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Margarita Hense (Hrsg.): Fachberatung für Kindertageseinrichtungen

Cover Margarita Hense (Hrsg.): Fachberatung für Kindertageseinrichtungen. Erfolgschancen erhöhen ; [mit 11 Tabellen]. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 192 Seiten. ISBN 978-3-525-70127-0. D: 19,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 29,50 sFr.

Reihe: Frühe Bildung und Erziehung.
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Thema

Durch die Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren, die vorrangig auf die Wirksamkeit von Fachberatung ausgerichtet sind, soll auf den hohen Stellenwert der Fachberatung im Rahmen der qualitativen Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen aufmerksam gemacht werden.

HerausgeberIn

Dr. Margarita Hense hat eine Ausbildung als Erzieherin und einen Abschluss als Diplompädagogin. Sie war 30 Jahre lang Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen und ist als freie Trainerin im Raum Paderborn tätig.

Entstehungshintergrund

Aufgrund der Herausgabe von Bildungsplänen, Bildungsprogrammen u. ä. für die Kindertageseinrichtungen steigen auch die Anforderungen an Fachberatung. Parallel dazu wurden die Stellen für Fachberatung deutschlandweit ausgeweitet. Nun ist es erforderlich, in die Qualität und Wirksamkeit des Leistungsangebotes zu investieren, deshalb soll mit dem Buch das dafür erforderliche Bewusstsein geschaffen werden.

Aufbau

Im Buch sind 12 verschiedene Aufsätze unterschiedlicher Autorinnen und Autoren versammelt.

Einleitung

Der Einleitung sind 3 Aufsätze zugeordnet. Zunächst stellt Margarita Hense die Fachberatung im Spiegel der Fachliteratur vor. Dabei beleuchtet sie Definitionen, Kernaufgaben, Kompetenzen und die Rolle von Fachberatung. Anschließend stellt sie in einem weiteren Text ihre empirische Studie zur Wirksamkeit von Fachberatung vor, bei der mittels Fragebogen 337 Erzieherinnen als Adressatinnen von Fachberatung befragt wurden. So wurde bei der Auswertung festgestellt, dass Fachberatung nur eingeschränkt wirksam ist und scheinbar Qualifikationsdefizite bei Fachberaterinnen bestehen. Maria-Theresia Münch nimmt dann eine Standortbestimmung vor und stellt Ansätze zur Neuorientierung vor. Dabei werden fachpolitische Diskurse der vergangenen Jahrzehnte analysiert und rechtliche Rahmenbedingungen erläutert. Die Autorin stellt fest, dass zwar der Begriff Fachberatung etabliert ist, aber im Konkreten eher eine diffuse Zuschreibung von Aufgaben, Rollen und Funktionen existiert, Forschung kaum verankert ist. Sie bezeichnet Fachberatung deshalb als einen „unechten Anlernberuf“ (S. 46). Im Fazit wird eine explizite Hochschulausbildung für Fachberatung, die modular, durchlässig und praxisorientiert sein muss, ebenso ein träger- und länderübergreifendes Fortbildungskonzept und ein quantitativer Standard für die personelle Ausstattung von Fachberatung gefordert.

Aus der Sicht der Wissenschaft

Die Wirksamkeit der Fachberatung im Freistaat Sachsen wurde in einer Studie im Rahmen eines Forschungsprojektes „Evaluierung der Personalausstattung in Kindertageseinrichtungen sowie Struktur und Angebote der Fachberatung für Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege in Sachsen“ 2007/2008 erhoben, welche von Katja Grenner und Katrin Gralla-Hoffmann mit Beschränkung auf die Ergebnisse zur Fachberatung vorgestellt wird. Ziel der Untersuchung war es, ein detailliertes Bild über die Situation der Fachberatung in Sachsen zu erstellen, eine Analyse des Tätigkeitsfeldes vorzunehmen und Vorschläge zur Optimierung der Wirksamkeit des Stützsystems Fachberatung zu erarbeiten. Neben einer repräsentativen Befragung von 1000 Einrichtungen wurden 89 als Fachberaterinnen identifizierte Personen befragt, von den sich 74 (83 %) an der Untersuchung beteiligt haben. So zeigte sich, dass 2/3 aller Fachberaterinnen neben der Fachberatung weitere Tätigkeitsfelder zu bearbeiten haben. Im Durchschnitt nimmt die Fachberatung nur gut die Hälfte der Arbeitszeit ein. Dabei ist die Fachberatung häufig durch eine „Komm-Struktur“ (S. 69) geprägt, weniger findet sie auf Initiative der Fachberaterinnen statt. Fachberaterinnen betreuen zwischen 42,6 und 80,6 Einrichtungen, damit wird die Empfehlung des Landesjugendamtes von 20 – 25 Einrichtungen weit überschritten. In den zurückliegenden 12 Monaten musste ein gutes Drittel der Kindertageseinrichtungen ohne Kontakt zur Fachberatung auskommen. Insgesamt wird die Wirksamkeit der Fachberatung als wenig zufriedenstellend betrachtet und die Entwicklung eines Kompetenzprofils gefordert.

Rainer Dollhase widmet sich in seinem Artikel der Notwendigkeit einer erziehungspraktischen und einer erziehungswissenschaftlichen Infrastruktur als Grundlage für die Fachberatung. Ausgehend von der These, dass man Gruppenmanagement durch das Tun und nicht durch das Bücher lesen erlernen kann, fordert er, dass Fachberaterinnen und LehrerInnen an Fachschulen und Lehrende an Hochschulen regelmäßig selbst praktisch tätig sind.

Aus der Sicht der Träger

Jörg Walter betrachtet in seinem Text Kindertageseinrichtungen und Fachberatung als im Wandel befindlich. Er stellt fest, dass zwar die Anforderungen an Kindertageseinrichtungen anspruchsvoller geworden sind, aber die Finanzmittel unzureichend sind. Deshalb muss der Kompetenzausbau als wesentlicher Aspekt der Personalentwicklung betrachtet werden. Das pädagogische Personal sollte in Anteilen (z. B. für Fachberatung und in Leitungsfunktionen) verbindlich akademisiert werden. Fachberatung hat aber nicht nur die den Träger entlastende Aufgabe der Mitsteuerung in der Personalverantwortung. Auch im System des Qualitätsmanagements kommt ihr eine wichtige Funktion zu, da den Trägern der Evangelischen Kirche zwei Qualitätsmodelle zur Verfügung stehen, das Evangelische Gütesiegel nach BETA und die Zertifizierung nach DIN ISO 9001:2009. Fachberatung kommt dabei die Aufgabe zu QM-Beauftragte, Moderatorin, Anbieter für unterstützende Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen und interne Auditorin zu sein.

Pia-Theresia Franke widmet sich in ihrem Beitrag den Profilbildungen in veränderten Strukturbedingungen, exemplarisch aus der Sicht eines kirchlichen Anstellungsträgers. Sie stellt fest, dass es sowohl trägerspezifischer als auch externer Fachberatung bedarf, weil interne Fachberatung der Gefahr der Betriebsblindheit unterliegt. Fachberatung ist für katholische Kindertageseinrichtungen sowohl ein qualitatives als auch ein steuerndes Element, deshalb muss sich Fachberatung in dieser Trägerschaft ein ausdifferenziertes Qualifikationsprofil erarbeiten.

Aus der Sicht der Fachberater

Ulrich Braun zeigt in seinem Beitrag, wie Fachberatung mit Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in städtischen Kindertageseinrichtungen und Familienzentren in Recklinghausen das Profil der Kindertageseinrichtungen ausgestaltet und weiterentwickelt hat. Dies auch zukünftig zu sichern, bedarf einer guten Strukturqualität von Fachberatung. Der Autor stellt auch fest, dass Fachberatung gegenwärtig die unzureichende Fachlichkeit der Frühpädagogik mit repräsentiert, weil es zu wenig Fachdiskurse und zu wenige Diplompädagoginnen mit dem Studienschwerpunkt Frühpädagogik in Fachberatungen gibt.

Jörg Asmussen geht auf das Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit ein. Dabei verwendet er den Begriff „pädagogische Fachberatung“, um die Funktion der fachlichen Beratung von Kindertagesbetreuung genauer zu beschreiben. Eine Reduktion des Leistungsspektrums von Fachberatung auf Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen lehnt er ab, das sei eher Aufgabe von Fortbildnern. Er fordert zum Kampf für das Ziel auf, pädagogische Fachberatung rechtlich und tarifbezogen als Berufsbezeichnung abzusichern. Weiterhin äußert er sich u. a. zum Leistungsspektrum, den Arbeitsformen und den Rahmenbedingungen der Wirksamkeit von pädagogischen Fachberatungen sowie dem Einfluss von Qualifikation, Praxiserfahrung und Fort- bzw. Weiterbildung. Dafür ist mehr Zeit für Fachberatung und eine trägerübergreifende Vernetzung erforderlich.

Hilke Gerber, selbst Fachreferentin für Fachberatung in der Erzdiözese München und Freising, beschreibt, wie Fachberatung durch Einzelberatung, regionale Konferenzen für Leiterinnen und für Träger, Vertretung in Gremien, Informationsvermittlung und Arbeitshilfen sowie Fachtage in Bayern Akzente setzen kann.

Aus der Sicht der Kita

Karin Rock beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den Erfordernissen und Anforderungen an Fachberatung. Dabei bemängelt sie, dass Gruppenerzieherinnen zu wenig Zugang zu Fachberatung haben, weil diese sich häufig in der Organisation und Ausführung von Fortbildungen erschöpft, allenfalls noch Leitungskräfte von ihr unterstützt werden. Fachberatung und Supervision müssen fester Bestandteil der Kindergartenarbeit werden, mit genügend Ressourcen und Zeit. Anhand von Beispielen zeigt die Autorin auf, was sie unter guter Fachberatung versteht.

Gisela Buschmeier resümiert selbstreflexiv Erfahrungen und Erwartungen aus der Sicht der erfahrenen Leiterin einer Kindertageseinrichtung. So stellt sie fest, dass Fachberatung Leitung entlasten kann.

Diskussion

Das vorliegende Buch über Fachberatung ist eines, was absolut nötig ist, denn – wie in den Texten mehrfach festgestellt – gibt es in Deutschland eine unübersichtliche Landschaft im Hinblick auf Fachberatung. Pia-Theresia Franke bemerkt, dass das Thema Fachberatung „wieder in die öffentliche Fachdiskussion zurückgekehrt“ ist (S. 109). Durch die Beiträge der verschiedenen Autorinnen und Autoren wird der akute Handlungsbedarf in Deutschland im Hinblick auf die Quantität und die Qualität der Fachberatung von Kindertageseinrichtungen deutlich. Klar wird herausgestellt, dass die Fachberaterinnen selbst die Qualitätsentwicklungsprozesse der Fachberatungen in Gang setzen müssen, sie müssen für bessere Rahmenbedingungen, verbindliche Regelungen und Qualifizierungen kämpfen und sich vernetzen. Die im Buch vorgestellten Studien zeigen ein erschreckendes Bild über den Zustand der Fachberatungen von Kindertageseinrichtungen heute. Alle 12 Aufsätze sind gut mit Quellen belegt, so dass ein vertiefendes Einarbeiten in die Thematik möglich wird.

Fazit

Mit dem vorliegenden Buch werden Politik, Anstellungsträger, Tarifpartner und die Fachberatungen selbst aufgefordert, für adäquate Rahmenbedingungen, Qualifizierungsmöglichkeiten und eine hohe Qualität von Fachberatung zu sorgen, denn nur so kann sie die geforderten Wirkungen erreichen.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 04.03.2011 zu: Margarita Hense (Hrsg.): Fachberatung für Kindertageseinrichtungen. Erfolgschancen erhöhen ; [mit 11 Tabellen]. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-70127-0. Reihe: Frühe Bildung und Erziehung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10045.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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