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Katrin Bauer: Jugendkulturelle Szenen als Trendphänomene

Cover Katrin Bauer: Jugendkulturelle Szenen als Trendphänomene. Geocaching, Crossgolf, Parkour und Flashmobs in der entgrenzten Gesellschaft. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2010. 233 Seiten. ISBN 978-3-8309-2337-4. 29,90 EUR.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 544.

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Thema

Emo, Punk, HipHop, Graffiti, Ultras, Cosplay und vieles mehr sind Stichworte, die uns zum Thema „Jugendszenen“ in den Sinn kommen können. Wobei aber eine Nennung immer nur eine (willkürliche) Auswahl darstellen kann, so vielfältig und unübersichtlich sind die aktuellen Entwicklungen geworden. Szenen selbst sind höchst fluide und werden scheinbar vor allem über die Themen gebildet und zusammengehalten. Insbesondere die Jugendforschung, da die Szenen zumeist juvenile Gesellungsformen darstellen, steht vor der Herausforderung mit diesen rasanten Entwicklungen Schritt zu halten. Als Fragen ergeben sich, wie dieser Boom von Szenen zu erklären ist bzw. auf welche gesellschaftlichen Entwicklungen dieser verweist. Aber auch: Welchen Funktionen die Szenen für die jugendlichen Akteure und Akteurinnen haben und wie letztlich die Szenen selbst funktionieren? Bieten sie nicht doch mehr als den gemeinsamen thematischen Fokus? Mögliche Antworten auf diese Art Fragen gibt die qualitative Studie von Katrin Bauer.

Aufbau und Inhalt

Die Studie ist gegliedert in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt, der mit Einleitung überschrieben ist, umfasst neben der Fragestellung die Darstellung des theoretischen Rahmens und des Forschungsdesigns. Der zweite Abschnitt stellt die empirischen Ergebnisse zu den jugendkulturellen Trendphänomenen vor, indem ein Überblick über die vier Trendphänomene (Geocaching, Crossgolf, Parkour und Flashmob) gegeben wird und Betrachtungen zu Szenestrukturen und szenestabilisierenden Elementen erfolgen. Der dritte Abschnitt beinhaltet das Fazit.

Erster Abschnitt: Katrin Bauers Grundannahme lautet, dass die Betrachtung jugendkultureller Trendphänomene einen Rückschluss auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse erlaubt. Die Studie soll Einblicke „in die facettenreichen, bunten und vielfältigen Alltagskulturen“ der vier ausgewählten Trendphänomene gewähren, „ihre inneren Mechanismen und Strategien“ entschlüsseln sowie „ihre Bedeutung und Funktion in einer globalisierten, mobilen, individualisierten Gesellschaft“ (S. 17) aufzeigen. Trendphänome werden dabei von der Autorin als „konkret fassbare, alltägliche Handlungsäußerungen“ in einer „gewisse[n] – nicht klar zu fixierende[n] – quantitative[n] Ausbreitung“ (S. 24) verstanden. Sie sind die „im Alltag sichtbaren Manifestationen“ (S. 25) von Trends, die „die gesellschaftlichen Reaktionen auf prägende, langfristig wirkende Umwelteinflüsse und Ereignisse wie demographische Entwicklungen, technischen Fortschritt und ökologische Veränderungen“ (S. 24) darstellen.
Katrin Bauer legt dar, dass aktuell die Lebensphase Jugend durch das Wegfallen von Übergangsritualen und Distinktionsmerkmalen zu den älteren Generationen (Verjugendlichung der Gesellschaft) an Kontur verliert. Lebensläufe sind entstandardisiert und die Jugendlichen gewinnen an Wahlfreiheit, die aber auch zu Identitätsverlust führen kann sowie das Risiko der falschen Wahl mit sich bringt. Orientierung bieten nunmehr Lebensstile, also „typischen Arten der Alltagsgestaltung“ (S. 43). Generationen wie die ‚Generation Golf’ können kaum noch eindeutig identifiziert werden. Auch dies verweist – so die Autorin – auf die Relevanz der qualitativer Mikrostudien, die es ermöglichen, Handlungsstrategien, kulturelle Muster, Werte und Einstellungen Jugendlicher zu ermitteln und zu entschlüsseln.“ (S. 45) Bauer weist anhand des aktuellen Forschungsstandes in Kulturwissenschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaft das Fehlen dieser Mikrostudien nach.
Szenen als jugendkulturelle Vergemeinschaftungsform, die nicht auf Altershomogenität fußen, sondern sich aufgrund gemeinsamer Interessengebiete konstituieren, stellen für Katrin Bauer das passende Forschungsfeld dieser Mikrostudien dar. Sie wählt als Forschungsdesign eine Methodenkombination aus qualitativen Interviews (ca. 30 Einzel- und zahlreiche Gruppen- und Kurzinterviews (vgl. S. 67)), teilnehmender Beobachtung, Analyse einschlägiger Internetseiten sowie ergänzende Fragebögen.

Zweiter Abschnitt: Katrin Bauer arbeitet hinsichtlich der Szenestrukturen die Bedeutung von Medien als Vermittler heraus, die einerseits „unerlässliche Informationsquelle“ sind und andererseits, „der Kommunikation innerhalb der Szenen“ (S. 95) dienen. Den Einstieg in die Szenen bezeichnet Katrin Bauer als leicht und unkompliziert und die Zugehörigkeit als unverbindlich, sodass Szenen als labile Gebilde erscheinen. Die Betrachtung der sozialen Szenestrukturen ergibt nach Bauer keine eindeutige Altershomogenität, aber die Tendenz einer Dominanz männlicher und aus bildungsnahen Schichten stammenden Jugendlichen. Nach Meinung der Autorin ergeben sich diese Ähnlichkeiten hinsichtlich der sozialen, geschlechtsspezifischen oder bildungsabhängigen Hintergründe „eher zufällig“ (S. 107.). Die Organisationsstruktur der Szenen zeichnet sich laut Bauer durch eine große Offenheit aus. Hierarchische Strukturen werden vermieden oder abgelehnt. Katrin Bauer konstatiert, dass Zeichen und Symbole zugunsten der Individualität der Einzelnen abgelehnt werden. Die „Nicht-Uniformierung“ wird geradezu zum „kollektiven Ausdrucksstil“ (S. 118) der Trendphänomene. Zusammenfassend beschreibt die Autorin Szenen als “flexible Netzwerke“ (S. 120).
Zu den Szenestabilisierende Elemente zählt Katrin Bauer vor allem Szeneninhalte und deren Überhöhung. Obwohl sich die Inhalte der untersuchten Szenen deutlich unterscheiden, kann die Autorin prägnante Gemeinsamkeiten ausmachen: Ablehnung eines Wettbewerbsgedanken (mit Ausnahme beim Geocaching) sowie die Abgrenzung von anderen Gruppen (z.B. Freerunnern bei Parkour) oder Personenkreisen (Publikum bei Flashmobs). Einen Unterschied der untersuchten Szenen kann Katrin Bauer in der grundlegenden Motivation der Akteure ausmachen. Während beim Parkour und Geocaching die Weiterentwicklung von Kompetenzen und Fähigkeiten zentral ist, zeichnen sich Crossgolfen und Flashmobs durch ihre eindeutige Spaßorientierung aus. Die Ausbildung lokalen Identitäten im Rahmen der globalen Szenen (Glokalisierung (vgl. 153)) durch regionale Verankerungen sowie durch die Verbindung regionalen Brauchtums und eigener Events identifiziert die Autorin neben Szene-Events als solche als weiteres szenestabilisierendes Element. Hinsichtlich der Events kann Bauer Gemeinsamkeiten der untersuchten Szenen skizzieren. Ein bestimmter, vorab festgelegter Ablauf, eine ausgewählte, besondere Örtlichkeit sowie die Fokussierung auf die Teilnehmenden als aktive Akteure machen das Event zu einem „Gesamtkunstwerk“ (S. 170). Daraus ergibt sich laut Bauer die zentrale Funktion der Events: Begegnung, persönliches Kennen lernen sowie das Erleben von Zugehörigkeit. Auch Kommerzialisierung und Labelisierung von Szenen beurteilt Katrin Bauer eher als szenestabilisierend, da diese szeneinterne Kommunikation und Fokussierung, die zwar auch Zersplitterung mit sich bringt, hervorruft.

Dritter Abschnitt: Abschließend bilanziert die Autorin ihre Ergebnisse und reflektiert den Zusammenhang von gesellschaftlicher Entwicklung, Trends und Trendphänomene: „Geocaching, Crossgolfen, Parkour und Flashmob sind als jugendkulturelle Trendphänomene Antworten auf das Leben in einer entgrenzten Gesellschaft. Sie bieten jedem Einzelnen nicht nur die Möglichkeit, eine individuelle Interpretation der vorherrschenden gesellschaftlichen Trends zu schaffen und so eine Identität zu erschaffen. Vielmehr stellen die Szenen und ihre Events den verlorenen Jugendlichen ein unverbindliches Angebot zur spielerischen Sozialisation in einer entgrenzten Gesellschaft bereit.“ (S. 189).

Fazit

Katrin Bauer gelingt es in ihrer Dissertation sowohl spannende und vertiefte Einblicke in vier ausgewählte jugendkulturelle Szenen (Geocaching, Crossgolfen, Parkour und Flashmob) zu geben als auch ihre Ergebnisse soweit zu verallgemeinern, dass der Erkenntnisgewinn über diese konkreten Szenen hinaus weist. Die theoriegeleitete Reflexionen und Abstraktionen der empirischen Ergebnisse machen Szenen als jugendkulturelle Trendphänomen und den Einfluss gesellschaftlichen Wandels auf die Sozialisation Jugendlicher verständlicher und greifbarer. So wird verständlich, warum flüchtige, offene, unstrukturierte Szenen Jugendlichen dennoch Orientierung und Identifikation bieten. Auch werden die kleinen, aber feinen Unterschiede zwischen den untersuchten Trendphänomenen aufgezeigt. Damit löst die Studie ihr Versprechen einer qualitativen Mikrostudie, die Rückschlüsse auf gesellschaftliche Prozesse möglich macht, ein. Hervorzuheben ist die sorgsame theoretische Verortung und umfassende Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes aus mehreren Disziplinen, eine Schwachstelle findet sich lediglich im Bereich der methodisch-methodologischen Verortung. Zwar wird transparent dargelegt, wie der Feldzugang gelang und die Daten gewonnen wurden, aber über das Vorgehen bei der Auswertung wird kein Wort verloren. Dadurch bleibt auch offen, wie die notwendige und auch sinnvoll wirkende thematische Fokussierung zustande gekommen ist. Insgesamt ist die Studie lesenswert und gibt Aufschluss über die bunte Szenewelt.


Rezensentin
M.A. Nora Schulze
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Zitiervorschlag
Nora Schulze. Rezension vom 23.12.2010 zu: Katrin Bauer: Jugendkulturelle Szenen als Trendphänomene. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2010. 233 Seiten. ISBN 978-3-8309-2337-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10119.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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