Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin
Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-940529-79-4.
Die Erzählung von der medizinischen Sterbebegleitung
Humanes Sterben, das ist eine Forderung, die sich im Zeichen der fortschreitenden, selbstbestimmten Auffassung menschlichen Daseins immer mehr durchsetzt. Der Tod als Teil des Lebenszyklus ist eine bereits in der Antike Postulat und wird in der Philosophiegeschichte als metaphysische Betrachtung der Seelenwanderung und als nachmetaphysisches Diktat eines absoluten Endpunktes und einer Grenze des Lebens definiert. Das Menschenrecht auf Leben, wie es in Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 postuliert wird – „Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ – gehört selbstverständlich zu den unanfechtbaren und unteilbaren Rechten eines jeden Menschen; umstritten freilich ist, ob es auch ein „Recht auf den eigenen Tod“ gibt, zu dem andere Menschen den Sterbewilligen verhelfen sollen.
Entstehungshintergrund und Autor
Der kontroverse Diskurs um Sterbehilfe darüber, ob es human ist, unter Leiden auf den Tod zu warten, oder zum Sterben zu verhelfen, wird bestimmt von den historischen, kulturellen und religiösen Vorstellungen vom Leben und Tod und vom Wandel der Begrifflichkeiten zur Benennung des Prozesses vom Leben zum Sterben. Während mit „Euthanasia“ über Jahrhunderte hinweg ein guter, sanfter Tod bezeichnet wurde, änderte sich mit „Euthanasie“ die Benennung als „Sterbehilfe“, „Tötung auf Verlangen“, „Gnadentod“, bis beim Nationalsozialismus hin zur Ermordung von Unheilbaren, Geisteskranken und Behinderten. Der unsichere und umstrittene Umgang mit den Begriffen, wie etwa „aktive -“, „passive -“ oder „indirekte Sterbehilfe“, macht im übrigen auch deutlich, dass es einer gesellschaftlichen, enttabuisierten und humanen Auseinandersetzung über medizinische Sterbebegleitung bedarf, die sich in der Palliativmedizin etabliert hat. Damit dabei nicht Ideologien oder gar Rassismen ins Spiel kommen, bedarf es einer historischen Nachschau, wie sich die palliativmedizinische Situation über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und praktiziert wurde.
Der Würzburger Medizinhistoriker, Sozial- und Kulturgeschichtler Michael Stolberg widerspricht der gängigen Auffassung, dass die Palliativmedizin erst im späten 19. Jahrhundert aufkam. Er zeigt in zahlreichen Quellenbefunden auf, dass Formen von Sterbehilfe und -begleitung bereits seit dem ausgehenden Mittelalter praktiziert wurden. Bei seinen Forschungen setzt er dabei in der Renaissance, um 1500 an und diskutiert die sich verändernden Vorstellungen, Theorien und Praxen bis heute. Dabei ist er sich der Gefahr bewusst, „das historische Geschehen allzu einseitig mit den heutigen Augen zu betrachten und zu bewerten„; allerdings auch der Chance, dass „gerade aus der Reibung, aus der Aufmerksamkeit für Ähnlichkeiten und Differenzen im Vergleich zu heute ( ) die Phänomene und Begriffe in ihrer damaligen wie in ihrer heutigen Bedeutung nicht selten besser und differenzierter greifbar (werden)“.
Aufbau und Inhalt
Der Autor gliedert die Geschichte der Palliativmedizin chronologisch in drei Teilen.
Im ersten Kapitel diskutiert er die Befunde, wie sie im ärztlichen Schrifttum in der frühen Neuzeit (1500 – 1800) vorfindbar sind. In den Praxen der ärztlichen Sterbebegleitung – Cura mortis palliativa und Euthanasia medicinalis – zeigt er den Umgang mit Unheilbaren und Sterbenden auf und setzt sich, indem er mehrere Fälle heranzieht, auch mit den Dilemmata auseinander, denen Ärzte und (geistliche und weltliche) Sterbebegleiter ausgesetzt waren.
Im zweiten Teil thematisiert Michael Stolberg die Periode des Industriezeitalters (1800 – 1945). Es geht um „Aufstieg und Niedergang der Euthanasia medica“, die Bedeutung des Arztes als Seelsorger und im Diskurs über aktive Sterbehilfe, um Sterben zu Hause und in der Institution, um Krankenhäuser, Unheilbarenhäuser und Sterbehospize. Zwar wird die in der nationalsozialistischen Ideologie praktizierte Euthanasie nicht ausführlich dargestellt; doch der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass es sich dabei nicht um Sterbehilfe, sondern um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt.
Die Zeit nach 1945 wird im dritten Teil dargestellt, mit den Anfängen der Hospizbewegung in England, der Einrichtung der ersten Palliativstationen und der Entwicklung der ambulanten Palliativmedizin. Besonders in dieser Phase sind Berichte und Informationen dokumentiert, die sich mit der Patientenperspektive von terminal kranken Menschen befassen. Dabei wird insbesondere das Bedürfnis deutlich, die eigene Kontrolle und Selbstbestimmung über den Tod zu gewinnen.
Fazit
Die über die Jahrhunderte hinweg dokumentierten Formen von palliativmedizinischer und ärztlicher Sterbebegleitung zeigen sowohl kontinuierliche Aspekte, als auch Wandlungsprozesse auf. Es sind insbesondere die bis heute wirkenden Maßnahmen beim Umgang mit Sterben und Tod, die bereits sehr früh angelegt und praktiziert wurden. Da ist zum einen die „Medikalisierung des Sterbens“, die in der heutigen Entwicklung zur wichtigen ärztlichen und pflegerischen Aufgabe gehört: Sie lenkt „die traumatische Erfahrung des Sterbens in geordnete, medikalisierte Bahnen“. Da ist zum zweiten die „Tabuisierung des Todes“, die sich erst jetzt langsam, nicht zuletzt durch die Hospizbewegung und Palliativmedizin „wieder in Richtung einer vermehrten Akzeptanz von Sterben und Tod“ bewegt. Und da ist drittens die „Stigmatisierung des Sterbens“, als die Unerträglichkeit der Überlebenden beim körperlichen Verfall des Sterbenden.
Der Tod gehört zum Leben: Diese oftmals leichthin gesagte Auffassung, ist für viele Lebende nicht leicht zu nehmen. Es bedarf also der Auseinandersetzung mit dem Sterben, sowohl in den Fällen, in denen der Tod plötzlich kommt, als auch vor allem in den Situationen, in denen Sterben schwer wird. Sie sollte intellektuell und emotional geführt werden. Bei beiden Zugängen sind Kenntnisse hilfreich, die sich historisch herleiten. Michael Stolberg hat für Mediziner, Hospizengagierte und Sterbebegleiter – also möglicherweise auch für dich und mich – eine spannende, lehrreiche und informative Geschichte der Palliativmedizin geschrieben.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.12.2011 zu: Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-940529-79-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10258.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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