Siegfried Bühler: Determinanten Freiwilligen Engagements
Siegfried Bühler: Determinanten Freiwilligen Engagements. Argumentation für den Nutzen einer handlungstheoretisch geleiteten Herangehensweise an eine theoretische Integration. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 136 Seiten. ISBN 978-3-8288-2386-0. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
Reihe: Politik begreifen - Band 14.
Thema
Im Buch geht es um die Bestimmungsfaktoren sozialen Engagements. Auf Basis des Rational Choice-Ansatzes wird zunächst ein theoretisches Erklärungsmodell ehrenamtlichen Handelns entwickelt, welches zur Analyse des gegenwärtigen Forschungsstandes herangezogen wird. Weiters wird der Nutzen des handlungstheoretischen Zugangs für die empirische Erforschung sozialen Engagements unter Zugriff auf multivariate Analysevarianten argumentiert.
Aufbau
Zunächst wird das der Arbeit grundgelegte Verständnis von freiwilligem Engagement expliziert und ein handlungstheoretisch spezifiziertes Strukturmodell der Erklärung freiwilligem Engagements entwickelt. Im nächsten Schritt wird eine Untersuchung der handlungstheoretischen Basis vorliegender Studien zu freiwilligem Engagement unternommen. Schließlich wird anhand der Frage nach dem Einfluss von Wertorientierungen auf freiwilliges Engagement der Wert einer handlungstheoretischen Perspektive für die empirische Forschungspraxis illustriert.
Inhalt
Ausgangspunkt ist das Fehlen einer umfassenden Theorie des freiwilligen Engagements sowie die Frage, welche Faktoren die Entscheidung von Menschen, sich ehrenamtlich für Dritte zu engagieren, beeinflussen. Es geht darum, die große Zahl von Einzelergebnissen aus Forschungsarbeiten aus Politikwissenschaft, Psychologie , Soziologie und Wirtschaftswissenschaften zu ordnen und in eine umfassende Theorie zu überführen.
Der Autor argumentiert, dass dafür handlungstheoretische Überlegungen hilfreich sind. Er berücksichtigt, dass Menschen keine perfekten, rationalen Entscheider sind und dass die gleiche Aktivität bei unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich motiviert sein kann.
Zunächst werden Anforderungen an die Erklärung sozialer Phänomene aus Sicht des methodologischen Invididualismus vorgestellt, demnach jedes soziale Phänomen auf das Handeln von Individuen zurückgeführt werden kann, danach wird diskutiert, welche Faktoren allgemein die Selektion einer Handlungsalternative beeinflussen und auf welchem Weg sie dies tun, wobei davon ausgegangen wird, dass für Handlungswahlen letztlich nur die Überzeugungen und subjektiven Situationswahrnehmungen eines Individuums von Bedeutung sind (22). Dabei wird das RREEMM Modell (Resourceful, Restricted, Expecting, Evaluating, Maimizing Man) zugrunde gelegt. Auf Basis von Restriktionen, Erwartungen, Bewertungen von Alternativen etc. wählen Individuen aus Alternativen, erklärt wird dies durch subjektive Erwartungsnutzentheorien (SEU), welche Gesamtbewertungen von Handlungen als Summe der Erwartungen und Bewertungen von Konsequenzen der jeweiligen Alternative sehen, wobei Individuen vollständige und transitive Maßstäbe zugeschrieben werden. Das hier letztlich grundgelegte Modell berücksichtigt auch die von der Bounded Rationality Theorie hervorgehobenen Grenzen der kognitiven Kapazitäten von Menschen
geht davon aus, dass für die Wahl einer Alternative zunächst Aufmerksamkeit, erwartete Realisierbarkeit, Beurteilung als beste Möglichkeit entscheidend sind. Es identifiziert drei Pfade, auf denen potentielle Determinanten die Wahrscheinlichkeit eines Individuums, freiwilliges Engagement auszuüben, beeinflussen: „Zum ersten über die Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Entscheidungsalternative FE, zum zweiten über die Veränderung der Wahrscheinlichkeit, FE als realisierbar oder nicht realisierbar einzuschätzen und zum dritten über einen Effekt auf die Erwartungen und Bewertungen von Handlungsfolgen der wahrgenommenen und als realisierbar eingeschätzten Handlungsalternative FE“ (83)
In der Analyse empirischer Studien zu freiwilligem Engagement werden folgende Defizite festgestellt: Häufig sind diese atheoretisch, noch häufiger beziehen sie sich nicht auf handlungstheoretische Annahmen. Selten erlauben die Erhebungskonzeptionen statistische Tests von Zusammenhängen, da viele Determinanten nur entweder für freiwillige oder für nicht freiwillig engagierte Personen erhoben werden, weiters gehen nur wenige Untersuchungen über bivariate Zusammenhänge hinaus, u.a.m\. Der Autor folgert insgesamt eine weitgehende Ignoranz theoretischer Arbeiten in empirischen Studien und einen fragmentierten Zustand der Theoriebildung für freiwilliges Engagement.
Als positiv sieht er lediglich eine Fülle an deskriptiven Materials, er fordert allerdings eine Integration und Weiterentwicklung der bisherigen Ansäte zu einer allgemeinen, umfassenden Theorie des freiwilligen Engagements.
Fazit
In dem engen, sehr präzise abgesteckten Rahmen der eigenen Ziele ist die Arbeit stringent und klar formuliert. Das Buch bietet einen Rahmen zur Beurteilung empirischer Studien durch die Brille der hier explizierten theoretischen Grundlage. Dem Ziel, einen Ausgangspunkt der Entwicklung einer allgemeinen, umfassenden Theorie des freiwilligen Engagements zu entwickeln, wird das Buch gerecht.
LeserInnen, die sich eine inhaltliche Klärung der Determinanten freiwilligen Engagements erwarten, werden aber etwas enttäuscht sein.
Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 17.03.2011 zu: Siegfried Bühler: Determinanten Freiwilligen Engagements. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 136 Seiten. ISBN 978-3-8288-2386-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10210.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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