socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bernhard Haupert, Sigrid Schilling u.a. (Hrsg.): Biografiearbeit und Biografieforschung in der sozialen Arbeit

Cover Bernhard Haupert, Sigrid Schilling, Susanne Maurer (Hrsg.): Biografiearbeit und Biografieforschung in der sozialen Arbeit. Beiträge zu einer rekonstruktiven Perspektive sozialer Professionen. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2010. 268 Seiten. ISBN 978-3-0343-0406-1. D: 33,80 EUR, A: 34,80 EUR, CH: 49,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In der fallbezogenen Sozialen Arbeit sind biografische Erkundungen ein wichtiges Moment: sei es bei der praktischen Diagnose und Intervention, sei es in der fallrekonstruktiven, verstehend-nachvollziehenden Forschung. Der vorliegende Sammelband verspricht vor diesem Hintergrund „einen exemplarischen Einblick in das Spektrum der Positionen und Diskussionen zu Biografiearbeit und Biografieforschung in der Sozialen Arbeit“ (Einbandrückentext). Dabei soll er eine vergleichende Perspektive zwischen Deutschland und der Schweiz einnehmen. Es werden Grundlagentheorien ebenso skizziert wie Forschungsergebnisse der AutorInnen und Umsetzungen in der sozialarbeiterischen Praxis.

HerausgeberInnen

Dr. Haupert ist Professor im Fachbereich Soziale Arbeit der Katholischen Fachhochschule Mainz. Schilling ist diplomierte Sozialarbeiterin und Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Und Dr. Maurer ist Professorin für Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik an der Universität Marburg. – Schilling hat im Unterschied zu Haupert und Maurer keinen eigenen Beitrag im Sammelband veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht zurück auf die Summer School 2009 der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Durchgeführt wurde der Kurs in Kooperation mit den Heimatinstituten bzw. -fachbereichen des Mitherausgebers und der Mitherausgeberin. Veröffentlicht werden hier die Vorlesungen, Vorträge und Berichte. Ausgangsfrage war, „wie Biografien, Lebenskrisen und Erfahrungen des Scheiterns methodisch ‚entschlüsselt‘ werden können, um Klientinnen und Klienten geeignete Hilfen anbieten zu können“ (Vorwort, S. 7).

Aufbau

Auf das Vorwort von Haupert, Schilling und Maurer, das eher als Einleitung gelten kann (6 S.), folgen 15 Beiträge. Diese umfassen jeweils zwischen 7 und 30 S. (im Durchschnitt etwa 16 S.). Als eine Art Abschluss sollen die drei letzten Beiträge gelten, die von Studierenden, die an der Summer School teilgenommen hatten, verfasst worden sind.

Inhalt

Die theoretischen Beiträge legen dar, wie sich die Bildung biografischer Identitäten in sozialen Interaktionen vollzieht. Biografie könne daher auch niemals als etwas völlig Feststehendes betrachtet werden. In der Wahrnehmung der einzelnen Menschen schließe das aber eine ganzheitliche Sinnhaftigkeit und einen Zusammenhang keineswegs aus. Durch die biografische Rekonstruktion von Fällen – sei es in der Forschung oder zu praktischen diagnostischen Zwecken – ließen sich einerseits Problemlagen und deren Entstehung erkennen, und andererseits würden Potenziale und Ressourcen deutlich, auf denen eine sozialarbeiterische Praxis aufbauen kann. Das wird keineswegs individualistisch betrachtet, sondern in mehreren Beiträgen vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Prozesse und Strukturveränderungen diskutiert.

Kritisch reflektieren einige Beiträge eine mögliche Gefahr: dass KlientInnen der Sozialen Arbeit auf ihre Biografien und Lebensverläufe fixiert und eingeengt werden. Demgegenüber wird Biografiearbeit als eine öffnende, ermöglichende Strategie verfolgt, und dies wird in einzelnen Beiträgen auch explizit theoretisch untermauert.

Die im Sammelband vertretenen praktischen Ansätze zeigen sowohl die Varianten von Bewährtem als auch neue Ideen, so etwa die folgenden Ausschnitte:

  • Ein erprobtes Konzept und praktische Hinweise zur Gestaltung von Erzählcafés in der Biografiearbeit mit älteren Menschen stellen Johanna Kohn und Ursula Caduff vor. Sie präsentieren eine in den letzten Jahren in der Schweiz entwickelte Variante, die „als niederschwelliges Bildungsangebot zur biografischen Selbstreflexion konzipiert“ ist (S. 195). Dieses Konzept, heißt es, werde im vorliegenden Sammelband zum ersten Mal veröffentlicht (auf 24 S.).
  • Ausschnitthafte, aber vielseitig einsetzbare Zugänge können so genannte „Medien-Biografien“ sein. Maurers These ist, dass SozialarbeiterInnen über biografisch bedeutsame Medienerfahrungen ihrer AdressatInnen einen Zugang zu dem finden können, was auch gegenwärtig lebensweltlich für sie von Bedeutung ist. In den Medien-Biografien spiegelten sich individuelle wie kollektive Erfahrungen. Hierzu skizziert Maurer eine Reihe von Anwendungsfeldern.

Im Sammelband werden weiter verschiedene Forschungszugänge vorgestellt. Ein Highlight ist es, wenn der Begründer einer bekannten Forschungsmethodologie selbst einen Workshop durchführt: hier Ulrich Oevermann, zusammen mit Silke Müller, zur objektiven Hermeneutik. Es ging um deren diagnostischen Einsatz. Das Ziel ist das Verstehen des jeweiligen Falles mittels einer Analyse der biografischen Daten. Zentral ist es zu rekonstruieren, wie die KlientInnen mit biografischen Krisen umgehen: welche Strategien gewählt wurden, um die Krisen zu bewältigen, und warum gerade diese Strategien. Daraus soll die weitere Fallarbeit und Intervention abgeleitet werden.

Dorothee Schaffners Beitrag greife ich zuletzt heraus, weil mit Blick auf die Praxis die entscheidende Frage formuliert wird: „Was bringt Biografieforschung der Sozialen Arbeit?“ (Titel, S. 149). Wie der Herausgeber und die Herausgeberinnen (S. 10) vermerken, wurde im betreffenden Workshop über diese Frage immer wieder heftig diskutiert. Schaffner (S. 149) hält als Ergebnis fest: „Der Nutzen der Forschung wurde zwar anerkannt, dennoch wurde auch deutlich, dass die Vermittlung der Ergebnisse darüber entscheidet, ob Forschung auch für die Praxis relevant werden kann. Mehrheitlich wurde die Meinung vertreten, dass Praktikerinnen und Praktiker aus zeitlichen Gründen nicht Forschende sein können, dass ein ‚Forschungsblick‘ aber helfen kann, die Praxis besser zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit Biografien – beispielsweise im Rahmen von Biografiearbeit – wurde für die Soziale Arbeit als gewinnbringend beurteilt.“

Diskussion

Die Beiträge streuen breit über Theorie, Forschung und Praxis. Sie geben so in der Summe ein vermischtes Bild, auch wenn ein Grundverständnis von Biografie und kritischer Reflexion sich durch den Band zieht. Für potenzielle KäuferInnen oder LeserInnen wäre es sicher eine Entscheidungshilfe, wenn der Verlag in seiner Werbung darauf hinweisen würde, dass es sich um Beiträge einer Summer School handelt, oder wenn wenigstens der Einbandrückentext das zu erkennen gäbe.

Für LeserInnen, die Ansätze suchen, um sie in die eigene (Forschungs-) Praxis zu übertragen, sind die Beiträge im Allgemeinen zu kurz. Das gilt besonders dann, wenn nicht nur der Ansatz skizziert wird, sondern auch noch mehr oder weniger ausführlich aus dem jeweiligen Workshop der Summer School berichtet wird. So umfasst zum Beispiel der Beitrag über die Biografieanalyse mittels objektiver Hermeneutik nur zwölf Seiten.

Es gibt aber auch Beiträge, deren Ertrag mir gemessen am Thema des Sammelbandes eher gering erscheint. Das trifft insbesondere dann zu, wenn ein solcher Beitrag relativ umfangreich ist. Ueli Mäder stellt auf 20 Seiten zwei „erfolgreiche“ Biografien vor: „Der Text ist deskriptiv, nicht analytisch oder interpretativ“, wie er selbst (S. 236) schreibt. Im Vordergrund steht das Dokumentarische, hier vor allem bezogen auf „soziale Verhältnisse und Veränderungen in der Arbeitswelt“ (S. 235).

Der Ländervergleich Deutschland/Schweiz wird in der Hauptsache dadurch ausgeführt, dass einige Beiträge länderspezifische Gegenstände haben – wie zum Beispiel biografische Studien zu Verdingkindern in der Schweiz (eine inzwischen historische Form der Fremdplatzierung von Kindern zum Lebensunterhalt und zur Erziehung). Ansonsten wird ein Vergleich nicht systematisch gesucht.

Fazit

Es werden eher einzelne Beiträge sein, die die LeserInnen je nach Interesse ansprechen. Wer sich mit dem Thema Biografie befasst hat, wird auf Anregendes, aber auch auf viel Bekanntes stoßen. Eine ausdifferenzierte Systematik darf man, dem Selbstanspruch des Buches gemäß, nicht erwarten.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


Alle 53 Rezensionen von Christian Beck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 22.11.2010 zu: Bernhard Haupert, Sigrid Schilling, Susanne Maurer (Hrsg.): Biografiearbeit und Biografieforschung in der sozialen Arbeit. Beiträge zu einer rekonstruktiven Perspektive sozialer Professionen. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2010. ISBN 978-3-0343-0406-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10303.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!