socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Czerny: Was wir unseren Kindern in der Schule antun

Cover Sabine Czerny: Was wir unseren Kindern in der Schule antun. ...und wie wir das ändern können. Südwest Verlag (München) 2010. 384 Seiten. ISBN 978-3-517-08633-0. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Schule verstehen – Umdenken notwendig!

Offizielle, offiziöse, berufliche und private Vorschläge und Programme darüber, was schulische Bildung und Lernen in der Schule sein soll, gibt es in Hülle und Fülle. Schulreformen bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs. Versprechungen und Klagen bilden den gesellschaftlichen Rahmen bei der Pflichtveranstaltung Schule. Und immer wieder sind es die Erwartungshaltungen von Eltern, Schülerinnen, Schülern, Lehrerinnen, Lehrern und der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die an das gerichtet sind, was Schule leisten soll. Dabei reicht die Spannweite von vereinfachenden Wenn… - Dann… – Lösungen (vgl. z. B. die Ratgeber, die mit den Paradigmen Zucht und Ordnung arbeiten: Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin 2006, Rezension), bis hin zu kindzentrierten Auffassungen(siehe: Rudolf Dreikurs / Pearl Cassel / Eva Dreikurs Ferguson, Disziplin ohne Tränen, Stuttgart 2009, Rezension) und wissenschaftlich-systematisch grundlegenden Alternativen (z. B.: Elise Freinet, Erziehung ohne Zwang. Der Weg Célestin Freinets, hrsg. und mit einem Vor- und Nachwort versehen von Hans Jörg. Dritte, Stuttgart 2009, Rezension, sowie: Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Klinkbur, Hrsg., Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, München 2008, Rezension). Die Forderung - „Schule neu denken“ (Hartmut von Hentig) – endet dabei nicht selten bei den Totschlag-Argumenten: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – „Das haben wir noch nie so gemacht!“ – Da geht die abendländische Kultur unter!“. Die als föderativ angelegte und partei- und interessenorientierte Bildungspolitik meidet dabei, beinahe panisch, wie etwa die Diskussion um die Integrierten Gesamtschulen zeigt, jede Infragestellung und Kritik am „heiligen“, dreigliedrigen Schulsystem. Dabei ist es das, worin der Wurm sitzt und das alle vereinzelten, durchaus wohlgemeinten Schulreformchen wirkungs- und substanzlos erscheinen lässt. Theoretische Konzepte und wissenschaftliche Forschungsergebnisse liegen zahlreich vor, die Lösungen aus dem Dilemma aufzeigen. Es ist eher selten, dass sich in diesem „Kampf der Systeme“ Schulpraktiker zu Wort melden und Missstände im Schulalltag und bei den Bildungsfragen deutlich machen. Ob dabei die Machtpositionen und die zu befürchtenden Repressalien der etablierten Schulpolitik eine Rolle spielen, mag dahin gestellt sein.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny ist eine dieser Querdenkerinnen und unerschütterlichen Optimisten, die sagt: „Ich kenne kein Kind, das nicht lernen will!“, die – gegen viele bürokratische, beamtenrechtliche und schulaufsichtliche Widerstände (sie berichtet darüber, dass sie wegen ihrer konsequenten pädagogischen Arbeit strafversetzt, boykottiert und der Verletzung des „Schulfriedens“ bezichtigt wurde) – sich in den öffentlichen Diskurs um eine gute, bessere Schule begibt: „Mir geht es darum, einen Einblick in das System zu geben, das in hohem und verantwortlichem Maße Kinder zu Versagern und Verlierern macht“, einem Schulsystem, das alle Beteiligten – SchülerInnen, Eltern, Lehrkräfte – zu Opfern macht. Es sind ihre Erfahrungen in der Schule (wobei sie betont, dass hierbei das bayerische Schulsystem „mit Sicherheit in der Vielfalt der Schullandschaft eine besondere Rolle einnimmt“), die ihren Praxisbericht als einen Stempel mit der Aufschrift „Schule untauglich“ erscheinen lässt. Auch wenn der erste, oberflächliche Eindruck für die Frage, warum sich die Autorin an die Öffentlichkeit wendet, entstehen könnte – da drückt jemand seine Enttäuschungen und Verletzungen aus (was vermutlich ihre Gegner und Kritiker versuchen werden!) – wird dies gleich zu Anfang eindeutig zurück gewiesen. Engagierte Schulpraktiker werden bei den Schilderungen und Analysen oft genug ihre eigenen Erfahrungen, Frustrationen und Misserfolge wieder erkennen; ebenso ihre pädagogischen Glücksmomente und Erfolge bei den positiven Schilderungen und Lösungsvorschlägen. Erfolgreiches Lernen, als Grundlage für Verhaltensänderung ist, das wussten schon die alten Pädagogen, das Aufrichten der Lernenden, nicht das Anpassen oder gar Niederknüppeln, nicht das Bestrafen, sondern die Belobigung und die Vermittlung der individuellen und kollektiven Erfahrung: Lernen macht Spaß, auch und gerade, weil Lernen weder vom Himmel fällt, noch in die Wiege (oder Herkunft) gelegt ist, sondern nicht selten mit Anstrengung erfolgen muss!

Aufbau und Inhalt

Bei ihrer Klage um die unzulängliche, unbarmherzige und defizitäre Schule (und zwar als institutionalisierte Form, die von der Grundschule bis zur Oberstufe reicht), verankert die Autorin mehrere Prämissen, die gewissermaßen als ihr Grundanliegen bezeichnet werden können:

  • Die Kinder „sind“, sie leben, mit all ihren eigenen Individualitäten.
  • Der Kernpunkt der Misere in der Schule ist die Leistungsbeurteilung.

Sie gliedert ihren Praxisbericht in den Einführungsteil, in dem sie dafür plädiert, Kindern, entsprechend ihren familiären Voraussetzungen und Entwicklungssituationen, in der Schule als individuelle, ganzheitliche Individuen zu behandeln und sie entsprechend ihrer Möglichkeiten zu fördern, als Lehrkraft pädagogisch und empathisch arbeiten zu können, in der Lage zu sein, intensive Kontakte mit Erziehungsberechtigten und Eltern führen zu können, jenseits des (verordneten und durchaus notwendigen) Lehrplans als Erzieher tätig sein zu können, nicht zuletzt den Kindern eine förderliche Einstellung zum Medienkonsum zu vermitteln. Viel zu viel von dem, was Lernen ist, bleibt dabei auf der Strecke, wenn es nur um den „Nürnberger Trichter“ geht.

Im ersten Kapitel wird das Dilemma der Schule deutlich: „Lernen für die Selektion“, als eine der denkbar schlechtesten Möglichkeiten, Lernfreude zu vermitteln und guten Unterricht zu halten. Die verräterische und ohne Not (in Bayern, das jedoch nur als Exempel für eine Tendenz, die bundesweit greift) im Sommer 2005 erteilte Anweisung an die Schulen, künftig anstelle der bisherigen Lernzielkontrollen, die zuallererst den Lehrerinnen und Lehrern Rückmeldung über ihre Unterrichtsziele und –methoden geben sollten, „Proben“ (also „Klassenarbeiten“) in jeweils vorgegebenen Abständen und Schuljahreszeiträumen abzuverlangen, deren Ergebnisse entsprechend eines Schlüssels der Leistungserwartung und –definition als Noten umgesetzt werden müssen. Der pervertierte Selektionsmechanismus setzt damit (in Bayern) ein, dass zum Ende des vierten Schuljahres (in der schulischen Wirklichkeit jedoch bereits ab Mitte des ersten Schuljahres!) die Zusammenrechnung der „Proben“ – Punkte und Noten bei den Viertklässlern der Durchschnitt von 2,33 in den Hauptfächern (!) nicht mehr ausreicht, um ein Gymnasium zu besuchen, von 2,66 auch nicht mehr eine Realschule. Der Druck auf Schülerinnen, Schüler und Eltern beginnt also bereits beim Schuleintritt, stört und vergiftet die familiäre Erziehung und führt zu Anforderungen, die Kinder (vielleicht noch) nicht erreichen. Die Lehrerinnen und Lehrer werden dabei zu Leistungsgehilfen einer Schulpolitik degradiert, die eben nicht, wie Maria Montessori dies schon gefordert hat, „vom Kind aus“ angelegt ist. Diejenigen Eltern, die es sich leisten können und die ihr Kind um jeden Preis zum Gymnasium und zum Abitur bringen wollen, geben, bereits in der ersten Klasse Unsummen von Geld und Zeit aus, um den Kindern Nachhilfe zu erteilen; mit all den negativen Folgen, die sich dabei für das an sich lernwillige Kind einstellen, bis hin zur Egoismusbildung. Die Autorin stellt in diesem Zusammenhang eine „Gymnasialisierung der Grundschule“ fest; pauken statt lernen steht wieder hoch im Kurs! Die Schule wird zur „Prüfschule“!

„Der Zwang zur ständigen Beurteilung und Bewertung (von Schülerleistungen, J.S.) verändert auch den Unterricht“; selbstredend nicht zu einer besseren Lehr- und Lernvermittlung, schon gar nicht zum Erziehen, sondern zum Trichtern und zum Richten – Eigenschaften, die jeder pädagogischen Arbeit zuwiderlaufen. Im Kapitel „Wie unsere Schule individuelles und nachhaltiges Lernen behindert“, führt Sabine Czerny zahlreiche Beispiele dafür auf, dass im Unterricht Formalitäten und nicht Inhalte zählen, der gleichmachende Rasenmäher einen Stammplatz in der Schule erhält und nicht individualisiertes Lernen, dass die Schere der sozialen (Herkunfts-)Diskriminierung dabei immer weiter auseinander geht und die Integrationsbemühungen erschwert oder gar unmöglich macht. Das ist keine „Lehrerschimpfe“, sondern eine Analyse der alltäglichen Schulwirklichkeiten.

Denn „der Irrsinn hat Methode“, mit der Stundentafel, die den „zerstückelten Schüler“ macht, der in der ersten Stunde Mathe, in der zweiten Bio, in der dritten Englisch, in der vierten … lernen soll und den Lehrer zum „Vermittlerbeamten“ degradiert und den Erziehungsauftrag außen vor lässt: „Ich als Lehrerin fühle mich durch die beschriebene Arbeitssituation dazu angehalten, Äußerlichkeiten mehr Wert beizumessen als dem, was unsichtbar oder im Feinen wirkt“.

Lernen soll die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler entwickeln helfen. Wie das Schulsystem das verhindert, wird in dem Bildgedicht von Detlef Teich zum Ausdruck gebracht, wenn er den Begriff „denkopfvollhaben“ zum „denken“ entwickelt. Wenn die Notengebung als Abstempelung wirkt, wie können sich da Selbst(wert)gefühl und Freude am Lernen bilden?

Die Hälfte des Buches ist mit diesen Unzulänglichkeiten und Problembereichen gefüllt, nicht als Klageschrift, sondern – und das ist das Anregende dabei – als wirklichkeitsechte Analyse, die viele Schulpraktiker und –theoretiker bestätigen können. Was aber wäre ein Lehren und Lernen, das Lehrerinnen und Lehrer instand setzt, mit den Schülerinnen und Schülern das Lernen zu lernen, mit Motivation und Freude, mit Lust und Anstrengung? Es ist in jedem Fall die pädagogische Kompetenz, die in der Lage ist, über den rein fachlichen Tellerrand hinaus zu schauen; es ist die Empathie und die Fähigkeit, Kinder zu mögen; und es ist nicht zuletzt die Anforderung, die theoretischen Grundlagen der Pädagogik, im Falle der Autorin auch der Waldorfpädagogik, zu kennen, sich mit ihnen auseinander zu setzen und sie in die schulpraktische Arbeit umzusetzen. Es ist ein Aufruf zum „institutionellen Widerstand“ gegen unsinnige, unhinterfragte und scheinbar unverzichtbare Grundsätze, die das dreigliedrige Schulsystem immer wieder neu produziert.

Im letzten Kapitel schließlich stellt Sabine Czerny heraus, „was wir ändern müssen und können“. Lernen und Leisten, das sind zusammen gehörende Bestandteile für Wissenserwerb und Persönlichkeitsentwicklung. Sie werden aber be- und verhindert durch eine pervertierte Leistungsbeurteilung und –messung, die „Urteil“ ist und nicht Rückmeldung über Gelerntes und noch nicht Erworbenes; und sie werden verhindert durch ein Schulsystem, das die Selektion der Schülerinnen und Schüler in drei verschiedene und verschiedenwertige Schularten als oberste Prämisse ihres institutionellen Handelns betrachtet.

Fazit

Sabine Czernys Buch landet wahrscheinlich im Giftschrank des bayerischen Kultusministeriums, und vermutlich in den Papierkörben der Bildungspolitiker, die dem Prinzip frönen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Vielleicht werden auch die Eltern und Erziehungsberechtigten, die daran interessiert sind, dass sich am Schulsystem in Deutschland nichts ändert, die Veröffentlichung wie heißen Brei behandeln. Ihr Praxisbericht wird aber ohne Zweifel bei denjenigen Aufmerksamkeit finden, die am tradierten Schulsystem leiden und daran mitarbeiten, dass sich etwas Grundlegendes ändert. In den 1970er und 1980er Jahren haben die niedersächsischen Integrierten Gesamtschulen einen Arbeitskreis gebildet, der sich AG Lerndiagnostik nannte. Dort wurden zahlreiche Alternativen zur traditionellen Notengebung und Leistungsbeurteilung entwickelt und in den Schulen erprobt; einige davon werden bis heute praktiziert, wie etwa der Lernentwicklungsbericht, in dem die Schülerleistung nicht in einer Ziffer ausgedrückt wird, sondern in verbalen, beratenden und helfenden Formulierungen. Zwar mussten auch die Integrierten Gesamtschulen, im föderativen Zwang durch die KMK, beim Schulabschluss Noten erteilen; aber die lerndiagnostischen Einflüsse haben sich nachweislich auf Lerneinstellung, Unterrichtsführung und Schulatmosphäre positiv ausgewirkt.

In der SZ (4.10.2010) wurde Sabine Czerny als „Noten-Rebellin“ tituliert. So würde sich vermutlich die Autorin selbst nicht sehen; denn ihr Mut, das zeigt die gesamte Diktion des Buches, gründet nicht auf Rebellion, sondern auf Aufklärung. Diese aber setzt auf Überzeugung. Es wäre an der Zeit, dass diese Macht, zugunsten unserer Kinder und unserer Bildung, endlich in die Schule kommt und anfängt, um die großen Missstände, wie etwa die Notengebung und Leistungsbeurteilung, abzuschaffen und weiter macht mit der grundlegenden Veränderung des selektierenden Schulsystems. Dazu sind alle aufgefordert: Theoretiker, Praktiker, Pädagogen, Erzieher, Eltern und Kinder! In der bundesrepublikanischen Schullandschaft ist die pädagogische Aufklärung bisher nur zögerlich eingezogen, in einigen Länder-Landschaften noch gar nicht. Es ist zu hoffen, dass der pädagogische Eros bald auch diejenigen erreicht, die sich davon immunisieren!

Für Lehramtsstudierende, aber auch für Eltern und an Bildungs- und Erziehungsfragen teilnehmenden Leserinnen und Leser sind auch die Einschübe von Interesse, die als „Informationskapitel“ Aspekte wie etwa AHDS, Gehirn, Lernen, Noten und Intelligenz diskutieren. Sabine Czernys Buch ist kein Ratgeber im üblichen Sinne; es ist ein Aufwecker!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1104 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.11.2010 zu: Sabine Czerny: Was wir unseren Kindern in der Schule antun. ...und wie wir das ändern können. Südwest Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-517-08633-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10326.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!