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Helma Lutz (Hrsg.): Fokus Intersektionalität

Cover Helma Lutz (Hrsg.): Fokus Intersektionalität. Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 259 Seiten. ISBN 978-3-531-17183-8. 24,95 EUR.

Reihe: Geschlecht & Gesellschaft - Band 47.
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Thema

Das theoretische Konzept der Intersektionalität beruht sowohl auf einer Kritik an eindimensionalen Analysen des weißen Feminismus als auch an den additiven Konzepten des Zusammenwirkens verschiedener Unterdrückungsverhältnisse und geht mit einem Denken der Dezentrierung der Kategorie Gender einher. Es beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel, dem Ineinandergreifen und den Wechselwirklungen zwischen verschiedenen sozialen Strukturen und Ungleichheitsdimensionen wie Geschlecht, Rasse, Klasse, Alter, Sexualität. Ausgangspunkt der Argumentation ist, dass Menschen im Schnittpunkt oder auf der Kreuzung (intersection) dieser Kategorien positioniert sind und dabei ihre Identitäten, ihre Loyalitäten und Präferenzen entwickeln. Intersektionalität ist sowohl Identitätstheorie als auch ein Instrument, das der Analyse der sozialen Positionierung von Menschen dient. Der Begriff der Intersektionalität wurde vor 20 Jahren im Schwarzen Feminismus der USA geprägt und durch die us-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw eingeführt. Der Begriff und Ansatz fiel in Europa insbesondere in Großbritanien und Deutschland auf vorbereiteten Boden.

Die Herausgeberinnen des Sammelbandes gehen davon aus, dass Intersektionalität das Potenzial dazu hat, „fortwährend für neue mögliche Auslassungen, Entnennungen und Exklusionen sensibel zu bleiben“ (vgl. S.12).

Herausgeberinnen und Entstehungshintergrund

Helma Lutz, Linda Supik und Maria Teresa Herrera Vivar sind als Wissenschaftlerinnen an der Goethe Universität Frankfurt im Arbeitsbereich Gesellschaftwissenschaften tätig. Helma Lutz, die als namhafteste Vertreterin des Intersectionality-Ansatzes in Deutschland bezeichnet werden kann, hat dort seit 2007 die Professur für Frauen- und Geschlechterforschung inne. Linda Supik und Maria Teresa Herrera Vivar arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Lehrstuhl und promovieren derzeit mit Arbeiten zur Intersektionalität. Der vorliegende Sammelband geht auf eine im Juni 2009 an der Universität Frankfurt veranstaltete Tagung mit dem Titel „Celebrating Intersectionality? Debates on a multi-facettes Concept in Gender Studies“, zurück, die den Anspruch hatte, in Zuge des Jubiläums des Begriffs den aktuellen Stand der Debatte wiederzugeben und Entwicklungslinien zu bearbeiten.

Aufbau

Der Sammelband ist in drei Teile gegliedert, denen eine ausführliche und Orientierung gebende Einleitung vorausgeht.

1. Die transatlantische Reise von Intersektionalität – Geografien und Räume der Debatte

In diesem - drei Beiträge umfassenden - Teil wird die Entstehungsgeschichte des Ansatzes und seine theoretischen Implikationen entwickelt.

Bei dem Beitrag von Kimberlé W. Crenshaw handelt es sich um eine eingekürzte Fassung des Textes, der vor 20 Jahren eine Initialzündung für die dann folgenden Debatten lieferte. Im Zentrum des Beitrages stehen die Kritik an den Analysen eindimensionaler, isolierter Diskriminierungsdimensionen (Geschlecht, Rasse) und das Plädoyer für einen Perspektivwechsel hin zur Betrachtung vielfältiger Identitäten.

Kathy Davis zeigt auf, wie und warum Intersektionalität eine derart breite Rezeption in der Frauen- und Geschlechterforschung erfahren hat. Als Merkmale erfolgreicher Gesellschaftstheorien arbeitet sie heraus: eine überraschende Perspektive auf ein altes Problem, Ansprechen eines fundamentalen Anliegens, Fähigkeit, die Kluft zwischen Generalistinnen und Spezialistinnen zu überwinden, Mehrdeutigkeit und Unvollständigkeit (vgl. 63/64). In diesem Sinne, so Davies, enthält Intersektionalität die "Zutaten" für eine gute feministische Theorie: Es ermutigt zu komplexen Denken, vermeidet voreilige Schlüsse, reizt feministische Wissenschaftlerinnen neue Fragen zu stellen und in unerforschtes Gebiet vorzudringen (vgl.65).

Der Beitrag von Myra Marx Ferree richtet sich auf die Diskursebene, beschäftigt sich mit den Übersetzungsproblemen zwischen der us-amerikanischen und der deutschen Frauenbewegung und geht dabei u.a. auf die unterschiedlichen Bezugnahmen zwischen Frauenbewegung und Migrantenbewegung bzw. schwarzer Bürgerbewegung ein.

2. Neue Forschungsfelder und Themenschwerpunkte von intersektioneller Forschung zu Männlichkeiten und Heteronormativität

In diesem aus fünf Beiträgen bestehenden Teil, wird ein Schwerpunkt auf die Erforschung von Männlichkeit bzw. Fragen zum Verhältnis von hegemonialer und marginalisierte Männlichkeit gelegt.

Mechthild Bereswill und Anke Neuber betrachten auf dem Hintergrund ihrer eigenen empirischen Längsschnittstudie zu Biografien von Männern, die in Ostdeutschland zu Haftstrafen verurteilt wurden, theoretische Verständnisse und Entwicklungslinien hegemonialer Männlichkeiten und diskutieren diese im Zusammenhang von Ungleichheitslagen und Geschlecht. Sie resümieren, dass strukturtheoretische Ansätze bzw. die Kategorie Geschlecht bei der Analyse sozialer Ungleichheit als Masterkategorie beizubehalten sei. Es ist davon auszugehen, so ihr Verweis auf das Tagungsposter und auf ein Zitat von Cornelia Klinger, dass die Mikadostäbe nicht beliebig fallen und dass es sinnlos ist, auf sich überlagernde oder durchkreuzende Aspekte von „Klasse“, „Rasse“ und „Geschlecht“ in den individuellen Erfahrungswelten hinzuweisen, ohne angeben zu können, wie und wodurch „Klasse“, „Rasse“ und „Geschlecht“ als gesellschaftliche Kategorien konstituiert sind (vgl. S.99).

Jeff Hearn beschäftigt sich kritisch mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit, das er als verkürzten Zugang ansieht. Er setzt dem Connell`schen Konzept eine Perspektive entgegen, die die als vernachlässigte Intersektionalitäten benannten Dimensionen Alter/Behinderung, virtuelle Männer und transnationale Männer von ihm als vernachlässigte Intersektionalitäten hervorhebt.

Dubravka Zarkov betrachtet sexuelle Gewalt gegenüber „ethnisch anderen“ Männern unter Bedingungen des Krieges. Sie stellt zum einen mit einer Analyse der kroatischen Kriegsberichterstattung in der Tagespresse während des Jugoslawienkrieges dar, wie durch Sichtbarmachen oder Unsichtbarmachen von Tätern und Opfern heteronormative Männlichkeit in Verbindung mit einer neuen nationalen Identität konstruiert wird. Zum anderen zeigt sie anhand von Folterfotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad, in welcher Weise die Hypersichtbarkeit dieser Bilder für die Konstruktion eines christlich-islamischen Antagonismus sowie einer militärischen Männlichkeit spielt.

Kira Kosnick richtet den Fokus auf die Ausblendungen der dominanten Migrationsforschung bezogen auf migrantische Ethnizitäten und queeren Sexualitäten und arbeitet anhand eines Theaterstücks und filmischen Darstellungen Verdeckungs- und Festschreibungsprozesse heraus.

Ann Phoenix beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit psychosozialen Intersektionen im Zusammenhang und versucht Lebenserzählungen Erwachsener aus ethnisch sichtbar differenten Haushalten zu kontextualisieren. Aus dieser Studie zu gemischten Herkunft bzw. nicht-normativer Kindheit wählt sie Textpassagen aus vier Interviews aus, um aufzuzeigen, wie eine Mehrebenenanalyse mit Hilfe von Intersektionality erfolgen kann und was der Erkenntnisgewinn davon sein kann.

3. Intersektionalität vorantreiben: Potentiale, Grenzen und kritische Fragen

Der dritte und letzte Teil beschäftigt sich insbesondere mit der Reichweite und Weiterentwicklung des Ansatzes.

Nira Yuval-Davies stellt Intersektionalität ins Verhältnis zu „Anerkennung“ und „Umverteilung“ und plädiert dafür, Anerkennung und Umverteilung im Begriff der Intersektionalität aufzuheben und Intersektionalität als den relevantesten aktuellen Beitrag der soziologischen Theorien zum Thema Klasse/Schichtung anzuerkennen.

Paula-Irene Villa arbeitet in ihrem kategorien-kritischen Beitrag am Beispiel des Tango Argentino heraus, wie die Konzentration auf die klassische Trias Rasse/Geschlecht/ Klasse die Gefahr in sich birgt, das Dazwischen-Liegende unsichtbar zu machen.

Gudrun Axeli Knapp schließlich analysiert das Konzept der "intersektionellen Unsichtbarkeit", das sie unter Rekurs auf Vergesellschaftungstheorien und mit dem Ziel einer gesellschaftstheoretischen Fundierung intersektioneller Ansätze strukturtheoretisch erweitert.

Katharina Walgenbach unternimmt abschliessend den Versuch, einen Bogen über alle Beiträge zu schlagen, Verbindungen und Differenzen zwischen den Autorinnen bzw. ihren Argumentationslinien zu beschreiben und endet mit dem Fazit, dass Intersektionalität als neues Paradigma verstanden werden darf.

Diskussion

Es gehört zu den grössten Verdiensten der intersektionellen Analyse, dass die Art und Weise, in der Menschen gleichzeitig in multiplen Kategorien positioniert werden, heute allgemein als wissenschaftlich bedeutsam anerkannt wird. Intersektionalität ermöglicht eine Theoriebildung und Analyse, die nicht-essentialistisch ist und die Komplexität des alltäglichen Lebens reflektiert. Sie reduziert dieses Leben nicht auf einzelne analytische Kategorien, die die Komplexität von Gemeinsamkeiten und Unterschieden sozialer Positionierung und Erfahrung verdecken.

Der Anspruch, den „State of the Art“ - und auch darin offene Fragen - darzustellen, wurde in differenzierter Weise und auf hohem Niveau eingelöst. Der Band beeindruckt dadurch, dass die wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter zu Wort kommen, ein breiter Bogen theoretischer Auseinandersetzung geschlagen und um Mehrstimmigkeiten und Einbettungen in andere zentrale Diskurse gerungen wird. Der Schwerpunkt auf eine theoretische und methodologische Fundierung ist jedoch nicht nur dem Anspruch der Veröffentlichung geschuldet, vielmehr spiegelt sich darin auch die nach wie vor nur wenig eingelöste konsequente empirische Umsetzung. In anderen Worten: Es wird deutlich, dass die theoretische Ausarbeitung weitgehend geleistet und damit ausgeschöpft ist, jedoch die Empirie der theoretischen Absicherung hinterhinkt. Notgedrungen lassen sich entsprechend in dem über 250-seitigen Band Redundanzen finden, nahezu identisch formulierte Bezugnahmen und Verweise, die, wenn man den Band als Gesamtwerk liest, mit der Zeit ermüdend wirken.

Als Ergänzung zum Sammelband würde ich mich über einen Folgeband – gerne der Herausgeberinnen - freuen, der Erkenntnisse aus empirischen Studien vorstellt.

Fazit

Mit dem Sammelband wird völlig zu Recht das Jubiläum eines der interessantesten aktuellen Konzepte zur Analyse der Verwobenheit von Ungleichheitslagen gewürdigt und festgehalten. Damit verbunden ist eine gelungene Bestimmung des „State of the Art“, eine differenzierte, kritische theoretische Ausleuchtung des Ansatzes und der Anfragen, die es hierzu gibt. Den Herausgeberinnen ist es zusammen mit allen Autorinnen und Autoren gelungen, das Potential des Konzeptes und die darin liegende Vielschichtigkeit aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass es sich um kein Konzept „in Stillstand“ handelt, sondern um einen Diskurs, der um seine Einbettung in den Menschenrechtsdiskurs wissend um Weiterentwicklung und Konkretisierung bemüht bleiben wird. Der Band ist als wichtige deutschsprachige Veröffentlichung zu Intersektionalität im Besonderen und zur Ungleichheitsforschung im Allgemeinen zu empfehlen und kann sicherlich in der sozialwissenschaftlichen Lehre gut eingesetzt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professur Übergänge in Ausbildung und Arbeit/Integrationshilfen Hochschule Esslingen SAGP
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 25.01.2011 zu: Helma Lutz (Hrsg.): Fokus Intersektionalität. Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17183-8. Reihe: Geschlecht & Gesellschaft - Band 47. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10346.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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