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Joachim Armbrust, Jasmin Hasslinger: Kinderängste bewältigen

Cover Joachim Armbrust, Jasmin Hasslinger: Kinderängste bewältigen. Wie Erzieher/-innen Kinder stärken können. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2010. 150 Seiten. ISBN 978-3-427-50482-5. 24,90 EUR.

Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS.
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Anspruch

Die Autoren möchten mit ihrem Buch Erzieherinnen und Erzieher in Kindertageseinrichtungen für den Umgang mit kindlichen Ängsten qualifizieren. Dazu gehören für sie auch kindgerechte Strukturen und Abläufe in den Einrichtungen: „Denn dort, wo sich Kinder in einer nicht kindgerechten Welt bewegen müssen, wird die kindliche Angst natürlich auch besonders groß.“ (S. 5)

Aufbau und Inhalt

Um sich der Anforderungen an eine kindgerechte Welt bewusst zu werden, wird im ersten Kapitel „Bedürfnisse des Menschen“ im Wesentlichen die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow wiedergegeben. Bedürfnisse werden definiert („Bedürfnisse sind innere zielgerichtete Regungen, die jedem Menschen von seinem Sein her zu Eigen sind.“, S. 8) und in Beziehung zu Entwicklungsaufgaben gesetzt.

Kapitel 2 ist mit „Kulturelle Gegebenheiten und Gewohnheiten“ überschrieben und verweist u. a. darauf, dass Kindheit „heute oft sehr viel stärker pädagogisiert und kolonisiert“ werde (S. 17). Unter den Stichworten „Globalisierung“, „Mobilität“ und „Risiko der Vereinsamung“ wird – sinngemäß – bereits für das frühe Kindesalter eine Tendenz zur Entfremdung skizziert. In einer zunehmend fragmentierten Welt müssten Kinder „lernen, diese jeweils herausgebrochenen Teile von Erfahrungsfeldern in ihrer Persönlichkeit wieder in eine Gesamtidentität zu integrieren“ (S. 18).

Kapitel 3 setzt die beiden ersten Kapitel zueinander in Beziehung und geht ausführlicher auf „Charakter, Wesen und Bedürfnisse des Kindes“ ein. Eine klare Orientierung und „altersgemäße Erfahrungsräume“ (S. 25) förderten eine gesunde kindliche Entwicklung. „Was Kinder wollen“ beinhaltet eine lange, konkrete Bedürfnisliste (S. 25 ff.). Dabei wird jedem Kind auch „sein eigenes physiologisches Verarbeitungsprofil“ (S. 27) zugeschrieben.

Wo nun den Kindern die notwendige Sicherheit fehle, entwickelten sich kindliche Ängste: „Vom Wesen kindlicher Angst“ lautet die Überschrift des 4. Kapitels. Die besonderen Ausdrucksformen kindlicher Ängste in Bildern und Handlungen werden angesprochen und an die Erzieher/-innen appelliert, diese aufmerksam wahrzunehmen.

Kapitel 5 lenkt den Blick wieder auf die Eltern: „Familiäre Prägungen bei der Angstentstehung des Kindes“, bevor Kapitel 6 sich in 12 Abschnitten ausführlich mit „Ängste(n) im Zusammenhang mit dem Lebensfeld Kindertageseinrichtung“ befasst.

Kapitel 7 ist der „Persönlichkeit der Erzieher/innen“ gewidmet.

Mit Märchen, Rollenspiel, spezifischen Ideen zum Umgang mit Angst und allgemein mit Gefühlen, Handkarten und Medieneinsatz bietet das Buch in Kapitel 8 eine Fülle von „Praktische(n) Handlungsvorschläge(n) und Beispiele(n) im Umgang mit der Angst“.

Das letzte Kapitel (9) unterstreicht die Bedeutung von Supervision (Überschrift: „Unterstützend für die Arbeit ist Supervision“).

Als Beilage zum Buch finden sich 9 Tafeln mit jeweils zwei „Handkarten zur Angstbewältigung“, auf denen unterschiedliche Ängste bzw. Angst-Szenarien zeichnerisch gestaltet sind, so bspw. – die ersten drei – „Angst davor, verlassen zu werden, nicht abgeholt zu werden, Angst davor, die Eltern zu verlieren (Verlustangst)“, „Angst vor dem Einschlafen“, „Angst vor dem Toilettengang“. Hilfreiche Fragen zur Verwendung dieser Karten finden sich in Kapitel 8.

Diskussion

Das Buch ist in einer sehr verständlichen Sprache geschrieben, spricht Erzieher/innen direkt und sehr praxisnah an. Die vielen Anregungen sind überaus konkret und berücksichtigen auch Fragen der Praktikabilität. Ob es darum geht, wie Kindertageseinrichtungen günstig zu Verkleidungsrequisiten kommen können und wie der Rollenspielbereich gestaltet sein sollte (S. 98), wo der Türöffner angebracht sein sollte (S. 101), welche Medien für Kinder im Kitaalter geeignet sind (S. 115 f.) oder welche Kinderbücher (und Lieder) zum Thema Angst und als Mutmacher geeignet wären (S. 135 – 138). Dies sind nur einige wenige Beispiele.

Positiv fällt auf, dass immer wieder die Erzieher/-innen einbezogen und zur Reflexion ihres eigenen Handelns und ihrer Berufsrolle angeregt werden. Dies gilt übrigens nicht nur für das 7. Kapitel, das sich ausdrücklich mit den Persönlichkeit der Erzieher/-innen befasst (und dabei auch den politischen Kontext thematisiert!), sondern für das ganze Buch.

Die Argumentation ist in sich absolut schlüssig. Viele Aussagen sind in ihrer klaren Sprache sehr eindrucksvoll formuliert. Schade ist nur, dass sehr selten und nur in Ansätzen theoretische oder aber empirische Bezüge hergestellt werden. Ein Literaturverzeichnis fehlt. So plausibel Aussagen wie die folgende sind, bleibt somit ein Hauch von Beliebigkeit: „Zunehmend mehr Kinder verfügen nicht mehr selbstverständlich über ihre sieben Sinne. So haben manche Hautsensibilitätsstörungen, andere Probleme bei der Kraftdosierung usw.“ (S. 108)

Eingangs wird auf Maslow Bezug genommen, später ein Zitat aus einem Buch zum Thema „Brauchen Kinder Ängste?“ (siehe S. 75) und ein Verweis auf Kierkegaard (S. 92) – das war‘s dann aber schon bzgl. eines expliziten theoretischen Bezugsrahmens.

Fazit

Ein Buch, das als Handbuch für die praktische Arbeit überaus empfehlenswert, für eine theoretische Argumentation jedoch nur bedingt geeignet ist.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Brugger
FH Münster FB Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Bernhard Brugger. Rezension vom 10.12.2010 zu: Joachim Armbrust, Jasmin Hasslinger: Kinderängste bewältigen. Wie Erzieher/-innen Kinder stärken können. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2010. ISBN 978-3-427-50482-5. Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10000.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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