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Waltraud Weegmann, Carola Kammerlande (Hrsg.): Die Jüngsten in der Kita

Cover Waltraud Weegmann, Carola Kammerlande (Hrsg.): Die Jüngsten in der Kita. Ein Handbuch zur Krippenpädagogik. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. 341 Seiten. ISBN 978-3-17-020957-2. 32,00 EUR.
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Thema und Zielgruppen

Im Zentrum des Handbuches steht die öffentliche Tagesbetreuung von Kindern im Alter unter drei Jahren vor dem Hintergrund aktueller fachlicher und politischer Entwicklungen. Die Herausgeberinnen wenden sich insbesondere an Fachleute bei Kommunen und Trägern sowie an „alle an früher Kinderbetreuung Interessierte“. Das Handbuch soll ihnen als Argumentationshilfe und zur Unterlegung fachlicher Standpunkte dienen. Desweiteren soll es Studierenden einen Einstieg in das „Krippen-Thema“ bieten und helfen, „Aspekte zu ermitteln, weiterzuverfolgen und zu vertiefen“.

Herausgeberinnen

Die beiden Herausgeberinnen gehören der Geschäftsführung der Konzept-e für Kindertagesstätten gGmbH an, einem auf die betriebliche Kindertagesbetreuung spezialisiertem Beratungsunternehmen in Stuttgart, das in enger Kooperation mit dem Träger Kind e.V. steht. Waltraud Weegmann ist Diplom-Oekonomin und Carola Kammerlander Diplom-Pädagogin. Die Herausgeberinnen fungieren gleichzeitig als Autorinnen: Waltraud Weegmann mit einem Beitrag im ersten Abschnitt, in dem es um gesellschaftliche Aspekte der Krippenbetreuung geht und Carola Kammerlander im vierten Abschnitt, der Themen aus der Praxis beinhaltet.

Entstehungshintergrund

Für die Entstehung des Handbuches wurden laut Aussage der Herausgeberinnen „viele renommierte Wissenschaftler/ -innen und Praktiker/ -innen gewonnen“. Es soll einen Überblick über zentrale pädagogische Aspekte bei der Betreuung, Bildung und Erziehung bieten und dabei sowohl theoretische als auch praktische Erkenntnisse berücksichtigen. Wichtig ist den Herausgeberinnen auch der Blick auf historische und gesellschaftliche Zusammenhänge. Sie möchten mit dem Handbuch „der Diskussion um gute Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern in Deutschland neue Impulse geben“, wie sie in ihrem Vorwort betonen. Der Begriff der „Krippenpädagogik“ wird trotz seiner kritischen Diskussion als eingeführt und allgemein gebräuchlich erachtet und vor diesem Hintergrund als Titelzusatz beibehalten.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Handbuches gliedert sich in fünf Abschnitte mit insgesamt 23 Fachbeiträgen:

  1. Gesellschaftliche Aspekte
  2. Frühkindliche Bildung und Entwicklung
  3. Die Jüngsten in der Kita – Grundpfeiler der Pädagogik
  4. Die Jüngsten in der Kita – Themen der pädagogischen Praxis
  5. Qualität sichern

Jeder Abschnitt – bis auf den letzten, der aus nur zwei Aufsätzen besteht – enthält vier bis sechs Fachbeiträge von Vertretern aus Wissenschaft, Forschung und Lehre als auch aus Praxis, Management, Weiterbildung und Beratung. Dabei kommen sowohl bekannte als auch weniger bekannte AutorInnen aus unterschiedlichen Professionen zu Wort:

  • Entwicklungspsychologie (Klaus Fröhlich-Gildhoff, Hellgard Rauh, Janna Pahnke, Sabina Pauen),
  • Verhaltensforschung (Joachim Bensel, Gabriele Haug-Schnabel),
  • Medizin (Rüdiger Posth),
  • Neurobiologie (Manfred Spitzer),
  • Frühkindliche Bildung und Erziehung, Frühpädagogik und Erziehungswissenschaft (Marjan Alemzadeh, Sibylle Fischer, Henriette Harms, Èva Hédervári-Heller, Karin Jampert, Dagmar Kasüschke, Anke König, Iris Nentwig-Gesemann, Janna Pahnke, Gerd E. Schäfer, Stefanie Schwarz, Jorina Senger, Ursula Stenger),
  • Sozialarbeit (Wiebke Wüstenberg),
  • Sozialpädagogik (Kornelia Schneider),
  • Sportpädagogik (Julia Schmidt,),
  • Sozialpolitik und Volkwirtschaftslehre (Stefan Sell),
  • Informationswissenschaften (Jutta Hinke-Ruhnau).

Die jeweils 8 – 19 Seiten umfassenden Beiträge innerhalb der fünf Abschnitte bearbeiten themenspezifische Fragestellungen und bauen dabei zum Teil aufeinander auf oder heben Einzelaspekte aus Theorie und Praxis hervor. Wie bei Fachartikeln üblich, enden sie jeweils mit einem Verzeichnis der einschlägigen Literatur.

Jedem Fachbeitrag ist ein Foto aus dem institutionellen Kontext der Tagesbetreuung vorangestellt, das szenisch auf das jeweilige Thema hinleitet, hin- und wieder aber auch Kinder abbildet, die vom Alter her nicht die Zielgruppe des Handbuches widerspiegeln. Der obere Seitenrand führt durch das Handbuch, indem auf der linken Seite jeweils der Titel des Abschnittes und auf der rechten Seite der Titel des gerade aufgeschlagenen Fachartikels abgedruckt sind.

Inhaltlich wird folgende Vorgehensweise vorgenommen:

Im ersten Abschnitt Gesellschaftliche Aspekte wird zuerst auf heutige Kindheiten eingegangen, danach die Geschichte der außerfamiliären Betreuung unter Dreijähriger in den Blick genommen, um in den beiden anschließenden Beiträgen die Rahmenbedingungen des Ausbaus von Einrichtungen darzulegen sowie ihre gesellschaftliche Bedeutung hervorzuheben.

„Wie lernen Kinder?“ wird als Auftakt zum zweiten Abschnitt Frühkindliche Bildung und Entwicklung gefragt. Es folgen zwei kurze einführende Beiträge über entwicklungspsychologische Grundlagen der Zielgruppe, wobei der zweite mit einer römischen Zwei gekennzeichnet ist. Warum der erste der beiden thematisch im Zusammenhang stehenden Vorträge nicht mit der römischen Eins versehen wurde, bleibt unklar. In ihm werden wesentliche Entwicklungsetappen der vorgeburtlichen Entwicklung sowie des Säuglingsalters beschreibend dargestellt, während der zweite Artikel die Ein- bis Dreijährigen vor allem hinsichtlich sozial-kognitiver Entwicklungsschritte in den Blick nimmt. Beide Beiträge bauen also inhaltlich aufeinander auf. Zwei nächste Artikel gehen auf Bindung sowie auf Frühkindliches Selbstempfinden als zwei grundlegende Entwicklungsphänomene ein, die in dieser Altersgruppe wirksam werden. Den Abschnitt beschließt ein zusammenfassender Überblick über klassische und moderne entwicklungspsychologische Konzepte und Theorien, wobei eine Klassifikation der Modelle eingeführt wird.

Als Grundpfeiler der Pädagogik werden im dritten Abschnitt zuerst Ziele der Frühpädagogik diskutiert, wobei der Fokus auf Bildung und pädagogische Qualität gelegt wird. Die nächsten vier Artikel befassen sich mit entwicklungstypischen Bildungsbereichen kleiner Kinder: Denken und Lernen, Bewegung, Sprache sowie Lernen und Spielen in Interaktion. Deutlich wird in allen Beiträgen die hohe Bedeutung von Dialog, Interaktion und Beziehungspflege herausgestellt. Die herausragende Rolle der Eltern für die kindliche Entwicklung wird immer wieder betont. Aber auch der Bedeutung von Kontakten zu Gleichaltrigen wird Raum gegeben. Der letzte Beitrag nimmt wiederum eine umfassendere Perspektive ein, indem er auf Ausdrucksformen von Kindern der Zielgruppe eingeht und deren ästhetische Gestaltungsmöglichkeiten in verschiedenen Handlungsformen beschreibt.

Wenn es im vierten Abschnitt um Themen der pädagogischen Praxis geht, wird auf die Eingewöhnung, auf anregende Materialien für die Altersgruppe, auf die Dokumentation von Bildungsprozessen der Kinder sowie auf die Erziehungspartnerschaft mit Eltern eingegangen. Hierbei wird die jeweilige Perspektive der beteiligen Akteure – die des Kindes, die der Eltern und die der pädagogischen Fachkräfte – verdeutlicht und Handlungsbegründungen sowie -prämissen abgleitet. Auch hier geht es darum, eine hohe pädagogische Qualität zu begründen und vor dem Hintergrund fachlicher Professionalität darzustellen. Abschließend in diesem Abschnitt werden Impulse als pädagogische Intervention bzw. als „Entwicklungsanreize“ vor dem Hintergrund der element-i-Konzeption für Kinderhäuser dargestellt, wobei das Bild des Kindes und die Haltung der pädagogischen Fachkräfte zum Kind im Zentrum stehen.

Der fünfte und letzte Abschnitt Qualität sichern wird wiederum mit einer Frage eingeleitet: „Gut ausgebildet für die Jüngsten?“ Es werden die gegenwärtig in Deutschland vorhandenen Ausbildungsgänge knapp dargestellt und ein curriculares Modell für die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren entworfen. Der zweite Beitrag des letzten Abschnittes diskutiert den Qualitätsbegriff im gesamten Bildungsbereich, um ihn dann für die frühkindliche Betreuung zu operationalisieren. Dabei werden Ergebnis-, Struktur- und Prozessqualität jeweils für das Kind, die Eltern sowie die pädagogischen Fachkräfte beschrieben.

Diskussion

Es ist nicht einfach, ein Grundlagenwerk zu einer sich gerade neu etablierenden Disziplin, wie es die Frühpädagogik ist, zu verfassen. Diese Schwierigkeit eröffnet sich bereits zu Beginn, wenn es um die Benennung des Handlungsfeldes der Betreuung der unter Dreijährigen als solches geht. Die Verwendung des etablierten, jedoch veralteten Begriffes der Krippenpädagogik impliziert einen Betreuungsansatz und lässt dahinter das Bildungsanliegen moderner frühpädagogischer Einrichtungen verblassen – was jedoch dem Anliegen des Handbuches gerade nicht entspricht.

Die Inhalte der Beiträge widerspiegeln ohne Frage die aktuelle Fachdiskussion und geben Einblick in wesentliche Aspekte der Praxis der Frühen Kindheit. Dabei wird der Versuch deutlich, einerseits der Breite der Thematik gerecht zu werden und zum anderen Konzepte und Fragestellungen hervorzuheben, die sowohl grundlegende theoretische Fragestellungen der Kleinkindpädagogik behandeln als auch neuere Handlungskonzepte fokussieren. Die Kürze der Beiträge erfordert bei diesem Anliegen allerdings Kompromisse und stellt an die Autoren die Aufgabe, sich stark zu bündeln, was einige von ihnen auch direkt zum Ausdruck bringen. Hinzu kommt der multidisziplinäre Zugang, dem die Herausgeberinnen gerecht zu werden versuchen. Er eröffnet neue und ungewohnte Sichtweisen neben klassischen und wohlbekannten Ansätzen und verdeutlicht damit vor allem die Breite des Themenfeldes.

Der Aufbau des Handbuches ist schlüssig und durch seine optische Gestaltung – Einbindung von Fotografien, Tabellen und Abbildungen – ansprechend. Die einzelnen Abschnitte sind übersichtlich gegliedert und ermöglichen eine leichte Orientierung im jeweiligen Thema.

Die einzelnen Fachbeiträge wurden mit Bedacht in thematisch aufeinander aufbauende Abschnitte eingeordnet, wobei jeder einzelne Beitrag seine ganz eigene individuelle Struktur und theoretische Leitlinie behält. Dies erzeugt beim Lesen des Gesamtwerkes eine Dissonanz, die man ertragen und kreativ nutzen können muss, wenn man einzelne Fragestellungen in einen Zusammenhang bringen will.

Außerordentlich gut gelungen ist das ausgewogene Verhältnis von theoretischen Zugängen und jeweils daraus abgeleiteten Überlegungen zur Gestaltung von Praxis. Dabei wird immer wieder die Perspektive der beteiligten Akteure gewechselt und zueinander in Beziehung gebracht, so dass der Stellenwert von Interaktion vor dem Hintergrund des Bildungsanspruches und einer Forderung nach hoher pädagogischer Qualität sichtbar wird.

Dieses Handbuch erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem der Ausbau von Betreuungsplätzen sehr stark im öffentlichen Interesse steht und trifft auf eine ausdifferierte bunte Praxis im Feld der institutionellen Kleinkindbetreuung. Es gibt unter Anwendung theoretischer Konzepte Antworten auf drängende Fragen der Praxis und wirft dabei gleichzeitig neue auf. Von daher provoziert es eine kritische Haltung, die Praktiker/innen dabei helfen kann, die erlebte Praxis zu hinterfragen und gibt Hilfestellung, die eigenen Haltungen und Handlungsansätze zu reflektieren.

Fazit

Für Träger von Kindertageseinrichtungen, insbesondere für den Bereich der Fachberatungen sowie als Grundlagenwerk für die Fort- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften im Feld der Frühpädagogik wurde mit diesem Handbuch ein effektives und Professionalität herausforderndes Werk veröffentlicht, das durchaus kontroverse Diskussionen zu provozieren vermag und damit Teamentwicklungs- und institutionelle Wandlungsprozesse in Gang setzen kann.

Für die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften wird das Handbuch als bedingt geeignet eingeschätzt, wobei sicher zwischen den verschiedenen Ausbildungsgängen unterschieden werden muss. Auf jeden Fall ermöglicht das Handbuch eine erste Orientierung in wichtigen Fachfragen, regt Überlegungen an und ermöglicht den Zugang zu einschlägiger weiterführender Literatur. Andererseits könnten die in den Beiträgen aufgezeigten und teilweise differierenden theoretischen und fachlichen Zugänge verwirren und einseitige Gewichtungen provozieren. Sie repräsentieren keine inhaltliche Vollständigkeit. Für eine umfassende Orientierung zu Studienbeginn greift es deshalb zu kurz. Für Studierende im fortgeschrittenen Studium können die einzelnen Beiträge aber durchaus als wertvolle Ergänzung nützlich sein, wenn es um themenspezifische Arbeit geht.


Rezensentin
Prof. Dr. Ines Herrmann
Dipl. Psych., Dipl. Päd., Systemische Familienberaterin und -therapeutin (DFS), Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit / Schwerpunkt Beratung an der FH Erfurt
Homepage www.fh-erfurt.de/soz/so/lehrende/prof-dr-ines-herrmann
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Zitiervorschlag
Ines Herrmann. Rezension vom 11.04.2011 zu: Waltraud Weegmann, Carola Kammerlande (Hrsg.): Die Jüngsten in der Kita. Ein Handbuch zur Krippenpädagogik. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020957-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10047.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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