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Gerhard Bosch, Siritik Krone u.a. (Hrsg.): Das Berufsbildungssystem in Deutschland

Cover Gerhard Bosch, Siritik Krone, Dirk Langer (Hrsg.): Das Berufsbildungssystem in Deutschland. Aktuelle Entwicklungen und Standpunkte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 261 Seiten. ISBN 978-3-531-17322-1. 29,95 EUR.

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Thema

Im Fokus der zehn Beiträge in dem von Gerhard Bosch, Sirikit Krone und Dirk Langer herausgegebenen Sammelband steht das Berufsbildungssystem in Deutschland mit seiner dualen und schulischen Berufsausbildung sowie dem seit Mitte der 90er Jahre deutlich expandierten Übergangssystem zwischen Schule und Beruf. Insbesondere mit Beginn des 21. Jahrhunderts ist das deutsche Berufsbildungssystem in die Diskussion geraten. Kontrovers werden dabei die folgenden Aspekte diskutiert:

  1. Der Mangel an betrieblichen Ausbildungsplätzen für die duale Berufsausbildung hat zu einem Übergangssystem zwischen Schule und Beruf geführt, in dem gegenwärtig rund 400.000 junge Menschen – teilweise mit sozialpädagogischer Unterstützung - auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden. Nach den Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dem Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, benötigen ca. 40 Prozent von ihnen nicht eine solche Berufsvorbereitung, sondern sie könnten sofort eine Berufsausbildung beginnen, wenn es genug betriebliche Ausbildungsplätze geben würde. Für sie sind diese Maßnahmen also unproduktive, überflüssige Warteschleifen. Deshalb fordern VertreterInnen aus Wissenschaft und Praxis die Flexibilisierung und Modularisierung der Berufsbildung. Damit stellen sie das deutsche Berufsprinzip mit dem Konstrukt der anerkannten Berufsausbildung auf den Prüfstand, was insbesondere von den Gewerkschaften vehement kritisiert wird.
  2. Diesem Defizit an betrieblichen Ausbildungsplätzen steht bereits heute in einigen Branchen ein Fachkräftemangel gegenüber, der sich angesichts der bereits heute absehbaren demografischen Entwicklung noch deutlich verschärfen wird. Denn im Vergleich zu 2010 wird in 2025 ein Geburtenrückgang in der Alterskohorte der 16- bis 19-Jährigen von 24,3 und bei den 17- bis 25-Jährigen von 15,4 Prozent zu verzeichnen sein.
  3. Trotz der fehlenden betrieblichen Ausbildungsplätze auf der einen und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels auf der anderen Seite werden die schulischen Berufsausbildungsangebote von den jungen Menschen sowie dem Arbeitsmarkt deutlich weniger akzeptiert als die duale Berufsausbildung.
  4. Aufgrund der Europäisierung der Bildungspolitik werden an das deutsche Bildungssystem insgesamt Forderungen nach mehr Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen allgemein- und berufsbildenden Bildungsangeboten gestellt. Ferner sollen alle Bildungsabschlüsse und damit auch jene der Berufsausbildung international vergleichbar sein und in einem entsprechenden europäischen und deutschen Qualifikationsrahmen eingeordnet werden.

Diese vier als zentrale Problem- und Diskussionsfelder zu bezeichnenden Themenbereiche werden in dem Herausgeberband von Gerhard Bosch, Sirikit Krone und Dirk Langer auf verschiedenen Ebenen beleuchtet und entsprechende bildungspolitische Konsequenzen herausgearbeitet.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist im Nachgang eines wissenschaftlichen Symposions entstanden, das an der Universität Duisburg-Essen am 25./ 26. Juni 2009 stattfand zu dem Thema „Die Entwicklung der Berufsbildung in Deutschland – neue Formen des Übergangs Schule – Beruf“. Dieses Symposion rundete nach 10jähriger Laufzeit das Förderprogramm „Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit“ ab, das die „Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung“ im Ruhrgebiet, vor allem in Essen, realisierte, um einen Beitrag zum Abbau von Jugendarbeitslosigkeit durch Projekte und Beispiele guter Praxis zu leisten. Die Stiftung bat das Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen eine wissenschaftliche Tagung zum Thema durchzuführen. Deshalb stammen die beiden Herausgeber sowie die Herausgeberin aus diesem Institut: Prof. Dr. Gerhard Bosch ist der geschäftsführende Direktor, während Sirikit Krone und Dirk Langer wissenschaftliche MitarbeiterInnen in der Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel (BEST)“ des Instituts sind. Sie haben in dem hier vorgestellten Sammelband die 10 Beiträge der ReferentInnen zusammengebunden, die auf dem wissenschaftlichen Symposion mitgewirkt haben, wobei Felix Rauner und Eckart Severing jeweils mit einem Artikel vertreten sind, obwohl sie auf der Tagung ein Streitgespräch geführt haben.

Aufbau

Neben dem Geleitwort des Vorsitzenden des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Bertholz Beitz, und dem „Vorwort der Herausgeber“ enthält der Sammelband – wie bereits erwähnt – die folgenden zehn Beiträge.

„Aktuelle Problemfelder der Berufsbildung in Deutschland“

In diesem einführenden Beitrag gibt Sirikit Krone einen Überblick zu den aktuellen Problemfeldern der Berufsbildung in Deutschland und erläutert dabei im Wesentlichen die von mir hier einführend erwähnten vier Themenbereiche ausführlicher. So geht sie mittels statistischer Daten auf die fehlenden betrieblichen Ausbildungsplätze ein und skizziert die Expansion des Übergangssystems, die Durchlässigkeit der Bildungssysteme und die Europäisierung der Berufsbildung. Damit leistet sie insgesamt eine systematische Einführung in die folgenden Beiträge.

„Zur Zukunft der dualen Berufsausbildung in Deutschland“

Gerhard Bosch setzt sich mit den beiden „Schnittstellen“ der dualen Berufsausbildung zu anderen Bildungsbereichen auseinander. Zum einen erläutert er die Schwierigkeiten, die vor allem HauptschülerInnen bei der Aufnahme einer dualen Berufsausbildung haben und schildert die „Ausdifferenzierungen des dualen Systems“ (S. 14), die - wie das Übergangssystem oder die außerbetriebliche Berufsausbildung – dazu beitragen sollen, die Ausbildungslosigkeit von jungen Menschen abzubauen. Zum anderen skizziert er die „Schnittstelle zur Weiterbildung“, denn für ihn eröffnen insbesondere die abschlussbezogenen Aufstiegsweiterbildungen wie MeisterInnen und FachwirtInnen Karrieren im mittleren Management. Deshalb bedauert er, dass die öffentliche Förderung dieser Weiterbildungsgänge deutlich reduziert wurde. Insgesamt prognostiziert er einen „Modernisierungsschub in Richtung breiter auf moderne Formen der Arbeitsorganisation ausgerichtete Berufe“ (S. 14) für das duale Berufsbildungssystem.

„Berufsbildung in Deutschland: Krise, Kontinuität, neue Konzepte“

Bereits oben wurde erwähnt, dass Felix Rauner mit Eckart Severing auf der dem Sammelband zugrunde liegenden Fachtagung an einem Streitgespräch teilnahm. In seinem Beitrag erläutert und begründet er seine Position und seine Vorschläge, um die duale Berufsbildung zu modernisieren. Er kritisiert die mangelnde Berufsorientierung und –vorbereitung in Deutschland und vertritt die These, dass auch in einer modernen Wissensgesellschaft die duale Berufsausbildung in ihrer gegenwärtigen Struktur mit dem Berufsprinzip ihren zentralen Stellenwert nicht verlieren wird. Deshalb plädiert er ausdrücklich dafür, die Attraktivität der dualen Berufsausbildung zu steigern.

„Berufsausbildung in Deutschland – Zu wenige Fachkräfte für die Wirtschaft und zu viele Jugendliche ohne Ausbildungsperspektive“

Im Gegensatz zu Felix Rauner wirbt Eckart Severing für die Flexibilisierung und Modularisierung der dualen Berufsausbildung unter Aufgabe der strengen Auslegung des Berufsprinzips. Die Berufsausbildungsvorbereitung sowie informell erworbene Kompetenzen sollten zertifiziert und auf eine Berufsausbildung angerechnet werden. Er sieht die Integrationsleistung der dualen Berufsausbildung als nicht mehr gegeben an und kritisiert die fehlenden Qualitätsstandards im Übergangssystem. Auf der einen Seite sei in zunehmend mehr Branchen ein Fachkräftemangel zu beklagen, auf der anderen Seite blieben zu viele junge Menschen im Übergangssystem ‚geparkt’, ohne dass ihnen diese Bildungszeiten in irgendeiner Form für ihre spätere Berufsausbildung angerechnet werden.

„Schulische Berufsbildung im Gesamtsystem der beruflichen Bildung. Herausforderung an der Übergangspassage von der Schule in den Beruf“

Rolf Dobischat wendet sich in seinem Beitrag der schulischen Berufsausbildung zu. Sie wird für ihn in den gegenwärtigen Diskussionen zur Zukunft des deutschen Berufsbildungssystems deutlich unterbewertet. Er belegt diese These anhand ausgewählter Strukturdaten zu Schulberufen und kommt zu dem Fazit, dass die schulische Berufsausbildung in einigen Segmenten durchaus als etabliert gelten kann, während sie in anderen Bereichen über kaum Arbeitsmarktakzeptanz verfügt. Er sieht in der schulischen Berufsausbildung große Chancen, die duale Berufsausbildung zu ergänzen und nicht nur Auffangbecken für diejenigen zu sein, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden haben.

„Übergänge zwischen Schule und Berufsausbildung“

Ausgehend von den Daten der Befragung der LehrstellenbewerberInnen durch die Bundesagentur für Arbeit und das Bundesinstitut für Berufsbildung zeigen Verena Eberhard und Joachim Ulrich, wie die institutionellen Zugangsregelungen zum dualen System dazu beitragen, dass junge Menschen ausbildungslos bleiben. Sie schildern den strukturell im dualen System verankerten Widerspruch, dass „der Staat der Wirtschaft die Rolle des Eingangswächters“ (S. 133) übertragen hat. Somit sind wirtschaftliche Bedingungen entscheidend dafür, ob junge Menschen einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten. Der Zugang zur dualen Berufbildung ist mithin marktgesteuert, woraus für den Staat allerdings eine widersprüchliche Situation entsteht: Einerseits gibt es einen breiten bildungspolitischen Konsens darüber, dass allen Jugendlichen die Möglichkeit zu einer Berufsausbildung eröffnet werden soll. Hierzu ist an das seit den 1980er Jahren bis heute immer wieder betonte Credo der „Ausbildung für alle“ zu erinnern. Andererseits steht jedoch genau diese - auch durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (S. 134) im Jahr 1980 unterstrichene - „Garantie auf einen betrieblich finanzierten Ausbildungsplatz“ im Widerspruch zu den marktgesteuerten Zugangsregelungen, die auf die Freiwilligkeit der Wirtschaft abstellen. Vor diesem Hintergrund kritisieren die beiden AutorInnen das Konstrukt der „Ausbildungsreife“, das letztlich nur die Funktion habe, die wirtschaftlichen Ursachen von Ausbildungslosigkeit zu individualisieren und die ‚Schuld’ ausschließlich den Jugendlichen und ihren mangelnden Fähigkeiten zuzuschreiben.

„Übergangssystem in der beruflichen Bildung – Wahrnehmung einer zweiten Chance oder Risiken des Ausstiegs?“

Tilly Lex und Boris Geier referieren Daten der großen Panel-Untersuchung, die das Deutsche Jugendinstitut über vier Jahre hinweg mit zu Beginn der Befragung fast 3.000 und am Ende noch 1.152 HauptschulabsolvenInnen durchgeführt hat. Sie wurden auch dazu befragt, wie sie ihre Teilnahme im Übergangssystem wahrnehmen und bewerten. Dabei stellte sich heraus, dass die Mehrzahl von ihnen den Maßnahmebesuch positiv bewertet und darin Chancen sieht, im Anschluss daran eine Berufsausbildung aufnehmen zu können. In der Einschätzung der jungen Menschen sind die Angebote im Übergangssystem also weniger „Warteschleifen“, sie sehen eher die Möglichkeiten, auf diese Weise eine Berufsausbildung beginnen zu können.

„Fest gemauert in der Erden? Der europäische Integrationsprozess und die berufliche Bildung in der Bundesrepublik Deutschland“

In das Zentrum seiner kritischen Ausführungen stellt Dieter Münk die unterschiedlichen Systemlogiken auf deutscher und europäischer Ebene, die vor allem aus dem deutschen Berufsprinzip sowie dem dualen Berufsausbildungssystem resultieren. Um die Kontroversen nicht noch weiter zuzuspitzen, plädiert er dafür, die Elemente aus den europäischen Entwicklungen zu übernehmen, die mit dem deutschen Berufsausbildungsverständnis kompatibel sind. Dies sind vor allem der Kompetenzansatz und die sogenannte Outputorientierung.

„Die Entwicklung der Bildungsbeteiligung und des Ausbildungsmarktes im Ruhrgebiet“

Dieser Beitrag von Dirk Langer ist der erste, in dem ausdrücklich Bezug auf die Berufsbildungssituation im Ruhrgebiet und damit auf die von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung geförderten Projekte genommen wird. Auf bildungssoziologischer Basis beleuchtet er die Entwicklungen der allgemeinbildenden schulischen Voraussetzungen und des Ausbildungsmarktes im Ruhrgebiet.

„Das Förderprogramm der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ‚Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit’ – zwei Beispiele guter Praxis“

Zum Abschluss des Sammelbandes erläutert Monique Ratermann die übergeordneten Ziele und Strukturmerkmale des Förderprogramms der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ‚Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit’ und stellt zwei Beispiele guter Praxis vor.

Diskussion und Fazit

Den HerausgeberInnen ist es meines Erachtens mit den im Sammelband und somit auch auf der Fachtagung vertretenen Beiträgen hervorragend gelungen, einerseits die 10jährige Laufzeit des Förderprogramms der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung „Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit“ angemessen zu würdigen und andererseits die gegenwärtig in der Politik und Wissenschaft diskutierten zentralen Problembereiche der Berufsbildung aufschlussreich, interessant und anregend darzustellen und zu diskutieren. Deshalbempfehle ich diese Publikation mit Nachdruck allen Menschen, die in der Wissenschaft oder Praxis der Berufsbildungspolitik tätig sind und sich erneut den zentralen Diskussionssträngen in den berufsbildungspolitischen Debatten vergewissern wollen. Diesen Empfehlung gilt auch für Studierende der Berufs-, Wirtschafts- und Sozialpädagogik, die sich mit grundsätzlichen Fragen der Berufsbildungspolitik beschäftigen.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 04.07.2011 zu: Gerhard Bosch, Siritik Krone, Dirk Langer (Hrsg.): Das Berufsbildungssystem in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 261 Seiten. ISBN 978-3-531-17322-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10249.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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