Jan Dietrich Reinhardt: Alkohol und soziale Kontrolle
Jan Dietrich Reinhardt: Alkohol und soziale Kontrolle. Gedanken zu einer Soziologie des Alkoholismus. Ergon Verlag 2010. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 129 Seiten. ISBN 978-3-89913-716-3. 28,00 EUR.
Bibliotheca academica, Reihe Soziologie - 3.
Thema
Der spezifisch soziologische Blick auf den Alkoholkonsum hat schon eine beträchtliche Geschichte mit unterschiedlichen, sich teils überschneidenden Schwerpunktsetzungen, wie
- eine kulturanthropologisch-soziokulturelle Perspektive (Horton 1943, Field 1961, Bales 1946),
- eine an Variablen orientierte soziostrukturelle Perspektive (Kinsey 1966, Wieser 1973: \„broken home\„; Cahalan u.a. 1968: Schichtzugehörigkeit u.v.a.),
- eine soziofunktionale Perspektive (Bales 1946, 1962; Bacon 1946, 1962; Park 1962) und
- eine an der Verstehenden Soziologie und der Theorie der Symbolischen Interaktion orientierte intentionale Perspektive (Wüthrich 1974, Stimmer 1978).
In den vergangenen 30 Jahren sind in Deutschland einige Arbeiten zum Thema Soziologie und Alkoholkonsum/-missbrauch erschienen, die den genannten Perspektiven zugeordnet werden können, z.B. Spode (1993), Schaunig/Klein (2008; vgl. die Rezension vom 9.11.2009), (allgemeiner) Schabdach (2009; vgl. die Rezension vom vom 01.07.2010) sowie einige Beiträge in Völger (Hrsg.) (1981; darin u.a. Legnaro). Die Arbeit von Jan Dietrich Reinhardt mit dem Schwerpunkt auf Soziale Kontrolle kann diese Reihe ergänzen.
Das Verbindende dieser unterschiedlichen Sichtweisen ist der Fokus auf die Einflussnahme gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse auf Lebenswelten und Lebensstile von Menschen sowie die Aufklärung der dahinter sich verbergenden Verschleierungstaktiken. Das führt zum Teil auch zu gesellschaftskritischen Aussagen und – weniger ausgeprägt – zu Fragen der Stabilisierung dieser Taktiken durch die Gesellschaftsmitglieder selbst.
Soziologische Perspektiven ergänzen die medizinischen, psychologischen, sozialpädagogischen und therapeutischen Sichtweisen und haben – oder hätten - ihren tieferen Sinn in der Unterstützung eines „gelingenderen Alltags“ (Thiersch) für abhängige Konsumenten sowie in der Entwicklung wirkungsvoller präventiver Konzepte.
Autor und Entstehungshintergrund
Dr. Jan Dietrich Reinhardt ist Diplom-Soziologe mit den Schwerpunkten Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik sowie Medizinische Soziologie. Die vorliegende Arbeit ist eine Diplomarbeit aus dem Jahr 1999, die nun in 2. überarbeiteter und aktualisierter Auflage veröffentlicht wurde.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist - neben einer kurzen Einleitung und einem abschließenden Statement - in drei Kapitel unterteilt: Geschichte des Alkoholkonsums, Krankheitskonzept und soziale Ätiologie des Alkoholismus.
Das erste Kapitel führt ein
in die Geschichte der jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen
Bedeutung des Alkoholkonsums von der Mittleren Steinzeit, über
die abendländischen Hochkulturen und das Mittelalter bis in die
Neuzeit. Zentral ist dabei die Frage, ob bzw. wann und wozu von wem
in welchen Gesellschaften der Alkoholkonsum problematisiert wurde und
welche Folgen dies für die Konsumenten hatte. Damit ist der
Fokus auf die Definitionsmächtigen gerichtet, die bestimmen, wie
der Alkoholkonsum – als soziale Konstruktion - und in
Abhängigkeit davon die Alkoholkonsumenten zu sehen sind und über
welche Prozesse das Konsumverhalten im Sinne eben dieser Definitionen
als „normal“ oder „abweichend“
diskriminierend festgelegt wird. Alkoholabhängigkeit –
einschließlich der gesellschaftlichen Reaktionen – wird
damit zu einer Schöpfung gesellschaftlicher
Kategorisierungsprozesse sowie deren Absicherung durch soziale
Kontroll- und Sanktionsmechanismen (Missachtung, Strafe, aber auch
Medizin, Therapie und Soziale Arbeit).
Im „Mittelalter“
ist der Alkoholkonsum (Genuss- und Nahrungsmittel, kollektiver
Konsum, relativ geringere Triebkontrolle) einschließlich des
Rausches kein besonderer Anlass für eine strenge soziale
Kontrolle. Erst mit dem beginnenden „Prozess der Zivilisation“
(Elias), der „Rationalisierung der Lebensführung“
(Weber) und als Folge der Reformation ändert sich langsam
im Übergang zur „Moderne“ auch die Bedeutung des
Alkoholkonsums, indem Selbstkontrolle und Nüchternheit in
Verbindung mit zunehmender Individualisierung sowie verstärkter
Fremdkontrolle (Adel und Bürgertum) vorrangig werden und
Verstöße entsprechend geahndet werden (Sünder,
Übeltäter). Disziplinierung (Arbeitshäuser) und
Pathologisierung durch die Unterscheidungen zwischen „normal“
und „krank“ kennzeichnen die weitere Entwicklung.
Letztere – medizinisch-psychiatrische – Definitionen
bestimmen den Diskurs bis ins 21. Jahrhundert hinein, auch mit der
Unterscheidung zwischen einem „normalen“ oder „sozialen“
Alkoholkonsum und einem „krankhaften“ oder „abweichenden“
Konsum, der dann mit Begriffen wie „Kontrollverlust“,
„Entzugserscheinungen“, „Suchtpersönlichkeit“
etc. belegt wird und dem mit Normalisierungsversuchen (Therapie,
Rehabilitation usw.) entgegengetreten wird. Insgesamt führt dies
auch zu einer Diskriminierung der Gruppe der Alkolabhängigen
durch „moralische Unternehmer“ (Becker) im 19.
Jahrhundert, sprich durch mächtige Interessengruppen über
„die Konstruktion einer sozialern Problemlage“ (S.
59).
Die Logik hinter dieser pathologisierenden und
kriminalisierenden Sicht auf den Alkoholkonsum resp. Alkoholismus als
gesellschaftliche Machtstrategien wird hier vor allem über Elias
und Foucault herausgearbeitet.
Das medizinisch-psychiatrische Krankheitsmodell als Folge und Verfestigung dieser historischen Prozesse und dessen Beschreibung und Kritik stehen im Fokus des zweiten Kapitels. Dabei werden vor allem das nach wie vor (ein)gängige – fast paradigmatische – Konzept von Jellinek („The disease concept of alcoholism“) aus den 1940er Jahren sowie die in diesem Zusammenhang relevante Konzeption der „Krankenrolle“ (Parsons) – als „interaktionaler Disziplinierungsmodus“ (S. 61) - referiert und kritisch hinterfragt. Als Folge dieser Diskussion entwickelt der Autor dann auf der Grundlage soziologischer Grundbegriffe – Norm, Sanktion, Devianz – ein differenziertes Klassifikationsschema von sozialen Normen als Basis einer soziologischen Auseinandersetzung mit heute verwendeten Diagnose- und Screening-Instrumenten (DSM IV, ICD 10, CAGE, AUDIT) mit dem Ziel, zu belegen, dass diese Instrumente „größtenteils auf kulturell akzeptierte Trinkmuster, Rollen- und Selbstkontrollnormen hinweisen“ (S. 61)
Im Zentrum des dritten Kapitels steht die These eines „egoistischen Alkoholismus“, von der der Autor annimmt, dass sie „mit den 2009 vorliegenden Daten bestätigt werden kann“ (Vorwort 2009). Dazu setzt er sich zunächst mit der Anomietheorie von Merton referierend und kritisch auseinander, um deren begrenzte Bedeutung für das Verständnis einer sozialen Ätiologie des Alkoholismus zu postulieren. Als grundlegende Theorie für eine soziologisch relevante Diskussion des Alkoholismus wird dann – entsprechend der obigen These - der hohe Stellenwert der Suizid-Theorie von Durkheim mit Konzentration auf den egoistischen Suizid entwickelt und dessen Übertragbarkeit auf Fragen des Alkoholismus erörtert und letztendlich positiv beantwortet. Um diese Annahmen zu fundieren, werden unterstützend einige soziostrukturelle Daten (Familienstand und Alkoholmissbrauch …) angeführt.
Diskussion
Auffallend ist zunächst ein für heutige Verhältnisse ungewöhnlich gute Ausstattung des Buches: fester schön gestalteter Buchdeckel, Papier, Schrift, Bindung. Man muss nicht unbedingt bibliophil sein, um Spaß daran zu haben, das Buch in die Hand zu nehmen.
Aber nun zum Inhalt. Zunächst: Die anfänglichen Selbstbekenntnisse und die Betonung der hohen Bedeutsamkeit der eigenen Person und des Werkes durch den Autor muten – gelinde ausgedrückt - etwas eigenartig an. Aber sei´s drum.
Vorweg: Für den Rezensenten war es schwierig zu entscheiden, soll das Buch als Diplomarbeit besprochen werden oder als - vorgeblich überarbeitetes – eigenständiges wissenschaftliches Fachbuch. Der Entstehung des Buches als – sicher sehr gute - Diplomarbeit als Nachweis der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten, ist manches geschuldet: Seitenweise Zitate, so dass auf vielen Seiten nur noch wenig eigenständiger Text zu finden ist. Hinzu kommt die Manie, alles in Klammer mit Namen von Koryphäen zu belegen. Die 2. Auflage wäre eine Anlass gewesen, nicht nur zu „aktualisieren“ sondern auch wirklich kompetent zu überarbeiten, um die vom Autor beschworene „Güte der Arbeit“ (Vorwort 2009) zu fundieren. Eine solche Anregung wischt der Autor mit dem Argument vom Tisch, dass es sich ja (nur?) um einen „theoretischen Essay“ – 1999 in „kürzester Zeit“ entstanden – handelt (Vorwort 2003).
Neben der teils sehr guten referierenden Aufarbeitung wird das Buch dort interessant, wo eigenständige relativierende Gedanken einfließen, wodurch in der Trias Klassiker (z.B. Merton), Autor (Reinhardt) und Leser (Rezensent) eine anregende Spannung erzeugt wird und der Leser zu Zustimmung oder Widerspruch, jedenfalls zum Nachdenken motiviert wird. Das führt dann aber auch zu der Erkenntnis, dass der soziologische Blick in dem Buch doch sehr eng fixiert bleibt auf einen Klassiker, der sein Werk 1897 unter gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen geschrieben hat, die mit heutigen nicht mehr viel zu tun haben. Durch diese theoretischen Vorannahmen (egoistischer Selbstmord/Alkoholismus) und – in Anlehnung - dem empirischen Vorgehen von Durkheim geschuldet, belegen die angeführten sozialstatistischen Daten eigentlich nichts, schon gar nicht, dass dadurch die These eines „egoistischen Alkoholismus“ bestätigt werden könnte. Was heißt den z.B. „Familie“ im 21. Jahrhundert in Deutschland? Wie diffizil sozialstatistische Daten selbst innerhalb einer Stadt zu behandeln sind, weist die Arbeit von Schaunig/Klein (2008; vgl. die Rezension vom 9.11.2009) nach. Pauschalierungen sind daher unangebracht. Die im ersten inhaltlichen Kapitel sehr schön herausgearbeiteten kulturellen und sozialfunktionalen Aspekte bleiben im weiteren Verlauf der Arbeit leider irgendwie auf der Strecke.
Der durchaus beeindruckende Versuch, die Ideen eines soziologischen Klassikers auf heutige Fragestellungen zu transformieren, sollte zumindest durch einen ergänzenden Ausblick abgerundet werden. Hier bietet sich eine soziologische Sichtweise an, die die Wechselwirkung von Sozio- und Psychogenese (das Thema von Elias, Berger, Luckmann, Bühl u.a.) beinhaltet. Diese Sicht entspricht theoretisch der „subjektorientierten Soziologie“ (Bolte 1983) in deren Zentrum Menschen in ihren alltäglichen Lebensbezügen stehen oder genauer, es geht um das „wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Mensch und Gesellschaft“ (ebd. S. 15) und um die Frage, wie menschliches Denken, Fühlen und Handeln durch gesellschaftliche Strukturen und Prozesse geprägt und Individualität soziohistorisch geformt wird, aber auch, wie Menschen durch ihr Handeln rückwirkend auf die Stabilisierung oder Veränderung des lebensweltlichen/gesellschaftlichen Rahmens Einfluss nehmen können. Dadurch werden Menschen auch als (Mit-) Schöpfer „sozialer Tatsachen“ (Durkheim) und nicht nur Ausgelieferte sozialer Kontrollmechanismen (mikro- wie makrosozialer).
Eines der Probleme des Buches liegt darin, dass der Autor die zunächst mutige Behauptung, dass die These eines egoistischen Alkoholismus bestätigt wurde (Vorwort 2009), zur eigenen Absicherung immer mehr verwässernd relativiert und damit der Kontingenz ausliefert. Interessant sind die Anmerkungen und Differenzierungen zu den Möglichkeiten eines „anomischen Selbstmords/Alkoholismus“ sowie zu einem „altruistischen Alkoholismus“, wobei die Unterscheidung zwischen Alkoholismus und Alkoholkonsum undeutlich bleibt. Hier wäre in einer Weiterentwicklung sowohl die Verbindung zu Narzissmustheorien als auch die Entwicklung einer Typologie – in Verbindung oder jenseits von Jellinek oder auch Cloninger - sinnvoll.
Fazit
Cui bono? Für DiplomandInnen ist das Buch, unabhängig von den speziellen Themen, eine Anregung für eine gelingende Diplomarbeit – allerdings ohne die überbordenden Zitate. Der Autor wünscht sich allerdings viel mehr, nämlich, dass die „Nachfrage nach dem Buch“ wie bisher „ungetrübt“ bleibt (Vorwort 2009). Wer könnte nachfragen, das Angebot wahrnehmen, für wen ist es empfehlenswert?
Insgesamt bietet das Buch für Suchtexperten sicherlich nichts Neues, könnte aber doch die eine oder andere Anregung geben. Da die einzelnen Teile sich aber auch als eigenständige Aufsätze lesen lassen, muss weiter differenziert werden:
Der erste Teil ist für Fachkräfte der Suchtkrankenhilfe sowie für Laien, die lediglich hier und da mit der Problematik befasst sind (Mediziner, Psychologen, Sozialpädagogen …) gut geeignet als ein kompakter Überblick zur Geschichte des Alkohols und seinen kulturellen und soziofunktionalen Aspekten.
Der zweite Teil gibt für PraktikerInnen gute Anregungen, die herkömmlichen Diagnoseinstrumente kritisch zu hinterfragen, ohne sie – um multiprofessionell handlungsfähig zu bleiben - in Bausch und Bogen zu verwerfen und je nach Praxisfeld auch zu unterscheiden, ob denn die Situation eines Klienten überhaupt ein „Fall“ für die Suchtkrankenhilfe ist oder eben für die Medizin oder Psychiatrie oder für die Justiz usw. Allerdings sollte 2010 doch zumindest auf Diagnoseinstrumente verwiesen werden, die mikro-, meso- und makrosoziale Faktoren mit medizinisch/psychiatrischen Diagnoseinstrumenten (DSM IV, ICD 10) verbinden, wie das „Person-in-Environment-System“ (Karls/Wandrei 1994). Für PraktikerInnen – auch in der Weiterbildung! - ist es insgesamt sicher eine lesenswerte Lektüre, gerade auch, um die rein medizinisch-psychologischen Argumente um – hier ausgewählte - soziologisch fundierte Aussagen zu bedenken und zu erweitern und sie eventuell in das praktische Handeln, wenigstens teilweise, zu integrieren. Der soziologische Blick müsste dann jedoch strukturierend erweitert werden (siehe einführende Schwerpunkte).
Der dritte Teil ist szientifisch angehaucht, für WissenschaftlerInnen aufgrund der deterministischen Thesenbildung sowie deren Überprüfung uninteressant, für PraktikerInnen (speziell der Sozialen Arbeit) verführerisch, da scheinbar – endlich – ein eingängiges Modell der sozialen Genese des Alkoholismus gefunden wurde.
Eine wirklich (selbst)kritische und differenzierte Überarbeitung des Buches ist zu wünschen und auch dringend notwendig, um die vielen Vorteile dieser Arbeit hervorzuheben und die nicht wenigen Nachteile zu minimieren … oder (falls noch eine weitere Auflage erfolgen sollte) es so zu lassen wie es ist, wobei dann aber die besondere Betonung der vom Autor dem Werk zugeschriebenen hohen Bedeutung möglichst vermieden werden sollte.
Rezensent
Prof. Dr. Franz Stimmer
Leuphana Universität Lüneburg, Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften
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Zitiervorschlag
Franz Stimmer. Rezension vom 11.04.2011 zu: Jan Dietrich Reinhardt: Alkohol und soziale Kontrolle. Ergon Verlag 2010. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 129 Seiten. ISBN 978-3-89913-716-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10098.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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