Fälle - Einstiegsprioritäten - Einladung - Einstiegssetting.
- In der Phase der Exploration / Urteilsbildung sind die Knoten: Klärung der Ziele und Erwartungen - Datenerhebung informell - Systematische Datenerhebung - Bereits beteiligte Institutionen & Maßnahmen.
- In der Phase der Intervention sind die Knoten: Klärung - Vermittlung von Information - Beratung - Psychotherapie - Moderation - schulische Maßnahmen - Kindsschutz - behördliche Maßnahmen.
- In der Phase des Abschlusses sind die Knoten: Unterbruch, Abbruch, Abschluss, Evaluation - Administrativer Abschluss, Statistik.
Wie schon im vorherigen Kapitel werden auch hier die einzelnen Knoten begrifflich kurz definiert und mit praktischen Beispielen und Hinweisen bzw. Fragestellungen anschaulich dargestellt.
Diskussion
Auf der einen Seite hätte ich mir bei dieser kurzen Darstellung der "Fortschreitenden Differenzierenden Triage (FDT)" gewünscht, dass die einzelnen Knoten oder Weichen etwas tiefer gehend untersucht worden wären in ihrer spezifischen Bedeutung für den Bereich "Erziehungsberatung", also in ihren institutionellen, klientenbedingten und beraterbedingten Vorteilen und Schwierigkeiten, sowie ihrer Interdependenz zueinander.
Auf der anderen Seite bleibt diese Anleitung durch ihre Allgemeinheit offen und flexibel genug, um die verschiedenen Leser (evtl. sogar "Nutzer") nicht einzuengen. Sie ist frei von Begrenzungen durch besondere institutionelle Bedingungen, psychotherapeutische Schulen, speziellen Professionen der Mitarbeiter oder Profilen der Klienten. Daher bietet dieses Werk eine große Möglichkeit des Transfers auf andere Erziehungsberatungsstellen oder sogar andere psychosoziale Bereiche.
Fazit
Die überschaubaren 36 Seiten des Buches sind in verständlicher Sprache verfasst, garantieren daher eine gute Lesbarkeit. Dass die hier beschriebene Theorie ihren Ursprung in der Praxis hat, belegen die vielen praktischen Beispiele. Ebenso die Grafiken sind ein anschaulicher Pluspunkt dieses Buches.
Absicht der Autoren war es offensichtlich nicht, ein Lehrbuch über prozessuale Qualitätssicherung in der Erziehungsberatung zu schreiben. Meiner Einschätzung nach kann dieses Buch aber ein großer Gewinn sein für Praktiker der Erziehungsberatung, die daran interessiert sind, ihre tägliche Arbeit theoretisch und systematisch zu erfassen und zu verbessern.
Auf jeden Fall ein lesenswertes Werk.
Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Torsten Ziebertz
Personzentrierter Berater, Systemischer Familientherapeut
Promovend am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Düsseldorf. Praktisch tätig in der Familienberatung und der Erwachsenenbildung.
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Zitiervorschlag
Torsten Ziebertz. Rezension vom 22.07.2003 zu: Praxisforschung der Erziehungsberatung des Kantons Bern, Thomas Aebi, Jacqueline Hesse u.a.: [...] Fortschreitende differenzierende Triage (FTD). Edition Soziothek (Rubigen) 2003. 36 Seiten. ISBN 978-3-03796-020-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1000.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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