Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels
Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen. C.H.Beck Verlag (München) 2010. 359 Seiten. ISBN 978-3-406-60638-0. 19,95 EUR.
Mit einem Vorwort von Margot Käßmann. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber.
Autor und Autorin
Kristof und WuDunn sind ein heterosexuelles Ehepaar, das journalistisch tätig ist. Sie wurden aufgrund ihrer Berichterstattung über China mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, Kristof dann erneut für seine Kolumnen in der Times. Sie leben mit ihren Kindern in der Nähe von New York City. Beide sind durch die ständige journalistische Arbeit in vielen Ländern der Welt auf das Thema der Ausbeutung und Ermordung von Frauen gekommen, das sie dann zu diesem Buch bewegt hat.
Aufbau und Inhalte
Die beiden Autoren haben eine Fülle von Material aus unterschiedlichen Ländern zusammengetragen. Schon zu Beginn betont Margot Käßmann in ihrem Vorwort wie auch die Autoren in ihrer Einleitung, dass es in ihrem Buch nicht um die Diskriminierungen von Frauen in der westlichen Welt geht, die sich in niedrigeren Gehältern und Erschwernissen beim Zugang zu Führungspositionen ausdrücken. Vielmehr geht es um die faktische Versklavung von Frauen, Folterungen und Ermordung in Ländern, in denen die patriarchalischen Strukturen dies erlauben. Die Autoren wollen Empörung hervorrufen, und sie erreichen dieses Ziel durch das Erzählen von vielen Einzelschicksalen, die teilweise so erschütternd sind, dass der Leserin die Luft wegbleibt. Einige Zahlen sollen verdeutlichen, worin die Ungeheuerlichkeiten bestehen, die Frauen angetan werden:
- In China sterben jährlich 39.000 neugeborene Mädchen, weil die Eltern ihnen im ersten Lebensjahr nicht die gleiche Fürsorge und Betreuung zukommen lassen wie neugeborenen Jungen (S. 15).
- In Indien findet etwa alle zwei Stunden eine „Brautverbrennung“ statt, um die Braut für eine unzulängliche Mitgift zu bestrafen oder damit der Mann neu heiraten kann (S.16).
- In den pakistanischen Städten Islamabad und Rawalpindi sind in den letzten neun Jahren 5000 Frauen und Mädchen „wegen Ungehorsams von Familienmitgliedern oder angeheirateten Verwandten mit Kerosin übergossen und angezündet oder… mit Säure verätzt worden“ (S. 16).
- In Indien bringen viele Mütter ihre Söhne zum Impfen, nicht jedoch ihre Töchter. Bei schweren Erkrankungen werden Jungen, aber nicht Mädchen ins Krankenhaus geschickt. Die Folge ist, dass Mädchen zwischen dem ersten und dem fünften Lebensjahr mit einer 50 % höheren Wahrscheinlichkeit sterben als gleichaltrige Jungen.
- In den letzten fünfzig Jahren wurden mehr Mädchen getötet als die Gesamtzahl der Männer, die in den Schlachten des 20. Jahrhunderts zu Tode kamen (S.18).
- In Indien leben zwei bis drei Millionen Prostituierte. Ungefähr die Hälfte derer, die als Teenager anfingen zu arbeiten, sind laut einer Studie von 2008 gezwungen worden. Es sind die Länder mit der prüdesten, konservativsten Sexualmoral – Indien, Pakistan, Iran – in denen die Zahl der Zwangsprostituierten besonders hoch ist (S. 28). Nach Schätzungen des Autoren-Paares können 3 Millionen Frauen auf der Welt als im Sexgeschäft versklavt bezeichnet werden. Der Sklavenhandel mit Frauen hat ein wesentlich größeres Ausmaß als der Sklavenhandel, der im 18./19. Jahrhundert Menschen aus Afrika nach Amerika brachte (S. 33).
- 5000 Mädchen bezahlen pro Jahr den Verdacht auf Verlust ihrer Jungfräulichkeit mit dem Leben: „Ehrenmord“ heißt dieses Verbrechen. Allein in Pakistan wurden 2003 1261 Ehrenmorde gezählt – die Dunkelziffer ist unbekannt.
- In Bürgerkriegen werden Massenvergewaltigungen begangen, um die Kultur des Gegners zu zerstören. Die Frauen werden dann von ihrer eigenen Sippe verstoßen. In Liberia wurden während des dortigen Bürgerkrieges nach einem Bericht der Vereinten Nationen 90 Prozent aller über drei Jahre alten Mädchen und Frauen sexuell missbraucht (S. 113). Der östliche Kongo gilt als „Weltzentrale der Vergewaltigung“ (S. 114). Allein in der kongolesischen Provinz Südkindu kam es im Jahr 2006 zu 27.000 sexuellen Übergriffen. Und damit sind nicht – wie bei unseren Diskursen über sexuelle Belästigung – Griffe an den Hintern oder anzügliche Bemerkungen gemeint, sondern lebenszerstörende und traumatisierende Gewalt. Die Vereinten Nationen haben 2008 Vergewaltigungen im Krieg als Kriegswaffe anerkannt.
- Es sind nicht nur Männer, die diese Verbrechen begehen. Sie werden dabei von Frauen unterstützt. Dazu zwei Beispiele: 62 Prozent der indischen Dorfbewohnerinnen sprachen sich für eheliche Gewalt (des Mannes gegenüber der Frau, versteht sich) aus. Sie sind es auch, die die Gewalttaten ihres Mannes gegenüber einer zweiten Frau unterstützen. Und: Frauen unterstützen Männer bei der Vergewaltigung junger Mädchen, um sie für das Bordell gefügig zu machen.
Brutalität, Versklavung, Folterungen, Ermordung von Frauen geschehen in Ländern, in denen ihr Status niedrig ist, sie gelten als dem Mann gegenüber minderwertig. Das Autorenpaar stellt fest, dass besonders in muslimischen Ländern Frauen missachtet werden. „Von 128 vom Weltwirtschaftsforum untersuchten und nach der Stellung der Frau sortierten Ländern rangierten zehn mehrheitlich islamische Länder unter den letzten zwölf“ (S. 191).
Neben den oben aufgezählten Grausamkeiten gibt es eine ganze Reihe von Phänomenen, an denen deutlich wird, wie gleichgültig Gesellschaften gegenüber dem Schicksal von Frauen sind.
- Pro Jahr wird die Klitoris von 3 Millionen Mädchen in Afrika (und weiteren in anderen Erdteilen) beschnitten, Vielen davon werden die Schamlippen amputiert und die Vagina zugenäht. Abgesehen vom beabsichtigten Ziel der Reduzierung der weiblichen Lust (und der Reservierung des weiblichen Körpers für den Ehemann) sind damit Tode infolge von Verbluten oder Entzündungen bzw. lebenslange Beschwerden verbunden (S. 275 ff.).
- Pro Minute stirbt eine Frau im Kindbett oder kurz nach einer Entbindung. Die WHO schätzt, dass 2005 536.000 Frauen an Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen gestorben sind. Rund 99 Prozent dieser Todesfälle ereignen sich in armen Ländern (S. 131). In Niger beträgt das Risiko für ein Mädchen, an einer Geburt zu sterben, 1:7, in den Ländern westlich der Sahara ist das Sterberisiko 1: 22, in Indien 1 zu 70, in den USA 1 zu 4.800, in Italien bei 1 zu 26.600 und in Irland bei 1 zu 47.600. In allen Ländern ging die Müttersterblichkeit in den letzten Jahren zurück, in Afrika kaum. Auf jede Frau, die im Wochenbett stirbt, kommen mindestens 10, die schwere Schädigungen während der Schwangerschaft oder während des Geburtsvorganges erleiden.
- Die Anti-Abtreibungs-Ideologie US-amerikanischer Präsidenten und ihrer Anhänger führte dazu, dass Familienplanungsprogramme in Afrika nicht mehr gefördert wurden. Damit stieg die Gefahr für Frauen, die keine Kinder mehr gebären wollten, wenn sie sich einer Abtreibungsprozedur unterzogen.
- Die Abwehr gegenüber Kondomen durch konservative Kräfte, auch durch die katholische Kirche, führt dazu, dass verheiratete Frauen durch ihren Mann Aids-infiziert werden.
Die Autorin und der Autor belassen es aber nicht bei der Aufzählung von Schrecklichkeiten. In jedem Kapitel wird auch die Geschichte von einer Frau erzählt, die sich aus dem Elend herausgearbeitet hat, und immer wieder werden Organisationen benannt, die sich der Probleme annehmen. Dabei werden auch Fehler von NGOs eingeräumt und die wirksamsten Strategien diskutiert. Als wichtigste Erkenntnisse benennt das Autorenpaar:
- Die Gleichberechtigung von Frauen führt zu wirtschaftlichem Aufschwung, weil die Ressourcen der gesamten Bevölkerung genutzt werden, Beispiel: China.
- Der Status von Frauen in einer Gesellschaft ändert sich mit ihrer Bildung. Daher ist Mädchenbildung die wichtigste Aufgabe.
- Neben der Mädchenbildung muss eine Frauenförderung die Vermeidung von Genitalverstümmelung und Müttersterblichkeit bzw. von schweren Behinderungen im Gefolge von Geburten in den Mittelpunkt stellen.
- Die Geburtenquote sinkt mit der Bildung von Frauen, die eine Möglichkeit sehen, sich einen beruflichen Status zu erarbeiten.
- Entwicklungspolitik ist dann am effektivsten, wenn sie die Förderung von Mädchen und Frauen in den Vordergrund stellt.
Diskussion
Das Buch bringt eine ungeheure Menge an Details und überflutet die Leserin geradezu. Erträglich ist dies aufgrund der journalistischen Schreibart: Empirische Ergebnisse mit Zahlen werden locker abgelöst durch die spannende Erzählung von Einzelschicksalen, die wiederum verknüpft werden mit den Berichten von Institutionen und Organisationen, die sich dem Elend in den Weg stellen und auch eine faktische Verbesserung der Situation von Frauen bewirken können. Ein wenig problematisch erscheint das Loblied auf die USA als den Hort des Fortschritts. Diese Tendenz wird aber wiederum abgeschwächt durch die Kritik an den konservativen, sexualfeindlichen Tendenzen US-amerikanischer Regierungen. Als Wissenschaftlerin hätte man sich etwas mehr Genauigkeit bei den Quellenangaben gewünscht – nicht alles wird belegt, aber immerhin das Meiste.
Fazit
Ein spannendes Buch, das den Blick auf die Probleme der Welt verändern kann. Nur wenn wir die Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen in allen Erdteilen ins Zentrum unserer politischen Bemühungen rücken, können wir – außer dass wir das menschenwürdige Überleben von Frauen fördern – weltweit Kriege verhindern und lebensbedrohliche, bildungsfeindliche Armut für beide Geschlechter abschaffen. Das Buch gehört auf den Tisch jeder Politikerin und jedes Politikers.
Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und ist heute Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de. Außerdem leitet sie systemische Aufstellungen.
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 19.11.2010 zu: Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels. C.H.Beck Verlag (München) 2010. 359 Seiten. ISBN 978-3-406-60638-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10289.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Helena Kanyar Becker (Hrsg.): Vergessene Frauen
Christoph Menke, Arnd Pollmann: Philosophie der Menschenrechte zur Einführung
Stellenangebote
Fachreferent/in, Essen
Bereichsleiter/in, Essen
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
