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Mihaly Csikszentmihalyi: Kreativität

Cover Mihaly Csikszentmihalyi: Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 8. Auflage. 645 Seiten. ISBN 978-3-608-94656-7. 32,00 EUR.
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Thema

Das zur Rezension anstehende Buch ist die Neuauflage des zehn Jahre alten ‚Klassikers‘. Eigentlich müsste es oft genug rezensiert worden sein. Was lässt sich also anlässlich des Erscheinens der – unveränderten - achten Auflage der deutschen Übersetzung noch Neues schreiben? Zunächst einmal, dass unser Bedürfnis nach Informationen und nach Ratschlägen zum Thema Kreativität ungebrochen zu sein scheint. Und tatsächlich bewerben die Klappen- und Umschlagtexte des Verlages dieses Buch als einen Leitfaden des Kreativwerden Könnens und gleichsam als Heilslektüre für jedermann von uns auf dem Weg aus dem Tal der Tränen der Ideenlosigkeit. Die entsprechenden Formulierungen lauten: ‚Das Unmögliche schaffen‘, ‚Grenzen überwinden‘, ‚einfache Wege zu mehr Originalität‘, ‚Anleitung kreativer zu werden‘. Bevor der Gehalt dieser Versprechungen überprüft wird, muss auf den Autor und unter dem Stichwort ‚flow‘ auf die Vorgeschichte des Buches eingegangen werden, weil sonst wichtige Vorinformationen fehlen, ohne die das Buch weniger gut einzuordnen ist.

Autor

Der Autor hat durch zwei Sachverhalte weltweite Bekanntheit erlangt: Durch die Beschreibung des so genannten Flow-Phänomens und durch seinen schwierigen Namen. Zu letzterem gibt es zwei Ausspracheempfehlungen: Einmal die von Hans Aebli 1985 in der Einführung zu seiner Herausgabe des ‚Flow-Erlebnisses‘ (‚Tschiksentmihail‘), und einmal eine auf dem Klappentext des zur Rezension anstehenden Buches (‚Tschik Sent Mihaji‘). Testen Sie selbst.

Csikszentmihalyi ist Amerikaner ungarischer Herkunft. Er wurde 1934 in Fiume geboren, das damals ein Teil Italiens war. Heute heißt es Rijeka; jetzt gehört es zu Kroatien. Er wanderte im Alter von 22 Jahren in die USA aus und studierte dort Psychologie. Nach seinem Abschluss schlug er eine Hochschulkarriere ein: Vor seiner Emeritierung lehrte er an der Universität von Chicago; davor hatte er an den University Colleges von Claremont in Kaliforniern und Lake Forest in Illinois gearbeitet.

Er gilt als führender Kopf einer positiven Psychologie im Gefolge Martin Seligmans, die sich mit den Stärken des menschlichen Gemütes beschäftigt und nicht mit den Abgründen der Seele. International bekannt wurde er durch sein erstes Buch zum Thema ‚flow‘ (1975; deutsch 1985), das sich der Darstellung genau dieser menschlichen Stärken widmete. Dem ersten Flow-Buch folgten noch zwei weitere zum gleichen Thema. Die ‚Kreativität‘ schließt sich nahtlos an diese Serie an. Der Flow kommt hier auch vor.

Zum ‚flow‘

Der Terminus beschreibt die Gemütsverfassung während des fortlaufenden Prozesses einer individuellen Handlung: Der Handelnde geht vollends in seinem Tun auf und beglückt sich durch das Geschehen während der Handlung selbst und durch den Erfolg. Handeln und Lernen sind eins; und auch wenn der Handelnde zutiefst in sein Handeln eintaucht, geschieht dies stressfrei. Da ist etwas im Fluss. Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt neu und auch Wikipedia hat schon daran erinnert, dass das ‚flow‘ der ‚schöpferischen Leidenschaft‘ ähnelt, die der Erlebnispädagoge Kurt Hahn im Erziehungsprozess des Heranwachsenden entfachen wollte und auch an Maria Montessoris Erkenntnis der „Polarisation der Aufmerksamkeit“ im kindlichen Spiel; Tom Senningers Lernzonenmodell innerhalb des Erfahrungslernens seinerseits nimmt Momente des flow auf. Der Terminus ist besonders, der Sachverhalt aber geläufig.

Flow als Bezeichnung eines Zustands im Glück taucht dann auch wieder in der ‚Kreativität‘ auf, als Zustand, in den Menschen geraten, wenn sie gänzlich in euphorischer Stimmung in einer Beschäftigung aufgehen, nicht während der Freizeit oder in Kontemplation, sondern vielmehr bei intensiver Arbeit. Flow passiert in einem Schwebezustand mittlerer Anspannung - zwischen Angst und Langeweile. Das war auch der Untertitel des ersten Flow-Buches – zumindest im Deutschen. Im Original ist das der Titel selbst: ‘Beyond Boredom and Anxiety – The Experience of Play in Work and Games‘. Der Begriff ‘Flow‘ ist von Hans Aebli, dem Herausgeber der deutsche Ausgabe im Titel platziert worden; die ersten amerikanischen Ausgaben hatten ihn gar nicht, und die späteren nur in einem dann veränderten Untertitel.

Genau umgekehrt erwähnt der Autor des zur Rezension anstehenden Buches im amerikanischen Untertitel der ‚Kreativität‘ den Begriff Flow ausdrücklich (‚Flow and the Psychology of Discovery and Invention‘), während die deutsche Übersetzung ohne Flow auskommt (‚Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden‘). Anscheinend steht einem Aufschwung des Flow in Amerika ein Abschwung in Deutschland entgegen. Wie dem auch sei, sind wir jetzt klüger, was den Inhalt der ‚Kreativität‘ angeht. Wir wissen: Es geht auch um ‚flow‘. Und deshalb können wir bereits vor Beginn der Lektüre schlussfolgern: Wir werden es mit glücklichen Menschen zu tun bekommen, die ausgeglichen und in mittlerer Anspannung ihr ausgezirkeltes Tagewerk verrichten und dabei Großes leisten. Und während wir es im Flow-Erlebnis mit den Extremsportlern und positiven Workaholics zu tun hatten, steigen wir jetzt in den Olymp der temperierten Geistes- und Literaturheroen auf. Die ‚Kreativität‘ versammelt knapp hundert von ihnen, lässt sie zu Wort kommen, analysiert sie und zieht Schlussfolgerungen – auch für uns und die Entwicklung unserer Kreativität. Nach langer Vorrede zum Buch selber.

Aufbau

Beim ersten Durchblättern wirkt es ein wenig uneinheitlich, weil Kapitel und Teile quer zueinander stehen: Es beginnt mit Kapitel 1 und der Beschreibung eines ‚äußeren Rahmens‘; das ist gleichsam eine lang geratene Einleitung (9-37). Danach folgen – beginnend mit Kapitel 2 - die Teile I -III als ‚Der kreative Prozess‘(41-215), ‚Die Lebensgeschichten‘ (217-335) und ‚Domänen der Kreativität‘ (337-529). Den Abschluss bilden eine Kreativitätsanleitung am Ende der dritten Teils (488-530) und zwei Anhänge (531-565): Einmal gibt es einen kurzen Ratgeber »Die Förderung der persönlichen Kreativität« (das ist der Teil für uns Normalos), und außerdem Kurzbiographien der im Buch vorgestellten ‚Kreativen‘, zusammen mit einem Interviewleitfaden, mit dessen Hilfe die Kreativen befragt worden waren.

Der äußere Rahmen liefert eine Beschreibung von Kreativität als einem rätselhaftem Schaffensprozess, der nach außen dringt und der bekannt wird, wenn in einer Interaktion der drei Elemente Kultur, Einzelperson und Experten das kreative Produkt geschaffen, wahrgenommen und gleichzeitig als Außergewöhnliches bewertet wird. Diese Trias sei notwendig; sie wird mit einer Explosion verglichen, die nur stattfinde, wenn die drei Elemente Funke Luft und Brennmaterial miteinander reagieren.

Es geht um große Kreativität, den grellen Geistesblitz, der auch von ‚tout le monde‘ als solcher gesehen wird. Hier heben sich Kreative vom Durchschnitt ab. Diese Kreativen sind keine leidenden Genies, die sich Ohren abschneiden oder jung verkümmern, sondern glückliche Menschen. Wir erfahren nicht, was Kreativität ist. Das liegt daran, dass der Autor die Frage Was ist Kreativität? in die Frage: Wo entsteht Kreativität? transformiert. Wir erfahren etwas über die Rahmenbedingungen und über Kontexte, über Freunde, glückliche Lebensumstände und Förderer. Hier zeigt sich Csikszentmihalyi als Systemiker, der Kreativität nicht als individuelle Tat versteht, sondern erst im Zusammenspiel von Domäne (dem Kulturbereich), Individuum und Feld (der Fachwelt) entstehen sieht. Im Umkehrschluss bleibt der Kreative solange das verkannte Genie, bis sich eine Schar von Kundigen seiner annimmt. Der lange Zeit verkannte van Gogh wurde – so gesehen – erst kreativ „als eine ausreichend große Zahl von Kunstexperten den Eindruck gewannen, dass seine Gemälde einen wichtigen Beitrag zur Kunstdomäne darstellten“. Ohne diese Expertise wäre er „ein kranker Mann, der seltsame Bilder malte“ geblieben. (51)

Teil 1: Der kreative Prozess

Hier werden im Anschluss an das ‚Flow-Erlebnis‘ Bewegungen im Flow beschreiben.

Der kreative Prozess stellt für Csikszentmihalyi eine spezifische Form von geistiger Aktivität dar, deren Grenzen man beachten solle. Der Begriff werde normalerweise zu weit gefasst. Seine Form unterscheidet sich von landläufigen Sichtweisen, die Unkonventionelle, Individualisten und sogar Spinner in die Gruppe der Kreativen mit einschließen. Um diesen Unterschied deutlich zu machen, bildet er drei Gruppen:

  • Menschen mit ungewöhnlichen Ideen oder geistreichem Auftreten ("brillante Menschen")
  • Menschen mit ungewöhnlichen und originellen Erlebnissen und möglicherweise wichtigen geheimen Entdeckungen ("persönliche Kreative")
  • Menschen, die unsere Kultur auf einem wichtigen Gebiet verändert haben (die "Kreativen" per se - ohne Einschränkung)

Hier wird es ausschließlich um die letzte ‚Gruppe‘, um diese brillanten Einzelpersonen gehen, die unsere Kultur auf einem wichtigen Gebiet verändert haben.

Die kreative Persönlichkeit verfügt über eine genetische Prädisposition zur besonderen Leistung, die sich im Laufe ihrer Entwicklung zum komplexen Denken und Handeln entwickelt. Ihre Auffassung zeugt von Vereinheitlichungsfähigkeit und Zusammennahme getrennter Bereiche, weil sie analytisch und analog denkt, weil sie Phantasie und Spielerisches mit Wirklichkeitsbezogenem und Vernünftigem zusammennimmt. Alles das, was bei uns normalen Menschen getrennt vorkommt, taucht hier zusammen auf: Innensicht und Ausschau, Emotionalität und Rationalität, Abstraktion und Konkretisierung.

Ein solches Grundgerüst geistiger Vielseitigkeit ist die erste Voraussetzung für den Prozess. Weiterhin braucht es den inhaltlichen Anknüpfungspunkt an die Codes, Standards und Verfahren eines spezifischen - gesellschaftlich relevanten - Wissensbereichs. Den nennt Csikszentmihalyi die ‚Domäne‘. Dieser Zugang ist die zweite Voraussetzung. Drittens braucht der Prozess den Zugang ans und die Anbindung zum ‚Feld‘: Das ist die Welt der Expertise. Diese Welt beginnt beim Stipendienausschuss und endet beim Nobelpreiskomitee.

Im Prozess selbst wird eine Struktur erkannt. Diese fünf Phasen des Kreativitätsprozesses sind uns spätestens seit ‚Wikipedia‘ geläufig: Problementstehen, Inkubationsphase, Aha-Erlebnis, Bewertungsphase, Ausarbeitungsphase. Allerdings werden sie im Buch nicht prominent herausgearbeitet, sondern beiläufig genannt. Den einzelnen Elementen des gesamten kreativen Prozesses werden Interviewausschnitte als Belegstellen zugeordnet: Kreative berichten.

Teil II Die Lebensgeschichten

Im zweiten Teil kommen diese ausgewählten Kreativen sehr ausführlich zu Wort. Sie mussten strikt drei Kriterien erfüllen, um als Interviewpartnerinnen und Interviewpartner für den Autor und seine Studierenden der Universität Chicago in Frage zu kommen.

  1. Alle mussten einen anerkannten Beitrag zu einem gesellschaftlich wichtigen Bereich geleistet haben (den ‚Domänen‘). Als wichtige Domäne sind Wissenschaft, Kunst, Politik, Wirtschaft oder das Wohl der Menschheit vorgegeben. (Hier wäre eine Diskussion der Systematik der Domänen hilfreich gewesen.)
  2. Alle mussten weiterhin in diesem Bereich aktiv sein.
  3. Alle mussten zum Zeitpunkt der Befragung über 60 Jahre alt sein.

Dieser empirische Teil enthält die Ergebnisse aus Interviews von 91 Personen. Davon sind 28 Frauen (Das Ganze ist lange vor der Entdeckung des Gender Mainstreaming passiert, aber gleichwohl bedauert der Autor selber diese Ungleichgewichtung). Auf Grund der geographischen und auch wohl der soziokulturellen Verortung des Autors stammen die meisten der Interviewten aus Nordamerika. Fünf der anderen leben im deutschsprachigen Raum. Csikszentmihalyi befragt nicht einfach nur Kreative, sondern berühmte, ausgezeichnete und erfolgreiche Kreative aus Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschaft, Politik und Kunst. Die Auswahlkriterien werden nicht systematisch entwickelt: Wer wurde angefragt? Warum die einen? Warum andere nicht? Welche Kriterien außer Erfolg und Preisverleihungen gelten?

Teil III: Domänen der Kreativität

Vorgestellt werden vier wichtige Domänen, in denen Kreativität zum Ausdruck kommen kann: (Wort – Leben – Zukunft – Kultur). Die Kreativen kommen erneut zu Wort; vieles hat Sentenzcharakter. Aber während der zweite Teil des Buches seinen Fokus gelegt hatte auf die Kreativen selber und sie durch ihre Jugend über ihre Adoleszenz bis in ihr Alter begleitet hat, werden ihre Aussagen hier gebraucht, um die Domänen zu charakterisieren. Das ist methodologisch unscharf und wirkt wegen zahlreicher Wiederholungen etwas ermüdend. Interessant sind die Überlegungen, wie man Kreativität befördern kann. Dabei ist die systemische Sichtweise hilfreich, weil es eben nicht nur darauf ankomme, die subjektiven Rahmenbedingungen für die zukünftigen Kreativen optimal zu gestalten – also die ideale Architektur von intellektuellen Gewächshäusern und Ideenbrutstätten, von der familiären Förderung bis zur Regelfinanzierung, sondern dass es eben auch darauf ankomme, die Experten zu schulen, weil wir Menschen brauchen, die mit einer Expertise zum Kreativitätsscout ausgestattet sind, damit der Gesellschaft deutlich gemacht werden kann, mit wem wir es da zu tun haben und wo die Kreativen stecken.

Erst im Abschluss geht es um uns und unsere »kleine« persönliche Kreativität. Hier ist der Ort, an dem wir erfahren, wie wir ‚das Unmögliche schaffen‘, und ‚Grenzen überwinden‘. Hier gibt es ‚einfache Wege zu mehr Originalität‘. Die sind aber leider Sackgassen, weil wir das Unmögliche eben nicht schaffen, sondern nur das uns Mögliche. Es gibt einige Hinweise im Ratgeberformat. Wir können uns formal an den großen Kreativen orientieren, unsere Energien bündeln und uns konzentrieren, neugierig werden, in unterschiedliche Richtungen denken, um zu einem erfüllten Leben zu kommen. Das sei die uns mögliche Form der Kreativität (529). Auch nach der Lektüre des Buches werden wir nichts Großes leisten (dafür haben wir die Preisgewinner); wir können Zufriedenheit erreichen.

Fazit

Csikszentmihalyi hat eine umfangreiche empirische Studie über die Selbstdefinitionen kreativer Persönlichkeiten geschrieben und gleichzeitig wichtige Bestandteile des kreativen Prozesses herausgearbeitet.

Der Untertitel der deutschen Ausgabe ist irreführend. Das Buch ist eigentlich keine praxisnahe Anleitung für das Freisetzen von in uns allen schlummernden Kreativitätspotenzialen und leider macht es uns – trotz des abschließenden Leitfadens - auch nicht zu schnellen Ideenbrütern: Es beschreibt die Lebens- und Arbeitsgewohnheiten international bekannter kreativer Persönlichkeiten. Im Feld der Kreativitätsforschung ist es dadurch mit Sicherheit ein Gewinn, weil es eine Fülle von validen empirischen Daten sammelt und aufbereitet.

Die Übersetzung weist einige Unzulänglichkeiten auf, denn die Übersetzerin ist nicht unbedingt Spezialistin für Wissenschaftliches: Science und humanities werden zu Wissenschaft und Geisteswissenschaft und domain wird zur Domäne, was uns zunächst einmal wenig sagt.

Der Herausgeber der deutschen Übersetzung des Flow-Buches, Aebli, hatte schon damals eine fragliche Methodik festgestellt; dieser Eindruck setzt sich hier fort. Die Erläuterung der Sachverhalte erfolgt unmethodisch: Was ist kreativ? Wer ist kreativ: Die Arbeitsbiene oder der Unkonventionelle? Ist Kreativität ein Prozess oder ist es das Produkt? Was sind Kennzeichen von Kreativität: Die Menge der eingeheimsten Preise? Ist Kreativität teuer? Das entspräche der Maxime, dass es dann Kultur ist, wenn der Saal voll ist.

Künstler zählt er nur dann zu den Kreativen, wenn sie etwas Ernstes gemacht haben. Populäre Musik ist nicht kreativitätsfähig: Damit Csikszentmihalyi seinen Landsmann Bob Dylan zu den Kreativen zählen könnte, bräuchte der Liedermacher den Literaturnobelpreis: Aber dafür gibt es ja noch Hoffnung. Schauspieler, Regisseure oder Maler hätten es ebenfalls schwer. Es gibt keine Nobelpreise für Malen.

Spätestens hier wird deutlich, dass Csikszentmihalyi eine andere Auffassung von Kreativität hat als wir Europäer. Aber über diese Differenz kann man schlecht streiten, weil er die Kreativität nicht definiert und weil er sich an die wissenschaftlichen Diskurse über die Kreativität, über den kreativen Prozess und über das kreative Produkt nicht angeschlossen hat. Da lässt er die amerikanische (Guilford, Jackson und Messick) und die europäische Forschung (Ullmann, Blumenberg) links liegen (auch wenn die Anmerkung 1, S. 568, anderes suggeriert), und er diskutiert auch nicht systematisch den Zusammenhang zwischen Genialität und Kreativität und den Einschnitt des Zweites Weltkrieges, mit dem die Genialität verschwand und nach dem die Kreativität auftauchte – manche sagen, als Frucht des Kalten Krieges und aus Furcht vor einer vermeintlichen Überlegenheit des sozialistischen Menschen.

Und auch geht es nicht um die hochbegabten Avantgardisten (die ‚beyonders‘ des Paul Torrance), sondern eigentlich um Leute, die ein scheinbar ganz normales und angepasstes Leben führen und aus diesem Leben und einer freundlichen Umwelt heraus neue Ideen entwickeln, umhüllt von einer wohlwollenden gesellschaftlichen Domäne und bewertet von einem Heer von Experten. Csikszentmihalyis Kreative sind bienenfleißig und geben selber an, Glück gehabt zu haben und zur richtigen Zeit mit den richtigen Menschen am richtigen Ort gewesen zu sein. (266)


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 04.05.2011 zu: Mihaly Csikszentmihalyi: Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 8. Auflage. ISBN 978-3-608-94656-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10094.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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