Doris Bühler-Niederberger, Johanna Mierendorff u.a. (Hrsg.): Kindheit zwischen [...] Zugriff und [...] Teilhabe
Doris Bühler-Niederberger, Johanna Mierendorff, Andreas Lange (Hrsg.): Kindheit zwischen fürsorglichem Zugriff und gesellschaftlicher Teilhabe. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 276 Seiten. ISBN 978-3-531-16457-1. 34,95 EUR.
Reihe: VS research - Kindheit als Risiko und Chance.
Thema
Kinder sind seit den 1990er Jahren in den Staaten der Europäischen Union wieder ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit gerückt. Vordergründig wird dabei auf die staatlichen Verpflichtungen aus der UN-Kinderrechtskonvention (1989) verwiesen, faktisch geht es aber darum, die Kinder stärker als potentielles „Humankapital“ für die wirtschaftliche Entwicklung und sog. Standortsicherung zu nutzen. Die auf Kinder und Familien bezogene Sozialpolitik wird zunehmend als „soziale Investition“ in die Zukunft der Gesellschaft verstanden und greift unter dem Motto des „Forderns und Förderns“ verstärkt in die Lebensverhältnisse der Kinder und die Erziehungspraktiken der Eltern ein. Mit Blick auf die sog. bildungsfernen und von sozialer Exklusion betroffenen oder bedrohten Schichten sollen damit vorgeblich die Zukunftschancen der Kinder und mehr soziale Gerechtigkeit im Sinne von Chancengleichheit ermöglicht werden. In dem hier zu besprechenden Sammelband werden dazu kritische Fragen gestellt und die Ergebnisse neuerer empirischer Studien präsentiert.
Aufbau und Inhalt
In dem Band wird eine kritische Bestandsaufnahme aktueller familien-, jugend- und bildungspolitischer Reformen und Reformdebatten unternommen und nach den möglichen Auswirkungen auf Kinder und Kindheit gefragt.
Im ersten Teil („Kinderwohlfahrtspolitiken – Prämissen, Strategien, Strukturen“) vermittelt Doris Bühler-Niederberger Einblicke in die Geschichte und gegenwärtige Tendenzen der organisierten Sorge um Kinder und hinterfragt die Eigenarten und Fallstricke eines professionalisierten Zugangs zum Aufwachsen. Sie gelangt zu dem Ergebnis, dass er vornehmlich einem gesellschaftlichen Ordnungsinteresse verpflichtet ist, und entwickelt Gedanken zu einer möglichen anderen Professionalisierung, die den individuellen und situativen Bedürfnissen der Kinder Rechnung trägt. Ihre Diagnose wird in dem (in englischer Sprache abgedruckten) Beitrag von Harry Hendrick mit Blick auf die unter New Labour in Großbritannien eingeleitete „aktivierende“ Sozialpolitik konkretisiert. Er schlägt einen Bogen vom sozialen Investment in Kinder bis zu den neuen punitiven Ansätzen in der Kindererziehung und zeigt, dass diese in erster Linie dazu dienen, gesellschaftliche Krisen durch eine Restrukturierung des Sozialisationsprozesses abzuwenden, in der wenig Raum für eine Aufwertung und den respektvollen Umgang mit Kindern bleibt. Heinz Sünker setzt sich in seinem historisch weit ausholenden Beitrag mit der Frage auseinander, wie die Subjektivität der Kinder im Sinne gesellschaftlicher und generationsspezifischer Ordnungs- und Herrschaftsinteressen verwertet wurde und wird. Andreas Lange kommt seinerseits in einer Analyse der Bildungsdiskurse und ihrer Bedeutung für alltägliche Lebenspraktiken zu dem Schluss, dass die öffentlich bekundete Sorge um den Bildungserfolg der Kinder vom Interesse an der ökonomischen Verwertung ihres Wissens bestimmt ist und zu einer wachsenden Verunsicherung der Eltern führt.
Im zweiten Teil („Die Orientierung von Eltern und Kindern“) werden die Ergebnisse von empirischen Studien vorgestellt, in denen gefragt wurde, ob es gerechtfertigt ist, die im Fokus der neuen Sozialpolitik stehenden gesellschaftlichen Gruppen als „randständig“ und „behandlungsbedürftig“ zu betrachten und behandeln. Tanja Betz macht die hinter den öffentlichen Diskursen verborgenen Mechanismen sichtbar, die trotz der Förderungsrhetorik auf eine Verfestigung und Verschärfung sozialer Ungleichheit hinauslaufen. In den Studien, die in den drei anderen Beiträgen vorgestellt werden, ergab sich, dass das den Familien der „Unterschicht“ medienwirksam unterstellte Desinteresse an der Bildung und Zukunft ihrer Kinder auf klassenspezifischen Vorurteilen beruht, die mit den tatsächlichen Einstellungen der allermeisten Eltern nichts zu tun haben. Die Ergebnisse zeigen im Gegenteil eine hohe Sorge der Eltern um ihre Kinder, die allerdings durch die tatsächlichen, strukturell bedingten materiellen Lebensverhältnisse und die Selektionsmechanismen des Bildungssystems vielfach konterkariert wird.
Im dritten Teil („Soziale Disziplinierung ohne Ende oder professionelle Neukonzeption“) werden einzelne politische und professionelle Konzepte und Strategien in den Blick genommen und daraufhin analysiert, welche Bedeutung sie insbesondere für die Veränderung oder Aufrechterhaltung der bestehenden Generationenverhältnisse haben. Am Beispiel der aktuellen politischen Debatten und Reformvorhaben zur Früherziehung in Deutschland zeigt Nicole Klinkhammer, dass ihre Ziele und Instrumentarien inkompatibel sind mit der gleichberechtigten Teilhabe von Kindern im Sinne einer gerechteren Verteilung von Chancen sowohl zwischen den Generationen als auch zwischen den Kindern verschiedener sozialer Gruppen. Unter Bezug auf ein historisches Beispiel der Betriebsfürsorge aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts erinnert Sabine Toppe daran, dass auch hier schon bei der vermeintlichen Sorge um das Wohl armer Kinder das Bestreben im Vordergrund stand, diese mittels disziplinierender Techniken zu wirtschaftlich verwertbaren Individuen zu erziehen. Im abschließenden Beitrag setzt sich Anja Tervooren mit den verpflichtenden Kindervorsorgeuntersuchungen auseinander; in der Art, wie sie propagiert und gehandhabt werden, sieht sie weniger eine Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten der Kinder, als ein ideologisches Mittel, den unteren Schichten eine Vernachlässigung ihrer Pflichten anzulasten und den Interventionsradius des Staates auszuweiten.
Die Herausgeber/innen ziehen aus den Beiträgen das Fazit, dass mit den neuen Ansätze einer auf die Kinder und Familien gerichteten „investiven“ Sozialpolitik die überkommenen „Asymmetrien“ in den Generationenverhältnissen nicht in Frage gestellt, sondern zementiert und sogar verstärkt werden. „Das höhere Interesse an Kindern ist letztlich einmal mehr eines, das tiefer Besorgnis um die Gesellschaft und deren Zukunft entspringt, und das ein misstrauisches und damit im Hinblick auf gesellschaftliche Teilhabe der Kinder traditionelles Verhältnis der Altersgruppen begründet.“ (S. 13) Sie führen dies darauf zurück, dass die aktuellen Debatten allein von den partikularen Interessen und Befürchtungen „einzelner Gruppen“ geleitet sind, statt sich an den Ergebnissen von wissenschaftlichen Untersuchungen zu konkreten Situationen und Problemen von Kindern zu orientieren. Mit ihrem Band hoffen die Herausgeber/innen, zur Reflexion und weiteren Entwicklung beizutragen.
Diskussion
Der Band ist ein instruktives Beispiel dafür, wie die Denk- und Forschungsansätze der neueren auf die Analyse von Sozialstrukturen und Generationenverhältnissen gerichteten Kindheitssoziologie für die Analyse sozialpolitischer Konzepte und Strategien fruchtbar gemacht werden können. Sie ermöglichen, einen Blick hinter die rhetorischen Fassaden offizieller Sozialpolitik zu werfen und deutlich zu machen, wie weit sie von einer tatsächlichen Förderung des „besten Interesses“ von Kindern (im Amtsdeutsch „Kindeswohl“) entfernt sind, wie es etwa in der UN-Kinderrechtskonvention konzipiert ist. Bei allem Gerede von mehr sozialer Gerechtigkeit, die mit den verstärkten staatlichen Interventionen erreicht werden soll, wird erkennbar, dass letztlich die Kinder für Interessen instrumentalisiert werden, die mit ihren eigenen an einer lebenswerteren Gegenwart und Zukunft wenig zu tun haben. Sie bleiben ein Spielball in politischen Strategien, bei denen sie nicht die geringste Chance haben, ein Wörtchen mitzureden. Umso mehr gilt das für Kinder, die in sozial benachteiligten Verhältnissen aufwachsen und die ebenso wie ihre Familien mit den neuen sozialpolitischen Strategien noch mehr in die Enge getrieben und diskriminiert werden.
Allerdings stellen sich angesichts der in dem Band vorgelegten Analysen auch einige Fragen an die Kindheitssoziologie selbst. Wenn sie die Generationenverhältnisse als zentrales Strukturmoment der Gesellschaft und die darin angelegten Asymmetrien betont, bleibt die Frage offen, wie sie diese Perspektive mit der Analyse anderer Strukturelemente sozialer Ungleichheit vermittelt. In der zur Diskussion stehenden Sozialpolitik geht es ja nicht um Kinder allgemein, sondern um Kinder, die angeblich in besonderem Maße gefordert und gefördert werden müssen, also um die der sogenannten unteren oder bildungsfernen Schichten. Einige in dem Band enthaltene Beiträge bieten reichlich Anschauungsmaterial, um erkennbar werden zu lassen, dass es sich bei der neuen Sozialpolitik nicht nur um ein weiteres paternalistisches Unternehmen handelt, das den Kindern mit fürsorglichem Gestus übergestülpt wird, sondern um ein rigoroses Restrukturierungsprojekt der gesellschaftlichen Machtverhältnisse im Ganzen. Um dies theoretisch auf den Begriff zu bringen, kann sich die Kindheitssoziologie nicht als Spezialsoziologie einrichten, sondern muss sich auch andere soziale Theorien aneignen, die Gesellschaft und Staat als Ganzes in den Blick nehmen. Nur so kann sie dahin gelangen, nicht nur die Definitions- und Durchsetzungsmacht „einzelner Gruppen“ zu beklagen, sondern auch ein umfassenderes und tieferes Verständnis für die Mechanismen der Privilegien- und Herrschaftssicherung zu erlangen.
Fazit
Ein informativer Überblick über kindheitssoziologisch orientierte Forschungen und kritische Deutungen zu einer neuen Variante von Sozialpolitik, die Kinder in erster Linie als „Investition in die Zukunft“ und potentielles „Humankapital“ instrumentalisiert.
Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
European Network of Masters in Children´s Rights (ENMCR) c/o Internationale Akademie an der FU Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 14.09.2010 zu: Doris Bühler-Niederberger, Johanna Mierendorff, Andreas Lange (Hrsg.): Kindheit zwischen [...] Zugriff und [...] Teilhabe. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 276 Seiten. ISBN 978-3-531-16457-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10039.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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