Reinhold Aßfalg: Die heimliche Unterstützung der Sucht: Co-Abhängigkeit
Reinhold Aßfalg: Die heimliche Unterstützung der Sucht: Co-Abhängigkeit. Neuland Verlag (Geesthacht) 2009. 6., überarbeitete und ergänzte Auflage. 95 Seiten. ISBN 978-3-87581-272-5. 8,90 EUR.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.
Zum Thema
Co-Abhängigkeit hat sich in den letzten 10 bis 20 Jahren zu einem wichtigen Thema der Suchtkrankenhilfe entwickelt. Unter Co-Abhängigkeit werden dabei alle Verhaltensweisen und Rollen von Angehörigen, Arbeitskollegen und Vorgesetzen, aber auch Personen, die beruflich mit Suchtkranken zu tun haben, zusammengefasst, die dazu beitragen, den Prozess der Suchterkrankung aufrechtzuerhalten oder sogar zu fördern. Im Mittelpunkt steht nicht der Abhängige mit seinem Suchtmittelkonsum, sondern z.B. die Familie oder der Arbeitsplatz. Nicht dem Abhängigen muß in erster Linie geholfen werden, sondern das gesamte System muss verändert werden, so die Überzeugung der Anhänger des Konzepts der Co-Abhängigkeit. Dieses Buch gibt eine Einführung in das Konzept der Co-Abhängigkeit. Zunächst wird der Begriff der Co-Abhängigkeit untersucht, dann werden verschiedene Erscheinungsweisen der Co-Abhängigkeit beschrieben, und zum Schluss werden einige Schlußfolgerungen für Therapie und Prophylaxe gezogen.
Zur Entstehung
Das Buch ist aus einem Vortragsmanuskript entstanden, 1993 erstmals und 2003 in einer vierten überarbeiteten Auflage erschienen. Im Vorwort zur vierten Auflage schreibt der Autor, das das Thema Co-Abhängigkeit für ihn "aktueller und spannender ist denn je". Weiter schreibt er, dass er am Anfang "die Klärung der zwischenmenschlichen Situation und das Aushandeln von besseren Möglichkeiten etwas einseitig optimistisch betonte", im Laufe der Zeit ihm aber zunehmend klarer wurde, "dass es oft auch um die Verabschiedung von Illusionen und um Trennung geht".
Inhalt und Aufbau
Nach einer kurzen Einleitung wird der Begriff Co-Abhängigkeit beschrieben und differenziert. Der Autor unterscheidet zwischen einer engen Fassung des Begriffs, die besagt, "daß der Mitbetroffene in die Abhängigkeit des Primärerkrankten gewissermaßen hineingezogen wird", und einer weiten Fassung, die zusätzlich annimmt, daß der Mitbetroffene "bereits vorher die Bereitschaft zur Abhängigkeit in sich" trägt (2. Kapitel). Bei dem Konzept der Co-Abhängigkeit handelt es sich um eine Arbeitshypothese, die sich auf alle Personen und Institutionen anwenden läßt, mit denen der Abhängige zu tun hat. Vier Bereiche werden nacheinander beschrieben: Co-Abhängigkeit 1. in Ehe und Partnerschaft, 2. in der Beziehung Eltern - Kind, 3. am Arbeitsplatz und 4. in der therapeutischen Beziehung (3. Kapitel). Zur Frage, wie sich Co-Abhängigkeit behandeln bzw. verhindern läßt, nennt der Autor Bedingungen, die der Ausbildung einer Co-Abhängigkeit entgegenwirken, und gibt einige Ratschläge (4. Kapitel). Das Buch enthält am Ende ein Adressenverzeichnis (mit den wichtigsten Anschriften der Selbsthilfegruppen) und einige Literaturtipps zum Thema Sucht (u.a. Ratgeber für Angehörige, Erzählungen und Romane, Kinder- und Jugendbücher).
Zielgruppe
Vor allem Angehörige von Suchtkranken, aber auch Freunde, Kollegen und Vorgesetze von Suchtkranken sowie alle anderen Personen, die beruflich mit Suchtkranken zu tun haben und co-alkoholisches Verhalten zeigen bzw. zeigen können (z.B. Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter, Laienhelfer, Personal- und Betriebsräte, Arbeitgeber). Suchttherapeuten dürften in der Regel über das in dem Buch dargestellte Wissen verfügen.
Bewertung
Auf genau 42 Seiten werden die für Laien nur schwer nachvollziehbaren und häufig geleugneten Zusammenhänge der Co-Abhängigkeit sehr verständlich und anhand sehr vieler Beispiele aus der therapeutischen Praxis des Autors dargestellt. Der Autor hütet sich vor vereinfachenden Schablonen, betont immer wieder den Hypothesencharakter des Konzepts und verweist auf die Besonderheiten des Einzelfalls. Leider sind die Ratschläge für Therapie und Prophylaxe zu wenig konkret und fallen insgesamt etwas spärlich aus.
Fazit
Eine sehr engagiert und sehr verständlich geschriebene Einführung in das Thema Co-Abhängigkeit. Ein Buch für Laien, für sogenannte Mitbetroffene.
Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Schulz
Technische Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
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Kommentare
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 4. Auflage aus dem Jahr 2003.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schulz. Rezension vom 07.10.2003 zu: Reinhold Aßfalg: Die heimliche Unterstützung der Sucht: Co-Abhängigkeit. Neuland Verlag (Geesthacht) 2009. 6., überarbeitete und ergänzte Auflage. 95 Seiten. ISBN 978-3-87581-272-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1031.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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