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Bernd Reuschenbach: Personalgewinnung und Personalauswahl für die Pflege

Cover Bernd Reuschenbach: Personalgewinnung und Personalauswahl für die Pflege. Elsevier GmbH, Urban & Fischer (München, Jena) 2004. 432 Seiten. ISBN 978-3-437-27000-0. 29,95 EUR, CH: 48,00 sFr.

Unter Mitarbeit von Christopher de Silva, Gabriele Kammerer, Catherine Pott.

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Relevanz des Buchs

Eigene Erfahrungen Ende der 1980er Jahre bewogen den Autor, sich dem Thema Personalgewinnung für die Pflege anzunehmen: dubiose selbstgestrickte Tests, lange Wartezeiten vor Gesprächen, keine Eingangsbestätigung - welcher Bewerber kennt das nicht? Die Auswahl von Bewerbern oder Pflegeschule erfolgt dann oft eher zufällig, weil beispielsweise der Gesprächspartner so nett war und nur selten auf der Basis von Standards. Dieser individualempirische Auslöser hat allerdings zu einer umfassenden wissenschaftlichen und praktischen Auseinandersetzung mit der bewerberzentrierten Personalgewinnung und Personalauswahl geführt.

Man könnte nun davon ausgehen, dass das Thema Personalgewinnung und -auswahl so neu nicht ist. Aber dem Autor ist es gelungen, die Thematik auf das - wie er es nennt - "Notstandsgebiet der Pflege" herunterzubrechen. Damit hat die Publikation einen gewissen Alleinstellungsanspruch erhalten, der über die reine Adaption der Verfahren in der unternehmerischen Wirtschaft hinausgeht. Die Beschreibungen erhalten auch dadurch eine besondere Relevanz, als sie die Erkenntnisse des Forschungsprojekts "Personalauswahl im Gesundheitswesen", das seit 1999 am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg durchgeführt wird, einbeziehen. Damit löst sich diese Publikation von der Übertragung wirtschaftlicher Erfahrungen auf den 3. Sektor, die eine Transfermöglichkeit unterstellen, ohne die Besonderheiten abzubilden.

Schon die Struktur des Buches geht auf die Besonderheiten der Pflege ein. In Kapitel 1 werden die Besonderheiten des Pflegearbeitsmarktes aufgegriffen und in Kapitel 5 wird auf die Entscheidungen der Bewerber eingegangen - nicht ganz treffend als "Auswahl durch die Bewerberinnen" bezeichnet. Das Kapitel 11 "Ein Praxisbericht" und der Anhang mit vielen Formularen und Beispielen bilden die Praxis in der Pflege gut ab.

Inhalte des Buchs

Das Buch ist inhaltlich zweigeteilt: In den Kapitel 2-5 wird die Anwerbung von Mitarbeitern thematisiert und in den Kapitel 6-10 werden die unterschiedlichen Auswahlmethoden besprochen. Hinzu kommen in Kapitel 1 die spezifischen Arbeitsmarkt- und Rahmenbedingungen der Pflege und in Kapitel 11 ein Praxisbericht. In Kapitel 1 schildert der Autor anschaulich, in welchem politischen Umfeld die Personalgewinnung in der Pflege stattfindet: nicht nur als eine betriebswirtschaftliche Aufgabe der Pflegeeinrichtungen, sondern auch als eine am Gemeinwohl orientierte gesellschaftliche Aufgabe, die weitere Akteure auf den Plan gerufen hat wie Spitzenverbände, Regierungen oder Kommunen. Es wird aber auch aufgezeigt, dass die Auswahlverfahren sich auf die Bewerbergespräche konzentrieren: beliebt, aber mit nur geringer Vorhersageleistung.

Beim 2. Bereich, der Personalgewinnung, hält sich der Autor weitgehend an die traditionelle Gliederung: Personalplanung, interne und externe Personalgewinnung. Dieses alles auf einem relativ modernen und der derzeitigen praktischen und wissenschaftlichen Diskussion weitgehend entsprechendem Stand, beispielsweise inklusive des E-Recruitings. Mit seinem "Drei-Stufen-Konzept" (Kap. 4.5) werden sogar Verfahren des (Customer-) Relationship-Manage­ment einbezogen. Etwas weniger passt in diese Systematik das Kapitel 5, die Auswahl durch die Bewerberinnen. Zum einen werden die verschiedenen Berufswahltheorien nur am Rande reflektiert und stattdessen empirische Befunde referiert, zum anderen hätte man sich gewünscht, dass das Bewerberverhalten stärker aus Sicht der Pflegeeinrichtungen reflektiert worden wäre. So bleibt es weitgehend dem Leser überlassen, welche Schlüsse er für seine Personalgewinnung aus den Wünschen der Bewerber zieht.

Räumlich (rund 230 Seiten) und auch inhaltlich misst der Autor der Personalauswahl das größte Gewicht bei, was angesichts seines Psychologiestudiums auch nahe liegt, hat sich doch die Personalauswahl zu einem Tummelplatz für Arbeitspsychologen entwickelt. Die Anforderungsanalyse (Kap. 6), die Anforderungen an die Personalauswahl (Kap. 7), die Auswahlmethoden (Kap. 8), das Bewerbungsmanagement und Organisation des Auswahlverfahrens (Kap. 9) und das Beurteilungstraining (Kap. 10) sind nach derzeitigem Stand und fundiert referiert. Leser, die endlich wissen möchten, was sich hinter dem "Postkorb-Verfahren" verbirgt werden ebenso bedient wie diejenigen, die biografische Fragebögen oder die Grafologie einsetzen wollen. Die Auswahl der Methoden ist aus Sicht der Personalwirtschaftslehre nicht zu bemängeln und entspricht dem, was heute weitgehend in den Betrieben eingesetzt wird. Angesichts der Vielzahl an Verfahren und Methoden ist es müßig zu fragen, ob andere Methoden hätten dargestellt werden müssen: hier findet der Leser eine fundierte und gut dargestellte Übersicht zu wichtigen Methoden.

Praxisbezug des Werks

Schon das Layout lässt den Praxisbezug erkennen: Marginalien, wenn auch auf den ungeraden Seiten ungewohnt innenliegend, zahlreiche Querverweise, Tabellen und Schaubilder erleichtern es insbesondere dem Praktiker, schnell die gewünschten Informationen aufzufinden. Hinzu kommt ein Index, der weitere Unterstützung gibt. Es muss also nicht erst das ganze Buch gelesen werden, um eine notwendige Information zu finden - wichtig insbesondere für Anwender aus der betrieblichen Praxis.

Besonders hervorzuheben sind die verschiedenen Ansätze, den praktischen Verfahrensablauf zu schildern (Workflow). In Kapitel 9 wird ein solcher Ablaufplan exemplarisch vorgestellt und ist eine große Hilfe für Praktiker, die ein Auswahlverfahren planen, um nichts Wichtiges zu vergessen. Praktische Hilfen wie die "Cut-Off-Strategie" geben unmittelbar umsetzbare Verfahren an die Hand. Der von Gabriele Kammerer abgegebene Praxisbericht (Kap. 11) zur Schule für Pflegeberufe im Klinikum Karlsruhe zeigt zudem, wie die Implementation eines derartigen Auswahlverfahrens abläuft und ist als anschauliches Beispiel geeignet, falls ein Verfahren in der eigenen Pflegeeinrichtung geplant wird. Greift man dann auf die Materialien im Anhang zurück, kann man mit dieser Publikation relativ problemlos eigene Verfahren zusammenstellen.

Angesprochener Nutzerkreis

Angesprochen werden Personen mit Leitungsfunktionen in Krankenhäusern, in ambulanten Pflegediensten, Seniorenwohnheimen oder Pflegeschulen, mithin alle Personen mit Personalverantwortung im Bereich der Pflege. Im Unterschied zur gewerblichen Wirtschaft, wo Personalgewinnung und Personalauswahl längst bis in den Mittelstand hinein Aufgabe von Spezialisten geworden sind, haben in der Pflege zahlreiche Führungskräfte Personalverantwortung. Und genau an diese Personengruppe richtet sich die Publikation mit dem Anspruch, praxisgerecht Theorie und empirische Erkenntnisse - aufbereitet und erhoben für die Pflege - zur Verfügung zu stellen.

Eine wissenschaftliche, insbesondere auch betriebswirtschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik erfolgt dagegen weitgehend nicht. Neue Erkenntnisse und Erfahrungen des Human Resource Management, wie sie insbesondere in den USA entwickelt werden - vom Wissensmanagement bis zum Management Appraisal - gibt es nicht, sie würden die Publikation auch überfrachten. Insofern dürfte es für "Personale", sofern sie sich nicht zufällig im Pflegebereich engagieren, kaum Neues geben.

Fazit

Auch wenn es nicht im Titel steht: Dies ist ein Handbuch im besten Sinne des Wortes. Personalverantwortliche in der Pflege, Ärzte und Pflegedienstleitungen bekommen hier ein Kompendium, mit dem sie unmittelbar arbeiten können. Die Publikation richtet sich eben nicht an Personalfachleute, sondern an Personen, die in Leitungsfunktionen Personalverantwortung tragen. Und für diese ist es besonders hilfreich, dass sie keine Modelle der Industrie transferieren müssen, sondern Beispiele aus ihrem Bereich geboten bekommen und die Besonderheiten aufgezeigt werden. Da tut es der guten Bewertung auch keinen Abbruch, wenn aus personalwirtschaftlicher Sicht, abgesehen vom Anwendungsbereich, keine neuen Erkenntnisse vorliegen. Das Buch ist unbedingt empfehlenswert für Personalverantwortliche in der Pflege.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Professor für Human Resource Management an der Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 25.05.2004 zu: Bernd Reuschenbach: Personalgewinnung und Personalauswahl für die Pflege. Elsevier GmbH, Urban & Fischer (München, Jena) 2004. 432 Seiten. ISBN 978-3-437-27000-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1025.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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