Thomas Welskopp: Amerikas große Ernüchterung
Thomas Welskopp: Amerikas große Ernüchterung. Eine Kulturgeschichte der Prohibition. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. 700 Seiten. ISBN 978-3-506-77026-4. 49,90 EUR, CH: 84,00 sFr.
Thema
Die New Yorker Ratten führten Freudentänze auf. Zehntausende Gallonen Whisky, Gin und Bier landeten am 16. Januar 1920, um Mitternacht, in der New Yorker Kanalisation. Wie die anschließende Party dort unten weiterging, ist nicht bekannt. Über den Verlauf der Veranstaltung eine Etage höher, die erst 13 Jahre mit einem ziemlichen Kater endete, hat Thomas Welskopp jetzt eine „Kulturgeschichte der Prohibition“ vorgelegt, in der er Wissenschaft, Anekdoten und Legenden zu einem exzellenten Cocktail mixt.
Autor
Der Autor lehrt seit 2004 als Professor „Geschichte moderner Gesellschaften“ an der Universität Bielefeld.
Aufbau
Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert.
Das erste Kapitel – „Die Träger und politischen Akteure der Prohibition“ – behandelt die Vorgeschichte des Alkoholverbots in den USA.
„Das Recht der Prohibition“, so die Überschrift des zweiten Kapitels, umreißt die rechtliche Entwicklung der Vorprohibitionszeit bis zum Jahr 1919 – in Bund, Einzelstaaten und Gemeinden –, die nichts weiter darstellte als eine schleichende Kriminalisierung der Alkoholkunden. Der Flickenteppich aus Alkoholverboten, Lockerungen und Verschärfungen, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Land bedeckte, ist durchaus vergleichbar mit der Situation, die wir heute im Bereich der Raucherregelungen in Deutschland und Europa kennen.
Im dritten Kapitel - „Die Ökonomie der Prohibition“ - geht es um die Entwicklung des Alkoholkonsums während der Prohibitionszeit. Schließlich war es das zentrale Ziel der Prohibition, den Alkoholkonsum zu reduzieren bzw. auf Null zu bringen.
Die Kapitel IV und V - die „Kultur der Prohibition“ und die „Gesellschaft der Prohibition“ - thematisieren Prohibitionslegenden und -fakten: den Aufstieg der organisierten Kriminalität zum Big Business, die Entwicklung einer neuen Trinkkultur mitsamt ihren merkwürdigen Randerscheinungen wie Bootleggern, Speakeasies, jugendlichem Binge Drinking und einer bis dahin unbekannten privaten Cocktail- und Partykultur. Es ging in der Realität des Alkoholverbots nicht darum, dass überhaupt nicht mehr getrunken wurde, sondern darum, was, wie und wo getrunken wurde. Unvermeidbar kam es zu einem bis heute nicht aufgearbeiteten kollektiven Geschmacksverfall. Und schließlich war da - als vielleicht problematischste Folge der Prohibition - eine die gesamte Gesellschaft erfassende Erosion des Rechtsbewusstseins.
Die beiden letzten Kapitel - „Die Medien der Prohibition“ und „Die Politik der Prohibition“ - beschreiben die Veränderungen, die seit Mitte der zwanziger Jahre in der Beurteilung der Prohibition stattfanden und den langsamen Umschwung der öffentlichen Meinung. 1933 war Schluß mit dem „noblen Experiment“, der Kater nach dem vermeintlich alkoholfreien Jahrzehnt vorprogrammiert.
Die Vorgeschichte
Die Tageszeitung „Die Welt“ meldet in ihrer Ausgabe vom 18. März 2011 auf Seite 27: “Christliche Patrouillen sollen Kneipen befrieden“. Es geht um die Stadt Chard im Südwesten Englands im Jahr 2011. Man mag sich die Augen reiben oder sich amüsieren. Genau so oder ähnlich muß es auch in irgendeiner amerikanischen Kleinstadt irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert in der Zeitung gestanden haben. Der Alkohol begleitete die Geschichte den USA von ersten Tag an. Es begann mit den puritanischen Pilgervätern, bevor eine zweite Siedlerwelle eine Menge Schotten, Iren und Deutsche in das gelobte Land brachte, die das Whisky- oder Schnapsbrennen schon zuhause gelernt hatten. Jedenfalls eine trinkfeste Gemeinschaft.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Amerika auf Alkohol gebaut wurde. Er war im 17. und 18. Jahrhundert allgegenwärtig. Und es war nicht allein der Tee oder die Teesteuer, an der sich, so die offizielle Schulbuchversion, die amerikanische Revolution entzündete, sondern auch der Rum, für die Puritaner „Gottes gutes Geschöpf“. „Ich weiß nicht, warum wir uns schämen sollten einzugestehen, dass die Melasse eine wesentliche Ingredienz der amerikanischen Unabhängigkeit war“, so John Adams, einer der Gründungsväter.
Doch irgendwann meldete sich im 19. Jahrhundert Protest. Es begann, wie immer, harmlos mit Vorschlägen zur Alkohol-Mäßigung und steigerte sich allmählich zu politischen Forderungen nach einem gesetzlichem Totalverbot von Alkohol (T-Totaler). Der Bannstrahl der Alkoholgegner, eine Melange unterschiedlichster sozialer Gruppierungen (unter ihnen Frauengruppen, religiöse Organisationen und Ärzte), traf insbesondere die „harten Getränke“: Rum, Whisk(e)y und Gin. Doch blieben die Aktivitäten lange unkoordiniert.
Und wie alle derartigen Bewegungen hatte auch diese ihre Stars: Den Arzt Benjamin Rush, Mitunterzeichner der amerikanischen Gründungsurkunde, Frances Willard, berühmteste Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts und vor allem die sagenumwobene Carry Nation, über zwei Meter groß und mächtig, die mittels einer Axt Saloons auseinandernahm. Wenn sie mit ihrer Frauentruppe anrückte, wussten die Saloonbesitzer, was auf sie zukam. Kein geringerer als Schwergewichts-Boxweltmeister John Sullivan sah sich eines abends gezwungen, vor dieser Taliban der Nüchternheit Reissaus zu nehmen. Ironie der Geschichte. Vier Jahre nach Carry Nations Tod wurde auf der Farm ihrer Mutter in Missouri eine große Moonshineanlage entdeckt.
Mit der Gründung der Anti-Saloon-League als nationalem Verband im Jahr 1895 wurde schließlich die Organisationsform gefunden, die die verschiedenen Gruppen der Alkoholgegner zusammenführte. Viele Frauen auf dem Lande und in Kleinstädten fürchteten und haßten die Saloons, in denen ihre Ehemänner ihr schwerverdientes Geld für Drinks und Freudenmädchen ausgaben, Für sie bedeutete das erhoffte Verbot der Saloons und des Alkohols, dass sämtliche anderen Übel und Verbrechen über Nacht verschwinden würden. (D. Eisenberg, U. Dan, E. Landau: Der König der Mafia, München 1979) Einen Bruder im Geist fand die Anti-Saloon League übrigens über 150 Jahre später in Walter Ulbricht, der den Kampf gegen die „dunkle Kneipe“ als wichtigen Schritt auf dem Weg in die lichte Zukunft des real existierenden Sozialismus ausrief. Von ihm ist „das Bonmot überliefert, dass er Stalinstadt, die „erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden“ zum ersten Ort „ohne K“, das hieß: ohne Kirchen und ohne Kneipen, machen wollte“( vgl. Thomas Kochan: Der Blaue Würger. So trank die DDR, Berlin 2011, S. 33).
Liberty cabbage
In Amerika war der Saloon nicht nur eine unmoralische Institution, sondern für seine Gegner auch ein politisches Übel, ein Ort , an dem Gewerkschaften organisiert wurden, wo die Parteiapparte der Großstadt auf Stimmenfang gingen und wo Kommunisten und Anarchisten ihre Anhänger fanden. In den Saloons wurde über Schüsseln von Rumpunsch, wie Peter Thompson schreibt, ein Stück amerikanischer Identität geboren (Peter Thompson: Rum, Punch and Revolution, University of Pennsylvania Press 1998).
Während zur gleichen Zeit in Europa die Mäßigungsbewegung ihren ersten Schwung aufnahm, wurde sie in den USA zum Auslöser für einen regelrechten Kulturkampf, der zu Spaltungen führte, wie sie seit dem Kampf gegen die Sklaverei nicht mehr erlebt worden waren. Im ganzen Land kam es in tausenden von Kleinstädten zum Bruch zwischen den „Trockenen“ (im Sinne von „alkoholfrei“) und den „wets“, den Gegnern des Alkoholverbots. (Vgl. Mike Jay: High Society. Eine Kulturgeschichte der Drogen, Darmstadt 2011, S. 161f.)
Es war ein gesellschaftspolitischer Kampf an verschiedenen Fronten, ein bißchen immer Nord- gegen Südstaaten, Protestanten gegen Katholiken, Land gegen Stadt („In der Stadt herrschen Rum und Rom!“) - eine Auseinandersetzung, die bis in die Gegenwart reicht.
Diese Entwicklung erfuhr ihre Vollendung, als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten. Die Bierbrauer waren fast durchweg Deutsche. Deutsch wurde aus den Lehrplänen gestrichen, die Stadt Berlin in Ohio wurde in Canton umgetauft und aus Sauerkraut wurde „liberty cabbage“. Auf einmal wurde aus jedem Six-Pack Anheuser-Busch oder Kaiser-Bräu eine Fünfte Kolonne der Krauts.
Pantherschweiß und anderes
Am 16. Januar 1919 wurde der Volstead Act als 18. Zusatzartikel in die amerikanische Verfassung aufgenommen und trat ein Jahr später in Kraft. Er verbot die Herstellung, den Verkauf und die Beförderung alkoholischer Getränke, besitzen und trinken durfte man sie. Es war nicht der erste Fall von Prohibition, und es sollte auch nicht der letzte bleiben. Aber wohl der Spektakulärste. Eine Gesellschaft, die die Freiheit des einzelnen auf eine Weise wie keine andere auf ihre Fahnen und in ihre Verfassung geschrieben hatte, beschränkte das individuelle Recht, das zu trinken, was einem gefällt.
Die damalige Stimmung wird am besten durch Groucho Marx“ berühmtes Bonmot charakterisiert: „Bis zur Prohibition bin ich Abstinenzler gewesen.“
Die Prohibition begann am 16. 1. 1920 um Mitternacht. Sie war von Anfang an schon rein handwerklich ein zahnloser Tiger. Wie wollte man eine 3000 Meilen lange Grenze nach Kanada überwachen? Trinkfreudige Amerikaner fanden schnell ihre Coffee Shops in Montreal, Tijuana oder Havanna.
Am Wochenende nach Beginn der Prohibition flogen bereits die ersten Alkoholtouristen von Miami aus nach Havanna – „Come to Cuba and bathe in Bacardi Rum“, so der Slogan von Bacardi. Das sollte 13 Jahre lang so gehen. Die kubanischen Bars und Barkeeper erwarben ihren weltweiten Ruhm in dieser Zeit, unterstützt von Hollywoods Film- und Literatur-Schickeria, die, angeführt von ihrem Flaggschiff Ernest Hemingway, das Paris der Karibik zum Treffpunkt der Reichen und Schönen machte. Die Mafia war nicht weit weg.
Im Norden jubelten die kanadischen Whiskybrenner, insbesondere Sam Bronfman, Kanadas großer Schnapsschmuggler und Geschäftspartner der Mafia, der während der amerikanischen Prohibition die Firma Seagram zum größten Spirituosenkonzern der Welt machte.
Während der offizielle Whiskyhandel mit Schottland verboten war, wurde nun alles, was sich Scotch nannte, in den USA zum begehrten Luxusartikel. Die Marke Cutty Sark wurde ab 1923 eigens für den amerikanischen Schwarzmarkt hergestellt. Über Rum Rows wurde Scotch an die amerikanische Küste geschafft, wenn es sein mußte von Schmugglern wie Frank Costello auch mit Torpedos an die amerikanische Küste geschossen. Hier entwickelte sich der Stoff für ungezählte Legenden, Räuberpistolen und Schmugglergeschichten, etwa über den berühmten Schmugglerkönig William S. Mc Coy, der als Erfinder der Rum Row gilt (Welskopp, S. 141). Die Verklärung des Bootleggers machte auch vor Walter Benjamin nicht halt, der ihm in seinen Rundfunkvorträgen für Kinder einen eigenen Beitrag widmete (Walter Benjamin: Aufklärung für Kinder. Rundfunkvorträge, Frankfurt/M. 1998).
Schmugglern gelang es, aus einer erstklassigen Flasche Scotch vier bis fünf Flaschen Scotchverschnitt zu machen – der richtige Farbton wurde durch Beimengung von schwarzgebranntem Whisky, Pflaumensaft, und anderen Stoffen erzeugt. Industriealkohol fand in Mengen den Weg in Whisk(e)yflaschen, auch wenn er vom Staat durch giftige Zusätze ungenießbar gemacht wurde. Der Tod der Endabnehmer wurde hierbei billigend in Kauf genommen. In den Augen der Alkoholgegner waren Schwarzbrenner und Schnapsschmuggler schlimmer als Mörder. Amerikanische Regierungsbehörden schätzten, dass auf dem Höhepunkt der Prohibition etwa 60 Millionen Liter Industriealkohol pro Jahr für solche Zwecke verarbeitet wurden. (vgl. Welskopp 230ff.)
War das Ergebnis nicht tödlich, so war der Trinkgenuß doch zumeist bescheiden, denn es handelte sich, sieht man von den nur den wirklich Reichen vorbehaltenen „echten“ Markenspirituosen ab, um mörderisch brennende, primitiv und schnell destillierte hochprozentige Flüssigkeiten, denen man phantasievolle Kosenamen gab: White mule, bald face, bust head, pine top oder „Pantherschweiß“ (Welskopp, S. 232).
Henry L. Mencken, die Journalistenlegende aus Baltimore, entdeckte „jump stiddy“, eine „lokale Spezialität aus South Carolina, die eine Mixtur aus Coca Cola und renaturiertem Sprit gewesen sei, gewöhnlich aus Automobilkühlern. 'Kenner bevorzugten angeblich den Geschmack des in Ford Model-Ts Gereiften.'“ (Welskopp, S. 232) Ein kritischer Zeitgenosse, der den Whiskey seines bootlegers zwecks Analyse an ein Labor schickte, bekam als Antwortschreiben: „Kümmern Sie sich um Ihr Pferd, es hat Diabetes“. 1928 brüstetet sich, weiß Welskopp zu berichten, „der Besitzer einer 'Rum-Alterungsanlage' in Ohama, Nebraska, gegenüber Zeitungsreportern, er sei in der Lage, sieben Jahre alten Rum in sieben Minuten herzustellen“ (S. 169).
Eine Handlungsanleitung zum Gesetzesbruch
Die Amerikaner saßen nicht auf dem Trockenen. Ärzte, Apotheker, kleine Schwarzbrenner, Schmuggler und Gangsterbanden versorgten sie mit Alkoholika in jeder Qualitätsstufe und Preisklasse.Und all dies war ein offenes Geheimnis.
Die alltägliche Beschaffung von Alkohol wurde zum Volkssport. Brauer brachten Malzsirup mit Hopfenaroma auf den Markt, das völlig zufällig die Namen der früheren Biersorten, wie zum Beispiel „Old Würzburg“ und „Old Heidelberg“ trug. Die Gebrauchsanweisungen warnten davor, dem Produkt Hefe zuzusetzen und es bei einer Temperatur zwischen 6 und 9 Grad gären zu lassen, da sonst verbotenes Bier entstehen würde. Da der Sirup nicht so leicht zu verschicken war, gingen die Brauer schließlich zu Bierpulver, in Ziegeln gepreßt, über, das auch schon die notwendige Hefe enthielt und nur noch mit Wasser angesetzt werden musste. Etwas ähnliches gab es für Trauben bzw. Wein. In Kalifornien stieg i.ü. die Weinanbaufläche während der Prohibition um das Siebenfache und schuf die Grundlagen für die heutige Stellung des kalifornischen Weins auf dem Weltmarkt.
Nun drehte sich das gesellschaftliche Rollenmodell um. Die Cops waren die Bösen, die Bootlegger waren die Helden. Wer etwas auf sich hielt, hatte SEINEN Bootlegger, im Idealfall mit „direkter Verbindung“ nach Schottland oder in die Champagne, so wie es heute in bestimmten Kreisen dazu gehört, seinen Italiener mit spezieller Quelle für Levi-Grappa irgendwo im Piemont zu haben. Hochprozentiges Distinktionspotential gab es auch in Zeiten der Prohibition reichlich.(Vgl. Daniel Okrent. Last Call. The Rise and Fall of Prohibition, New York u.a. 2010, S. 213ff.)
Literarisch hat die Paradoxie der Prohibition wohl niemand witziger ad absurdum geführt als G.K. Chesterton, Schöpfer des Pater Brown, in seiner Geschichte vom „ fliegenden Wirtshaus” (München/Zürich 1967). In diesem Fall soll England trockengelegt werden, die Wirtshausschilder werden abgeschafft. Das hoffnungslose Unterfangen gutmeinender Menschenbeglücker scheitert daran, dass sie die Rechnung ohne zwei trink- und sangesfreudige Alkholguerillas gemacht haben, die ein Rad Käse und ein Fäßchen Rum und - als Wichtigstes - ein Wirtshauschild gerettet haben.
Roaring Twenties
Der unmittelbarste Effekt der Einführung der Prohibition war, das jeder gesetzestreue alkoholtrinkende Amerikaner zum Kriminellen wurde. Trinken wurde zu einer lukrativen kriminellen Aktivität, und darin ist natürlich niemand besser als die organisierte Kriminalität.
Die Prohibition bedeutet für Männer wie Al Capone, Meyer Lansky und Lucky Luciano einen mit Gold gepflasterten Weg zu Reichtum, Einfluß und Macht. Schon nach wenigen Wochen hatte das organisierte Verbrechen den Alkoholhandel übernommen.
In Chicago avancierte Al Capone, der 1899 in Neapel zur Welt gekommen war, vom Rausschmeißer einer Flüsterkneipe zum unumschränkten Herrscher der Stadt. Um seine Geschäfte zu decken, organisierte er die Bestechung der Amtsträger vom Bürgermeister bis zum Schutzmann um die Ecke. Korruption gilt seit den Machenschaften Al Capones als ein Markenzeichen Chicagos. Bis zum Massaker am Valentine's Tag 1929, als sieben Mitglieder bzw. Assoziierte der North Side Gang erschossen wurden, Liebling der Medien, war er erstaunt, als man ihm moralische Vorhaltungen machte:
„Ich verdiene mein Geld, indem ich einen weitverbreiteten Wunsch erfülle. Wenn das gesetzwidrig ist, sind meine Kunden, zu denen Tausende der besten Leute von Chicago gehören, ebenso schuldig wie ich. Der einzige Unterschied zwischen uns besteht daraus, dass ich verkaufe und sie kaufen. Alle bezeichnen mich als Gangster. Ich bezeichne mich als Geschäftsmann. Wenn ich Whisky verkaufe, ist das Schnapsschmuggel. Wenn meine Kunden ihn auf dem Silbertablett servieren, heißt das elegante Gastlichkeit.“ (D. Eisenberg, U. Dan, E. Landau: Der König der Mafia, München 1979, S. 80) Er und seine Mafia-Kollegen verdienten Millionen, ohne dass der Staat einen Cent Alkoholsteuer kassierte. George Remus, einer der berühmtesten „Drugstoreketten-Besitzer“ und Vorbild für den Großen Gatsby von Scott Fitzgerald, verdiente mit dem Alkoholschmuggel so viel Geld, dass er es sich leisten konnte, 1923 auf einer seiner legendären Parties an die eingeladenen Damen 50 nagelneue Pontiacs zu schenken – aus einem solchen Stoff werden Prohibitonslegenden und Hollywoodfilme gebastelt.
Der interessierte Chicago-Tourist von heute kann in dieser amerikanischsten aller Städte - i.ü. auch der Wirkungsstätte von Jane Addams - im Rahmen einer „Untouchable Tour“ die historischen Orte der Prohibitionszeit besuchen, inklusive Valentinstag-Massaker-Originalschauplatz.
Badewannengin und Cocktailshaker
Während die „lost generation“ Amerika Richtung Europa verließ, versorgten sich die daheim Gebliebenen mit Geschmuggeltem, Schwarzgebranntem oder Gepanschtem. Mit Amerikas walk on the wild side änderten sich auch ihre Trinkgewohnheiten. Zuvor zumeist moderate Wein- und Biertrinker, wandten sich die Amerikaner nun den effektiveren „Wirkungsgetränken“ zu. „Das“, so Welskopp, „kennzeichnet die Jahre der Prohibition als einen Ausnahmezustand. In dieser Zeit nahm das Muster des Alkoholkonsums in den Vereinigten Staaten pathologische Züge an.“ (S. 139)
Getränke fielen in zwei Kategorien: schnell und einfach, für den schnellen Konsum (in Speakeasies) und dick und süß, um die schlechte Qualität der alkoholischen Basis zu kaschieren. (Barbara Holland: The Joy of Drinking, New York 2007). Die Preise für Alkohol stiegen bis um das Dreifache, so dass die breite Masse sich nicht leisten konnte, viel zu trinken. Alkohol mußte vor allem wirken, und das tat hochprozentiger Alkohol. Dort, wo früher Wein und Bier getrunken wurde, wurde jetzt Whisky und Gin getrunken, und der hatte zumeist eine grauselige Qualität.
Gin zuhause herzustellen (den berühmte „Badewannengin“), gehört zu den „brenntechnischen“ Errungenschaften dieser Epoche der Prohibitionszeit. 40 % Alkohol, 60 % Wasser, etwas Wacholder zugesetzt: Voilà!
Die Mittelklasse soff, so läßt sich mit Welskopp resümieren, um das Saufens willen. Der schnapsgefüllte Hüftflacon gehörte zum unverzichtbaren Accessoire. Eine private Party ohne Alkohol ging überhaupt nicht. „Auf Partys gehörte es für den Gastgeber zum guten Ton, die Teilnehmer möglichst reichlich mit „Stoff“ zu versorgen und fürsorglich Hochprozentiges in halbgeleerte Coktailgläser nachzugießen. Der Gast zeigte sich dankbar, indem er diese Geste honorierte und in kürzester Zeit soviel trank wie er konnte.“ (Welskopp, S. 221) Der Kater am Morgen danach und das öffentliche Beklagen desselben wurde zum Statussybol. Kaum anders verlief die Entwicklung bei den Jugendlichen. Koma-Saufen mit dem entsprechenden moralischem Aufschrei der Tugendsamen wurde zur Freizeitbeschäftigung.
Früher stand der Schnaps im Saloon, weit weg von Frau und Kind. Nun wurde zuhause getrunken und ggfs. auch destilliert. Anerkennung genoß, wer einen guten Martini Dry zu mixen in der Lage war, so wie man kunstvoll einen Truthahn zerlegen können muß. Cocktailshaker und Zubehör gehörten zu den beliebten Geschenken in dieser Zeit. Die Hersteller von Barutensilien arbeiteten auf Hochtouren, um den steigenden Bedarf an Shakern, Barlöffeln, Strainern und Eiszangen und anderen Geräten zu decken.
Das Klappern der Cocktailshaker, das in den zwanziger Jahren aus den Wohnzimmern zu hören war, zeigte jedem, wie weit der zivile Ungehorsam reichte. Es wurde zum Metronom der zwanziger Jahre. Allerdings hat diese Zeit keinen einzigen Cocktail hervorgebracht, der die Prohibitionszeit überdauert hat.
Joe sent me
Was niemand vorausgesehen hatte, war die explosionsartige Ausbreitung von Speakeasies (Flüsterkneipen). Einen Tag nach Beginn der Prohibition öffnete in Manhattan der 50-50 Club über einer Garage in der 129 West /50th Street. Gegründet wurde der Club von 50 Mitgliedern, die allesamt einen Beitrag von 100 US-Dollar zahlten, damit sie ihre Whiskeyflaschen in den mit ihren Namen beschrifteten Kästchen unterbringen konnten.
Das erste Speakeasy war bereits 1889 in Pennsylvania entstanden, jetzt entwickelte sich ein regelrechter Boom, vor allem in den Großstädten. Speakeasies lösten die Saloons und Bars ab. Das Spektrum deckte alle denkbaren Qualitätsniveaus ab: Von der versifften Spelunke und reinen Abfüllstationen bis zum exklusiven Club in Midtown Manhattan oder Harlem, der den Mythos von den „Roaring Twenties“ begründete (Welskopp, S. 254), versteckt hinter Blumenläden oder einer Schneiderei, mit Guckloch („Spion“) und Paßwort („Joe sent me“) als Schlüssel zum Alkoholparadies. Die Schätzungen reichen für New York zwischen 30.000 bis 100.000 illegale Kneipen. Hollywood sorgte dann für die klischeehafte Verklärung der Speakeasies, mit Billy Wilders Beerdigungsinstitut Mozarella in „Manche Mögens heiß“ als unerreichtem Benchmark.
Frauen liebten es auf einmal auszugehen. Sie zivilisierten den verrufenen Saloon nicht, indem sie seine Schließung oder Abschaffung forderten, sondern indem sie locker durch seine nicht mehr vorhandenen Schwingtüren schritten, sich zu den Männern an der Theke stellten und einen Cocktail bestellten.(vgl. Joseph Mitchell: Mc Scorley's Wonderful Saloon. New Yorker Geschichten 2011). Waren die Saloons eine Domäne der Männer, so waren es jetzt die Frauen, die zur Kultivierung der Speakeasies und Clubs in den Großstädten beitrugen. Rauchend, tanzend, mit kurzem Rock und einem Cocktailglas in der Hand prägen die „Flapper“ das Bild der Roaring Twenties. So hatten Frances Willard und Carry Nation sich das ursprünglich nicht vorgestellt.
Das Ende
Die Prohibition dauerte dreizehn Jahre, zehn Monate, neunzehn Tage siebzehn Stunden, 32 Minuten und dreißig Sekunden. Sie wurde am 5. Dezember 1933 mit der Ratifizierung des 21. Verfassungszusatzes (Amendment) außer Kraft gesetzt. Bei seiner Unterzeichnung meinte Präsident Franklin D. Roosevelt: „Ich glaube, jetzt ist es Zeit für ein gutes Bier.“
In der gesamten Kriminalgeschichte gab es vermutlich kein Einzelgesetz, dass die organisierte Kriminalität so gefördert hat wie der 18. Verfassungszusatz, der aus allen Amerikanern Abstinenzler machen sollte.
Während der amerikanischen Prohibition verloren tausende Menschen ihr Leben aufgrund von Auseinandersetzungen im Alkoholgeschäft oder durch Vergiftungen, erblindeten oder wurden paralysiert, entwickelte sich die Mafia zu einem Staat im Staat, nahm die allgemeine Korruption bis dahin ungekannte Ausmaße an, wurden Gesetze der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben und, last not least, verloren viele Amerikaner jegliches Geschmacksempfinden für Flüssiges. Das noble Experiment ging gründlich daneben. Ein schönes Beispiel für das soziologische Gesetz von den unbeabsichtigten Folgen.
Das Ende der Prohibition - bis 1926 gab es so gut wie keine Opposition - selber hat viele Ursachen: Allgemeine Erschöpfung, weil sich kollektive Heuchelei nur zeitlich begrenzt durchhalten läßt, die Folgen des Valentinstag-Massaker 1929, das einen allgemeinen Stimmungsumschwung in der Öffentlichkeit gegen die organisierte Kriminalität einleitete und auch die Weltwirtschaftskrise mit ihren Folgen für den Arbeitsmarkt. Nicht wenige erhofften sich angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt durch eine Aufhebung der Prohibition die Schaffung neuer Arbeitsplätze mit zusätzlichen Einnahmen für Gemeinden und Länder. So wie man sich einst von der Einführung des Alkoholverbots eine Ära neuer Produktivität und Wohlstand versprochen hatte, so versprach man sich nun von der Aufhebung genau das gleiche.
Rockefeller, einer der Hauptunterstützer der Anti-Saloon-League, fiel fast vom Hocker, als ihm sein Sohn 25 Speakeasies in seinem gerade erst errichteten Rockefeller Center zeigt.
Die Rockefellers - mit Henry Ford prominenteste Anhänger der Prohibition - gehörten nun auch zu jenen, die sich gegen die Prohibition wandten, weil sie davon überzeugt waren, dass durch die Prohibition der Respekt vor jeglichem Recht unterminiert würde, mit unabsehbaren Folgen.
Das Bild der Prohibitionszeit besteht aus einem Gewirr von Mythen, Legenden und Tatsachen. Bis zum heutigen Tag wird es von Hollywood und seinen Filmen über diese Zeit geprägt. “If the legend becomes fact, print the legend" legt John Ford seinem Protagonisten in “Der Mann, der Liberty Valence erschoß”, dem größten Wildwestepos Hollywoods, in den Mund. Die Hollywood-Geschichte der Prohibition folgt diesem Muster. „Lass Dir nie von der Wahrheit eine gute Geschichte kaputt machen“, folgert ganz konsequent Nucky Thompson, ein guter Böser, der öffentlich den Alkohol verteufelt und sich privat an ihm labt, in der neuesten Prohibitionsserie des amerikanischen Fernsehen „Boardwalk Empire“.
Selbst das größe Klischee enthält Spurenelemente der Wahrheit, und Thomas Welskopp kommt das große Verdienst zu, sich jenseits der Klischees auf die wissenschaftliche Suche nach der “ganzen Wahrheit” über die Prohibition gemacht zu haben. Herausgekommen ist ein großartiges Gesamtwerk, das die Anekdoten und Legenden der Prohibitonszeit nicht ausläßt, sie aber gewissermaßen wissenschaftlich gegen den Strich bürstet, unendlich viele spannende und faszinierende Details und Fakten zusammenträgt und zu einem Großen und Ganzen zusammensetzt.
Der Rezensent hat großes Verständnis dafür, dass Welskopp bei diesem Thema die Tinte nicht halten konnte und schließlich ein über 650 Seiten umfassendes Werk entstanden ist. Es bietet ein Panorma der amerikanischen Kultur in den 1920er und frühen 1930er Jahren, bei dem es, wie Welskopp schreibt, um weit mehr geht als um den Alkohol und sein Verbot. Die Kapitel erzählen jeweils ihre eigene Story, so dass auch „Spezialinteressen“ bei selektiver Lektüre befriedigt werden können: „Wer Gangster mag, kann sich aus den entsprechenden Kapiteln eine historische Soziologie des Gangstertums erschließen,…Fragen nach der Korruption im politischen System der USA finden ausführlich Antworten, und nicht zuletzt Liebhaber des Jazz und des Kinofilms mögen im punktuellen Zugriff ihr Steckenpferd pflegen und auf den Spuren Duke Ellingtons und Jimmy Cagneys wandeln.“ (Welskopp, S. 7)
Nachtrag
Nur kurze Zeit nach der Aufhebung der Prohibition, am 10. Juni 1935, wurden in den USA die Anonymen Alkoholiker gegründet, von zwei notorischen Säufern. Bill und Bob. Sie hatten während der gesamten Zeit der Prohibition nicht einmal unter Alkoholmangel gelitten. Dieser Tag gehört gewiss zu den Sternstunden der Menschheit, der 16. Januar 1919 bestimmt nicht.
Fazit
Und wie sieht das Fazit zur Prohibition aus? Das aristotelische Fazit zur Prohibitionsproblematik, aufgearbeitet in der 18. Folge der 8. Staffel (Homer vs. Eighteenth Amendment), liefert wie sooft in existentiellen Fragen der Menschheit Homer Simpson in einem einzigen Satz: „Auf den Alkohol, Ursprung und Lösung aller Lebensprobleme.“
Rezensent
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 14.07.2011 zu: Thomas Welskopp: Amerikas große Ernüchterung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. 700 Seiten. ISBN 978-3-506-77026-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10269.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Tobias Moorstedt: [...] Wie die digitalen Medien die Politik verändern
Jürg Martin Meili: Kunst als Brücke zwischen den Kulturen
Stellenangebote
Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart
Sozialarbeiter/in für psychiatrisches Pflegeheim, Schopfloch
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
