Marika Gruber: Integrationspolitik in Kommunen
Marika Gruber: Integrationspolitik in Kommunen. Herausforderungen, Chancen, Gestaltungsansätze. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2010. 228 Seiten. ISBN 978-3-7091-0212-1. 69,95 EUR, CH: 101,50 sFr.
Herausgeberin und Entstehungskontext
Mag. (FH) Marika Gruber „studierte Public Management und ist seit 2007 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehr- und Forschungsbetrieb am Studienbereich Wirtschaft der Fachhochschule Kärnten tätig“ (Umschlagtext).
Ihre Studie wurde durch den „Österreichischen Integrationsfond, Bundesministerium für Inneres“ gefördert, der Druck durch das „Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Wien“. Dementsprechend „hoch gehängt“ wird das Buch durch „Geleitworte“ (S. VIIff) des Rektors der Fachhochschule Kärnten sowie zwei weiterer Kollegen (Dr. h.c. und Univ.-Prof. i. R.) eingeleitet. Diese betonen die Bedeutung der Publikation für Österreich als „seit längerem schon ‚Einwanderungsland’“, in dem „vor allem die Kommunen gefordert sind“, da es sich beim Thema Migration um ein „typisches Querschnittsthema“ handelt.
Thema
Die Autorin beginnt ihr Vorwort mit den Sätzen: „Die Integration von Migrantinnen und Migranten, genauer gesagt von Menschen mit Migrationshintergrund, hat als politisches und gesellschaftliches Thema zur Zeit Hochkonjunktur. Die Zuwanderungs- und Integrationsdebatte ist Wahlkampfthema und pragmatisch gelebter Alltag zugleich. Die Integration ist ein Gegenstand voller Ambivalenz. Wissenschaftler/innen, Politiker/innen, Integrationsexpertinnen und -experten sowie von den Herausforderungen der Integration Betroffene beziehen z. T. völlig unterschiedliche Positionen, denen wissenschaftliche Erkenntnisse, parteipolitische Taktik und eigene Erfahrungen zugrunde liegen“ (S. XI).
Ihrer Meinung nach hängt der „Integrationserfolg“ in hohem Maße von den Aktivitäten in den Kommunen ab, vor allem von den „Bediensteten“ und „Mitarbeiter/innen“. Ihr geht es also um die Bedeutung und die „Rolle der Kommunen hinsichtlich der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund“, was an Hand von „integrationspolitischen Gestaltungsansätzen“ bzw. „Good-practice-Beispielen“ (der Kommunen Linz und Dornbirn) gezeigt werden soll (S. XII).
Aufbau und Inhalte
Marika Gruber schildert einleitend (1) die „Ausgangssituation“ (S. 1ff), indem sie an Hand von Daten und Statistiken Österreich als „Einwanderungsland“ mit „stagnierenden Geburtenzahlen und einem steigenden ausländischen Bevölkerungsanteil“ skizziert, in dem – wie in Deutschland (das bleibt aber unerwähnt!) – „sich hitzige Debatten über den Bedarf von zusätzlichen ausländischen Arbeitskräften … (insbesondere um) Hochqualifizierte“, entfach(t)en, denen „die Türen geöffnet werden“, wohingegen „Niedrigqualifizierte nicht erwünscht“ sind, und währenddessen „die talentiertesten Köpfe (…) längst in andere Regionen weitergezogen“ sind (S. 2). Überhaupt wird in der Beschreibung der „Ausgangssituation“ überdeutlich, dass sich Österreich und Deutschland hinsichtlich der Lage und der Diskussion um „Migration und Integration“ sowie „Ausländerfeindlichkeit“ und Versäumnisse einer restriktiver Einwanderungspolitik stark ähneln. Der „Blick über den Zaun“ zum „großen Nachbarn“ wird jedoch nicht intendiert.
Im 2. Kapitel bemüht sich die Autorin um die „Bestimmung zentraler Begriffe“ (S. 13ff), womit vor allem die Termini „Migration“, „Integration“ (versus Assimilation), „Migrant/in – Ausländer/in –Menschen mit Migrationshintergrund“ gemeint sind. Hier gelingt eine knappe, aber präzise und differenzierte Übersicht über Migrationstypen und Teilbereiche der Integration (soziale, strukturelle, kulturelle und identifikative) sowie einige kluge und relevante Ausführungen zum Stand der Debatte in Österreich.
Festzuhalten gilt (man sollte das folgende Zitat durchaus zweimal lesen und entsprechend die Debatte in Deutschland – „Leitkultur“ – assoziieren): „Wer die Anpassung an das Österreichertum (…) verlangt, der muss sich zu Recht die Frage gefallen lassen, ob nun der Lebensstil eines Tiroler Bergbauern oder derjenige eines gut verdienenden Großstädters gemeint ist“ (S. 20). In diesem Zitat, was die Autorin leider nicht nutzt, steckt auch das ganze Übel und die Missverständnisse über den Begriff der „Kultur“ oder gar „Leitkultur“. Eine angemessene „Integrationspolitik“ fokussiert Marika Gruber auf das „Dreieck mit den Dimensionen ‚rechtliche Gleichstellung’ … ‚Chancengleichheit’ und „’kulturelle Vielfalt/ Diversität“ (S. 21) und erwähnt auch die „Kosten der ungenützten Potentiale … von Zugewanderten“, ein Thema, das zur Zeit sehr aktuell ist (vgl. Sievers/ Griese 2010). Weiter bevorzugt die Autorin den Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“, der ihrer Meinung nach „die angesprochene Zielgruppe für Integrationsaktivitäten am besten beschreibt“ (S. 24) (Zur Kritik an dem Konzept siehe Hamburger/ Stauf 2009, Griese/ Sievers 2010 und zuletzt Kunz 2011).
Kapitel 3 diskutiert den „psychologischen Aspekt des Fremden“ (S. 27ff) sowie Dimensionen wie „Fremdsein“, „Wir und die Anderen“ (die gleichlautende Publikation von Beck-Gernsheim 2004 wird nicht erwähnt!). Interessant und für die aktuelle Diskussion relevant erscheint mir die Erkenntnis (in Anlehnung an Schütze 2000): „Die Marginalisierung und Diskriminierung der im Land lebenden Ausländer/innen, löst Ausländerfeindlichkeit aus. Dadurch, dass versucht würde, sie zu entrechten und mit legalen Mitteln an der Entfaltung ihres Menschseins zu hindern, wird der Eindruck einer minderwertigen Gruppe erzeugt“ (S. 33f).
Im Folgenden (S. 35ff) wird ein historischer Überblick über das „Migrationsgeschehen in Österreich“ (Kapitel 4) gegeben – interessant dabei ist, dass Deutsche die zweitgrößte Ausländergruppe (nach Menschen aus Serbien/ Montenegro und vor Türken) in Österreich sind – und es werden „Rechtliche und politische Rahmenbedingungen“ (S. 51ff – Kapitel 5) geliefert, um dann zentral zum „Kommunalen Integrationsmanagement“ (Kapitel 6, S. 81ff) zu kommen. Behandelt werden u. a. das Modethema „Managing Diversity“, aber auch die klassischen Bereiche „Kommunales Wahlrecht“, „Sprache und Bildung“, „Wohnen und Quartiersmanagement“, „Kultur und Veranstaltungen“, der „kommunale Arbeitsmarkt, „Religion“ und das „Gesundheitswesen“, um danach (Kapitel 7) empirisch (20 leitfadengestützte Interviews mit kommunalen Experten sowie E-Mail-Korrespondenzen – darüber erfährt man methodisch wenig) und konkret die „Integrationspraxis in Linz und Dornbirn“ (S. 127ff) zu beschreiben und zu analysieren – zwei Kommunen, die als „vorbildhaft für andere Kommunen“ (Good-Practice) ausgesucht wurden. Erwähnenswert, da problematisch, erscheint mir, dass „zur Vermittlung von interkultureller Kompetenz“ Veranstaltungen in Form von „Vortragsreihen“ genannt werden (S. 156) – wenn es doch so einfach wäre!
Im „Resümee und Ausblick“ (Kapitel 8) fasst Marika Gruber kommunen-vergleichend und thesenartig ihre Erkenntnisse zusammen (und die Leser mögen dabei an die Situation in Deutschland denken): In Österreich gibt es immer noch keine „umfassende Integrationspolitik“; „die Instrumentalisierung des Themas durch Parteien … führt zur Polarisierung der Gesellschaft“ (vgl. die Debatte um die skurrilen Thesen von Sarrazin); „es gibt (aber) bereist eine ganze Reihe von Instrumenten und bewährten Ansätzen“ in der kommunalen Integrationsarbeit; Kommunen sind auf Grund ihrer Unterschiedlichkeit (Größe, Migrantenanteil, Herkunftsnationen/ Religionen etc.) schwer vergleichbar; Priorität sollte die „Förderung der Sprachkenntnisse (Muttersprache und Deutsch als Zweitsprache) und des Bildungserfolgs“ haben.
Als Grundproblem bleibt aber, dass „trotz der vielfältigen Integrationsbemühungen … keine Aussage darüber getroffen werden kann, inwieweit diese Aktivitäten auch tatsächlich zu einer erfolgreichen Integration führen, denn: ‚Das Geheimnis der gelungenen Integration liegt (…) darin, dass sie unauffällig bleibt’“ (S. 186). Allerdings zeigt die Studie nach Auffassung ihrer Verfasserin, dass „Integration gestaltbar ist, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist“ (S. 187) – dem ist auf Grund aller wissenschaftlichen Erkenntnisse nichts hinzuzufügen. Entscheidend für „Integration“ ist das „Gefühl des Akzeptiert-Werdens“, ein „Respekt gegenüber den/ der Anderen“ sowie ein „Bewusstsein“, dass in Einwanderungsländern etwas Neues entsteht. Voraussetzung dafür ist, so will ich es hier formulieren, die Dialektik von „Integrationswilligkeit“ der Einwanderer und ihrer Kinder und „Aufnahmebereitschaft“ (Willkommenskultur) der Einheimischen (S. 188).
Ein voluminöses „Quellenverzeichnis“ (amtliche Dokumente überwiegen gegenüber wissenschaftlichen Publikationen) sowie Anlagen zu „Maßnahmen der EU“ sowie Projektangebote der Kommunen beschließen den Band.
Diskussion
Marika Gruber hat ein bisher wenig analysiertes, aber durchaus relevantes Themenfeld der Migrations- und Integrationsforschung, die Integrationspraxis in den Kommunen, exemplarisch an zwei Good-Practice-Kommunen in Österreich näher untersucht. Das ist verdienstvoll, weil „Integration“ sich letztlich – auch – im Alltag und vor Ort entscheidet. Zu Recht betont sie aber auch die Bedeutung der politischen Rahmenbedingungen für die kommunale Integrationsarbeit.
Leider ist die zu Anfang geführte theoretische Diskussion zur Klärung der Begriffe und Konzepte zu sehr auf die Literaturlage in Österreich fixiert und die umfangreiche und auch kontroverse wissenschaftliche und politische Debatte in Deutschland und international wird tendenziell vernachlässigt. Der Autorin gelingen aber differenzierte Zugänge zum Theoriediskurs, die allerdings gegen Ende nicht mehr zur zusammenfassenden Analyse herangezogen werden, so dass Theorieteil und empirischer Teil relativ unvermittelt nebeneinander stehen. Es wäre z.B. interessant zu erfahren, was die kommunalen Experten z.B. unter „Integration“ verstehen oder inwieweit die kommunale(n) Perspektive(n) sich mit welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen decken – oder nicht. Aktuelle Diskurse – wie z.B. zum Terminus „Migrationshintergrund“ oder in Bezug auf Konzepte wie „Drittkultur“, „Transmigration“ oder „Transkulturalität“ fehlen gänzlich.
Da inzwischen drei renommierte und an deutschen Universitäten professionell sozialisierte Migrationsforscher (Namen will ich hier nicht nennen) Professuren in Österreich innehaben (was auf Unterschiede in der Berufungspraxis beider Länder verweist?!), wird sich dieser „scientific and cultural lag“ sicher bald zum Nutzen beider Seiten beheben, zumal etliche gemeinsame Tagungen und Konferenzen in Planung sind.
Anfragen möchte ich allerdings abschließend auch, ob 797 (!) Fußnoten auf 186 Textseiten wirklich sinnvoll sind, oder ob man nicht endlich, nicht nur in Österreich, zu der amerikanischen bzw. international üblichen Zitierweise möglichst ohne Fußnoten übergehen sollte.
Fazit
Das Buch von Marika Gruber ist m. E. vor allem für Leser aufschluss- und erkenntnisreich, die Interesse an einem kritischen Vergleich mit der Situation und Entwicklung der „Integrationspolitik“ mit all ihren Facetten sowie der davon abhängigen (kommunalen) „Integrationspraxis“ in Deutschland haben – wobei zu fragen wäre, worin die verblüffenden Parallelen ihren Ursprung haben (gemeinsame historisch-politische Erfahrungen?). Ein näheres Eingehen auf die doch relativ große deutsche Einwanderergruppe und ihre Situation wäre für die wahrscheinlich auch angestrebte Lesergruppe sicher sinnvoll gewesen: Werden Deutsche in Österreich wie andere „Ausländer“ behandelt oder haben sie einen Sonderstatus (nicht nur im Kabarett als „Pifkes“)? Wie geht man offiziell mit „Ausländern“ um, die keine „Sprachprobleme“ haben usw.?
Wünschenswert wären daher Nachfolgestudien in Österreich und Deutschland, in denen weitere nationale kommunale Vergleiche sowie binational-komparative Analysen angestrebt werden – am besten in einem österreichisch-deutschen Forschungsteam. Denn zweifellos entscheidet sich „Integration“ – auch und vor allem – „vor Ort“ bzw. im Alltag in den Kommunen in der Wechselwirkung von „Willkommenskultur“ (national und so auch kommunal) einerseits und (darauf reagierende) „Integrationswilligkeit“ der Einwanderer andererseits.
Literatur
- Beck-Gernsheim, Elisabeth (2004): Wir und die Anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Frankfurt
- Griese, Hartmut M./ Sievers, Isabell (2010): Bildungs- und Berufsbiographien erfolgreicher Transmigranten. In: APuZ, Heft 46-47/ 2010, S. 22-28
- Hamburger, Franz/ Stauf, Eva (2009): ‚Migrationshintergrund’ zwischen Statistik und Stigma. In: Diehm, Isabell/ Gomolla, Mechthild (Hrsg.) SCHÜLER. Wissen für Lehrer. MIGRATION. Seelze, S. 30-31
- Kunz, Thomas (2011): Jugend, Sex und Medien. In: deutsche jugend, Heft 4/ 2011, S. 170-177
- Schütze, Jochen (2000): Vom Fremden. Wien.
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 30.06.2011 zu: Marika Gruber: Integrationspolitik in Kommunen. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2010. 228 Seiten. ISBN 978-3-7091-0212-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10019.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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