socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alexandra Schotte: Heilpädagogik und Sozialpädagogik

Cover Alexandra Schotte: Heilpädagogik und Sozialpädagogik. Johannes Trüper und die Sophienhöhe in Jena. Garamond Verlag (Jena) 2010. 487 Seiten. ISBN 978-3-941854-11-6. 59,90 EUR.

Reihe: Pädagogische Studien und Kritiken - Band 8. Edition Paideia.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Johannes Trüper (1855-1921) galt um 1900 als einer der prominentesten Vertreter der Heilpädagogik. Als Direktor eines Heilerziehungsheimes – der Sophienhöhe – und Herausgeber einer Zeitschrift gelang es ihm, die Stadt Jena zu einem Zentrum der Heilpädagogik werden zu lassen. Sein Wirken ist jedoch bislang nur wenig nachgezeichnet worden. Ziel der vorliegenden Studie ist es, sein Leben und sein Werk anhand noch vorhandener Archivalien und bisher weitgehend vernachlässigter Primär- und Sekundärliteratur kritisch zu rekonstruieren. Dabei soll das Wirken Johannes Trüpers in der Bedeutung für seine Zeit deutlich und die von ihm initiierte und institutionalisierte Heilpädagogik in ihrer Zeit als eine innovative Leistung erfasst und gewürdigt werden. Die biographische Rahmenhandlung stellt hierbei den Hintergrund für eine Entfaltung systematischer Erkenntnisse für die Heil- und Sozialpädagogik wie auch der Reformpädagogik dar.

Autorin

Die Autorin Frau Dr. phil. Alexandra Schotte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Historische Pädagogik und Erziehungsforschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a die Theorie und Geschichte der Sozialpädagogik, die Anfänge der modernen Heilpädagogik sowie die Reformpädagogik/Herbartianismus-Forschung.

Aufbau

Die Arbeit beginnt mit einem kurzen Vorwort. Es folgen sieben Kapitel:

Im Kapitel 1 wird eine umfängliche Einführung in die Rezeptionsgeschichte des Heilpädagogen Johannes Trüpers gegeben und der Forschungsgegenstand konkret dargelegt.

Das Kapitel 2 mit der Überschrift „Berufung“ widmet sich dann der Biographie Trüpers bis zur Gründung des Heimes Sophienhöhe.

Im nachfolgenden Kapitel 3 mit der Überschrift „Die Grundlegung“ ist dann die Gründung des Heimes Sophienhöhe bis zu dessen Konsolidierung Gegenstand der Betrachung.

Mit dem Kapitel 4, überschrieben mit „Die Sophienhöhe“, werden die vollzogenen Entwicklungen des Heimes in dieser Zeit herausgearbeitet wie auch das Anstaltsleben über verschiedenartige Zugänge nachgezeichnet.

Im Kapitel 5 mit der Überschrift „Die Netzwerke“ wird auf Johannes Trüpers Bemühungen zur Herausgabe einer Zeitschrift und seine Vereinarbeit eingegangen.

Das Kapitel 6, überschrieben mit „Die Zeitenwende“ gibt einen Ausblick auf die Zeit vor und nach Johannes Trüpers Tod.

Ein kurzes Resümee schließt im Kapitel 7 mit der Überschrift „Das Modell“ die Arbeit ab.

Über diese Beschreibungen hinaus weist die Arbeit ein umfängliches Quellen- und Literaturverzeichnis wie auch ein umfängliches Abbildungsverzeichnis auf.

Inhalt

Die Autorin verdeutlicht in der Einführung (Kapitel 1), dass die 2005 veröffentlichte Dissertation von Karel Zimmemann „Johannes Trüper: Ein Heilpädagoge zwischen Pädagogik und Kinder- und Jugendpsychiatrie“ bislang die umfassendste kritische Auseinandersetzung mit dem Heilpädagogen Johannes Trüper darstellt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liege jedoch auf der disziplinären Verortung Trüpers als Heilpädagoge. Forschungsgegenstand der Autorin sei hingegen eine umfassende biographische Auseinandersetzung mit Johannes Trüper einschließlich einer differenzierten Rekonstruktion des Erziehungsheimes Sophienhöhe.

Das Kapitel 2 befasst sich in einem ersten Abschnitt mit dem Herkunftsmilieu, dem Bildungs- und Ausbildungsweg, und den Wegen von Johannes Trüper zur ersten Lehramtsprüfung (1875) und zur zweiten (1880), des Weiteren mit seiner Zeit als ordentlicher Lehrer im Bremer Staatsdienst. Wichtig wird für Trüpers Anschauungen die sich in den 1880 Jahren anbahnende Freundschaft zu dem Barmer Volksschullehrer und Herbartianer Friedrich Wilhelm Dörpfeld. Dieser Kontakt dürfte wesentlich zu seiner Hinwendung zum Herbartianismus beigetragen haben. Auch die Auseinandersetzung mit der „Pädagogischen Pathologie“ fällt in die Bremer Zeit. Möglicherweise hat hier die Bekanntschaft mit dem Direktor der Bremer Kranken- und Irrenanstalt Friedrich Scholz wichtige Impulse geliefert. Künftig wird es Trüper wichtig, Herbarts Psychologie fortzubilden und zu ergänzen, verbunden mit der Frage, wie mit sozial verwahrlosten Kindern aus den niedrigen Schichten in den Schulen zu verfahren sei. Damit rückt für Trüper die Problemtik des verhaltensproblematischen Kindes stärker in den Blick. In einem zweiten Abschnitt wird auf die Jenaer Zeit von Johannes Trüper eingegangen. Dieser hatte bereits seit Mitte der 1880 Jahre Kontakt zu dem an der Jenarer Universität lehrenden Herbartianer Wilhelm Rein. Mit diesem besprach er auch seinen Wunsch, sich weiterzubilden. Im Oktober 1887 nutzte Trüper die Freistellung vom Unterricht zwecks Genesung nach einer Erkrankung zur Übersiedelung nach Jena. Trüpers Studienzeit in Jena weist enge Bezüge zu Ernst Haeckel, Wilhelm Rein, Otto Binswanger und Theodor Ziehen auf. Er arbeitete an der Übungsschule des Übungsseminars, 1890 zeitweilig als zweiter Oberlehrer. Einfluss auf sein künftiges Wirken dürfte die Auseinandersetzung mit dem Jenaer Herbartianismus, den kinderpsychologischen Vorarbeiten in den Übungsseminaren und der Arbeit mit Schülern unterschiedlicher sozialer Herkunft in der Übungsschule gehabt haben. Von 1889 bis1890 setzt Trüper sein Studium in Berlin fort und wird hier unter dem Einfluss von Adolf Wagner vertrauter mit den sozialen Auseinandersetzungen der Zeit. Er übt frühzeitig Kritik an Einzelmaßnahmen der Regierung, formuliert sozialpädagogische Abhandlungen. Deutlich wird aber auch seine Treue zur Monarchie, seine antirevolutionäre Einstellung verbunden mit Forderungen zur Eindämmung der Sozialdemokratie. In einem dritten Abschnitt wird die gesellschaftspolitische Atmosphäre verdeutlicht, in der sich Johannes Trüper bewegte und die ihn zu ersten sozialpolitischen Beiträgen inspirierte. In einem vierten Abschnitt wird die Gründungsphase des Sophienhofes rekonstruiert. Bereits in seiner Berliner Zeit reifte bei Johannes Trüper der Plan für die Gründung einer Erziehungsanstalt. Er besuchte viele Anstalten, wodurch sich bei ihm ein schlechter Eindruck verdichtete. Nach seiner Auffassung fehle diesen überwiegend eine sorgfältige psychologische und psychiatrische Grundlage nach den Regeln einer wissenschaftlichen Theorie und einer auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Pädagogik basierenden Theorie des Unterrichts und der Erziehung. Nach seiner Auffassung müssen „abnorme Kinder“ nach den Vorstellungen des Herbartianismus konsequent „regiert“ werden. Die Gründung von Hilfsschulklassen lehnte er aus Gründen der Stigmatisierung und der mangelnden heiltherapeutischen Hilfen ab. Ende April 1890 ist er wieder in Jena.

Das Kapitel 3 befasst sich mit dem Zeitabschnitt zwischen der Anstaltsgründung und deren Konsolidierung. Die Anstalt wurde unter maßgeblicher Mitwirkung anderer Personen am 1. November 1890 als Anstalt für schwer erziehbare, aber bildungsfähige Kinder, die Schwierigkeiten in der Erziehung machen, eröffnet. Grundlage der Arbeit war die Methode des erzieherischen Unterrichts im herbartianischen Sinn, jedoch dies im Zusammenhang mit medizinisch-psychiatrischen Therapien. Kern der Anstalt war die Heimschule, an der der Unterricht so gestaltet wurde, dass jede Lehreinheit einen erziehenden Charakter hatte. Aufgenommen wurden Kinder und Jugendliche aus höheren sozialen Schichten. Dies war beabsichtigt. Denn in seiner 1893 erschienen Schrift „Die Psychopathischen Minderwertigkeiten im Kindesalter“, die auf von J.L.A. Koch vorgeprägten Grundlagen aufbaute, hatte Trüper Kindern und Jugendlichen aus höheren Schichten drastische Defizite in ihrer physischen und sittlichen Entwicklung bescheinigt. Damit machte er diese zum Gegenstand der Betrachtung der Heilpädagogik, denn bislang standen eher Kinder aus armen Bevölkerungsschichten im Blick einer besonderen Pädagogik.

Das Kapitel 4 widmet sich ganz konkret dem Anstaltsleben. Als wesentliche Erziehungskomponente kam das Familienprinzip zur Anwendung, die Anstalt sollte eine Erziehungsgemeinde sein. Hierbei spielte für Johannes Trüper auch die Koedukation eine Rolle. Hinsichtlich des Familienprinzips ging er auf Distanz zu ähnlichen Vorstellungen der Rettungshäuser. Betont wird auch in diesem Teil noch einmal, dass der Schule im Erziehungsheim eine bedeutende Stellung zukam. Ziel der Arbeit war jedoch immer die Reintegration in das staatliche Schulsystem. Schulunterricht kam für die Kinder und Jugendlichen aber erst dann zustande, wenn nach Einschätzung der Mediziner in den Eingangsuntersuchungen akute gesundheitliche Probleme wie auch Schwächen abgeklungen waren. Die Klassen umfassten sieben, maximal 12 Kinder. Es existierten zudem eine Schulvorbereitungsklasse, die nach den Prinzipien von Fröbel arbeitete wie auch Berufsvorbereitungsklassen. Gartenarbeit und handwerkliche Tätigkeiten waren in den Unterrichtsplan eingebunden. Das Schwergewicht des Unterrichts beruhte auf dem herbartianischen Prinzip der Gesinnungsbildung und der Regierung. Die Regierung muss für unbedingten Gehorsam sorgen, denn nach Trüpers Vorstellungen wollen fehlerhafte Kinder „vor allem konsequent regiert sein“, zudem spielte das Prinzip der Individualisierung in den heterogenen Gruppen eine große Rolle, um „Überbürdungen“ zu vermeiden. Des Weiteren gehörten Schulreisen zu den wichtigen Aspekten eines mitmenschlichen Zusammenlebens. Heilerziehung war nach Trüper ein wesentlicher Baustein in einer Schulbildung nach herbartianischen Prinzipien. Folglich wurden auch immer wieder jene medizinischen, psychologischen und psychiatrischen Behandlungsmethoden thematisiert, die die Pädagogik aus medizinischer Richtung zu einer Heil-Pädagogik komplettieren. In der Einrichtung war jedoch nie ein Arzt hauptberuflich beschäftigt, die Beratung und Behandlung lag in den Händen Jenaer Ärzte wie, z.B. Otto Binswanger, Theordor Ziehen, Wilhelm Strohmayer. Die ärztlich beaufsichtigte „Heilpflege“ müsse zunächst körperliche Schäden heilen, Schwächen kräftigen. Unterrichtung und Erziehung dürfen dann erst in zweiter Linie in Betracht kommen.

In dem Kapitel 5 geht es um die mediale Präsenz der Kinderforschung und deren Vereinsarbeit. Mit der Gründung der Zeitschrift „Die Kinderfehler“ sollte die Entwicklung der Kinderforschung (Heilpädagogik) mit einem interdisziplinären Anspruch vorangebracht werden. Hierbei sollte die herbartianische allgemeine Pädagogik durch das gesamte Gebiet der Heilpädagogik – einschließlich der pädagogischen Pathologie – ergänzt werden. Fruchtbare Beiträge erwartete man diesbezüglich auch aus der Experimentalpsychologie, der pädagogischen Psychologie, der psychologischen Pädagogik, wie auch aus psychiatrisch-therapeutischer Sicht. Die ersten Ausgaben der Zeitschrift erschienen von 1896 bis 1899 unter dem Titel „Die Kinderfehler“, ab 1906 dann als „Zeitschrift für Kinderforschung“. Bis zum Bestehen der Zeitschrift 1944 wechselten der Titel wie auch die Mitherausgeber häufig. Ab 1898 erschienen zudem parallel zu der Zeitschrift sogenannte Beihefte für längere Abhandlungen. Gleiche Ziele wie mit der Zeitschrift sollten mit der Gründung des „Vereins für Kinderforschung“ erreicht werden. Der Verein richtete von 1898 bis 1902 in Jena jährlich eine zweitägige Veranstaltung mit pädagogischen und medizinischen Themenstellungen aus. Dann wechselte der Tagungsort jährlich. Beide Vorhaben fanden in Johannes Trüper ihren stabilen Rückhalt und in Jena ihr Zentrum. Erfolgs- und Verfallsgeschichte lagen jedoch zeitlich eng beieinander. Letztmalig engagierte sich Trüper in der Auseinandersetzung mit der preußischen Fürsorgegesetzgebung, der er ein fehlendes pädagogisches und medizinisches Fachverständnis vorwarf.

Das Kapitel 6 arbeitet noch einmal Entwicklungen im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik heraus. Johannes Trüper bemühte sich um Rechtfertigung der deutschen Mitwirkung am Ersten Weltkrieg, ja er setzte sogar auf die moralisch reinigenden und heilerzieherischen Kräfte des Krieges. Nach 1914 setzt sich Trüper immer weniger mit fachlichen Themen auseinander, sondern bezieht scharf polemisierend in politischen Debatten kompromisslos Stellung. Ab 1915 macht er keinen Hehl daraus, dass er immer stärker mit rechtskonservativen Kreisen übereinstimmt. Zudem verfestigten sich seine antisemitischen Anschauungen. Die Neuordnungen des Staates der Weimarer Republik, gerade in der Jugendfürsorge und im Bildungsbereich, sah er als eine Gefährdung seines Lebenswerkes an und nahm entsprechend ablehnend Stellung. Johannes Trüper verstirbt am 28. Oktober 1921. Der Fortbestand der Sophienhöhe als Einrichtung wird von seiner Frau und seinen Kindern gewährleistet, die Arbeit künftig von einem Kuratorium begleitet.

In dem Resümee (Kapitel 7) wird noch einmal herausgestellt, dass vor der einheitlichen Regelung des Umgangs mit erziehungsschwierigen und verwahrlosten Kindern und Jugendlichen, Erziehungsnöte bei Kinder und Jugendlichen aus wohlhabenden Familien keine große Beachtung fanden und damit auch keine ernsthaft zu erwägenden Optionen hinsichtlich ihrer Betreuung bestanden. Johannes Trüper entwickelte ein funktionierendes Modell von heil- und sozialpädagogischen Hilfeleistungen für diese Kinder und Jugendlichen. Dabei konnte er auf entsprechende vorliegende Überlegungen zurückgreifen. So hatte Ludwig Strümpell in seiner „Pädagogischen Pathologie“ (1890) bereits solche Kinderfehler beschrieben, die für Kinder des Bürgertums typisch gelten konnten. Auch die Fallstudien von J.L.A. Koch über psychopathische Minderwertigkeiten entsprechen dem (groß-)bürgerlichen Milieu. Entsprechend akzentuiert sind also auch die Konzepte bezogen auf „psychopathische Minderwertigkeiten“ und der „pädagogischen Pathologie“. In diesem Sinne muss Johannes Trüper auch von Beginn an als ein konsequenter Vertreter der Kochschen Psychopathielehre angesehen werden.

Diskussion

Johannes Trüper richtet seine Bemühungen auf die Probleme gestörter und behinderter Kinder und Jugendliche aus, die üblicherweise die Realschule bzw. das Gymnasium besuchen und sich hier als überfordert bzw. erziehungsproblematisch zeigen. Typisch ist – bezogen auf diese Problemlagen – die damals zunehmende Diskussion der „Überbürdungsfrage“. Im Wiederaufgreifen der Psychologie und Erziehungstheorie Herbarts wird diese Problematik allerdings zunehmend psychologisiert. Folglich wandelte sich auch die „Theorie der Kinderfehler“, insbesondere durch Ludwig Strümpells erstmals 1890 erschienenes Buch „Die pädagogische Pathologie oder die Lehre von den Fehlern der Kinder“. Diese Vorstellungen verknüpfen sich mit der „Lehre von den pschopathischen Minderwertigkeiten“ von J.L.A. Koch, die 1891-1893 erscheint. Damit erlangt diese Linie der Theorieentwicklung ihre endgültige Form, wie wir sie dann bei Johannes Trüper und in der seit 1896 herausgegebenen Zeitschrift „Die Kinderfehler“ finden. Die Rezeption der „Psychopathischen Minderwertigkeit“ führt jedoch sehr schnell zu einer Reduzierung auf die „biologische Minderwertigkeit“, was sich z.B. in der Ablösung der Theorie der psychopathischen Minderwertigkeit von Koch durch die Theorie der psychopathischen Konstitution durch Theodor Ziehen von 1915 ausdrückt.

Die in diesem Buch aufgespannte biographische Rahmenhandlung bildet den Hintergrund für eine Entfaltung systematischer Erkenntnisse über die Heil- und Sozialpädagogik. Dabei ist sowohl interessant, die noch einmal vorstehend skizzierte Theorieentwicklung aus biographischer Sicht gespiegelt als auch herausgearbeitet zu bekommen, mit welchen pädagogischen Vorstellungen versucht wurde, sich dem Problem der schulisch überforderten bzw. erziehungsproblematischen Kindern und Jugendlichen aus „gutem Hause“ zu nähern. Anhand der biographischen Rahmenhandlung kann recht gut gezeigt werden, welche Wege Johannes Trüper meinte gehen zu müssen. Im Spiegel der damaligen Pädagogik und ihrer Entwicklung können seine Vorstellungen durchaus als fortschrittlich und innovativ angesehen werden. Trüper nähert sich mit seinen Vorstellungen in vielfacher Hinsicht der Reformpädagogik, auch wenn er es als notwendig ansieht, seine Vorstellungen von denen Maria Montessoris abgrenzen zu müssen. Letztendlich zeigt sich bei Johannes Trüper aber doch eine tiefe Befangenheit in der Ideologie der Zeit. Dies drückt sich zum einen in der Fixierung auf den Herbartianismus aus, zum anderen in seiner rechtskonservativen politischen Ausrichtung sowie seiner antisozialdemokratische Haltung und seinem latenten Antisemitismus.

In der Entwicklung der Heilpädagogik steht Johannes Trüper jedoch an einer wichtigen Nahtstelle. Im Gegensatz zu den Vorstellungen von Seguin sowie Georgens und Deinhardt wird den medizinisch-psychiatrischen Akzenten eine größere Relevanz eingeräumt. Diese Entwicklung führt dann wenige Jahre später zu Vorstellungen von Asperger, Heilpädagogik sei angewandte Kinder- und Jugendpsychiatrie, sie also ganz den medizinischen Vorstellungen untergeordnet wird. Der gesamte Strang der Entwicklung der Heilpädagogik und ihrer Theorieentwicklung kann natürlich aufgrund der biographischen Rahmenhandlung dieses Buch nicht rekonstruiert werden, obwohl ausgerichtet an der Biographie Johannes Trüpers wesentliche – zeitlich gebundene – Aspekte dieser Entwicklung deutlich herausgearbeitet werden können. Ebenso deutlich herausgearbeitet werden konnte auf diesem Wege die Eingebundenheit Johannes Trüpers in die politischen und sozialen Strömungen seiner Zeit und seine Auseinandersetzungen mit diesen. Des Weiteren konnte sehr gut gezeigt werden, wie vor dem Hintergrund dieser Eingebundenheit und den eigenen theoretischen Vorstellungen ein Heim organisatorisch und fachlich gestaltet werden kann.

Fazit

Ich kann dieses Buch all jenen empfehlen, die sich für die Entwicklung der Heilpädagogik in theoretischer wie auch praktischer Sicht interessieren. Mit dem vorliegenden Buch wird das Leben und Werk von Johannes Trüpers in Form einen Biographie hervorragend kritisch gewürdigt. Dies geschieht auf einer breiten Quellenlage, auf die im Text immer wieder – die Zusammenhänge verdeutlichend – verwiesen wird.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Störmer
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Norbert Störmer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Norbert Störmer. Rezension vom 01.03.2011 zu: Alexandra Schotte: Heilpädagogik und Sozialpädagogik. Johannes Trüper und die Sophienhöhe in Jena. Garamond Verlag (Jena) 2010. ISBN 978-3-941854-11-6. Reihe: Pädagogische Studien und Kritiken - Band 8. Edition Paideia. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10041.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!