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Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt, Grit Wachtel (Hrsg.): Pädagogische Professionalität und Behinderung

Cover Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt, Grit Wachtel (Hrsg.): Pädagogische Professionalität und Behinderung. Herausforderungen aus historischer, nationaler und internationaler Perspektive. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. 233 Seiten. ISBN 978-3-17-021295-4. 29,00 EUR.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Herausgeberinnen

Die 1941 geborene Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt wurde 1979 an der Universität Hamburg am Fachbereich Erziehungswissenschaft mit einer Dissertation über die Sozialgeschichte der Hilfsschullehrer (1880-1933) promoviert. Historische Themen ziehen sich durch die Publikationsliste der Erstherausgeberin. Zuletzt bekleidete sie eine Professur für Allgemeine Rehabilitationspädagogik und Lernbehindertenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Grit Wachtel (Jg. 1963) wurde 1991 mit einer Arbeit über die kooperative Lerntätigkeit mit Hilfsschülern in der Ganztagsschule (zusammen mit Eberhard Grüning) an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Gegenwärtig ist die Zweitherausgeberin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der genannten Universität.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Publikation enthält Beiträge, die auf dem Internationalen Kongress „Pädagogische Professionalität und sonderpädagogische Kompetenz vor neuen Herausforderungen“ im November 2007 an der Humboldt-Universität zu Berlin vorgetragen wurden. „Historiografischer Anlass für diese Veranstaltung war der Beginn der akademischen Lehrerbildung für Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen an der Humboldt-Universität zu Berlin im Wintersemester 1947/1948“ (S. 7).

Aufbau

Die Publikation behandelt 5 Themenschwerpunkte, denen einzelne Fachbeiträge untergeordnet sind:

I. Historische Perspektive

  1. Heinz-Elmar Tenorth: Sonderpädagogische Professionalität – Zur Geschichte ihrer Entwicklung
  2. Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt: Zwischen Gleichberechtigung, Machtausübung und Emanzipation
  3. Andrea Erdélyi und Katalin Radvány: Historische Entwicklung sonderpädagogischer Professionalität in Ungarn
  4. Ursula Hoyningen-Süess und Csilla Schiffer: „Allgemeine Heilpädagogik“ und „Grundlinien zu einer Theorie der Sonderpädagogik“: heil- bzw. sonderpädagogische Ideengeschichte im Vergleich
  5. Christian Stöger: Pädagogische Selbstinszenierung und Scharlatanerie. Beginn und öffentliche Wahrnehmung der Erziehungsanstalt „Levana“ (1856-1858)
  6. Thomas Barow: Die Sonderpädagogenausbildung in Schweden in historischer Perspektive. Reformpädagogische Strömungen am Schwachsinnigenlehrerseminar Slagsta 1911-1959.

II. Die Debatte um (sonder-)pädagogische Professionalität in Deutschland

  1. Ewald Terhart: Heterogenität der Schüler – Professionalität der Lehrer: Ansprüche und Wirklichkeiten
  2. Vera Moser: Heterogenität als bildungspolitische Orientierung sonderpädagogischer Professionsentwicklung. Historische Hypotheken und aktuelle Ambivalenzen
  3. Bernd Ahrbeck: Verhaltensstörungen sind eine ernste Angelegenheit – Über Professionalität, Differenzierung und Trennung
  4. Fritzi Hoppe: Sprachbehindertenpädagogik im Spannungsfeld konzeptioneller und institutioneller Diagnostik
  5. Karl-Ernst Ackermann: Grundfiguren sonderpädagogischer Studiengänge in der konsekutiven Lehrerbildung

III. Internationale Perspektive: die Professionalisierungsdebatte im Hinblick auf behinderte, benachteiligte und vulnerable Schüler

  1. Florian Kiuppis, Lisa Pfahl und Justin Powell: Zum Einfluss von Klassifikationen der Weltgesundheitsorganisation auf die sonderpädagogische Professionalität in Deutschland und den USA
  2. Jery Rosenqvist: A model for inclusive education. The Special Educator and the Special Teacher in co-operation for optimal learning occasions for all students
  3. Gottfried Biewer: Inklusive Schule – Forderungen für Aus-, Fort- und Weiterbildung von allgemeinen Pädagogen und Pädagoginnen sowie Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen mit Blick auf die Konzeptionen der Bachelor- und Master-Studiengänge
  4. Zdziszlawa Janiszewska-Niescioruk und Danuta Kopec: Aktuelle Probleme in der Bildung von Sonderpädagog(innen) in Polen
  5. Gabriela Papp: Historische und aktuelle Entwicklungen in der Ausbildung von Sonderpädagogen in Ungarn, unter besonderer Berücksichtigung von Bachelor- und Master-Strukturen
  6. Denis Poizat: Thoughts about training for inclusive education. From low incomes to high incomes countries

IV. Herausforderungen an (sonder-)pädagogische Professionalität angesichts der Forderung nach einer inklusiven Schule

  1. Christian Lindmeier: Welche Pädagogik braucht eine inklusive Schule?
  2. Reto Luder, Kai Felkendorff, Peter Diezi-Duplain und André Kunz: ICF-basierte Förderplanung als Beitrag zur Professionalisierung kooperativer und multidisziplinärer Förderplanung in inklusiven Schulen
  3. Bettina Lindmeier: Sonderpädagogische Kompetenz in einer inklusiven Schule
  4. Birgit Werner: Das Literacy-Modell: Ein Zugang für eine (sonder-)pädagogische Professionalität in der Didaktik der Allgemeinen und Lernbehindertenpädagogik

Ausgewählte Inhalte

Ich erlaube mir zur Besprechung dieser Publikation zwei Beiträge zur näheren Betrachtung hervorzuheben.

  1. der Artikel von Christian Stöger, der sich mit dem Beginn und der öffentlichen Wahrnehmung der Erziehungsanstalt „Levana“ befasst, und
  2. der Aufsatz von Vera Moser zu Heterogenität als bildungspolitische Orientierung sonderpädagogischer Professionsentwicklung.

Ad a) Zu Beginn seiner Ausführungen fragt der Autor nach den Gründen für das Scheitern der „Levana“, der „ersten Erziehungsanstalt für so genannte ‚blödsinnige‘ Kinder in Österreich“ (S. 65). Diese Gründe scheinen unklar zu sein. Genannt werden in der gegenwärtigen historiographischen Literatur:

  • - „ein zur Anstaltsführung wenig geeignetes Naturell der Leiter und ein mangelndes Interesse der österreichischen Behörden […] (und – CR)
  • - „das reaktionäre politische Klima […] des neo-absolutistischen Kaiserstaates, der für ein Erziehungsexperiment, das die Einlösung des Bildungsanspruchs für behinderte und nicht behinderte Kinder in gemeinsamen Unterrichtssituationen intendiert hat, den denkbar schlechtesten Boden abgegeben habe“ (ebd.).

Um die Bewilligung einer „Heilpflege- und Erziehungsanstalt für geistesschwache Kinder“ in Baden bei Wien bemühte sich im Februar 1856 der ehemalige Leiter von kurzlebigen Erziehungsanstalten in Worms und Baden-Baden Jan Daniel Georgens. „Die sonst pedantischen Behörden des österreichischen Kaiserstaates genehmigen dem in Fragen der Idiotenbildung gänzlich unerfahrenen Hauslehrer, der sich in seinem Gesuch – falsche Tatsachen vorspiegelnd – als Doktor der Philosophie ausgibt, nach einem halben Jahr der Beratungen die Errichtung und Führung der Anstalt ohne besondere Auflagen“ (S. 67). Im März 1857 wird die Anstalt der Öffentlichkeit als „Levana, Bildewerkstatt für die Jugend“ präsentiert. Die Anstalt verfügte über Abteilungen für nicht behinderte und für so genannte geistesschwache Zöglinge. Integrative Bemühungen waren jedoch nicht intendiert. Architektonische Gegebenheiten schieden die Abteilung der so genannten geistesschwachen Kinder ganz besonders ab.

Levana, die Namensgeberin, ist die römische Schutzgöttin der Kindheit. Mit der Bezeichnung Bildewerkstatt soll eine Abgrenzung hin zur Schule vorgenommen werden. „Die Anzeige verweist auf zwei literarische Arbeiten: ‚Der Ausgestoßene‘ und die ‚Aufgegebene‘ von J. M. v. Gayette, welche die Leitlinien und das Aktionsprogramm der Levanapädagogik verdeutlichen sollen und explizit als Tatsachenberichte, welche ‚die Macht und den Zauber der Tätigkeit und der freien individuellen Entwicklung in Spiel und Arbeit bezeugen‘ […], verstanden werden wollen“ (S. 68).

Der Verfasser widmet sich im Folgenden den beiden im vorhergehenden Absatz genannten Erzählungen Gayettes. „Beide Erzählungen haben einen ähnlichen Bauplan. Die Schilderung der scheinbar aussichtslosen Krisensituation zweier Kinder bildet ihren Anfang und benennt bald die Urheber der Probleme: Es sind die auf das Kind zugreifenden, von der Autorin attackierten Institutionen der Familie, Schule oder Medizin, die mit ihrem an Defiziten orientierten Blick einem dynamischen, schöpferischen Wesen keinen Spielraum lassen. Die ‚Levana‘ erscheint als jene pädagogische Gegenwelt, die Problemlagen deswegen mit Leichtigkeit zum Verschwinden bringen kann, weil der kindlichen Vorstellungswelt mit ihren Aktionsformen Raum gegeben wird“ (S. 68).

1857 führte die Serie der Kinderportraits zu einem Wandel der Levana in der öffentlichen Wahrnehmung. „Die anfängliche Aufgeschlossenheit der Behörden, der gutachtenden Ärzte und der österreichischen und deutschen Schulmänner verliert sich im Lauf dieses Jahres und an die von Unterstützung oder Faszination tritt im günstigsten Fall Desinteresse und im weniger günstigen Spott und Hohn“ (S. 71).

Ad b) Moser befasst sich zunächst mit der Frage danach, ob der Umgang mit Heterogenität eine neue erziehungswissenschaftliche Debatte auslöst. Heterogenität, so die Autorin am Ende des ersten Absatzes, spiele „nicht nur in der allgemeinen schul-, sondern auch in der sonderpädagogischen Fachdiskussion eine wichtige Rolle für das eigene Selbstverständnis“ (S. 105).

Nach einem Hinweis auf Luhmanns Verwendung der Heterogenität, stellt die Verfasserin eine Menge Fragen, mit denen sie die zentrale Stellung der Heterogenität innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung berührt, „nämlich jene, wie die Beziehungen der Menschen zueinander zu regeln sind und mit dieser Frage ist nicht nur die Politik, sondern auch die Pädagogik befasst“ (S. 105). Entlang ausgewählter epochaler Debatten untersucht Moser nun die Heterogenität für die sonderpädagogische Professionsgenese.

Sie beginnt hier mit der organisatorischen Bearbeitung von Heterogenität im 19. Jahrhundert. Mit der Verwirklichung der Schulbesuchspflicht ging im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Stufung des Schulzugangs, die stratifikatorische Differenzierung, einher.

Etwa 200 Jahre später, nämlich im letzten Drittel des 21. Jahrhunderts, zielte der Heterogenitätsbegriff in den 1070ern auf Chancengleichheit und Ausschöpfung der Bildungsreserven. „Betrachtet man als ausgewähltes Beispiel die Entwicklung der Gesamtschule in der Bundesrepublik in den 1970er Jahren, so basiert ihre kurzfristige Erfolgsgeschichte der Bearbeitung von Heterogenität mit der Sicherstellung gleicher Chancen einerseits auf dem Bedarf einer signifikanten Erhöhung des akademisch qualifizierten Personals und andererseits auf einem wachsenden Demokratisierungsprozess“ (S. 107). Für die Sonderschule hieß dieser Reformprozess, dass die seit den 1960er Jahren herrschende Homogenisierung durch einen verstärkten Ausbau des Sonderschulwesens vorangetrieben wurde.

Auf Pluralität zielt der Heterogenitätsdiskurs der 1990er Jahre ab – und auch erst hier taucht dieser Begriff in erziehungswissenschaftlichen Publikationen auf. Das hat Auswirkungen auf die behinderten Kinder und Jugendlichen und die Menschen mit Migrationshintergrund. Die Heterogenitätsdebatte der 1990er „knüpfte zwar an die Frage der Chancengleichheit an, ergänzte diese aber um die Frage nach Respektierung von Individualität als Antwort auf die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaft“ (S. 109).

Der gegenwärtige Heterogenitätsdiskurs betrachtet die Pole Humanismus und Ökonomie.“Auf der einen Seite wird auf das Argument der Ungerechtigkeit Bezug genommen. […] Auf der anderen Seite wird […] ebenfalls auf Gerechtigkeit rekurriert mit Verweis auf Menschen- und Kinderrechte, um die Benachteiligung von Schülern und Schülerinnen aus sogenannten ‚bildungsfernen Milieus‘ zu problematisieren“ (S. 110 f.).

Zum Schluss richtet Moser ihren Blick auf die Heterogenität aus der Perspektive der Integrationspädagogik.

Den Blick auf die Bedeutung der Heterogenitätskonzepte richtend, stellt die Autorin abschließend fest: „Wenn sich in den Debatten um Heterogenität zentrale Deutungsmuster gesellschaftlicher Ordnung entfalten, so hat auch die Erziehungswissenschaft ihre diesbezügliche organisatorische Verortung zu bedenken“ (S. 113).

Fazit

Eine gelungene Publikation, die den historisch interessierten Leserinnen und Lesern einen guten Einblick in die (sonder-)pädagogische Professionalität liefert. Zur Aktualität ist leider festzustellen, dass manche Forschungsergebnisse wohl nicht mehr ganz so aktuell sind, da die Tagung, deren Beiträge in der zu besprechenden Publikation vorliegen, vom 15.11.2007 bis zum 17.11.2007 stattgefunden hat und bis zum Erscheinungszeitpunkt der Publikation fast drei Jahre vergangen sind. Das ist also auch schon Geschichte!


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 06.10.2010 zu: Sieglind Luise Ellger-Rüttgardt, Grit Wachtel (Hrsg.): Pädagogische Professionalität und Behinderung. Herausforderungen aus historischer, nationaler und internationaler Perspektive. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-021295-4. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10184.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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