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Christine Schmidt: Die Pflegelüge

Cover Christine Schmidt: Die Pflegelüge. Der Generationenvertrag am Tropf. Wiley-VCH Verlag (Weinheim) 2010. 216 Seiten. ISBN 978-3-527-50464-0. 19,90 EUR.

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Thema

Bereits vor nunmehr 15 Jahren, am 1. Januar 1995, wurde mit dem „Gesetz zur Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit“ (Pflegeversicherungsgesetz – PflegeVG) – neben der Kranken-, Unfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung – die 5. Säule der Sozialversicherung eingeführt. Die Pflichtversicherung war aufgrund der demographischen Entwicklung, gekennzeichnet seit 1973 durch höhere Sterbe- als Geburtsziffern bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung und dem sich daraus ergebenden steigenden Durchschnittsalter, notwendig geworden, weil sowohl die Gemeinden im Bereich Sozialfürsorge als auch die betroffenen Einzelpersonen die hohen Pflegekosten nicht mehr tragen konnten. Wer nun gehofft hat, dass seither für den Fall der Fälle alles im grünen Bereich sei, dass er Hilfe bekommt, wenn er sie benötigt, wird in dem Buch „Die Pflegelüge“ eines Besseren belehrt. Denn nach Ansicht von Christine Schmidt handelt es sich bei der Pflegeversicherung um eine „Mogelpackung“. Sie biete zwar Hilfe an, eine optimale individuelle Pflegeversorgung könne sie aber nicht garantieren. Demnach existiert eine menschenwürdige Pflege, die mehr ist als morgens und abends zu waschen und zu „füttern“, höchstens auf dem Papier. Die tägliche Pflegepraxis, so die Autorin, sehe hingegen ganz anders aus. Deshalb von einer „Pflegelüge“ zu sprechen, sei keinesfalls übertrieben.

Autorin

Christine Schmidt, examinierte Krankenschwester, Pflegeberaterin und zertifizierte Pflegesachverständige, ist seit 2001 freiberuflich selbständig tätig, wobei sie hauptsächlich für Haftpflichtversicherungen und Sozialgerichte arbeitet. Ihr Unternehmen „Premio“ schult jährlich an die 2.500 Personen und führt Schulungen gemäß § 45 SGB XI durchschnittlich 500 privaten Haushalten durch.

Aufbau

Der schmale Band gliedert sich nach einer kurzen Einführung in die Thematik (S. 9-11) in die folgenden sechs Kapitel:

  1. Ade Generationenvertrag (S. 13-28)
  2. Das Verständnis des Miteinander und Füreinander – was erwarten wir voneinander? (S. 29-38)
  3. Mogelpackung Pflegeversicherung (S. 39-98)
  4. Vollstationäre Pflegeversorgung (S. 99-145)
  5. Demenz – das politische Nichtverständnis (S. 147-175)
  6. Tabuthema Sterben (S. 177-199).

Neben einem „Fazit: Statt Hürdenlauf Langstreckenlauf – ohne Verletzungsgefahr“ (S. 201-213) enthält das Buch auch ein Stichwortverzeichnis (S. 215-216).

Inhalt

Nach Ansicht von Christine Schmidt müssen wir uns mit dem Thema Pflege auseinandersetzten. Ihres Erachtens ist es wichtig, fachlich begründet die historisch gewachsenen Missstände aufzuzeigen, die ihren Niederschlag in der ambulanten und vollstationären Pflege finden, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen Grenzen setzen. Dies sei den Verantwortlichen in Politik seit Jahren schon bekannt – jedoch bisher ohne nennenswerte Folgen oder Hilfestellungen. So klaffe schon heute eine finanzielle Lücke in der Pflegeversicherung. Im Jahr 2030 werde diese voraussichtlich doppelt so hoch sein, wenn die Pflegeversicherung nicht rechtzeitig reformiert wird. Denn dann würden die geburtenstarken Jahrgänge alt und unter Umständen auch pflegebedürftig werden.

Zur aktuellen Situation in der Pflege schreibt die Autorin einleitend: „Wie Don Quichotte greifen die Pflegenden an der Basis das System an, welches ihnen übergestülpt wurde. Leider ohne Erfolg und daraus ergeben sich dann meist Kündigung oder Resignation. Letzteres findet sich kaum in einer anderen Berufsgruppe in dieser gravierenden Form wieder. Leitragende sind dabei die Menschen, die gepflegt werden müssen, denn sie können sich nicht mehr wehren“ (S. 10).

Für Christine Schmidt ist es allerhöchste Zeit, die gedachte und erlebte Versorgungsstruktur sowohl unter den pflegefachlichen Aspekten als auch aus der Sicht der Betroffenen zu hinterfragen. Hierbei geht sie, inhaltlich die Bereiche Politik, Management, Kostenträger und Pflegehaushalte miteinander verknüpfend, den folgenden Fragen nach:

  • Wie stellt sich die Politik dieser Versorgungsverantwortung?
  • Warum gehen Krankenkassen und Behörden so mit Patienten um?
  • Wieso werden das Pflegepersonal oder die Angehörigen allein gelassen?
  • Was bedeuten die Pflegestufen und nach welchen Kriterien werden Pflegebedürftige eingestuft?
  • Was ist eine bestmögliche Pflege und wie kann diese bezahlbar gewährleistet werden?

Zur Bedeutung ihres Buches schreibt die Autorin einleitend: „Ich erhebe mit meinem Buch keinen Anspruch auf eine pflegewissenschaftliche Lektüre, aber wenn dadurch erreicht werden kann, dass sich der eine oder andere Leser in den Zeilen wieder findet und einen Weg für sich finden kann, die Unendlichkeiten des Pflegelabyrinths zu durchschauen und auch handlungsfähig zu sein, dann wäre mein Ziel schon erreicht“ (S. 11).

Diskussion

Das vorliegende Buch von Christine Schmidt ist keine wissenschaftliche Abhandlung oder nüchterner Sachstandsbericht über die Pflegeversicherung in Deutschland. Stattdessen begegnet der Leserschaft dem Ehepaar Herbert und Herta. Herbert wird nach einem Schlaganfall von heute auf morgen zum Pflegefall. Zusammen mit Herta erfährt man nun alle Hindernisse bei der Organisation von Herberts Pflege. Man stolpert zusammen mit ihr über diverse Fallstricke und lernt, was man wann wie tun, beantragen oder wonach man fragen muss. Immer wieder bleibt man dabei aber auch genauso wie Herta zurück. Die „Pflegelüge“ ist von daher keine angenehme oder gar entspannende Lektüre, wie man sie gerne nach Feierarbeit zur Hand nimmt. Denn hier sind eine oder gar mehrere schlaflose Nächte – je nach persönlicher Lebenssituation – vorprogrammiert.

So besteht für die Autorin im Hinblick auf die demografische Entwicklung kein Zweifel daran, dass die gesamte Pflegeversorgung der Menschen in dem Umfang, der zu erwarten ist, „in keinster Weise“ durch öffentliche Gelder zu finanzieren sein wird. Deshalb sollte sich jeder Bürger dieses Landes von einem solchen Gedanken schnellstens verabschieden. „Die Pflegeversicherung war ein kleiner Rettungsring, der der Gesellschaft 1995 zugeworfen wurde. Durch die gesamte Entwicklung in unserem Lande wird der Rettungsring aber immer kleiner und es klammern sich immer mehr Menschen an ihn. Irgendwann wird er untergehen“ (S. 202).

Mit Blick auf die bestehende Praxis der Pflegeversicherung stellt Christine Schmidt eine Reihe von Forderungen. So sollten sich beispielsweise die Pflegekassen um eine weitaus reibungslosere Organisation im Bereich der Hilfsmittelbereitstellung bemühen, damit diese zeitnah, zielgerichtet und kosteneffizient zum Einsatz kämen.

Fazit

Es gibt Versicherungen, die nimmt man nicht gerne in Anspruch. Zu ihnen zählt auch die Pflegeversicherung. Denn wer möchte schon gern ein Pflegefall sein? Insofern beschäftigt sich Christine Schmidt in ihrem lesenswerten Buch „Die Pflegelüge“ mit einem Thema, das man gerne verdrängt oder am liebsten weit von sich weist. Dabei kann aber schon morgen jeder davon betroffen sein. Um zu wissen, was dann gegebenenfalls auf einen zukommt beziehungsweise welche Bedeutung die Pflegeversicherung hat und wie deren Realität aussieht, sollte man sich die vorliegende Lektüre in aller Ruhe zu Gemüte führen – und dann reiflich überlegen, wie man mit den gewonnenen Erkenntnissen umgeht.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 25.10.2010 zu: Christine Schmidt: Die Pflegelüge. Wiley-VCH Verlag (Weinheim) 2010. 216 Seiten. ISBN 978-3-527-50464-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10284.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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