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Barbara Bleisch: Pflichten auf Distanz

Cover Barbara Bleisch: Pflichten auf Distanz. Weltarmut und individuelle Verantwortung. Walter de Gruyter (Berlin) 2010. 224 Seiten. ISBN 978-3-11-022825-0. 64,95 EUR.

Reihe: Ideen & Argumente.
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Zur Reichweite individueller Verantwortung

Jean Starobinski hat folgendes Diktum aufgestellt – Leben heisst reagieren. (Starobinski 2001, 101 ff.) Dieses Reagieren nimmt nun naturgemäß verschiedene Formen an – die moralische Selbstbindung ist eine sehr herausfordernde Möglichkeit, sich den Dingen des Lebens zu nähern und auf Weltzustände zu reagieren. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (UDHR – Universal Declaration of Human Rights) finden sich zwei Artikel, die im Zusammenspiel sehr weitreichende Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft (die politischen Gemeinschaften) haben: Artikel 25 „1. Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.“ Und Artikel 28 „Jeder hat Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können.“ (die UDHR ist zu finden auf: www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Introduction.aspx).

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Weltweit leben rund 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Armut – sie müssen täglich mit weniger als einem Dollar (in lokaler Kaufkraft) auskommen. Die finanzielle Unterstützung seitens der westlichen Industrieländer (im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit) sinkt dagegen.

Doch es gibt auch noch andere Möglichkeiten, sich nicht näher auf Fragen der Weltarmut einzulassen. Der Philosoph Thomas W. Pogge hat vier dieser Möglichkeiten als „four easy reasons to ignore world poverty“ bezeichnet und versteht darunter: Erstens die Annahme, dass die Linderung von Weltarmut doch nur dazu führt, dass in Zukunft noch mehr Menschen an Hunger leiden und daran sterben – schließlich würde damit die Überbevölkerung gefördert werden. Zweitens die Behauptung, dass das Problem Weltarmut die zeitlichen und finanziellen Ressourcen der wohlhabenden Gesellschaften schlicht überfordern würde – das Problem ist einfach zu groß, um noch lösbar zu sein. Drittens findet sich die Vorstellung, dass die bisherigen gesellschaftlichen Bemühungen doch gezeigt hätten, dass die Bereitstellung von finanzieller Unterstützung einfach nichts dazu beitrüge, das Problem Weltarmut effizient zu bekämpfen. Viertens trifft man immer wieder auf das Argument, dass sich Weltarmut schon von alleine lösen würde. (Pogge, 2002, 6-11)

An dieser Stelle soll nicht so sehr der Versuch gemacht werden, die von Thomas W. Pogge beschriebenen „Exit-Strategien“ auf dem Boden der Realität zu entkräften und deren Zynismus bloß zu legen, sondern es soll veranschaulicht werden, dass Weltzustände, die von vielen Menschen als moralisch bedenklich eingeschätzt werden, nicht ohne weiteres als Aufforderung bzw. Verpflichtung gesehen werden, diesen Zustand zu beseitigen.

Eine Möglichkeit, Weltarmut über große Distanzen hinweg in den eigenen Blick zu bekommen, ist der Versuch das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich schließlich um eine gemeinsame Welt handelt, auf der das alles passiert – der australische Philosoph Peter Singer spricht in diesem Zusammenhang von der Ethik der Globalisierung – Die Welt ist eins - „One World“ – und damit ist der Rahmen festgelegt, innerhalb dessen moralische Ansprüche und Pflichten relevant werden.

Hilde Johnson, eine norwegische Entwicklungspolitikerin hat einmal die Idee formuliert: „When we can put a man on the moon, why can we not eradicate poverty? The answer is – we can. We can, but we must do more, we must want more.” (211). Was es braucht, dieses “Mehr” begrifflich zu machen und zu argumentieren, das findet sich in dem Buch von Barbara Bleisch.

Autorin

Barbara Bleisch ist zur Zeit an der Universität Zürich (Schweiz) im Ethik Zentrum beschäftigt (Universitärer Forschungsschwerpunkt Ethik). Sie beschäftigt sich dabei mit Fragen zur Familienethik, zur ethischen Entscheidungsfindung im wirtschaftlichen Kontext und mit Fragen zum instrumentalisierungsverbot. Mit der vorliegenden Arbeit hat sie an der Universität Zürich promoviert, und sie für die Publikation umgearbeitet. Mehr über die Autorin findet sich hier: (www.ethik.uzh.ch/ufsp/ma/barbarableisch.html)

Weltarmut und individuelle Verantwortung

Wenige Phänomene der menschlichen Gesellschaften werden so uniform beurteilt wie die Weltarmut. Es gibt schlicht und einfach keinen (vernünftigen) Dissens in der Frage, ob es Weltarmut gibt. Damit unterscheidet sich dieses Phänomen ganz klar von anderen globalen Themen – Klimaerwärmung, Artenschutz usw.

Barbara Bleisch sieht sich daher mit einem (moralischen) Dilemma konfrontiert – einerseits wird Weltarmut von den meisten Menschen als besondere Tragik aufgefasst, andererseits fühlen sich nur verhältnismäßig wenige Menschen dadurch auch angesprochen, sich für die Beseitigung dieses Zustandes einzusetzen – die Hilfe für Menschen, die sich in derartiger Not befinden, wird als „Kann-Option“ aufgefasst, nicht als „Muss-Option“ (Pflicht).

„Die meisten halten es für eine menschliche Tragödie, dass täglich Tausende von Kindern an Mangelernährung sterben und Millionen von Menschen unter erbärmlichen Umständen leben müssen. Weitaus weniger sind jedoch der Meinung, dass sie diesen Menschen etwas schuldig sind, dass es also Pflicht sei, etwas gegen dieses Elend zu unternehmen.“ (29)

Barbara Bleisch spricht von einem Pflichtenpluralismus, der den Rahmen für unsere moralische Verantwortung bei der Beseitigung der Weltarmut festlegt. In ihrem Buch benennt sie davon drei besondere Pflichten: die Bürgerpflicht, die Konsumentenpflicht und die Hilfspflicht. Schließlich versucht sie, diese Pflichten im Rahmen der individuellen Verantwortung festzumachen.

Das Buch gliedert sich in fünf inhaltliche Teile – im ersten Teil (29-58) wird der Versuch unternommen, die Grenzen von Moralität zu bestimmen. Diese Grenzen haben zum einen etwas mit der Perspektive von Moral zu tun, zum zweiten mit der Frage nach der Reichweite und drittens mit Überlegungen zum Gegenstandsbereich der Moral. Barbara Bleisch zeichnet an dieser Stelle Argumente und Einschätzungen nach, nach denen es keine Pflicht zur Beseitigung von Weltarmut geben kann. Im nächsten Teil des Buches setzt sich die Autorin mit Fragen zur Gerechtigkeit auseinander (59-91). Es werden Gerechtigkeitstheorien dargestellt und der Frage nachgegangen, „ob es sich bei der Weltarmut in der Tat um ein Problem der Gerechtigkeit, respektive Ungerechtigkeit handelt“, denn „nicht alle moralischen Probleme sind … zugleich Probleme der Gerechtigkeit.“ (59). Für die Autorin ist es schließlich eine Pflicht, „globale distributive Gerechtigkeit … herzustellen.“ (91). Im folgenden Teil (93-140) geht es um die Frage, ob Weltarmut nicht nur als Ungerechtigkeit verstanden werden kann, sondern vielleicht sogar als Schadensfolge aufgefasst werden muss (Schädigungsthese). Dieser These zufolge „handelt es sich bei der Weltarmut um ein Unrecht, das die Reicheren den Ärmeren zugefügt haben und laufend zufügen, weshalb ihnen entsprechende Unterlassungspflichten und korrektive Pflichten zukommen.“ (93). Diese Schädigung kann auf institutioneller wie auch auf wirtschaftlicher Ebene stattfinden – daraus folgen daher auch Bürgerpflichten sowie Konsumentenpflichten, um die Weltarmut zu beseitigen. Nochmals: Bürgerpflichten beziehen sich darauf, „die eigene Regierung dazu zu bewegen, sich für eine gerechtere Weltordnung einzusetzen“ (141); Konsumentenpflichten „verlangen [vom Individuum] bei seinen Konsumentscheidungen Sorgfalt walten zu lassen, um sich nicht an Ausbeutung und Schädigung zu beteiligen, sowie ungerechtfertigte Gewinne zu restituieren.“ (141). Der vierte Teil geht nun der Frage nach, welchen Platz der Hilfsplicht noch zukommt, wenn wir den beiden genannten Pflichten bereits folgen (141-177). Barbara Bleisch argumentiert für die Existenz dieser Hilfspflicht und schließt daher: „Die … Bewohner der Wohlstandsländer haben somit über ihre Bürger- und Konsumentenpflichten hinaus die Hilfspflicht, gegen extreme Armut tätig zu werden. Dies können sie allerdings nur dann erfolgreich tun, wenn sie Hilfe bündeln und auf eine geeignete Institutionalisierung der Hilfsaktionen hinarbeiten. Im letzten Teil des Buches versucht die Autorin nun diesen Pflichtenpluralismus in den Rahmen der individuellen Verantwortung zu stellen (179-211). Sie stellt dafür zwei Szenarien gegenüber: Zum einen eine Welt, in der sowohl Institutionen als auch andere Menschen in großem Umfang die Weltarmut bekämpfen, und zum anderen eine Welt, die unserer sehr viel näher kommt, eine Welt, in der „zumindest einige andere ihren Pflichten nicht oder nicht zureichend nachkommen“ (197)

Fazit

Ich kenne nicht viele Bücher, die sich derart analytisch mit der Frage nach unseren moralischen Pflichten auseinander setzen, wie das Buch von Barbara Bleisch. Ich möchte es daher in eine Reihe mit „World Poverty and Human Rights“ von Thomas W. Pogge und „One World“ von Peter Singer stellen. Barbara Bleisch hat in ihrem Buch immer wieder darauf hingewiesen, dass das Problem Weltarmut mit individuellen Pflichten einhergeht, die jeden einzelnen von uns daran binden, seiner eigenen Moralität Ausdruck zu verleihen, sprich: moralisch tätig zu werden. Jeder von uns hat gewisse gesellschaftlichen Rollen in inne, die ihn mehr oder weniger dazu befähigen seinen Beitrag zur Verringerung der Weltarmut zu leisten. „Es sind dies erstens Bürgerpflichten, die uns als … Bürger demokratisch regierter Länder in die Pflicht nehmen, unsere Stimmen zugunsten einer gerechten Weltordnung zu erheben; zweitens Konsumentenpflichten, die uns als Käufer … darauf verpflichten, unsere Konsumententscheidungen mit Sorgfalt zu treffen …; und drittens Hilfspflichten, die Menschen darauf verpflichten, anderen Menschen in … Not Unterstützung zu gewähren. … Die Weltarmut zu beseitigen ist somit eine Aufgabe, die wir alle gemeinsam haben …“ (209-210) Daher passt es auch, von Pflichtenpluralismus zu sprechen – es ist mehr als eine bestimmte Pflicht, die das Problem Weltarmut, zu unserem Thema macht. Barbara Bleisch liefert mit ihrem Buch einen klaren, überzeugenden Beitrag zur Diskussion zur Frage, bis wohin moralische Pflichten reichen – folgt man ihrer Argumentation, so zeigt sich, dass diese Pflichten tatsächlich bis zu uns reichen – Wir sind aufgefordert unseren Beitrag zur Beseitigung der Weltarmut zu leisten.

Literatur

  • Pogge, T. W. (2002). World Poverty and Human Rights. Cosmopolitan Responsibiliuties and Reforms. Cambridge (UK), Polity Press
  • Singer, P. (2002). One World. The Ethics of Globalization. New Haven, Conn. (USA) & London (UK), Yale University Press
  • Starobinski, J. (2001). Aktion und Reaktion. Leben und Abenteuer eines Begriffspaars. München (GER) & Wien (AUT), Carl Hanser Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at


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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 15.12.2010 zu: Barbara Bleisch: Pflichten auf Distanz. Weltarmut und individuelle Verantwortung. Walter de Gruyter (Berlin) 2010. ISBN 978-3-11-022825-0. Reihe: Ideen & Argumente. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10160.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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