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Monika Pfaller-Rott: Migrationsspezifische Elternarbeit [...]

Cover Monika Pfaller-Rott: Migrationsspezifische Elternarbeit beim Transitionsprozess vom Elementar- zum Primarbereich. Eine explorative Studie an ausgewählten Kindertagesstätten und Grundschulen mit hohem Migrationsanteil. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2010. 406 Seiten. ISBN 978-3-86573-531-7. 54,00 EUR.
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Autorin

Frau Dr. Pfaller-Rott ist Erzieherin, Sozialpädagogin und absolvierte ein Studium der Diplom-Pädagogik. Ihre Berufstätigkeit fand in verschiedenen Feldern statt u.a. in der Fachberatung von Erzieherinnen, in der Erwachsenenbildung sowie in verschiedenen Funktionen an Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten. Derzeit ist sie Akademische Rätin an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie verfügt über zahlreiche Erfahrungen mit interkulturellen Fragestellungen.

Entstehungshintergrund

Die Studie entstand als Dissertation an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie verfolgt das Ziel, migrationsspezifische Elternarbeit zu verbessern, „um Prozesse für Kinder in der Transitiosphase vom Elementar- zum Primarbereich zu optimieren und eine bedürfnisgerechte Unterstützung mit und für Eltern zu entwickeln“ (S.19). Bei der Studie handelt sich um ein Thema von hoher bildungspolitischer Bedeutung, da gerade Kinder mit Migrationshintergrund zu einem hohen Anteil zu den Bildungsverlierern in unserer Gesellschaft zählen.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung besteht nach einer Einleitung aus sieben Kapiteln. Die ersten fünf setzen sich literaturbasiert mit den einschlägigen Facetten des Themas auseinander. Die Kapitel sechs und sieben beinhalten die Darstellung und Ergebnisse einer quantitativen empirischen Studie. Sie wurde in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen mit hohem Migrationsanteil in Ingolstadt mit 308 Eltern mit Migrationshintergrund durchgeführt.

Im ersten Kapitel setzt sich die Autorin mit theoretischen Überlegungen zu Migration auseinander. Sie informiert dabei über historische Aspekte und legt den fachterminologischen Wandel in den zurückliegende Jahrzehnten dar. Weiter zeichnet sie die heterogene Situation von Migranten in Deutschland nach. Dem folgt eine Darstellung von Zielen und Ansätzen migrationsspezifischer pädagogischer Arbeit. Außerdem zeigt sie die Situation von Familien mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft auf, dabei berücksichtigt sie in einem Exkurs in besonderer Weise türkische Mitbürger.

Im zweiten Kapitel befasst sie sich mit der Transition vom Elementar- zum Primarbereich. Dabei zeigt sie den Wandel der Auffassungen zu Schulreife, Schulfähigkeit und kindfähiger Schule auf und legt ausführlich die theoretischen Zugänge des Transitionsansatzes dar. Weitere Aspekte sind die Auseinandersetzung mit bewältigten und nicht bewältigten Übergängen sowie mit Bewältigungsstrategien und -ressourcen aus Sicht der Kinder und ihrer Eltern.

Das dritte Kapitel befasst sich mit theoretischen Elementen der Kooperation von Fachkräften im Elementar- und Primarbereich mit Eltern. Die Autorin nähert sich diesem Thema wiederum über eine historische Betrachtung und über die Darstellung ausgewählter gesellschafts- und bildungspolitischer Aspekte sowie der rechtlichen Regelungen. Weiter befasst sie sich mit der Terminologie des Kernbereichs der Studie, den sie „Elternarbeit“ nennt. Bei der Darstellung von ausgewählten Formen der Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Eltern folgte sie einem zeitgemäßen systemischen Ansatz. Barrieren und Voraussetzungen für das Gelingen einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft kommen ebenfalls zur Sprache.

Das vierte Kapitel konkretisiert eine Kooperation, bei der fachliche Aspekte und persönliche Interessen von Eltern berücksichtigt werden. Dabei sind Schwerpunkte die Situations- und Bedarfsanalyse, die Darstellung konkreter institutionenübergreifender Kooperationsformen von Elementar- und Primarbereich sowie zwischen den pädagogischen Fachkräften dieser Institutionen und den Familien.

Im fünften Kapitel werden ausgewählte einschlägige Studien zum Forschungsstand aus den Bereichen Migrationen, Transition vom Elementar- in den Primarbereich und zu Elternarbeit sowie zu Elternarbeit mit Migranten referiert. Dabei wird die Forschungslücke, der sich die Arbeit widmet, erneut deutlich.

Im sechsten Kapitel werden zunächst Anlage und Durchführug der quantitativen empirischen Elternbefragung bei Migranten vor und nach der Transitionsphase ausführlich vorgestellt. Dem folgt die Darstellung deskriptiver Ergebnisse, die in einem weiteren Unterkapitel interpretiert werden. Daran schließt sich eine beschreibende gruppenspezifische Darstellung nach ausgewählten Kategorien an, z. B. zum sozioökonomischen Status, zur Nationalität, zur Affinität für die deutsche Sprache u.a.m., die wiederum in einem nachfolgenden Unterkapitel interpretiert werden. In einem weiteren Abschnitt werden die eingangs formulierten Hypothesen überprüft und Forschungsanregungen formuliert.

Im siebten Kapitel arbeitet die Autorin Folgerungen für die migrationsspezifische Zusammenarbeit mit Eltern im Elementar- und Primarbereich beim Transitionsprozess der Kinder - getrennt nach Folgerungen in Hinblick auf die Studie - und in weitere allgemeine Folgerungen für eine institutionenübergreifende Bildungs- und Erziehungspartnerschaft heraus.

Weiter enthält die Veröffentlichung einen ausführlichen Anhang und eine umfangreiches und aktuelles Literaturverzeichnis.

Diskussion

Die Autorin befragte Migranten zu Erfahrungen, Bedürfnissen und Wünschen hinsichtlich des Transitionsprozesses ihrer Kinder, sowie zu ihrer Bereitschaft z.B. im Elternbeirat mitzuarbeiten. Ein besonderes Verdienst der Autorin ist es dabei, ausdrücklich auch die Eltern mit geringen oder vollständig fehlenden deutschen Sprachkenntnissen in ihre Befragung einzubeziehen. Aus diesem Grund erfolgte eine Übersetzung von Fragebögen ins Russische und Türkische. In vielen anderen Untersuchungen werden diese Gruppen aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten nicht berücksichtigt.

Die Studie ist von hoher Aktualität und theoretisch sehr gut verortet. Sie wurde sorgfältig und nachvollziehbar durchgeführt und ausgewertet. Die gesamte Arbeit bietet eine Fülle von Informationen und Erkenntnisse hinsichtlich der verschiedenen Facetten dieses komplexen Themas.

Die Ergebnisse der Studie sichern einerseits Aspekte empirisch ab, die auch durch Nachdenken gewonnen werden können. Gleichzeitig wird jedoch an der Prüfung der Hypothesen deutlich, dass reines Nachdenken zu einer Reihe von Fehlannahmen führen kann, die die Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern im Transitionsprozess erschweren können und damit problematische Folgen für die Kinder haben. Daher bietet die Studie sowohl für die Praxisgestaltung als auch für die Bildungspolitik gerade auch in ihren überraschenden Ergebnissen wichtige Anstöße. Sie fordern die Praxis zu einer differenzierten Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund auf und die Bildungspolitik zur Bereitstellung der entsprechenden Rahmenbedingungen.

Dennoch gibt es einige kritische Aspekte:

  • Wenn man die aktuelle Diskussion aus dem Elementarbereich kennt, stolpert man über den Begriff „Elternarbeit“. In der elementarpädagogischen Fachdiskussion gilt er als überholt. Die Autorin benennt und diskutiert zwar die gegenwärtig in der elementarpädagogischen Diskussion im Vordergrund stehenden Begriffe, wie z. B. „Zusammenarbeit mit Eltern“ und „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“, die eine neue Art der Begegnung und der gemeinsamen Verantwortung für die Entwicklung der Kinder betonen und will ihre Arbeit auch in diesem Sinne verstanden wissen. Dennoch bleibt sie mit dem Verweis auf die alltagssprachliche Verwendung bei allen am Transitionsprozess Beteiligten bei dem Begriff „Elternarbeit“. Die Begründung überzeugt weder angesichts der programmatischen Implikationen des Begriffes – noch in Anbetracht seiner definitorischen Unklarheit.
  • Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Verwendung des Begriffs Kundenzufriedenheit. Er macht in Zusammenhang mit der Arbeit einerseits Sinn, um zu betonen, dass in der Zusammenarbeit mit Eltern auf die unterschiedlichen Lebenssituationen einzugehen ist und dass sich die Fachkräfte in Form und Inhalt danach richten müssen, was erforderlich ist, um Eltern im Transitionsprozess für ihre Mitarbeit im Interesse der Kinder zu gewinnen. Er suggeriert jedoch zugleich ein unzutreffendes Verhältnis zwischen Fachkräften und Eltern in Kindertageseinrichtungen, aber vor allem in Schulen. Weder Eltern noch Kinder können in der Schule als Kunden bezeichnet werden. Warum also genügt hier nicht der Begriff Zufriedenheit?
  • Weiter ist festzustellen, dass die Arbeit unnötige Längen enthält, z.B. durch die Art der Darstellung der empirischen Ergebnisse, die zu Widerholungen führt und zudem häufiges Rückblättern erfordert sowie dadurch, dass zu Beginn der Kapitel das, was aus dem Inhaltsverzeichnis weitgehend ersichtlich ist, jeweils noch einmal benannt wird. Außerdem ist der darstellende Teil bei den Gruppenvergleichen für Personen, die keine quantitativen Empiriker sind, schwer zugänglich.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um eine interessante Arbeit zu einem bisher kaum bearbeiteten Thema. Der ausführliche Theorieteil mit der umfangreichen Literaturverarbeitung bietet die Möglichkeit sich über den gesamten Wissenschaftsdiskurs zu den verschiedenen Facetten des Themas fundiert zu informieren. Außerdem werden Anstöße für weitere Forschungen gegeben.

Für Bildungspolitik sowie für Fachkräfte, die in für die Praxis verantwortlichen Leitungspositionen stehen, sind sowohl die theoretischen Facetten als auch die Ergebnisse der Untersuchung informativ, anregend und hilfreich. Sie können einer von der Autorin geforderten konzeptionellen Verankerung einer vielfältigen Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachkräften im Transitionsprozess und einer entsprechenden Festlegung von Qualitätszielen dienen, wenn zugleich die von ihr ebenfalls geforderten notwendigen Rahmenbedingungen bereitgestellt werden.

Die ausführliche und nachvollziehbare Darstellung der quantitativen empirischen Studie kann neben der Anregung einer fachlichen Auseinandersetzung auch für Professorinnen und Professoren in der Lehre sowie für Studierende wertvoll sein, die sich mit quantitativer Empirie auseinandersetzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lore Miedaner
Hochschule Esslingen (i.R.)


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Zitiervorschlag
Lore Miedaner. Rezension vom 22.11.2010 zu: Monika Pfaller-Rott: Migrationsspezifische Elternarbeit beim Transitionsprozess vom Elementar- zum Primarbereich. Eine explorative Studie an ausgewählten Kindertagesstätten und Grundschulen mit hohem Migrationsanteil. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2010. ISBN 978-3-86573-531-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10015.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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