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Walter Gerd Neumann: Kritik der Konsumption

Walter Gerd Neumann: Kritik der Konsumption. edition querido (Amsterdam) 2003. 57 Seiten. 5,00 EUR.


Der Autor

Walter Neumann ist ein hierzulande nahezu unbekannter, jedoch emsig - ­meist in kleineren Verlagen oder im Eigenverlag - publizierender Sozialphilosoph in der Tradition der Marxschen Theorie, die er (als "Krahlschüler", wie er sich selbst bezeichnet) jedoch mit Blick auf die veränderten gesellschaftlichen Be­din­­­gungen durch Anreicherungen der Psychoanalyse, der Kritischen Theorie so­wie Erfahrungen seiner selbst gelebten Praxis unorthodox modifizieren und weiterentwickeln will.

Ziele und Inhalte des Buchs

Mit der vorliegenden "eher bescheidenen" (Neumann) Arbeit zur "Kritik der Kon­sumption" will der Autor anhand des Methodenkapitels der "Grundrisse" von Marx "darstellen, dass der bestimmte Zweck der politi­schen Ökonomie nicht mehr die Produktion, sondern die Reproduktion ist", die er als "Konsump­tion" begreift (Vorwort, S. 7). Dies geschieht nicht nur aus ökologischen Grün­den, sondern auch, weil der Tausch von Waren (Lebensmittel) gegen Geld wich­tiger geworden ist als der von Arbeit gegen Lohn. Neumann behauptet (persönli­ches Schreiben vom 4.3.2003) schlicht, und sicher theoretisch interessant, dass "nicht mehr die Produktion, wie noch Marx meinte, sondern die außerökonomi­sche Kategorie der Konsumption heute das Übergreifende ist".

Hinzu kommt, da "eigentlich nichts Neues, Kreatives oder Schöpferisches mehr möglich ist, ist diese heutige Produktion auch nur noch Reproduktion" (S. 13). Folglich ist "der Mensch selbst (wie das Tier) ein Ding unter Dingen", da "der Mensch ... tatsächlich nicht mehr als Sklave, Leibeigener oder Lohnarbeiter, son­dern als Mensch in seiner Eigenschaft, Naturwesen zu sein, (arbeitet); d.h. er arbeitet als Tier" (S. 15) und "(lebt) heute wie ein Tier" (S. 46).

Neumann fokussiert sei­nen Blick stringent auf die "Kritik der politischen Öko­no­mie", um diese quasi mit Marx gegen Marx in einen neuen Erkenntniszustand zu trans­formieren. Ausgangs­punkt dafür ist die These, dass "inzwischen der soge­nannte materielle Reichtum so groß geworden ist, die Produktivkräfte derart entwickelt (sind), dass erstens der Mensch daneben psychisch und menschlich verarmt ist, und zweitens ein weiterer Fortschritt nur noch destruktiv sein kann ... Die ideelle Produktion ist die Arbeit der Angestellten und Beamten der wis­sen­schaftlichen Intelligenz" (S. 9). Ansonsten herrscht die Konsumption.

In Abgrenzung zu Marx (wenn ich es richtig verstanden habe), sieht Neu­mann Produktion nur noch als Reproduktion und Konsumption nicht mehr als Genuss. Der ehemaligen Theorie-Dreiklang von Produktion-Distribution-Konsumption ist nunmehr in sein Gegenteil verkehrt worden: "Reproduktion steht jetzt in der Mitte, Konsumption am Anfang (ist Ausgangspunkt) und Distribution bzw. Aus­tausch sind der Endpunkt geworden" (S. 17). "In der Konsumption schließlich objektiviert sich jetzt die Person und sub­jektiviert sich die Sache in der Person. Die Verhältnisse haben sich total ver­kehrt oder sie sind vom Kopf auf die Füße gekommen, gleich­wohl ohne gehen zu können" (S. 18).

Nach dieser m.E. interessanten einleitenden theoretischen Analyse "wendet" sich Neumann "der Marx'schen Kritik zu" (S. 19ff), d.h. dem "Verhältnis von Produktion und Konsumption" und stellt fest, dass "Reproduktion und Vernich­tung (der Natur und ihrer Grundlagen) also heute dasselbe (sind), dass die "Art und Weise der Konsumption" den Konsumenten, also den Menschen, schafft, dass zuletzt die Produzenten (Arbeiter und Unternehmer) "nicht mehr Personen ... auch nicht Sachen ... sondern Begriffe (Ware, Geld, Profit, Zins)" sind, also dass "es diese Begriffe sind, an die der Mensch oder die Produktionsagenten sich anpassen müssen ... sie sind also gezwungen, sich als Ware, Geld usw. zu begreifen" (S. 31 - vgl. ein "Hunderttausend-Dollar-Mann").

Die heutige Gesellschaft ist nicht mehr, wie noch in der bürgerlich-kapita­lis­ti­schen Epoche, durch Ausbeu­tung und Unterdrückung zu charakterisieren, son­dern gemäß Neumann durch "Raub an der inneren und äußeren Natur des Men­schen", denn "die Produktion der Natur (und der Mensch ist auch ein Natur­we­sen) wird durch Raub angeeignet ... Produktion gibt es als solche nur noch durch diesen Raub" (S. 34). In diesem Zitat schimmert zusätz­lich das "grün-vegetari­sche" Profil des Autors durch, das er sich in seiner Praxis als "Sprecher der Grü­nen in Hannover" geschärft hat.

Heutzutage, so kann man m.E. mit Neumann zusammenfassen, "bestimmen die Begriffe die Ver­hältnisse, in und unter denen der Mensch heute lebt" (S. 36) - eine sicher unge­wollte "konstruktivistische" Erkenntnis bei Neumann, die dieser sicher eher als Hegelianisch bezeichnen würde?

Es ist äußerst schwierig, die Gedankengänge von Neumann nachzuvollziehen oder gar zu verstehen (falls man das im konstruktivistischen Sinne überhaupt kann!?), da er immer wieder schreibt: "wie ich gezeigt habe" (Neumann hat über 50 Buchpublikationen produziert!) oder beim Leser z.B. Kenntnisse der "Kritik der politischen Ökonomie" von Marx voraussetzt (ich will das mal ein kontext­abhängiges Schreiben und Denken nennen) oder sich selbst zum Maßstab der Er­kenntnis erhebt. Ferner beginnt auf nahezu jeder Seite ein Absatz mit "Wenn nach Marx ..." oder "Wie gesagt beschreibt Marx ..." oder "Nach Marx ...", so dass "Gott-Vater" durch die Neumannsche Modifikation nicht beschädigt, son­dern - gewollt? - eher gestärkt aus der Diskussion hervorgeht. Zentrale Termini der Abhandlung sind neben den Marxschen Begriffen vor allem noch "Geld", "Liebe", "Sexualität", "Denken", Sprechen", "Kultur".

Im Nachwort aus dem Jahre 2001 zu der kleinen Studie, die Neumann bereits 1991/ 92 angefertigt und mit dem Etikett (Untertitel) "Aus dem Nachlass noch zu Lebzeiten" (!?) versehen hat, tituliert er seine Abhandlungen als "Gesell­schafts­­kritik oder -philosophie" mit "indes nur vorläufigem Charakter" (S. 53).

Fazit

Da Neumann (persönliches Schreiben) sich aus der wissenschaftlichen Arbeit krankheitsbedingt zurückziehen will (er ist wegen "einer angeborenen seelischen Behinderung Frührentner seit 1997") werden wir wohl vergeblich auf abschlie­ßen­de Gedanken und Ausführungen des Autors warten müssen, zumal "endgül­tig" auch nie ein Ziel einer kritischen Gesellschaftstheorie sein kann.


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie



Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 15.07.2003 zu: Walter Gerd Neumann: Kritik der Konsumption. edition querido (Amsterdam) 2003. 57 Seiten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1037.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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