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Angela Kühner: Beratung in der Migrationsgesellschaft

Cover Angela Kühner: Beratung in der Migrationsgesellschaft. Zwischen Dramatisierung und Anerkennung von Differenz. Kassel University Press (Kassel) 2010. 8 Seiten. ISBN 978-3-89958-542-1. 5,00 EUR.

Reihe: Positionen - H. 2010,2.
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Präambel

Es handelt sich bei der Publikation um einen Text in der Reihe „Beiträge zur Beratung in der Arbeitswelt“ im Umfang von acht (8) Seiten (DINa4 und dreispaltig) und zwei (2) Literaturhinweisen „zum Nachlesen“, der quantitativ in etwa einer Hausarbeit in den auslaufenden Studiengängen entspricht, der theoretisch angelegt ist und auf persönlichen Erfahrungen beruht, aber praktisch (Adressaten sollen wohl „Beraterinnen“ sein) wirken soll. Die Autorin beginnt daher ihre Abhandlungen auch mit den Worten: „Dieser Text muss unbedingt verwirrend beginnen“ (S. 2) – allerdings endet er m. E. ebenso.

Thema und Autorin

Das Thema „Migration und Integration in der Einwanderungsgesellschaft“ hat mittlerweile auch die Sphäre der „Beratung“ erreicht, die damit um eine neue Klientel und einen neuen pädagogischen Merkt erweitert wurde. Die Autorin, promovierte Sozialwissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt, hat mehrere Jahre als „Interkulturelle Fachberaterin“ im „Frauentherapiezentrum München“ gearbeitet – dort zuständig für alle Fragen und Probleme, „die irgendwie interkulturell wahrgenommen wurden“ und in einem „Fachteam … im Sinne von kultursensibler Intervision gemeinsam reflektiert wurden“ (S. 3). Sie selbst war dort „Fachfrau für interkulturelle Fragen“ – ein „Konstrukt“, welches bereits, wie Angela Kühner selbstkritisch(-reflexiv) anmerkt. das „Dilemma“ ihrer Arbeit benennt.

Aufbau und Inhalt

Der Text gliedert sich in einen kleineren Teil „Theoretisches“ sowie einen Teil „Good practice“.

Im Theorieteil will Kühner die Leserinnen (sie schreibt als Feministin für Frauen bzw. Beraterinnen) für das mit „Fallstricken“ versehene ambivalente Thema „Interkulturalität“ sensibilisieren, spricht daher von „Differenzdilemmata“, von der „Gefahr einer essentialistischen Festschreibung“, eines „Kulturrassismus“ und terminologischen Problemen wie „kulturelle Identität“ oder „Kampf der Kulturen“ (Huntington als Autor wird nicht erwähnt!). Fazit ihrer Überlegungen ist: „Ein Text zur interkulturellen Beratung bedient unweigerlich die irreführende Vorstellung, dass wir es in der Migrationsgesellschaft vor allem mit kulturellen Problemen zu tun haben“ (Hervorhebung im Original) – dem ist ohne Abstriche zuzustimmen, nur: Was wäre die Konsequenz daraus? Dies wird m. E. nur angetippt, nicht kritisch reflektiert und dann unbefriedigend pragmatisch „gelöst“ („trotz allem die beste Überschrift“, S. 4; vgl. exemplarisch dazu meine Aufsatzsammlung „Kritik der Interkulturellen Pädagogik“ oder „Meine Kultur mache ich selbst“). Im Grunde genommen geht es Angela Kühner um das Thema „Gerechtigkeit“ (oder „Chancengleichheit“ in feministischer Sicht). Das grundlegende Problem in der Vermittlung von Theorie und (zur) Praxis (von Soziologie und Pädagogik), dass nämlich „idealtypische“, d.h. theoretisch konstruierte Begriffe in der Praxis als „real“, d.h. empirisch auffindbar, aufgefasst werden, wird nicht diskutiert.

Im Praxisteil fokussiert die Autorin ihre Ausführungen auf ein „Nachdenken über ‚Beratung als Profession‘ und die ‚Institutionalisierung von Beratung‘ andererseits“ (S. 4), welche sie „Denkbewegung“ und „Intervention“ nennt. Kritisch merkt sie an, dass im Bereich der „interkulturellen Fachberatung … bisher die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiterinnen Deutsche ohne Migrationshintergrund“ sind (ebd.). Als persönliche, auf Erfahrung beruhende und für die Praxis unabdingbare „Grundhaltung“ formuliert Angela Kühner: „Interkulturalität ist nichts Spektakuläres, was jetzt auch noch berücksichtigt werden muss“ (ebd.) – die Konsequenz (vgl. oben) wäre dann aber, dass der Begriff „Kultur“ und damit auch „Interkulturalität“ aus der (theoretischen und vor allem praktischen) Debatte verschwindet! Kühner will lieber mit dem Konzept „Migration“ arbeiten, doch dann verschiebt sich m. E. das Problem auf das Konstrukt „Menschen mit Migrationshintergrund“, ein „Begriff, der in diesem Kontext manchmal wie eine seltsame Krankheit klingt“ (Kühner meint hier „Kultur“ – das Problem bleibt jedoch! Vgl. hierzu meine Kritik am Terminus „mit Migrationshintergrund“ in Griese/ Sievers 2010).

Die Autorin will also, zusammengefasst“, die Thematik „entdramatisieren“ (weg vom Blick auf „Kultur“), will „Denkbewegungen“ initiieren („Reflexionsräume“ für das Team schaffen), will „Ent-Kulturalisierungen“ („Kulturalisierung wirkt offenbar wie eine Maskierung“, S. 5) anstoßen, zu „Perspektivenübernahme“ (Empathie) anregen und klar machen, dass man (Frau) auch eine „Kultur des Nichtverstehens“ praktizieren kann (soll) – sie verweist auf Paul Mecheril, der in diesem Kontext von „Kompetenzlosigkeitskompetenz“ spricht. Ich könnte ergänzend fragen: Wer versteht schon sich selbst und das eigene Handeln?

Wichtig erscheinen mir mit Blick auf die Beraterin die abschließenden Hinweise auf die „eigene Privilegierung und den realen Machtunterschied“ in der pädagogischen Praxis sowie kritische Erkenntnisse über (den eigenen) und landesüblichen „Rassismus“ (vgl. dazu Heitmeyer: „Deutsche Zustände“).

Diskussion

Kühner spricht viele Aspekte und Themen an, die für eine selbstkritische Reflexion in der „interkulturellen Beratung“ sinnvoll und wichtig sind. Ich bezweifel jedoch, ob ihre theoretischen Überlegungen bei Leserinnen auch ungebrochen in der Praxis ankommen. Der Text eignet sich daher m. E. nur in der Fortbildung von Beraterinnen, d.h. in möglichst mehrere Tage (Wochen) umfassenden Workshops, in denen genügend Zeit zum Erfahrungsaustausch und zur kritischen Reflexion eigener Gedanken vorhanden ist. Praxis ist meist resistent gegenüber theoretischen Reflexionen – aber „eine gute Theorie ist (bekanntlich) die beste Praxis“.

Zu wenig wird von Kühner der Milieuaspekt beachtet. Es gibt (vgl. die SINUS-Migranten-Milieus) ganz unterschiedliche sozio-ökonomische Lebensstile und Problemlagen bei Einwanderern und ihren Familien. Auch der familiäre Kontext sowie der Generationenaspekt kommen zu kurz (vgl. „systemische Ansätze“ in der Beratung). Die Klient(inn)en in der Beratung werden von Kühner auf zwei Merkmale reduziert: Geschlecht und Migration. Im aktuellen feministischen Theoriediskurs ist man (Frau) da viel weiter und differenzierter in der kritischen Argumentation (vgl. dazu Winkler/ Degele bzw. den Intersektionalitätsansatz, der Menschen immer mehrdimensional betrachtet: class/ Milieu, race/Ethnie, gender/ Geschlecht, religion, generation, region, profession …).

Fazit

Kühner hat Recht: „Kultur ist nicht das (Haupt-)Problem“ (S. 8). Das Problem sind die Begriffe, nicht nur der Terminus „Kultur“ oder „Interkulturalität“ sowie oft die Beratungssituation (Hierarchie, Herrschaft durch Beratung) und das Team, in dem beraten wird (Konkurrenz, Neid, Abgrenzungen, Kompetenzen usw.). Von daher wäre ein de-konstruktivistischer und interaktionistischer Zugang zum Thema m. E. sinnvoller und ergiebiger in Richtung (Selbst-) Reflexion gewesen. Vor allem sollte die Chance einer „Supervision“ im Team genutzt werden. Der Schlusssatz (als Zitat ohne Angaben!?) „Leider kenne ich mich jedoch mit dem Selbstverständnis (der Identität?) von Supervisoren nicht so gut aus …“ lässt mich dann doch „verwirrt“ (vgl. oben den Eingangssatz) die Broschüre aus der Hand legen – oder sollte das noch mal ein Reiz für (Selbst-) Reflexion sein?

Literaturhinweise

  • Griese, Hartmut M.: Kritik der ‚Interkulturellen Pädagogik‘. Essays gegen Kulturalismus, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. Münster 2002.
  • Ders.: Meine Kultur mache ich selbst. Kritik der Inter- und Transkulturalität in Zeiten der Individualisierung und Globalisierung. In: ZEP, Heft 4/ 2006.
  • Griese, Hartmut M. und Sievers, Isabel: Bildungs- und Berufsbiographien von Transmigranten. In: APuZ, Heft 46-47/ 2010.
  • Winkler, Gabriela und Degele, Nina: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld 2009.

Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie. ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 11.02.2011 zu: Angela Kühner: Beratung in der Migrationsgesellschaft. Zwischen Dramatisierung und Anerkennung von Differenz. Kassel University Press (Kassel) 2010. ISBN 978-3-89958-542-1. Reihe: Positionen - H. 2010,2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10164.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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