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Steffen Völker: Körperwahrnehmung und schulisches Lernverhalten

Cover Steffen Völker: Körperwahrnehmung und schulisches Lernverhalten. Athena Verlag (Oberhausen) 2010. 253 Seiten. ISBN 978-3-89896-402-9. D: 24,50 EUR, A: 25,20 EUR, CH: 42,00 sFr.

Reihe: Schriften zur Körperbehindertenpädagogik - Band 5.
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Thema

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren immer wieder neue Erkenntnisse zu Wahrnehmung und Kognition geliefert. Doch daraus folgen bisher kaum Konsequenzen für schulisches Lernen und Lehren.

Steffen Völker verfolgt mit seiner Publikation den Anspruch, Zusammenhänge zwischen Körperwahrnehmung und schulischem Lernverhalten zu analysieren.

Autor

Der Autor Dr. Steffen Völker ist ausgebildeter Grundschullehrer. Nach einigen Jahren im Schuldienst hat er Förderpädagogik in Halle/Saale studiert. Heute arbeitet er dort am Landesbildungszentrum für Körperbehinderte. Am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung hat er als Fachseminarleiter gearbeitet. Darüber hinaus war und ist er Lehrbeauftragter für Körperbehindertenpädagogik, zuletzt an der HU Berlin.

Aufbau

Völker unterteilt sein Buch in zwei große Teile: Theorie und Praxis.

1. Teil Theorie

Im ersten Kapitel „Körper- und Körperwahrnehmung“ spannt Völker einen großen Bogen von historischen Determinanten über Grundpositionen neuropädagogischen Denkens zu Begriffsbestimmungen, die zum Teil interessante Details ansprechen und zugleich den Bezug zur Schule herstellen.

Im zweiten Kapitel werden die notwendigen Neurophysiologischen Grundlagen kompakt und anschaulich dargestellt. Dies gilt auch für die Darstellung der körperlichen Entwicklung des Kindes bis zum Schulalter, die sich bis auf die Ausführungen zu Schulreife und Schulfähigkeit (3.3) durchweg auf aktuelle Literatur stützen.

Kapitel 4 Kognitive Entwicklung und sensorische Integration referiert klassisches Wissen der Körperbehindertenpädagogik. Es werden die Konzepte von Kiphard, Frostig und Ayres dargestellt und vor der Reflexionsfolie aktuellen neurowissenschaftlichen Wissens kritisch betrachtet.

Zentral für den Ansatz des Autors ist die ökologische Systemtheorie von Uri Bronfenbrenner. Diese dient als Grundlage für Völkers Ausführungen zu aktuellen Sozialisationsbedingungen und deren Auswirkung auf die Kindesentwicklung in Kapitel 5.

Darauf folgt ein Teil zum schulischen Lernverhalten. Der Autor möchte hier gegenwärtig relevante Lerntheorien darstellen. Behavioristische Modelle und den Ansatz der Gestaltpsychologie stellt er als maßgeblich für die aktuelle Schulpraxis dar, um dann auf konstruktivistisch verankerte Lerntheorien einzugehen, die seinem Ansatz einer ganzheitlichen Förderung am ehesten entsprechen. Er plädiert dafür medizinische, psychologische, soziale und pädagogische Ansätze miteinander zu verbinden.

Auf dieser theoretischen Grundlage entwickelt Völker die Hypothese: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Körperwahrnehmung des Kindes und seinem schulischen Lernverhalten“. Darauf aufbauend hat er seine Untersuchung an einer Grundschule durchgeführt.

2. Teil Praxis

Im zweiten Teil des Buches „Praxis“ stellt der Autor diese Studie vor. Die Stichprobe bildeten 100 Kinder aus Halle/Saale, die zum Schuljahr 2003/04 in vier Grundschulen eingeschult wurden. Methodisch setzt Völker dabei auf neurologisch-motoskopische Untersuchungen durch eine Neuropädiaterin, sowie auf Elternfragebögen und Beobachtungsbögen zum Lern- und Verhaltensleistungen für Lehrer, die er selbst erstellt und ausgewertet hat. Der Leser hätte sich dabei mehr Informationen über die Entwicklung des Instrumentariums gewünscht. Die Körperwahrnehmung zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchung sollte mit dem Lernverhalten im Anfangsunterricht verglichen werden. Planung und Durchführung der Untersuchung werden in den Kapiteln 8 und 9 dargelegt.

Die von der Neuropädiaterin Flehmig erhobenen Daten zur Körperwahrnehmung werden im 10ten Kapitel knapp dargestellt. Im Wesentlichen findet sich eine Tabelle, welche die Klassifizierung der untersuchten Kinder in solche mit stabiler bzw. instabiler Körperwahrnehmung darstellt. Sechzig Prozent der Untersuchten wird eine instabile Körperwahrnehmung attestiert.

Kapitel 11 widmet sich hingegen ausführlich der Darstellung der Ergebnisse zum schulischen Lernverhalten. Hieraus lassen sich auch Rückschlüsse auf die Gestaltung der Beobachtungskriterien ziehen. Die Ergebnisse zum schulischen Lernverhalten geben dabei detaillierte Einblicke in sehr unterschiedliche Felder: Bewegungsverhalten, Konzentration, Lesen, Schreiben und Mathematik, um nur einige der neun Bereiche zu nennen. In Kapitel 12 erfolgt die Interpretation der Ergebnisse. Völker kommt zu dem Schluss: „Kinder mit instabiler Körperwahrnehmung zeigen größere Schwierigkeiten im schulischen Lernverhalten, als Kinder mit stabiler Körperwahrnehmung.“ (Seite 214). Interessant erscheint, dass nur für ddie Mathematik kein Zusammenhang nachgewiesen werden konnte, obwohl dieser Bereich für Schüler mit dem Förderschwerpunkt körperlich-motorische Entwicklung häufig als besondere Herausforderung gesehen wird.

Nach der Diskussion der Ergebnisse im 13ten Kapitel entwickelt der Autor Ansätze einer systemischen Diagnostik und Förderung. Ihm geht es darum aus den Entwicklungsbedingungen der Schulanfänger individuelle Förderangebote abzuleiten, die auch die Körperwahrnehmung in den Blick nehmen. Dabei greift er auf Ansätze aus der Körperbehindertenpädagogik (v.a. Bergeest, Haupt und Boenisch) zurück. Er entwirft einen Leitfaden zur Diagnostik und Förderung.

Abschließend zieht der Autor ein Fazit für die schulische Praxis (Kapitel 15). Er plädiert dafür Schulen so auszurichten, dass sie einem systemischen Ansatz folgend Schülerinnen und Schüler ganzheitlich fördern, individualisierend arbeiten und sich dabei an der Lebenswelt der Kinder ausrichten. Für Völker bilden Körper und Geist dabei eine untrennbare Einheit.

Diskussion

Der Autor behandelt in seiner Dissertation ein weites Feld. Sehr aufschlussreich und von hoher Detailkenntnis zeugend sind seine Ausführungen im theoretischen Teil. Es gelingt ihm mühelos Ansätze unterschiedlichster Disziplinen miteinander zu verbinden und im Zusammenhang darzustellen. Was fehlt ist eine Darstellung des gegenwärtigen Forschungstandes zum konkreten Untersuchungsfeld.

Etwas irritierend sind einige Formulierungen zur gegenwärtigen Stellung von Förderschulen. So ist auf Seite 20 zu lesen: „Pädagogisches Handeln gerät so in eine Sackgasse, an deren Ende nicht selten die Aufnahme des Kindes in eine Förderschule steht.“

Völker hat ein Thema behandelt, welches sich zwischen Pädagogik und Neurowissenschaften befindet. Diese Schnittstelle ist traditionelles Gebiet der Körperbehindertenpädagogik. Der Autor macht deutlich, welche Bedeutung die Konzepte und Methoden dieser Disziplin für den Grundschulbereich haben. Wenn auch nicht vom Autor erwähnt, könnte dies meiner Meinung nach auch ein wesentlicher Baustein für ein inklusives Schulsystem sein.

In Zeiten allgemeiner positivistischer Wertescheu bezieht der Autor immer wieder eindeutig Stellung. Dies zeigt seine Leidenschaft für das Thema. In den Mittelpunkt seiner Analyse stellt er die Stärkung individueller Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern. Mit seinem systemischen Ansatz löst Völker sich von der Behandlung von Einzelphänomenen auf der Erscheinungsebene.

Fazit

Mit seinem übergreifenden Ansatz der Neuropädagogik, die den Einfluss der Körperwahrnehmung als elementaren Baustein für ein systemisches Denken in der Pädagogik begreift, hat Völker ein Werk veröffentlicht, welches Erkenntnisse aus der Neurophysiologie und der Körperbehindertenpädagogik für den Grundschulbereich erschließen. Es ist dem Autor zu wünschen, dass sich hier ein möglichst breiter Leserkreis findet.


Rezensent
Jun. Prof. Dr. Ingo Bosse
Leitung des Lehrgebiets körperliche und motorische Entwicklung der Fakultät Rehabilitationswissenschaften an der TU Dortmund
Homepage www.kme.tu-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ingo Bosse. Rezension vom 06.10.2010 zu: Steffen Völker: Körperwahrnehmung und schulisches Lernverhalten. Athena Verlag (Oberhausen) 2010. ISBN 978-3-89896-402-9. Reihe: Schriften zur Körperbehindertenpädagogik - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10142.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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