Franziska Ehrhardt: Unsere Welt ist visuell
Franziska Ehrhardt: Unsere Welt ist visuell. Über die Kultur der Gehörlosigkeit. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2010. 146 Seiten. ISBN 978-3-86585-804-7. 22,90 EUR.
Thema
Das Buch will "Einblicke in die Kultur der Gehörlosen" geben.
Aufbau und Inhalt
Zur Einführung greift die Autorin auf das Bild "mit den Augen hören" zurück und plädiert damit für die Anerkennung einer ‛exotischen‛ Wahrnehmungsweise, mit der andere Erfahrungsbereiche als die für Hörende normalen eröffnet werden können.
In der Einleitung stellt Ehrhardt auch ihren ethnografischen Kulturbegriff vor.
Im zweiten Kapitel geht die Autorin auf die großen Schwierigkeiten beim Lippenlesen und dessen die Kommunikation wesentlich einschränkende Auswirkungen ein und gibt eine kurze Einführung in die Gebärdensprache.
Das dritte Kapitel kontrastiert medizinische Befunde zu Hörbehinderung mit der sprachlich-kulturellen Identität gehörloser Menschen, wobei sie letzterer aufgrund ihrer kulturellen Sichtweise den Vorzug gibt. Aus den vorhandenen Studien ("deaf studies") zieht sie den Schluss, dass Stigmatisierung, Zurückweisung durch Hörende und das Bewusstsein des Andersseins dazu führen, dass gehörlose Menschen sich in der hörenden Gesellschaft auf verschiedene Art fremd fühlen.
Die folgenden sechs Kapitel basieren auf einem kleinen Forschungsprojekt, das die Autorin in Frankfurt/Main im Jahr 2007 mit 16 gehörlosen Menschen durchgeführt hat. Nach einer kurzen Einführung in die Methodik werden anhand von sechs "Portraits" typische Lebensrealitäten dieser Gruppe von Menschen illustriert. Mit 35 Seiten und vielen Zitaten aus den Interviews ist dieser Abschnitt ein Hauptteil des Buchs. Er zeigt die mangelnde Akzeptanz bzw. die Unterdrückung gebärdensprachorientierter Menschen in der hörenden Mehrheit, die Segregation ‛hörend‛ vs. ‛gehörlos‛, die dadurch entstehende Isolierung Gehörloser, den oftmaligen Zwang zur Verwendung der gesprochenen Sprache und die daraus entstehenden Informationsdefizite und Kommunikationsprobleme, sowie die häufige Erfahrung missglückter Kommunikation. Solche Probleme entstehen auch für hörbehinderte Menschen, die Deutsch gut beherrschen. Auch das Phänomen der ‛schwebenden Identität‛ hörbehinderter Menschen zwischen Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit wird illustriert.
Die folgende Analyse der Forschungsergebnisse geht von der Spannung zwischen "Außenwahrnehmung und Selbstbildern" und der Aussage mancher gehörloser Menschen, sie seien nicht behindert, aus. Unter Verwendung der Bilder von der "GEHÖRLOS WELT" gegenüber der "HÖREND WELT" - die Bezeichnungen sind aus der Glossierung der Gebärdensprachäußerungen übernommen - und Rückgriff auf die Ergebnisse der "Disability Studies" erarbeitet die Autorin die zum Verständnis der Gehörlosenkultur notwendigen Grundkonzepte ‛Stigma‛ (der Gehörlosigkeit bzw. der Gebärdensprachverwendung) und ‛Entfremdung‛ (von der hörenden Mehrheitsgesellschaft). Anschließend werden die konstitutiven Elemente der "GEHÖRLOS WELT", d.h. der Gehörlosenkultur erörtert: Diese entsteht aus dem Wunsch nach Anerkennung des Andersseins und dem Bedürfnis nach ‛echter‛, vollständiger Kommunikation (d.h. alles ohne Mühe verstehen und äußern können), welche derzeit nur innerhalb einer Gebärdensprachgemeinschaft erfüllt werden können. Dort fühlt man sich "zu Hause", teilt die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen und die gleiche Alltagsrealität. Gehörlose Menschen unterscheiden hier zwischen dem Aufenthalt in der "HÖREND WELT", den sie mit unterschiedlichen Gefühlen besetzen (z.B. als "Besuch" aus praktischen Gründen) und der tatsächlichen Zugehörigkeit, die sie häufig nicht als gegeben erachten. Neben Personen mit eher ausschließlichem Zugehörigkeitsgefühl zur "GEHÖRLOS WELT" gibt es aber eine möglicherweise zunehmende Gruppe, die das Bild der "Brücke" verwendet, um ihre Situation darzustellen: sie haben das Gefühl, sich manchmal oder auch häufig auf einer Brücke zwischen den beiden "Welten" zu befinden (und sei es auch nur aus der Notwendigkeit heraus, sich in der hörenden Mehrheit zu bewegen, in ihr zu leben). Die Autorin folgert daraus, dass gehörlose Menschen häufig individuelle Variationen ihrer Identität aufweisen, die man anerkennen müsse. Sie will daher die verwendeten "Welt"-Bilder nicht als Dichotomie verstanden wissen; sondern als Pole, zwischen denen grundsätzlich Annäherung und Austausch möglich ist.
Das letzte Analysekapitel, "Theoretisierungen", beschäftigt sich nochmals mit der Gehörlosengemeinschaft und ihren möglichen Charakteristiken. Unter Bezugnahme auf ethnografische Forschungen zur Gehörlosenkultur und die ‛Deafhood‛-Diskussion argumentiert die Autorin gegen einen Katalog fixierter, aufzählbarer Kriterien für die Beurteilung von ‛Gehörlosenkultur‛ und plädiert (z.B. mit Ladd) für einen "dynamischen und akteurszentrierten" Kulturbegriff, der auch innerhalb der Gehörlosengemeinschaften Diversität und Entwicklung bzw. Veränderung erlaubt.
Im vorletzten Kapitel, der "Schlussbetrachtung" nimmt Ehrhardt den Kontrast zwischen Sprache und Kultur bzw. Medizin und Technik nochmals auf und fasst die Forschungsergebnisse zusammen.
Das letzte Kapitel geht kurz auf die zukünftigen "Perspektiven" der Gehörlosengemeinschaft speziell unter dem Aspekt der Technologie- und Medizinentwicklung ein. Ein Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.
Diskussion
Es handelt sich hier um ein eher schmales Buch von ca. 150 Seiten, das ganz in der Tradition der Freireschen Pädagogik die Gesamtproblematik relativ kurz und in gut lesbarer Form beschreibt., ohne die wissenschaftlichen Standards zu vernachlässigen. Ein großer Teil des Buchs ist für LaiInnen verständlich, ohne dass sie sich in die angeführten Theorien vertiefen müssen. Dies gilt, auch wenn nicht alle Fachtermini oder Ansätze ausführlich erklärt werden (das lässt sich im Internet nachholen). Für LeserInnen, die an dem Thema selbstständig weiterarbeiten wollen, sind die Literaturhinweise nützlich.
Fazit
Ein weitgehend - im positiven Sinn - ‛populärwissenschaftliches‛ Buch, das einen sehr guten ersten Einblick in die Gehörlosenkultur bietet.
Rezensent
Prof. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Leiter des "Zentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation" der Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 27.06.2011 zu: Franziska Ehrhardt: Unsere Welt ist visuell. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2010. 146 Seiten. ISBN 978-3-86585-804-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10308.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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