Bettina Paul, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Risiko Gesundheit
Bettina Paul, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Risiko Gesundheit. Über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitsgesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 289 Seiten. ISBN 978-3-531-16544-8. 24,95 EUR.
Thema und Entstehungshintergrund
Der Band mit dem anschaulichen Titel „Risiko Gesundheit“ trägt zusammen, welche Risiken und Nebenwirkungen der modernen Gesundheitsgesellschaft potentiell innewohnen. Obwohl die gesundheitliche Versorgung sich enorm verbessert habe, heiße „dies doch nicht, dass das Leben heutzutage (zumindest subjektiv) weniger riskant und die Gesundheit weniger gefährdet wäre. Im Gegenteil kann man mit Bezug auf Luhmann…sagen, dass es mit der Mehrung des medizinischen und epidemiologischen Wissens sowie entsprechender Informationen auch zu einer Ausweitung der Entscheidungsmöglichkeiten und –Notwendigkeiten kommt – und damit zugleich zu einem Mehr an Risiken, sich in gesundheitlicher Hinsicht richtig oder falsch zu entscheiden. Diese Entwicklung wird aber noch dadurch gefördert, dass immer mehr Probleme einer medizinischen Lösung zugeführt und immer mehr Verhaltensweisen als gesundheitsschädlich bezeichnet und bekämpft werden. Hinter jedem Zipperlein wird die Manifestation, zumindest aber der Beginn einer ernstzunehmenden Krankheit vermutet, immer öfter werden eigentlich gesunde Prozesse (etwa Alterung oder Menopause) problematisiert und medizinalisiert und jede noch so lustvolle Tätigkeit wird vor dem Hintergrund ihrer immanenten Gesundheitsrisiken taxiert. Jede Entscheidung, die wir treffen, so wird suggeriert, ist zugleich eine Entscheidung über unsere Gesundheit. Auf diese Weise wird Gesundheit zu einem konstitutiven Merkmal gesellschaftlicher Entwicklungen und Entscheidungen, und zugleich prägen die mit der Sorge um sie verbundenen Notwendigkeiten und Befürchtungen die Lebens-, Befindlichkeits- und Bewusstseinslagen der Individuen maßgeblich mit. Je umfassender Gesundheit in diesem Prozess definiert werde, so Kickbusch…, umso mehr Bereiche der Gesellschaft und des individuellen Handelns werden durch und durch über die Gesundheit definiert.’ Dies habe zur Folge, dass Gesundheit grenzenlos werde, denn immerhin sei ‚mehr Gesundheit…immer möglich: sie ist Teil der Erfahrung, durch die das moderne Ich sich selbst bestimmt’. (Einführung der Herausgeber S. 7)
Betrieben wird nach Ansicht der Herausgeber dieses neue Gesundheitsbewusstsein von unterschiedlichen Akteuren, die – einander durchaus widersprechend – gemeinsam dieselben Effekte auslösten, insbesondere den folgenden dreien: erstens den Vertretern einer modernen Gesundheitswissenschaft (Public Health), die allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit befähigen wollten; zweitens der Gesundheitswirtschaft, die eine unüberschaubare Vielzahl an Gesundheitsprodukten und –dienstleistungen bereitstelle; drittens schließlich den staatlich-politischen Akteuren, „welche die emanzipativen Absichten der GesundheitswissenschaftlerInnen mit den Interessen der (Gesundheits-)Wirtschaft kurzschließen und in neoliberaler Manier den gesundheitlich befähigten Bürger zum Gesundheitsmanager seiner selbst erklären.“ (Ebd. S. 8)
Herausgeber und Autoren
Die beiden Herausgeber repräsentieren, wie auch die Autoren und Autorinnen, unterschiedliche fachliche Zugänge zum Thema. Bettina Paul ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg, Henning Schmidt-Semisch ist Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen. Die Autoren und Autorinnen gehören dem weiten Spektrum gesundheitswissenschaftlicher Disziplinen und Hochschulen an: Medizin, Psychologie, Pflegewissenschaft, Kriminologie, Pädagogik und Sozialpädagogik, Philosophie, Biologie, Anthropologie und Soziologie. Zielgruppen des Bandes sind alle an Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik theoretisch und praktisch interessierte Leser und Leserinnen.
Aufbau und Inhalt
Alle Beiträge thematisieren die Frage nach den Ambivalenzen einer modernen Gesundheitsgesellschaft. So reflektieren mehrere Autoren die Überforderung des Bürgers durch Gesundheit-fördern-fordern- Kampagnen: Kampagnen, die nicht nur an den Lebensrealitäten der Menschen vorbeigingen, sondern im Grunde lediglich die folgsame – und also gerade nicht autonome - Umsetzung gesundheitlicher Normvorstellungen und Handlungsregularien verlangten, meistens im Dienste von Kosteneinsparungen. Theoretische Beiträge und praktische Beispiele ergänzen einander dabei sehr gut. Analysiert werden unter anderem eine wachsende gesundheitliche Ungleichheit in der Gesellschaft, die Ideologie einer Gesundheits- und Leistungsgesellschaft (Übergewicht als Phänomen einer „beratungsresistenten Unterschicht“), neuartige Formen sozialer Kontrolle (zum Beispiel in Form der elektronischen Gesundheitskarte und der elektronischen Patientenakte), die „fortschreitende Politisierung der Nahrungsaufnahme“ oder die staatlichen, „paternalistischen“ Interventionen (z.B. gegenüber Drogen und Nikotin, nicht aber Alkohol und Waffen). Die Beiträge sind nicht alle leicht lesbar, aber allesamt hoch interessant.
Die Titel der Beiträge seien im einzelnen genannt, weil sie die thematische Breite des Bandes gut widerspiegeln:
- Risiko Gesundheit. Eine Einführung;
- Der kleine Unterschied: Gesundheit fördern – und fordern;
- Die Verflüssigung der Norm: Selbstregierung und personalisierte Gesundheit;
- Nutzerorientierung - Zur normativen Umcodierung des Patienten;
- Gesundheit und Krankheit in „biopolitischen Zeiten“;
- Gesundheit und Biographie – eine Gradwanderung zwischen Selbstoptimierung und Selbstsorge als gesellschaftliche Kritik;
- Fit for fun? Schlankheit als Sozialprestige;
- Policing Pleasure – Drogenpolitik und die Politisierung der Nahrungsaufnahme;
- Doing Addiction. Überlegungen zu Risiken und Nebenwirkungen des Suchtdiskurses;
- „Pinkeln unter Aufsicht“. Zur gesundheitlichen Problematik von Drogen- und Dopingtests;
- Warum Lucky Luke das Rauchen aufgeben musste;
- Im Dienste der Männlichkeit: Die Gesundheitsverweigerer;
- Mal d’ Archive? Die elektronische Patientenakte;
- Risikoträger oder verletzliche Individuen: Über die präemptive Kriminalisierung von Menschen mit psychischen Problemen;
- Die Gegenwart zukünftiger Erkrankungen. Prävention und die Person;
- Nationale Sicherheit und der sich wandelnde Gegenstand der öffentlichen Gesundheit.
Fazit
Die Auswahl der Themen folgt keinem strengen Prinzip. Der Band reiht vielmehr in einer gewissen Beliebigkeit interessante und zum Nachdenken anregende Beiträge an einander. Viele weitere Aspekte hätten aufgegriffen werden können. Diese Feststellung ist nicht als Vorwurf gemeint, denn Herausgeber und Autoren sind sich dessen selber bewusst. Es ist ihnen zuzustimmen, wenn sie gleichwohl ihre Hoffnung ausdrücken, „dass die Beiträge Anlass geben für weitergehende Diskussionen und Reflexionen sowie konstruktiven Streit“. (S. 18).
Rezensentin
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen
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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 18.02.2011 zu: Bettina Paul, Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.): Risiko Gesundheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 289 Seiten. ISBN 978-3-531-16544-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10209.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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