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Manfred Cierpka, Klaus Feßmann: Die Kieselschule - Klang und Musik mit Steinen

Cover Manfred Cierpka, Klaus Feßmann: Die Kieselschule - Klang und Musik mit Steinen. Gewaltprävention in Kindergarten und Grundschule. Kösel-Verlag (München) 2010. 192 Seiten. ISBN 978-3-466-30857-6. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema

Dieses Buch will „ein innovatives Programm zur Gewaltprävention“ vorstellen. Dafür werden Steine als archaisches und intuitiv zu benutzendes Medium musikalisch und psychologisch eingesetzt. Der nicht sprachliche spielerische Zugang soll auch Kinder erreichen, die Schwierigkeiten mit der Sprache haben; es soll soziales und gewaltpräventives Verhalten eingeübt werden, ohne dass dieses ausdrücklich thematisiert werden muss. Inspiriert wurden die Erfinder der Kieselsteinschule durch das Gewaltpräventionsprogramm „Faustlos“. Diesem ähnlich geht es auch dem interdisziplinären Team der Kieselsteinschule um Empathiefähigkeit, Impulskontrolle und konstruktiven Umgang mit Ärger und Wut; diese werden jedoch ergänzt um „Kreativität“ und „Selbstbewusstsein“, welche für den konstruktiven Umgang mit Konflikten von großer Bedeutung sind. „Faustlos“ ist auf Sprache angewiesen und arbeitet über Sprache. Dies benennen die Autoren als einen entscheidenden Mangel, den sie durch die nonverbalen Elemente der Kieselschule beheben möchten. Musik und „Faustlos“ sollen vereint werden.

Autoren

Manfred Cierpka ist ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg, wissenschaftlicher Leiter der Lindauer Psychotherapiewochen und Gründer des Heidelberger Präventivzentrums. Er entwickelte das Gewalt-Präventivprogramm „Faustlos“.

Klaus Feßmann lehrt am Mozarteum in Salzburg und gibt mit seinem Ensemble „Klangstein“ weltweit Konzerte. Er war an der Entwicklung des Schulprojekts „ReSonanz & AkzepTanz“ beteiligt, das sich vor allem an Schulen in sozial schwachen Stadtteilen wendet.

Entstehungshintergrund

Als Geburtsstunde der Kieselschule geben die Autoren eine Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing an: Dort musizierte der Schlagzeuger des Ensembles „Klangstein“ einen Vormittag lang in einer Gruppe von 30 Teilnehmern mit Steinen. Wenig später begann der Austausch zwischen den Ensemblemitgliedern und dem Faustlos-Team.

Aufbau

Dem Buch vorangestellt ist ein Vorwort von Herta Däubler-Gmelin, die sich unterstützend für das Kiesel-Präventions-Konzept ausspricht. Es folgt eine „Ouvertüre“, in der Impressionen aus der Praxis beschrieben werden. Weitere Kapitel sind:

  • Was ist die Kieselschule? (Entstehungsgeschichte)
  • Hinführung aus zwei Disziplinen (Hier wird aus zwei Richtungen ein Zugang zum Kieselprogramm aufgezeigt)
  • Die Praxis und die Hintergründe (Die Praxis der Kieselschule und die musikalischen Grundprinzipien)
  • Wie wirkt Musik? (Die Transfereffekte der Musik; Musik und frühe kindliche Entwicklung)
  • Kieselschule mittendrin (Praxisbeispiele aus dem Schulalltag)
  • Die Kieselschule – Eine lyrische Annäherung
  • Anhang mit Materialien, Adressen, Quellen der eingefügten Bilder und Texte, Literatur

Inhalt

Die Autoren versprechen dem Leser einen spannenden Zugang zum Thema, das durch die unterschiedlichen Blickwinkel der beiden Autoren das Thema von zwei Seiten beleuchtet. Die jeweilige Perspektive ist entweder durch den Notenschlüssel oder durch das griechische Psi (ψ), das Zeichen für Psychologie, am Rand symbolisch gekennzeichnet. Unterhaltsames versprechen die Autoren durch die eingefügten Interludien, Teile aus einem Interview mit SWR-Moderator Reinhold Hermanns.

„Bei der Kieselschule geht es um das Tasten und Hören, nicht um das Lesen.“ (33) Das Buch selbst ist dennoch mit vielen Bildern, Fotos und Zusatztexten ausgestattet. In der Kieselarbeit selbst soll wenig gesprochen werden und die nonverbale Erfahrung soll die Hauptsache sein. Kindern, die irgendwann auffällig werden, fehlt nach Cierpka Empathie als Fähigkeit, sich in andere einzufühlen; auch haben sie Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren. Die Kieselschule setzt hier mit allgemeinen, aber auch spezifischen Faktoren an: durch Spaß und Freude am Neuen, auch an neuen Formen des Miteinander, die ein- statt ausschließen und direkte emotionale Erfahrungen ermöglichen, die nachhaltig wirken sollen. Als Anspruch der Kieselschule nennen die Autoren, dass „jeder Schüler …unabhängig von sozialen, musikalischen oder anderen ausgebildeten bzw. nicht entwickelten Anlagen in der Lage (ist), sämtliche musikalische Möglichkeiten umzusetzen.“ (56) Klang und Pulsation gelten als die beiden Hauptkategorien, die die Entwicklung motorischer und sinnlich-kommunikativer Fähigkeiten fördern sollen. Dabei umfasst Klang die Bausteine „Tonhöhe, Klanglage (Oktavlage), Dauer, Klangfarbe, Instrumentation, Dynamik, Artikulation, Materialität“. Pulsation, dem Vegetativum zugeordnet, meint den Umgang mit verschiedenen Zeitordnungen, mit „Atem, Puls, (Blut-)Kreislauf, Gleichmäßigkeit, Regelmäßigkeit, Repetition, Mehrdimensionalität, Komplexität“ (57).

Im spielerischen Umgang mit Rhythmen und Pulsation sollen die oben genannten fünf Gewaltpräventions-Kompetenzen erworben werden: Empathie, Impulskontrolle, Beruhigungsfähigkeit, Kreativität und Durchsetzungsvermögen.

Großen Wert legen die Autoren/Anwender auf die beiden Lernprinzipien „less is more“ (LIM) und „keep it simple“ (KIS). Im Vordergrund soll das „Amygdala-freie Lernen“ in einer angstfreien, motivierenden und anregenden Lernumgebung stehen. (s. 77)

Die Kieselschule gründet ihre gewaltpräventiven Annahmen auf die der Musik zugesprochenen vielfältigen körperlich-seelischen und sozialen Wirkungen: Sprachfördernde Kräfte, Stärkung des Gruppenzusammenhalts und den Erwerb vorsprachlicher sozial-emotionaler Kompetenzen. Prosoziales Verhalten wird so auf spielerische Weise erlernt, problematisches Verhalten kann verlernt werden.

Im Kapitel zur Wirkung der Musik rekurrieren die Autoren auf mehrere Studien, die es inzwischen in diesem Bereich gibt, z.B. die Bastian-Studie und eine im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2006 herausgegebene Schrift. Der Abschnitt „Musik und die kindliche Entwicklung“ verknüpft und beschreibt die frühkindlichen Interaktionserfahrungen mit musikalischen Begriffen: Rhythmus als Wiederholung von Zeitabläufen; die Melodie, die sich auch in der Modulation der Sprache zeigt, der Klang als Ausdruck der emotionalen Gestimmtheit und Bezogenheit und die Dynamik, die Spannungen und Unterbrechungen ausdrückt. Diese Parallelisierung geht auf den Säuglingsforscher Daniel Stern zurück, der von den Autoren aber weder erwähnt noch im Literaturverzeichnis aufgeführt wird.

Diskussion

Obwohl ich von der Idee der Kieselschule durchaus angetan bin, möchte ich einige kritische Bemerkungen zu bedenken geben.

  1. Wie sinnvoll ist es, ein Buch über eine Praxis zu schreiben, deren Ansatz und Wirkmöglichkeiten gerade im Nonverbalen verortet sind? So interessant und anregend die Idee ist, ein verbal orientiertes Konzept „Faustlos“ auf eine andere Ebene zu heben und damit wirkmächtiger werden zu lassen: ein Buch kann eben nur darüber schreiben und fungiert quasi als Werbeträger für dieses Konzept. Wären da nicht ein ausführlicher Flyer und die Aufforderung, dieses Konzept in der Praxis zu erleben, angemessener und ausreichend? Das Buch hat viele Längen, trocken wirkende Beschreibungen und Aufzählungen – trotz der versprochenen Unterhaltsamkeit (26) – und viele inhaltliche Wiederholungen, die mir das Weiterlesen teilweise schwer gemacht haben. Selbst die vorangestellten Impressionen aus der Praxis sind wenig geeignet, eine vermutlich dichte und spannende Praxisatmosphäre abzubilden.
  2. Mir wäre wohler, wenn die behaupteten Wirkungen (z.B. 75 ff.) entweder mit Forschungshinweisen konkret belegt – und entsprechend relativiert! – würden oder in den Konjunktiv rückten. Es ist kaum glaubhaft, mit einer Methode alle bisherigen Schwierigkeiten einfangen oder wettmachen zu wollen. Eine ultimative Lösung aus unkontrolliertem, aggressivem, zerstörerischem Verhalten anbieten zu wollen ähnelt allzu sehr anderen Erlösungsversprechen.
    Als eine Möglichkeit der Wirkung könnte ich die jeweils angeführten Gewaltpräventionskompetenzen (78) durchaus akzeptieren.
  3. Zu bedenken geben möchte ich auch, dass, wie in Psychotherapien, nie eine Methode oder ein Medium an sich etwas bewirkt, sondern immer im Zusammenhang mit der sie vermittelnden Beziehung. Es bedarf bestimmt einer entsprechenden Haltung der anleitenden Person, damit das Konzept gelingen kann. Dieser Aspekt gerät bei aller Faszination für die Kiesel aus dem Blick.
  4. Obwohl die erwähnte Bastian-Studie wegen zahlreicher forschungsmethodischer Mängel kaum noch als aussagekräftig angesehen werden kann und die von Ralph Schumacher herausgegebene Bmbf-Studie „Macht Mozart schlau“ die bisherigen Forschungsergebnisse sehr vorsichtig, mit vielen Einschränkungen und unter dem Vorbehalt weiterer Studien interpretiert[1], entsteht der Eindruck, dass die Kieselschul-Autoren nur allzu gerne an die vorliegenden Aussagen zu Transfereffekten von Musik glauben wollen. Zwar wird auch von ihnen die Kritik Heiner Gembris‘ an einer überzogenen und wunschgeleiteten Interpretation der Wirkungsstudien erwähnt (allerdings ohne Quellenangabe oder Aufführung im Literaturverzeichnis!), zwar wird auch von ihnen das zweckgebundene Benutzen von Musik („um zu“) für Transfer und andere Leistungen angesprochen (124), es bleibt aber ohne Konsequenzen.
  5. Aus musikalischem Blickwinkel möchte ich anmerken, dass die musikalischen Grundprinzipien der Kieselschule (92 ff.) vermutlich bei vielen ErzieherInnen und Musik-PädagogInnen zum Alltag gehören – nur die Kiesel, also das Material und der Wirksamkeitsanspruch sind neu.
  6. Hinzuweisen bleibt in diesem Zusammenhang, dass Steine als symbolisches Arbeitsmedium durchaus schon Einzug in den Kita- oder Schulalltag gefunden haben, beispielsweise durch das wunderbare Buch „Tanzen können auch die Steine“[2], in welchem soziale Situationen und psychische Befindlichkeiten mit Steinen ausgedrückt werden.

Fazit

Die Autoren vermarkten eine schöne Idee mit einem sehr weit reichenden Anspruch, die es sicherlich wert ist, kennen gelernt und ausprobiert zu werden. Gerade für ein niedrigschwelliges Angebot in Zusammenhängen der Sozialpädagogik halte ich das Konzept – das ich selbst ja nur aus dem Buch kenne – für bedenkenswert. Vermutlich braucht es aber dennoch die konkrete menschliche Anleitung und insofern wäre es wohl besser, gleich einen Kurs zu besuchen.


[1] Bundesministerium für Bildung und Forschung (2006). Macht Mozart schlau? Die Förderung kognitiver Kompetenzen durch Musik, Bildungsforschung Band 18, Berlin, S. 157 f

[2] Heyduck-Huth, Hilde (2008). Tanzen können auch die Steine. Atlantis, Orell Füssli


Rezensentin
Prof. Dr. Christel Hafke
Fachhochschule Emden, FB Sozialwesen, lehrt schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 29.09.2010 zu: Manfred Cierpka, Klaus Feßmann: Die Kieselschule - Klang und Musik mit Steinen. Gewaltprävention in Kindergarten und Grundschule. Kösel-Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-466-30857-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10216.php, Datum des Zugriffs 30.07.2016.


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