Barbara Bojack, Elke Brecht u.a.: Alter, Sucht und Case Management
Barbara Bojack, Elke Brecht, Christina Derr: Alter, Sucht und Case Management. Case Management als sinnvolles Unterstützungskonzept bei Suchtproblematik im Alter. Europäischer Hochschulverlag GmbH & Co KG (Bremen) 2010. 128 Seiten. ISBN 978-3-941482-70-8. 58,00 EUR.
Reihe: Wismarer Schriften zu Management und Recht - Band 38.
Thema
Die Autorinnen Bojack, Brecht und Derr verbinden mit ihrem Buch „Alter, Sucht und Case Management“ den Anspruch den Arbeitsansatz des Case Managements auf die Arbeit mit älteren Menschen, die unter einer Suchtproblematik leiden, anzuwenden. Dabei beziehen sich die Autorinnen in ihren Ausführungen ausschließlich auf Alkohol und Medikamente. Weder das Vorwort noch die Einleitung bieten Hinweise auf die Zielgruppe der Publikation. In der Einleitung erfolgt ein knapper Verweis auf die Zielstellung der Arbeit. Es darum, ob das nach Ansicht der Autorinnen bewährte Konzept des Case Management nicht auch „für dieses Klientel in Frage kommt“.
Autorinnen und Autoren
Über die fachliche Verortung bzw. Ausbildung der Autorinnen Barbara Bojack, Elke Brecht und Christina Derr gibt der Band keine Auskunft. Die Herausgeber Prof. Dr. Jost W. Kramer, Prof. Dr. Karl Wolfhart Nitsch, Prof. Dr. Gunnar Prause, Prof. Dr. Andreas von Schubert, Prof. Dr. Andreas Weigand und Prof. Dr. Joachim Winkler gehören zum Lehrkörper der Hochschule Wismar mit ihren drei Fakultäten Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Gestaltung.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte, die wiederum zahlreiche Unterabschnitte aufweisen:
Der erste Block behandelt das Thema „Alter und Sucht“. Es erhebt den Anspruch, die Themen „Alter“ und „Sucht“ sowohl hinsichtlich ihrer epidemiologischen Dimensionen und Implikationen als auch in Hinblick auf die theoretische Fundierung aufzubereiten und möchte zudem einen Überblick über die Versorgung abhängiger alter Menschen in Deutschland aufzeigen.
Der zweite Abschnitt will in das Thema des Case Management einführen.
Der dritte Abschnitt widmet sich einer Fallanalyse. Ausgehend von der Arbeit einer Beratungs- und Koordinierungsstelle wird hier ein Fallbeispiel konstruiert. Mit dieser fiktiven Person wird dann eine sozialpädagogische Arbeit beschrieben, die sich an den Leitgedanken des Case Management orientiert und die als erfolgreich bezeichnet wird. Mit einem knappen Fazit, das die Anwendbarkeit des Case Management für die Arbeit mit abhängigen alten Menschen zusammenfassend nachweisen will, endet das Buch.
Diskussion
Das Buch greift ein aktuelles und bislang leider wenig beachtetes Phänomen unserer Gesellschaft auf, das eine verstärkte Würdigung verdient. Leider sind hierbei Recherche und Aufarbeitung der bearbeiteten Themen nicht durchgängig geglückt.
Die Analyse des Phänomens „Alter“ ist recht breit angelegt und die zentralen Lebenslagenparameter (Einkommen, Wohnen etc.) werden aufgegriffen. Die Charakterisierung des „Alters“ innerhalb der Kategorien Beruf, Materielle Situation, Gesundheit, Familie, Wohnen folgt dabei aber einer ausschließlich defizitorientierten Perspektive, so dass sich ein Bild dieser Lebensspanne entfaltet, dass gänzlich durch Verluste, Einbußen, Beeinträchtigungen und Krisen gekennzeichnet wird. Zwar werden einleitend weitere, aktuelle Alterskonzeptionen kurz angesprochen, die die Entwicklungschancen, die ebenfalls mit der Altersphase in Verbindung stehen, betonen. Hierbei stellen die Autoren vor allem auf die mit dem Alter sich abschwächende Rollenerwartungen ab. Jedoch bleiben die aufgeführten, unterschiedlichen Perspektiven unvermittelt nebeneinander stehen und lassen den Leser etwas ratlos zurück.
Das sich anschließende Kapitel „Sucht“ lässt eine eindeutige Begriffsbestimmung des Suchtbegriffs vermissen. In der Folge geht es um „schädlichen“, oder um „kritischen“ Alkoholgebrauch, ohne dass es sich dem Leser erschließt, wovon jeweils genau die Rede ist.
Wirklich schade ist, dass in diesem Zusammenhang nicht dezidierter auf die Missbrauchskategorie des DSM-IV eingegangen wird. Die Missbrauchskategorie des DSM-IV erfüllt derjenige, der „Probleme bei der Erfüllung sozialer Rollen“ im Zusammenhang seines Alkoholkonsums entwickelt. Da die Rollenanforderungen an alte Menschen, die nicht mehr erwerbstätig sind, sich völlig anders als die an Erwerbstätige darstellen, stellt sich hier zum einen die Frage nach der Validität dieser diagnostischen Kategorie für alte Menschen. Zum anderen würde eine Auseinandersetzung mit dieser, für das Thema „Alter und Sucht“ zentralen Thematik zu der spannenden Auseinandersetzung führen, warum alte Menschen durch das Hilfesystem bislang nur unzureichend angesprochen werden können.
Das Konzept von Jellinek zur Suchtentstehung wird anschließend referiert, diesem wird von den Autorinnen vor allem ein historischer Wert zugewiesen. Verwirrend wirkt nach diesem Vorlauf das anschließend dargestellte Konzept der Co-Abhängigkeit. Dieses folgt, so wie hier als Phasen-Konzept dargestellt, der Logik des Jellinek-Konzepts, wird jedoch nicht in analoger Weise kritisch kommentiert.
Der erste große Abschnitt endet mit einer Darstellung ausgewählter Verbreitungsdaten und der Darstellung des Suchtkrankenhilfesystems. Hier verwundert, dass als erstes Arbeitsprinzip in der Suchthilfe die Freiwilligkeit der Inanspruchnahme betont wird.
Nach einer allgemeinen Darstellung des Case Management Konzepts erfolgt die Falldiskussion anhand eines fiktiven Fallbeispiels. In diesem Abschnitt verschwimmen an manchen Stellen Realität und Fiktion. Der fiktive Fall wird unter einem Namen (Herr Baltusz) verhandelt, jedoch ist verwirrenderweise dann vermerkt, dass der Name verändert wurde. Angesiedelt wird die Fallbeschreibung in einer offenbar real existierenden Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere Menschen in Rheinland-Pfalz. Als professioneller Standard dieser Beratungsstelle werden die Grundprinzipien der „Motivierenden Gesprächsführung“ genannt, als Quelle bzw. Beleg dafür nun aber auf eine Veröffentlichung einer psychosozialen Beratungsstelle für Suchtkranke in Baden-Württemberg verwiesen. Dass der unter diesen Voraussetzungen konstruierten „Fall“ ein für alle Seiten zufrieden stellendes Ende findet, verwundert nicht, jedoch stellt sich auch die Frage nach der Aussagekraft dieses Abschnitts.
Fast ärgerlich wird es, wenn kühne Thesen ohne jeden Beleg und empirische Evidenz in den Raum gestellt werden. So stellen die Autorinnen „zusammenfassend“ fest, dass insbesondere ältere Frauen unter einer stillen Sucht leiden (S.43), Konsummuster alter Menschen sich von denen jüngerer unterscheiden (S. 58), ältere Menschen noch mehr als jüngere Menschen unter großen inneren Barrieren und Hemmschwellen haben, die Krankheit Alkoholismus für sich anzuerkennen, da gesellschaftliches Ansehen für Ältere einen höheren Stellenwert habe (S.76), bei Älteren stärker ausgeprägte Schuld- und Schamgefühle vorliegen (S. 83). Liegen Belege und Verweise vor, so stützen sich die Autorinnen oftmals auf als veraltet geltende Sekundärliteratur.
Fazit
Das Buch greift wichtige Fragestellungen auf, die mehr Beachtung sowohl in der Fachöffentlichkeit als auch im Bewusstsein der Allgemeinbevölkerung verdienen. Leider ist es den Autorinnen nicht gelungen, hier einen substanziellen Beitrag zu leisten.
Rezensentin
Prof. Dr. Marion Laging
Professorin für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit mit psychisch kranken Menschen und mit Menschen mit riskantem/schädlichem Drogenkonsum
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Zitiervorschlag
Marion Laging. Rezension vom 14.03.2011 zu: Barbara Bojack, Elke Brecht, Christina Derr: Alter, Sucht und Case Management. Europäischer Hochschulverlag GmbH & Co KG (Bremen) 2010. 128 Seiten. ISBN 978-3-941482-70-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10243.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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