Georg Bubolz, Heribert Fischer (Hrsg.): Kursbuch Erziehungswissenschaft
Georg Bubolz, Heribert Fischer (Hrsg.): Kursbuch Erziehungswissenschaft. Cornelsen Verlag (Berlin) 2010. 640 Seiten. ISBN 978-3-06-120011-4. 29,95 EUR, CH: 50,60 sFr.
Thema
Erziehung und Bildung sind Praxen. Sie sind aber auch Inhalt einer der beiden, und zwar der (professionellen) Bildungspraxis - in beiden Säulen und auf allen Stufen des Bildungssystems: als Unterrichtsfach in allgemein- und berufsbildenden Schulen (Realschulen und Gymnasien; sozialpädagogische Fachoberschulen, Berufsfachschulen und Fachschulen), als Studienfach in Hochschulen (Universitäten, Fachhochschulen) und als Bildungsthema in der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung.
Das „Kursbuch Erziehungswissenschaft“ ist ein Schulbuch für die gymnasiale Oberstufe, insbesondere in Nordrhein-Westfalen. In diesem Bundesland, aber auch in Brandenburg, Hamburg und Niedersachsen, kann Pädagogik als Abiturfach belegt werden.
Autoren und Herausgeber
Dr. Georg Bubolz, geb. 1951, Gymnasiallehrer für Erziehungswissenschaft, Philosophie und Katholische Religionslehre, ist seit 2001 Schuldezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf. Er ist Herausgeber und Autor von verschiedenen Büchern für den Religions- und Pädagogikunterricht. Zum zweiten Autor, Heribert Fischer, liegen dem Rezensenten keine Informationen vor.
Entstehungshintergrund
Im „Kursbuch Erziehungswissenschaft“ sind offensichtlich, in einem Band, die bisherigen sechs Hefte „Kursthemen Erziehungswissenschaft“ des Cornelsen Verlags zusammengefasst. Als Lehrerband zum vorliegenden Schulbuch liegt das „Kursbuch Erziehungswissenschaft. Handreichungen für den Unterricht“ (vgl. die Rezension) vor.
Aufbau
Das „Kursbuch“, von den Autoren und Herausgebern als „Lese- und Arbeitsbuch“ deklariert, besteht aus drei Teilen. Der mit deutlichem Abstand unfangreichste Teil A lautet „Themen, Texte und Strukturen - Inhalte erarbeiten und erörtern“ ist ein Reader zu pädagogisch relevanten Vorgängen (I und II), Phasen (III und IV) und Zielen (V). Teil B, „Was in Erziehungswissenschaft Methode ist ... - rezipieren, forschen und präsentieren: Methoden lernen und anwenden“, ist neben der Vorstellung von Forschungsmethoden (II) eine Anleitung zu „Lern- und Arbeitstechniken“ bis hin zum wissenschaftlichen Arbeiten (I, III, IV und V). „Das Wichtigste in Kürze - der rote Faden der Prüfungsvorbereitung“ heißt Teil C des Buches. Er enthält zusätzlich zu Zusammenfassungen der Kapitel des Teils A ein „Glossar“ von „Personen“ und „Begriffen“ (VII). In Teil A, dem eigentlichen „Lese- und Arbeitsbuch“, treten Bubolz und Fischer als Herausgeber auf den Plan, in den Teilen B und C, dem Anleitungs- und Nachschlageteil, als Autoren.
Teil A
- Was in Erziehung Sache ist - die pädagogische Perspektive: Nach (1.) einem assoziativen Einstieg in die pädagogische Perspektive folgt (2.) die theoretische Einarbeitung in die Grundbegriffe der Erziehung, Bildung und Sozialisation, die wiederum (3.) kulturell und historisch konkretisiert und relativiert werden.
- Lernen und Entwicklung unter pädagogischen Aspekten: Im Vordergrund steht das Lernen: als Lernen in der Schule, wie es ist (1.) und sein könnte (3.), und aus der Sicht von Psychologie und Biologie (2.). Die Entwicklung wird erst im nächsten Kapitel thematisiert.
- Erziehung, Sozialisation und Identitätsbildung im Lebenszyklus: Dieses Kapitel hätte man auch “Entwicklung und Sozialisation“ überschreiben können. Die beiden Themen werden (1.) mit einem Vorblick von Kindern und einem Rückblick von Erwachsenen eröffnet. Für die Entwicklung werden dann (2.) psychologische (Sigmund Freud, Anna Freud, Erik H. Erikson) und (3.) biologische Gewährsleute (Jean Piaget), für die Sozialisation wird (4.) ein soziologischer Gewährsmann (George Herbert Mead) herangezogen.
- Erziehung in Kindheit und Jugend: Die Lebensphase (1.) der Kindheit wird in praktischer Hinsicht, und zwar im Hinblick auf zwei elementarpädagogische Modelle (Montessori- und Reggio-Pädagogik) betrachtet, während (2.) die Jugend sozialisationstheoretisch thematisiert wird - einerseits allgemein (2.1) und andererseits unter der Perspektive von Störungen im Umgang mit anderen (2.2) und dem eigenen Körper (2.3).
- Werte, Normen und Ziele in der Erziehung: Das letzte Kapitel enthält vier eher disparat anmutende Themen: 1. „Erziehung im Nationalsozialismus“, 2. „Konzepte der Moralerziehung im Überblick“, 3. „Bildungs- und schultheoretische Perspektiven nach PISA“ und 4. “Interkulturelle Erziehung“.
Teil B
- Lern- und Arbeitstechniken: pädagogisch relevante Informationen suchen - verarbeiten - speichern: Es werden Techniken (1.) des Suchens (2.), Lesens (3.), Exzerpierens (4.), Zitierens (5.) und Listens (6.) von Literatur vorgestellt.
- Theoretische Grundlagen: Hermeneutik - Empirie und Statistik - Ideologiekritik: Nach einer kurzen Hinführung zur Frage der Forschungsmethoden (1.) konzentrieren sich die Autoren auf die drei klassischen Paradigmen: Hermeneutik (2.), Empirie (3.) und Ideologiekritik (4.).
- Praxisanregungen: Von der operatorengesteuerten Texterschließung bis zur methodischen Bearbeitung von Klausuraufgaben: Für die Texterschließung unterscheiden die Autoren drei Anforderungsbereiche und entsprechende sogenannte Operatoren (1.): auf dem ersten Niveau die „Textwiedergabe“ (2.), auf dem zweiten „Texte vergleichen“ (3.), auf dem zweiten und dritten „die Argumentation verstehen“ (4.) und auf dem dritten die „Texterörterung und Textbeurteilung“ (5.). Es folgen zwei Praxismodelle zu „Erschließung von problemerörternden/argumentativen Sachtexten“ (6.) und zur „Fallstudie“ (7.) und „Hinweise zur Anfertigung einer Klausurarbeit“ (8.).
- Praxismodelle: Spezifische methodische Hilfen für den Umgang mit einzelnen Unterrichtsmedien in Erziehungswissenschaft: Vorgestellt wird die Arbeit mit visuellen Medien wie „Bildern der Kunst/Fotografien“ (1.), „Karikaturen“ (2.) und „Filmen/audiovisuellen Texten“ (3.).
- Praxisanregung: Ergebnisse präsentieren - zum Beispiel: Ein Referat in Erziehungswissenschaft halten
Diskussion
Der erste und umfangreichste Teil des Buches, das eigentliche „Lese- und Arbeitsbuch“, enthält eine Vielzahl für die fünf Themengebiete ausgewählter Texte. Es handelt sich, soweit der Eindruck, mehrheitlich um Textauszüge aktueller Sekundärliteratur, die verständlich verfasst worden und pädagogisch relevant sind. In diesem Sinne ist die Textauswahl niedrigschwellig getroffen worden, weil die Lektüre klassischer Primärliteratur voraussetzungsvoller ist. Die Texte werden unter den jeweiligen thematischen Perspektiven mit kurzen Überschriften und Überleitungen geschickt montiert und kombiniert und mit anschließenden Fragen für die häusliche Lektüre und den Unterricht versehen.
Die Bezeichnung „Lese- und Arbeitsbuch“, die die Herausgeber und Autoren für ihr Werk gewählt haben, ist treffend. Es handelt sich um ein Arbeitsbuch, das zum eigenständigen Erarbeiten der Thematik, ob im Unterricht oder zuhause, geeignet ist, aber weniger als Lehrbuch. Funktionen eines Lehrbuchs beinhaltet allerdings Teil C.
Fazit
Das Kursbuch bietet eine rundum gelungene Material-, insbesondere Textsammlung zu Fragen der Erziehung, Bildung und Sozialisation - nicht nur für den Unterricht.
Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Fachhochschule Mainz
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 11.08.2011 zu: Georg Bubolz, Heribert Fischer (Hrsg.): Kursbuch Erziehungswissenschaft. Cornelsen Verlag (Berlin) 2010. 640 Seiten. ISBN 978-3-06-120011-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10049.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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