Julia Steinfort: Identität und Engagement im Alter
Julia Steinfort: Identität und Engagement im Alter. Eine empirische Untersuchung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 246 Seiten. ISBN 978-3-531-17473-0. 34,95 EUR.
Thema
Die Autorin zeigt in der Monographie die Identitätsentwicklung älterer Menschen im Zusammenhang mit Freiwilligem Engagement auf. Dazu werden, auf Basis einer empirischen Untersuchung, unter Bezugnahme vorhandener Theorien, entsprechende Modelle gebildet und vorgestellt.
Autorin und Entstehungshintergrund
Dr. Julia Steinfort ist freie Mitarbeiterin des Forschungsinstituts Geragogik in Witten und lehrt an der Fachschule für Sozialpädagogik in Düsseldorf sowie an der Katholischen Hochschule Freiburg.
Die im Buch vorgestellte qualitative Untersuchung sowie die Entwicklung der Modelle zur Identitätsentwicklung im dritten Lebensalter wurden im Rahmen der Promotion der Autorin durchgeführt.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in drei übergeordnete Teile:
Teil A. Hier wird auf die grundlegenden Begrifflichkeiten des Forschungsgegenstandes eingegangen. Ferner werden, unter sozialgerontologischen und geragogischen Aspekten, ausgewählte Identitätskonzepte vorgestellt. In den folgenden Abschnitten differenziert die Autorin „spezielle Aspekte“, wie Produktivität oder Anerkennung, die im Kontext von Engagement und Identitätsentwicklung als erkenntnisleitend bezeichnet werden.
Teil B. Dieser Teil stellt die Durchführung und Auswertung der qualitativen Untersuchung vor. Dazu werden u.a. Aspekte der Identitätsforschung aufgeführt und das Forschungsdesign wird veranschaulicht. Weiterhin wird das konkrete methodische Vorgehen erläutert, welches sich aus einer Kombination von qualitativen Interviews und einer Gruppendiskussion zusammensetzt. Es folgt die Auswertung der Datenerhebung. Hier sind, neben methodischen und technischen Aspekten, Einzelfallanalysen und eine generalisierende Analyse enthalten.
Teil C. Auf Basis der ausgewerteten Daten konzipiert die Autorin verschiedene Modellverläufe zur Identitätsentwicklung älterer Menschen im Zusammenhang mit dem Freiwilligen Engagement. Dazu bezieht sie sich auf den theoretischen Ansatz nach Marcia und belegt die Verläufe der Identitätsentwicklungen durch die gewonnenen Erkenntnisse der Interviews. Die zentralen Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie werden dem Leser zusammenfassend vorgestellt und anschließend, aus sozialgerontologischer und geragogischer Perspektive, diskutiert.
Inhalt
Das erste Kapitel beginnt mit der Klärung der elementaren Begrifflichkeiten der Untersuchung:
- Identität
- Drittes Alter
- Freiwilliges Engagement
Dabei werden, neben der inhaltlichen Bestimmung, die Definienda zueinander in einen, für den Forschungsgegenstand erkenntnisleitenden, Kontext gestellt. Anschließend werden dem Leser verschiedene Identitätskonzepte erläutert. Identitätsentwicklung wird dabei als „(…) Dialektik zwischen Stabilität und Veränderung (…)“ (vgl. S. 36) betrachtet.
Auf dieser Basis befasst sich die Autorin mit entsprechenden Grundlagenmodellen, Konzepten und Perspektiven. Daran schließen Ausführungen zu folgenden Modellen der Identitätsentwicklung:
- Identität als Wechsel – das Zustandsmodell
- Identitätsarbeit – das Konstruktionsmodell
- Identität in Entwicklungsstufen – das Krisenmodell
Letzteres Konzept fließt als theoretische Grundlage in die folgende Modellbildung von Identitätsentwicklungen älterer Menschen ein. Des Weiteren wird Freiwilliges Engagement als Identitätsprojekt im Dritten Lebensalter diskutiert. Dazu werden Forschungen vorgestellt, welche die Identitätsentwicklung zum Gegenstand haben:
- Persönlichkeitsentwicklung im Alter (Psychologische Studie/2008)
- Identitätsrelevanz von Freiwilligenengagement im Dritten Alter (Sozialpsychologische Studie/2004)
Das dritte Kapitel widmet die Autorin dem Freiwilligen Engagement und geht auf die Identitätsentwicklung älterer Menschen in diesem Kontext ein. Dazu werden die Themen „Identität“, „Drittes Alter“, und „Freiwilliges Engagement“ betrachtet. Basierend auf den inhaltlichen Gemeinsamkeiten der Begriffe richtet die Autorin in diesem Zusammenhang den Fokus auf „(…) spezielle erkenntnisleitende Aspekte (…)“ (S. 61):
- Kohärenz
- Selbstverortung
- Signifikante Andere
- Produktivität
- Kompetenzerleben
- Anerkennung
Ziel der Ausführungen ist die Beantwortung der Forschungsfrage: „Welche Aspekte können zur Bestimmung von Identitätsentwicklung beitragen?“ (S. 61).
Im vierten Kapitel werden dem Leser die zentralen Aspekte der Untersuchung aufgezeigt. Diese wurden aus den vorhergehenden theoretischen Ausführungen abgeleitet und vereinen den theoretischen und praktischen empirischen Teil der Studie an dieser Stelle.
Diese Thesen sind u.a.:
- „(…) Freiwilliges Engagement kann eine Antwortoption auf die Frage nach dem Sinn des individuellen Handelns in der nachberuflichen Lebensphase sein. Menschen können durch ihr Tätigwerden (…) ein Gefühl der Zufriedenheit erleben.“
- „Das Freiwillige Engagement kann (…) wichtige Austauschmöglichkeiten mit bedeutsamen Anderen bieten“
- „Engagement kann (…) Anerkennungsräume schaffen: (…) Selbst-Anerkennung, (…) Anerkennung durch andere und (…) gesellschaftliche Anerkennung.“ (vgl. S. 73f.)
Die insgesamt sechs Leitthesen werden von der Autorin in der zentralen Forschungsfrage der Studie vereint: “Wie verläuft Identitätsentwicklung im Dritten Alter im Kontext Freiwilligen Engagements?“ (S. 74)
Das folgende fünfte Kapitel befasst sich mit der Durchführung der Studie. Dazu wird das qualitative Forschungsdesign begründet und in seiner Entwicklung vorgestellt. Weiterhin wird über die Datenerhebung, welche sich aus problemzentrierten Interviews und einer Gruppendiskussion zusammensetzt, informiert. Darauf folgt die Auswertung von insg. 39 Interviews und sowie der Gruppendiskussion. Dieses Kapitel beginnt mit der Darstellung des methodischen und technischen Vorgehens:
- Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse und des thematischen Codierens
- Darstellung der Transkription
Es folgt u.a. die Vorstellung der Codierung und die Einschätzung der Inter-Rater-Reliabilität. Daran schließen vier Einzelfallanalysen sowie die Zusammenfassung von weiteren Analysen der Interviews. Nach diesem Auswertungsschritt nimmt die Autorin die generalisierende Analyse der gewonnenen Daten vor. Im Mittelpunkt steht dabei konsequent die Frage nach der Identitätsentwicklung von SeniorenInnen im Zusammenhang mit Freiwilligem Engagement. Diese Auswertung besteht aus
- der Beschreibung der aktuellen Lebenssituation der SeniorenInnen (Hier ist eine Clusterbildung von typischen Themen des Dritten Lebensalters enthalten).
- der Benennung von Motiven für die Übernahme eines Engagements im Alter.
- der Darstellung von Lernerfahrungen im Freiwilligen Engagement.
- der Analyse des Tätigseins und des Erlebens im Freiwilligen Engagement.
Darauf bauen „Identitätsthematisierungen und narrative Selbstbilder“, welche differenzt analysiert werden, auf. Es folgt die Analyse der formulierten Entwicklungsaufgaben der SeniorenInnen, wie z.B. „Veränderungen der konkreten Alltagsgestaltung“ oder „Gefühl der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben“. Des Weiteren werden die Ergebnisse der Gruppendiskussion vorgestellt. Diese wurde mit externen SeniorenInnen geführt, welche wie die Interviewpartner, einem Freiwilligen Engagement nachgingen. Die Diskussion baute auf ausgewählten Inhalten der geführten Interviews auf und wurde genutzt, um in diesem Rahmen getätigte Aussagen zu diskutieren. Das sechste Kapitel schließt mit der Zusammenführung der Ergebnisse unter der Einbeziehung der Leitthesen der Studie.
Im dritten Teil der Monographie wird eine „(…) zusammenfasssende Einordnung der Ergebnisse zur Vertiefung der Analysen in Form einer eigenständigen Modellbildung (…)“ (S. 187) vorgenommen. Dazu greift die Autorin auf den theoretischen Ansatz der Identitätsforschung nach Marcia zurück und zeigt die vier idealtypischen Identitätszustände auf:
- übernommene Identität
- diffuse Identität
- Moratorium
- erarbeitete Identität
Diese werden durch ausgewählte Passagen der Interviews belegt und bilden die Basis für die daran anschließende konkrete Modellbildung zur Identitätsentwicklung im Dritten Alter im Zusammenhang mit Freiwilligem Engagement. Diese vertieft die Autorin durch die Darstellung von modellhaften Verläufen der Identitätsentwicklung anhand entsprechender Einzelfälle der Interviews.
Ein beispielhafter Verlauf für die Identitätsentwicklung ist z.B. der sog. „Progressive Verlauf“. Hier besitzt der ältere Mensch eine übernommene Identität, geht in ein Moratorium über und mündet in einer erarbeiteten Identität (vgl. S.196). Dass Identitätsentwicklung von SeniorInnen im Zusammenhang mit Freiwilligem Engagement stattfindet, wird durch die Studie somit bestätigt. Im achten Kapitel erhält der Leser eine Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse der Untersuchung. Nach der Diskussion der Ergebnisse schließt die Monographie mit einer Schlussbemerkung der Autorin.
Diskussion und Fazit
„Identität und Engagement im Alter“ von Julia Steinfort ist einerseits durch den engen Bezug zum Freiwilligen Engagement äußerst aktuell und ergänzt die vorhandenen Forschung auf diesem Gebiet durch neue Erkenntnisse bezüglich engagierter älterer Menschen. Anderseits dürfte der Forschungsgegenstand „Drittes Lebensalter“ im Kontext mit Identitätsentwicklung aufgrund des demographischen Wandels besonderen Anklang finden. Die theoretischen Aspekte sind verständlich vorgestellt, die empirische Untersuchung ist für den Leser transparent nachvollziehbar. Die vorgestellten Modellverläufe der Identitätsentwicklung sind nicht nur wissenschaftlich begründet sondern auch, durch konkrete Aussagen der Befragten, anschaulich belegt.
Rezensentin
Dipl.-Soz.päd. Brigitte Limbeck
· staatl. anerkannte Erzieherin
· Studium der Sozialen Arbeit/Schwerpunkt „Soziales Management“ an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
· seit Mai 2009: wissenschaftliche Mitarbeiterin des BMBF-Projektes „Freiwilligenmanagement in Unterfranken“ unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Doris Rosenkranz
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Zitiervorschlag
Brigitte Limbeck. Rezension vom 08.07.2011 zu: Julia Steinfort: Identität und Engagement im Alter. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 246 Seiten. ISBN 978-3-531-17473-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10244.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.
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