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Kathy Sylva, Brenda Taggart u.a.: Frühe Bildung zählt

Cover Kathy Sylva, Brenda Taggart, Edward Melhuish, Pam Simmons, Iram Siraj-Blatchford: Frühe Bildung zählt. Das Effective Pre-school and Primary Education Project (EPPE) und das Sure Start Programm. Dohrmann Verlag (Berlin) 2010. 86 Seiten. ISBN 978-3-938620-18-2. 12,95 EUR.
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Thema

Im Buch werden die zentralen Forschungsergebnisse der EPPE-Studie und der Auswertung des Sure Start Programms vorgestellt.

Autorinnen

Kathy Sylva arbeitet als Professorin für Bildungspsychologie an der Universität Oxford und Brenda Tagart als Senior Research Officer an der Universität London.

Entstehungshintergrund

Anlässlich der Tagung „10 Jahre Early Excellence in Deutschland“ am Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin erschien der Band mit Hintergrundmaterial für die beiden Themen der Referentinnen: Effective Pre-school and Primary Education Project (EPPE) und Sure Start Local Programme (SSLP).

Aufbau und Inhalt

Das Buch, das aus 86 Seiten besteht, enthält neben den Vorbemerkungen des Verlages und dem Vorwort von Sabine Hebenstreit-Müller fünf Aufsätze.

Vorwort. In ihrem Vorwort verweist Sabine Hebenstreit-Müller auf die große Bedeutung der EPPE-Studie und fasst Ergebnisse, die für die deutsche Diskussion interessant sind, zusammen. So fordert sie, dass weniger auf Sonderprogramme gesetzt werden sollte, sondern vielmehr die Qualität für alle Kinder in den Einrichtungen verbessert werden muss.

Early Childhood Matters“ – Zur Bedeutung der EPPE-Untersuchung für Politik und Frühpädagogik. Gillian Pugh hebt in ihrem Beitrag, der der Abdruck des Vorworts aus dem Buch „Early Childhood Matters“ ist, die enorme politische Bedeutung und Auswirkungen hervor, die die EPPE-Studie bewirkt hat.

Das Projekt „The Effective Provision of Pre-school Education„: Wirksame Bildungsangebote im Vorschulbereich – EPPE. Im Bericht von Iram Siraj-Blatchford et al. werden die Haupterkenntnisse aus dem EPPE-Projekt dargestellt. Nach der Darstellung von Auswirkungen, Art, Qualität und Methoden von Vorschuleinrichtungen werden die Wirkungen von Vorschulangeboten analysiert. So zeigte sich, dass der Besuch einer Vorschuleinrichtung alle Bereiche der kognitiven Entwicklung eines Kindes sowie Aspekte des Sozialverhaltens fördert und dass die Auswirkungen von sozialer Benachteiligung abgeschwächt sowie ein besserer Schulbeginn möglich werden. Sozial benachteiligte Kinder erzielen in Einrichtungen, die von Kindern mit unterschiedlicher sozialer Herkunft besucht werden, bessere Ergebnisse, als in Einrichtungen nur mit Kindern aus der eigenen Bevölkerungsschicht. Dabei ist die Qualität der Interaktion zwischen Kindern und Fachkräften besonders wichtig. Je besser die Fachkräfte, besonders die Leitungskräfte, qualifiziert waren, desto mehr Fortschritte zeigten die Kinder. Auch wenn Vorschuleinrichtungen kompensierend wirken, bestimmen familiäre Faktoren die Entwicklung von Kindern stärker als die Vorschulfaktoren. Dabei ist wichtiger, was Eltern mit ihren Kindern tun, als was sie sind. Die Schichtzugehörigkeit spielt demnach eine geringere Rolle, wenn Eltern den Kindern vorlesen, mit ihnen singen und reimen, ihnen Buchstaben und Zahlen nahe bringen und den Kindern Gelegenheiten zum Spiel mit Freunden geben.

Welchen Einfluss hat die frühkindliche Erziehung im Kindergarten? Pam Sammons stellt in diesem Kapitel die Hauptergebnisse der EPPE-Studie für den frühkindlichen Bereich vor. So zeigte sich, dass der Besuch einer Einrichtung die allgemeine Entwicklung von Kindern fördert. Entscheidend ist die Qualität und weniger der Typ der Einrichtung. Die guten Wirkungen einer hohen Qualität frühkindlicher Einrichtungen bleiben auch während der gesamten Grundschulzeit nachweisbar, wenn sie auch etwas abgeschwächt werden.
Weiterhin werden die entscheidenden Merkmale frühkindlicher Bildungserfahrungen für die kindliche Entwicklung dargestellt: Effekte des Besuchs einer Einrichtung, Dauer, Zeitpunkt des Eintritts, Effekte für Kinder mit Benachteiligungen, Erzieherschlüssel und –qualifikation. Anschließend werden die Ergebnisse noch einmal in den Kontext anderer Untersuchungen gestellt und es zeigt sich, dass in anderen Ländern ähnliche Ergebnisse erzielt wurden.

Curriculare Qualität und Alltagslernen in Kindertageseinrichtungen. In diesem Artikel von Kathy Sylva et al aus dem International Journal of Early Years Education von 2007 wird dargestellt, wie sich die curriculare Qualität zu den Alltagsaktivitäten der Kinder und des pädagogischen Personals verhält. Dabei wurden Daten aus der EPPE- und der REPEY-Studie (Researching Effective Pedagogy in the Early Years – eine Anschlussstudie aus dem Jahr 2000 mit mehr in die Tiefe gehenden Analysen in Einrichtungen mit abweichenden Qualitätsprofilen) hinzugezogen.
In der Auswertung zeigte sich, dass die Erzieherinnen in den Einrichtungen mit den höchsten Bewertungen häufiger beim anhaltenden gemeinsamen Nachdenken, bei sozialen Gesprächen mit Kindern und in Lehrsituationen (demonstrieren, Fragen stellen, etwas vormachen) beobachtet wurden. In Einrichtungen mit „adäquater“ Qualität haben Erzieherinnen mehr Zeit mit Überwachung der Kinder, ohne an deren Spiel teilzunehmen, oder mit körperlicher Zuwendung statt mit Erklären, Fragen oder Erweiterung bzw. Strukturierung des kindlichen Lernen zugebracht. In den Einrichtungen mit guter Qualität verbrachten Kinder mehr Zeit in kleineren Gruppen, wo das Lernen informeller war. Bessere oder gute Einrichtungen bieten den Kindern mehr Wahlmöglichkeiten, so dass Kinder mehr Zeit in kognitiv anregenden Aktivitäten verbringen. Was gute Qualität auszeichnet, ist das relativ ausgeglichene Verhältnis von angeleitetem zu freiem Spiel.

Welche Auswirkungen hatte die Einführung lokaler Sure Start Programme auf dreijährige Kinder und ihre Familien in England? Eine quasi-experimentelle Beobachtungsstudie. Edward Melhuish et al. stellen die Ergebnisse ihrer Beobachtungsstudie zu den Sure Start Programmen (Interventionsmaßnahmen für Kinder und Familien in benachteiligten Kommunen) dar. Dabei wurden 5.883 dreijährige Kinder und ihre Familien aus Sure Start-Gebieten mit 1.879 dreijährigen Kindern und deren Familien aus ähnlich benachteiligten Gebieten verglichen. In 5 von 14 Bereichen konnten positive Auswirkungen des Sure Start-Programms nachgewiesen werden: Sozialverhalten, Unabhängigkeit der Kinder, weniger Erziehungskonflikte, bessere häusliche Lernumgebung der Familien und eine häufigere Nutzung sozialer Dienste durch die Familien. Das bedeutet, dass Kinder und Familien vom Sure Start-Programm profitieren.

Diskussion

Das Buch bietet eine verständliche Einführung in Forschungsergebnisse, die zwischen 1999 und 2008 in Großbritannien erhoben wurden. Dabei wird die enorme Bedeutung der Qualität der Interaktion zwischen Kindern und Fachkräften sowie die eventuell notwendige Unterstützung der Eltern in ihren Auswirkungen auf die kognitive und soziale Entwicklung der Kinder mehr als deutlich. Beim Lesen zeigte sich, dass es zwischen den einzelnen Beiträgen einige Redundanzen gibt, die gleichen Ergebnisse mehrfach hervorgehoben werden. Damit wird aber um so mehr unterstrichen, dass Investitionen in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung effektive Maßnahmen zur Bekämpfung „vererbter“ Benachteiligung darstellen. Adäquate deutsche Studien liegen zurzeit (noch) nicht vor, deshalb sollten die Ergebnisse der englischen Studien nicht folgenlos für politische Entscheidungen in Deutschland sein, denn der kombinierte Effekt von Einrichtungen mit hoher Qualität und langer Besuchsdauer ist am größten. Wichtig ist, dass die EPPE-Studie eine der wenigen ist, die nachweist, dass frühe Intervention sonderpädagogischen Förderbedarf verhindern kann.

In der deutschen Fachdiskussion spielen die EPPE-Studie und das Sure Start Programm schon eine große Rolle, hier kann man statt Sekundärliteratur übersetzte Originalbeiträge der Forscherinnen und Forscher nachlesen.

Fazit

Die EPPE-Studie und das Sure Start Programm in Großbritannien haben enorme Auswirkungen auf die Fachdiskussion auch in Deutschland. Wer sich als Lehrende/r, ForscherIn, Trägervertreter/in, Fachberatung oder PolitikerIn mit Qualität und Auswirkungen frühkindlicher institutioneller Bildung beschäftigt, sollte das Buch unbedingt zur Kenntnis nehmen.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 14.02.2011 zu: Kathy Sylva, Brenda Taggart, Edward Melhuish, Pam Simmons, Iram Siraj-Blatchford: Frühe Bildung zählt. Das Effective Pre-school and Primary Education Project (EPPE) und das Sure Start Programm. Dohrmann Verlag (Berlin) 2010. ISBN 978-3-938620-18-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10290.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


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