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Wulf Schmidt-Wulffen: Die "Zehn kleinen Negerlein"

Cover Wulf Schmidt-Wulffen: Die "Zehn kleinen Negerlein". Zur Geschichte der Rassendiskriminierung im Kinderbuch. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-643-10892-0. 24,90 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Literatursoziologie - 2.
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Tabubrüche und andere Zeigefinger

Die Bemühungen um eine historische, politische und intellektuelle Dekolonisation, als Aufdeckung von Rassismen, Höherwertigkeitsvorstellungen, Stereotypen- und Vorurteilsbildungen im Zusammenhang mit dem individuellen und kulturellen Blick auf den Anderen, den Fremden und den fremden, ungewohnten Daseinsformen, haben mit der „Weißseinsforschung“ soeben erst begonnen (vgl. dazu: Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005, Rezension). Und der Ch. Links Verlag hat mit der Reihe „Studien zur Kolonialgeschichte“ sich verdienstvoll auf den Weg gemacht, die Tabuisierung der Ursachen und Wirkungen des Kolonialismus, auch des deutschen, aufzuheben (vgl. u. a. dazu: Martin Baer / Olaf Schröter, Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika; 2001; Andreas Bühler, Der Namaaufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia, 2003; Susanne Kuß, Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen, 2010). Patriarchalische, hegemoniale und rassistische Vorstellungen, besonders gegenüber Andersaussehende, Andersdenkende und –lebende Menschen durchziehen die Menschheitsgeschichte wie eine wunde Ader (vgl. dazu: Eva Hartmann, u.a., Hrsg., Globalisierung, Macht und Hegemonie, 2009, Rezension). Besonders herauszuheben in diesem hierarchischen, ideologischen Denken sind dabei die Metaphern, wie sie sich im Verhältnis der Weißen zu den Schwarzen darstellen. Während auf der einen Seite die europäischen Weißen in überheblicher und arroganter Weise den Afrikaner als das kindliche, minderwertigere Wesen sahen, und, wie dies der honorable deutsche Missionar, Sprachforscher, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des „International African Institute“ in London, Diedrich Westermann, formulierte: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von im abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“ – schrieb der Dichter und senegalesische Präsident Léopold Sédar Senghor in seiner „Negritude“ in das weiße Stammbuch: „Weiß ist eine Gelegenheitsfarbe, Schwarz die Farbe aller Tage“.

Autor und Entstehungshintergrund

Der (em.) Professor für Geographie und Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Hannover, Wulf Schmidt-Wulffen, hat sich als Wissenschaftler und Forscher schon immer als Jäger und Sammler verstanden. Und er ist überzeugt davon, dass eine Denk- und Verhaltensänderung bei den Einstellungen der Menschen zu ihrem Dasein und dem der Mitmenschen in erster Linie durch das Mit- und Nachdenken und -tun erfolgt (vgl. dazu: Wulf Schmidt-Wulffen, Motivation und Unterrichtserfolg durch Mitplanung von Schülern, 2008, Rezension). So begann er vor mehr als 30 Jahren damit, eine Sammlung von Kinderbüchern und Sachen anzulegen, die mit den „Zehn kleinen Negerlein“ zu tun haben. Neben Spielen, Dias, Filmen, Plakaten, Postkarten u.a., hat er mehr als 150 Kinderbücher bzw. Ausgaben der „Zehn kleinen Negerlein“ aus elf Ländern, von den USA/GB über Deutschland und Holland bis zur Tschechoslowakei, gesammelt. Es sind Erstausgaben der „Ten Little Niggers“ aus England/USA (1869), aus Deutschland: „10 kleine Negerknaben aus Kamerun“ (1885), bis zu dem von Gerti Mauser Lichtl im Favorit-Verlag bis 2001 herausgegebenem Kinderbuch „“10 kleine Negerlein“. Seine Forscherneugier und interkulturelle Überzeugung führte nun dazu, dass er seine Sammlung in einem bemerkenswerten Buch analysiert. Das zentrale erkenntnisleitende Interesse des Autors richtet sich auf mögliche Beziehungen zwischen den amerikanischen gesellschaftspolitischen Kontexten sowie den deutschen. Steckt mehr dahinter als die Verunglimpfung des Afrikaners als „dummes, dummes Negerlein“, wie es sich in der Schweizer Ausgabe von 1960 im Text und Bild zeigt, eine Verirrung in eine längst überwunden geglaubte rassistische Betrachtungsweise? 0der ist die Charakterisierung der Afrikaner als „primitiv, einfältig, arbeitsscheu und seltsam“ noch aktuell, gar noch angemessen? Afrikaner in Europa und Schwarze in den USA berichten immer wieder von Diskriminierungen der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaften gegen sie, die eine andere als „weiße“ Hautfarbe haben. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Zehn kleinen Negerlein“, so Schmidt-Wulffen, kann nicht als ein nostalgisches, heute belächeltes Relikt weißer Arroganz beiseite geschoben werden, sondern ist Hier und Heute notwendig – gerade angesichts einer starken Verunsicherung über den Umgang von Einheimischen und Migranten in einer Zuwanderungsgesellschaft. Mangelndes Urteilsvermögen und fehlendes Wissen über die historischen Beziehungszusammenhänge und Rassismen zwischen Schwarz und Weiß lassen bis in die Mitte der Gesellschaft die Aufgabe der Integration einseitig als Bringschuld der „anderen“ erscheinen. Am Beispiel der Kinderbücher, insbesondere der „Zehn kleinen Negerlein“, schafft das Buch einen soliden Hintergrund, wie er besonders für Eltern und Mütter, für Kindergärtnerinnen und Lehrer vonnöten ist.

Aufbau und Inhalt

Schmidt-Wulffen gliedert seine Analyse in fünf Kapitel.

Im ersten Teil setzt er sich mit „Political Correctness, Verbote, Selbstzensur“ auseinander, indem er auf den Rassegedanken und die verschiedenen, ideologischen, kulturell-moralischen, sexistischen und biologistischen Deutungsmuster verweist und die anthropologische Sichtweise kritisiert, die die klima- und umweltbedingte Entstehung der Hautfarben der Menschen ignoriert und von der Hautfarbe auf die „Rasse“ schließt. Weil der Begriff der „Rasse“ sowohl in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, als auch in den demokratischen Verfassungen und Gesetzen zu finden ist und semantisch unersetzbar erscheint, werden wir, obgleich seine Grundlagen heute wissenschaftlich unhaltbar sind (nur Tiere kennen Rassen), weiterhin mit ihm leben müssen – eine unglückliche Erschwernis jeder Aufklärung des Rassismus.

Die Analyse der deutschen (und europäischen) Geschichte der „Zehn kleinen Negerlein“ ist, so der Autor, ohne die historische Rekonstruktion der Entstehung der „Ten Little Niggers“ in den USA, nicht möglich; dies legt Schmidt-Wulffen im zweiten Kapitel dar. Die Existenz der (amerikanischen) „Little Niggers“ diente nicht einer absichtslosen Diskriminierung und Infantilisierung der Schwarzamerikaner, sondern bezweckte ein gesellschaftspolitisches „Roll-Back“, um die für unverzichtbar gehaltene wirtschaftliche und politische Dominanz der Weißen auch nach der Aufhebung der Sklaverei aufrechtzuerhalten bzw. wieder herzustellen. Basis einer entsprechenden Ideologie war die Behauptung, dass die „Neger“ zur Freiheit weder fähig seien noch diese selbst wünschten.

Im dritten Kapitel schließlich vollzieht der Autor den Schritt hin zur Ankunft der „Zehn kleinen Negerlein“ im imperialen und nach Kolonien strebenden Europa. Schließlich fällt die Erstausgabe der „Kleinen Negerlein“ (Benary/Allers 1985) mit der Berliner Kongokonferenz zusammen. Es war insbesondere die Kolonialliteratur, die sich des Bildes vom Neger bemächtigte, entweder als hilfsbedürftiges und für das Christentum zu bekehrendes Objekt, wie dies in der Missionsarbeit geschah, um die Voraussetzungen für die legale (Arbeits-)Ausbeutung in den Kolonien zu schaffen oder als zu bekämpfenden und zu vernichtenden Störenfried bei der territorialen Machtausübung. Das Bild des Afrikaners als des „minderwertigen Negers“, das sich auf Kant und Herder stützt und sich bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nachweisen lässt, gilt in den afrikabezogenen Wissenschaften als „alter Hut“, über den man nicht mehr diskutieren muss. Dennoch standen die „Zehn kleinen Negerlein“ nicht im Dienst der Kolonialförderung, wie der Autor aus verschiedenen Perspektiven nachzuweisen in der Lage ist, sondern diente der autoritären „Schwarzen Pädagogik“, für deren Erziehungsprinzipien die eingängigen Reime (analog zum Struwwelpeter) benutzt wurden.

Im vierten Teil richtet Schmidt-Wulffen noch einmal den Blick hin in die USA, um „antirassistische Sensibilisierungsversuche“ deutlich zu machen, als taugliche und untaugliche Versuche, Rassismen in der Kindererziehung zu vermeiden und Unterschiede bei den Menschen nicht als Kinderei oder Bedrohung, sondern als Brücke zwischen den Kulturen zu erkennen.

Es könnte sein, dass der Autor infolge seiner erziehungswissenschaftlichen Herkunft das fünfte Kapitel als das wichtigste versteht. Es geht darum, die tradierte Kluft zwischen Einheimischen und Migranten zu deuten, um sie durch eine offene und für alle faire Erziehung zum Menschen und Mitbürger zu überwinden. Immerhin wurde noch bis vor wenigen Jahren in Liederbüchern, die auch für die Schule geeignet seien, das Lied „Zehn kleine Negerlein“ mit Melodie und Text abgedruckt; und in der Berliner Lehrerfortbildung wurde bis 1994 eine Broschüre benutzt, in der für den Sportunterricht in der Grundschule die „Zehn kleinen Negerlein“ als Bewegungsspiel empfohlen wurden. In einer Schülerbefragung zu den „Zehn kleinen Negerlein“, die Schmidt-Wulffen in dritten, sechsten und neunten Klassen einer deutschen Schule, und in einer ghanaischen Elementary School durchführte, zeigen sich ambivalente, aber überwiegend negative Meinungen der Kinder zu den diskriminierenden Darstellungen. Die formulierten Anregungen für ErzieherInnen, LehrerInnen und Eltern bieten eine Reihe von nachdenkenswerten und anwendbaren Aktivitäten für einen normalen Umgang von Kindern und Jugendlichen miteinander.

Fazit

Die in der Forschungsarbeit anfangs festgestellte Situation, dass zur Geschichte der „Zehn kleinen Negerlein“ erstaunlicherweise wenig Quellenmaterialien vorliegen, hat Wulf Schmidt-Wulffen in bemerkenswerter und akribischer Weise umschifft, indem er zum Sucher und beinahe zum Kriminalisten beim Aufspüren von den ursprünglichen, in den USA entstandenen „Ten Little Niggers“ und nach Europa und Deutschland eingewanderten „Zehn kleinen Negerlein“ wurde. Es ist sein Verdienst, die bisher unkritische (oder tabuisierte?) Benennung der Geschichte als „harmlose“ Kindererzählung mit seiner Analyse in Frage zu stellen und anzumahnen, „dass eine Diskussion um Rassismus alles andere als antiquiert oder genug ist“. Schmidt-Wulffen bietet mit seinem Buch die Chance, in der Familie, im Kindergarten, der Schule und in der Erwachsenenbildung ein aufgeklärtes und humanes Bewusstsein zu schaffen, dass wir Menschen in EINER WELT leben und „frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind“, wie es in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Artikel 1 heißt. Der Autor bietet auch an, seine Sammlung in Ausstellungen zu zeigen und über seine Forschungsarbeit zu referieren und zu diskutieren.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.11.2010 zu: Wulf Schmidt-Wulffen: Die "Zehn kleinen Negerlein". Zur Geschichte der Rassendiskriminierung im Kinderbuch. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. ISBN 978-3-643-10892-0. Reihe: Literatursoziologie - 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10156.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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