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Michael C. Frank, Kirsten Mahlke (Hrsg.): Kultur und Terror

Cover Michael C. Frank, Kirsten Mahlke (Hrsg.): Kultur und Terror. transcript (Bielefeld) 2010. 160 Seiten. ISBN 978-3-8376-1405-3. 8,50 EUR, CH: 16,50 sFr.

Reihe: Zeitschrift für Kulturwissenschaften - 2010,1.
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Thema und Entstehungshintergrund

Am Anfang ist der Mut zu loben, in digitalen Zeiten eine neue, gedruckte und gebundene Zeitschrift auf den Markt zu bringen. Denn um diese Zeitschrift geht es auch, wenn im Folgenden von Kultur und Terror die Rede sein wird. Die „Zeitschrift für Kulturwissenschaften“ erscheint seit 2007 mit jährlich zwei Heften im feinen Bielefelder Verlag transcript. In den bisherigen Heften ging es u.a. um „Fremde Dinge“, um die „Filmwissenschaft als Kulturwissenschaft“ oder um „Sehnsucht nach Evidenz“. Und immer bot die Zeitschrift auch Nachwuchswissenschaftlern ein Podium, um sich zu äußern, zu argumentieren und sich auszuprobieren. Heft 1 im Jahre 2010 widmet sich nun dem Thema Kultur und Terror. Zwei Fragen versuchen die zentralen Beiträge dieses Heftes zu beantworten (siehe S. 15): 1. Gibt es – neben den gut untersuchten ökonomischen, politischen und sozialen Faktoren – kulturelle Konstellationen, die eine Herausbildung terroristischer Ideologien und die Bereitschaft zu ihrer gewaltsamen Umsetzung begünstigen. 2. Wie begegnen Kulturen in konkreten Fällen der Herausforderung durch Terror?

Aufbau

Sieben Autorinnen und Autoren äußern sich im ersten Teil des Heftes zum zentralen Thema Kultur und Terror.

Weitere sieben diskutieren im zweiten Teil über die Entwicklung der Medienwissenschaften in Deutschland. Auf die Beiträge dieser Verfasserinnen und Verfasser wird am Schluss dieser Rezension kurz einzugehen sein.

Autorinnen und Autoren

Beginnen wir zunächst mit der Vorstellung der Autorinnen, die sich dem Leitthema des vorliegenden Heftes widmen. Michael C. Frank, der gemeinsam mit Kirsten Mahlke die Herausgabe dieses Heftes betreut und die Einführung verfasste, hat bei Aleida Assmann in Konstanz promoviert und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Kolleg der Universität Konstanz. Kirsten Mahlke ist Professorin für Lateinamerikanische und Französische Literatur an der Universität Heidelberg. Der zweite Beitrag zum Thema stammt von Michael Taussig, der als Professor für Anthropologie an der Columbia University in New York tätig ist. Sein Beitrag in der vorliegenden Zeitschrift ist ein aus dem Englischen übersetzter Essay, der bereits 1984 mit dem Titel „Culture of Terror – Space of Death“ im Original erschienen ist. Den dritten Beitrag mit dem Titel „Der Jihad – ein islamischer Freibrief für den Terror?” hat Aladdin Sarhan verfasst. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Westasiatische Geschichte der Universität Erfurt. Sebastian Huhnholz diskutiert im vierten Beitrag die „Kulturalisierung des Terrors. Das dschihadistische Selbstmordattentat als Stereotyp islamischer Kampfkultur“. Sebastian Huhnholz ist wissenschaftlicher Assistent am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der fünfte Beitrag mit dem Titel „Die Buddhas von Bamiyan, performativer Ikonoklasmus und das ‚Image‘ von Kulturerbe“ stammt von Michael S. Falser, Postdoc-Fellow am Karl Jaspers Centre for Advanced Transcultural Studies der Universität Heidelberg. Mit dem Beitrag „Terrorist Aliens. 9/11 und der Science-Fiction-Film“ beschließt Michael C. Frank die Thematik.

Inhalt

Die Herausgeber der vorliegenden Ausgabe, Michael C. Frank und Kirsten Mahlke, stellen in ihrem einführenden Beitrag fest, der Blick auf Terror und Terrorismus als kulturelle Phänomene impliziere zwei verschiedene Blickrichtungen: „…zum einen auf die Entstehungsbedingungen und Kommunikationsformen (kulturelle Grundlagen von Terror), zum anderen auf die Wirkungen und Antworten (Terror als gezielte Provokation kultureller Ordnungen)“ (S. 13). Um diese beiden Blickwinkel zu schärfen, verweisen Michael C. Frank und Kirsten Mahlke zunächst auf die bekannten semantischen, historisch und politisch bedingten Unschärfen von „Terror“ und „Terrorismus“ und schlussfolgern, dass dem Terror-Diskurs spätestens seit dem 18. Jahrhundert auch ein „Element des Erhabenen“ (S. 13), also eine Anmutung von Größe und Unermesslichkeit, anhafte. Der Rezensent fühlte sich bei der Lektüre dieser Passage, mit der gleichermaßen die nachfolgenden Beiträge eingeleitet werden, an die Äußerung von Karlheinz Stockhausen erinnert, mit der dieser wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Öffentlichkeit verschreckte. In einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk am 16.September.2001 antwortete Stockhausen auf die Frage, wie er die Ereignisse vom 11. September 2001 persönlich sehe, u.a.: Also - was da geschehen ist, ist natürlich - jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen - das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben“ (Quelle: http://www.swin.de/kuku/kammchor/stockhausenPK.htm; aufgerufen am 15.11.2010).
Sicher ist Stockhausen missverstanden worden; auch mag der Zeitpunkt seiner Äußerung im hohen Maße unpassend gewesen sein. Was aber nicht übersehen werden sollte, ist der implizite Verweis auf den Schrecken angesichts des Terrors, ein Schrecken, der alles Bisherige übersteigt und eben mit den bislang genutzten ökonomischen, politischen und sozialen Erklärungsmustern kaum zu begreifen ist. Jean Baudrillard nannte die Terroranschläge vom 11. September 2001 eben deshalb die „‚Mutter‘ aller Ereignisse“ (Baudrillard, 2003, S. 11). Vor diesem Hintergrund liegt es nahe zu fragen, ob und inwieweit unsere „westlichen“ Erklärungsmuster überhaupt geeignet sind, den Terror und Terrorismus der Nachmoderne zu verstehen. Auch um diese Fragen geht es in den Beiträgen des vorliegenden Hefts.

Michael Taussig untersucht im zweiten Beitrag, der – wie schon angemerkt – 1984 im Englischen erschienen ist und nun in deutscher Erstübersetzung vorliegt, eine kolonialherrschaftliche Variante des Terrors. Grundlage und Exempel seiner Überlegungen sind die Geschehnisse in den Kautschuk-Stationen im peruanischen Amazonasgebiet des 19. Jahrhunderts und die grauenhaften und schreckenserregenden Gewalttaten der Kolonisten gegenüber den Kolonisierten. Taussig liefert nicht nur eine historische Skizze über das damals Geschehene, sondern zeigt mit analytischer Schärfe, wie in einem Kontext des Schreckens Mythen, Gerüchte und Fantasien aktiviert werden, um das „Böse“ vom „Guten“ zu trennen, Unsicherheit und Angst zu erklären und die Kultivierung von Gewalt und Gegengewalt zu begründen. Ist das nicht von brennender Aktualität?

Aladdin Sarhan bietet im dritten Beitrag eine differenzierte Unterscheidung von Jihad und Jihadismus, zeigt die diversen islamischen und islamistischen Quellen auf, die eine solche Differenzierung nahelegen und verweist auf die Notwendigkeit, die Ursachen und Entwicklungsstufen islamistischer Radikalisierungsversuche in den jeweiligen nicht-muslimischen Gastländern zu erforschen. Als Einstieg, um den „Paradigmenwechsel der Jihad-Konzeption der jungen muslimischen Generation“ (S. 66) zu verstehen, ist dieser Beitrag sicher gut geeignet. Für ein tiefergehendes Verständnis der muslimischen Auffassungen zur Gewalt verweist der Rezensent u.a. auf das in socialnet bereits rezensierte Buch von Mariella Ourghi (2010).

Auch der vierte Beitrag, von Sebastian Huhnholz verfasst, widmet sich dem Jihad. Huhnholz bezweifelt die Verbindung von Jihad und Selbstmordattentaten und weist „die Stilisierung des blindwütigen Selbstmordmassenattentats zu einem terroristischen Kulturprodukt des Islam sui generis“ als „westliches Großklischee“ zurück (S.77). Viel eher sei davon auszugehen, dass die Selbstmordattentate als Propagandawaffe kultureller Eliten („Migrationseliten, Bildungseliten, Globalisierungsgewinner oder alles zusammen“, S. 74) gegen den Westen eingesetzt werden.

War es nicht ein barbarischer Akt gegen das Weltkulturerbe, als die Taliban im März 2001 die weltberühmten Bamiyan-Buddhas in Afghanistan sprengten? Nein, „kein vandalistischer Akt barbarischer Terroristen, sondern ein Akt des performativen Ikonoklasmus“, meint Michael S. Falser im fünften Beitrag. Man könnte meinen, Falser betreibe Wortklauberei, bedeutet Ikonoklasmus (siehe Duden; Quelle: http://www.duden.de/definition/ikonoklasmus) zunächst einmal nichts anderes als Bildersturm oder die Abschaffung und Zerstörung von Heiligenbildern. Geht man allerdings von einer elaborierteren Auffassung von Ikonoklasmus aus, so wie es Falser tut, und versteht darunter eine „Attacke bzw. Zerstörung von Bildern und Kunstwerken im Sinne eines Widerstandes gegen Institutionen und ihre Doktrin“ (S. 85), wird es allemal spannend. Dann tauchen zwangsläufig weitere Fragen auf, etwa: Wer definiert, was in der Welt als Kulturerbe betrachtet und bewahrt werden sollte? Richtete sich die Zerstörung der Buddhas durch die Taliban auch oder vornehmlich gegen ein vom „Westen oktroyiertes Konzept von Kulturerbe“ (S. 87)? Und: Lässt sich ein durch die europäische Aufklärung geprägtes Konzept von Kulturerbe überhaupt globalisieren? Wie gesagt, spannende Fragen und nicht minder spannende Antworten, die man im Beitrag von Michael S. Falser nachlesen kann.

Um den sechsten Beitrag im vorliegenden Heft, geschrieben von Michael C. Frank, zu interpretieren, mag man sich noch einmal an ein bekanntes Zitat von Jean Baudrillards erinnern:„Es gibt keine gute Weise des Mediengebrauchs, die Medien sind Teil des Ereignisses, sie sind Teil des Terrors, und sie wirken im einen oder im anderen Sinne“ (Baudrillard, 2003, S. 32). Zweifellos treibt Baudrillard mit dieser Aussage die Medienkritik auf die Spitze. Den Massenmedien kann einerseits kaum die Schuld oder Verantwortung für die Terroranschläge der letzten Jahre zugeschrieben werden. Aber, sie konstruieren Bilder und Muster, um den Terrorismus zu interpretieren und den „war on terror“ zu legitimieren. Michael C. Frank zeigt, wie sich die Konstruktionen von Science-Fiktion-Filmen und die Terroranschläge vom 11. September 2001 überlagern und ein Interpretationsmuster nahelegen können, in dem die islamistischen Terroristen als „terrorist aliens“ erscheinen. „Aus heiterem Himmel – ganz sprichwörtlich ‚out of the blue‘ – wird Amerika zum unvorbereiteten Opfer, ohne sich seiner außenpolitischen Verstrickungen bewusst zu werden (und bewusst werden zu müssen). Die realen Protagonisten der Anschläge und ihre möglichen Motive rücken dadurch in den Hintergrund, ja werden gewissermaßen aus dem 9/11-Diskurs eliminiert…“ (S. 109). Und gegen die „Invasion“ der parasitären, fremden und feigen Eindringlinge, die das Böse personifizieren, hilft nur der Krieg als letztes Mittel. Mit derartigen Konstruktionen und deren Wirkungsmächtigkeit haben wir es bekanntlich noch immer zu tun.

Fazit

Man kann es auch Problemraumerweiterung nennen, was die Autorinnen und Autoren im ersten Teil der vorliegenden Ausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaft betreiben. Mit dem Themenschwerpunkt „Kultur und Terror“ gelingt es ihnen, bisher vielleicht vernachlässigte, zumindest aber meist als randständig betrachtete Ausdrucksformen von Terrorismus und Anti-Terrorismus in den Blick zu nehmen. Jeder Beitrag liest sich spannend, ist anregend und fordert heraus.

Nicht minder interessant sind übrigens auch die Beiträge im zweiten Teil der Zeitschrift. Hier geht es nicht um Terror – zumindest nicht vordergründig –, sondern um zum Teil kontroverse Auffassungen über die Entwicklung und Beschaffenheit der deutschen Medienwissenschaften. Es diskutieren in alphabetischer Reihenfolge: Christina Bartz, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Paderborn, Ulrike Bergermann, Professorin für Medienwissenschaft an der HBK Braunschweig, Joachim Paech, Emeritus an der Universität Konstanz, John Durham Peters, Professor für Kommunikationsstudien an der University of Iowa, Irmela Schneider, Professorin im Fachbereich Medienkulturwissenschaft/Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Universität Köln und Erhard Schüttpelz, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Siegen. Neben den Inhalten der Diskussion, beeindrucken Stil und Format der Auseinandersetzung. Beides würde sich der Rezensent auch für den Umgang in seiner Wissenschaftlergemeinschaft wünschen.

Übrigens auch die aktuellen Ausgaben der Zeitschrift für Kulturwissenschaft sind lesens- und empfehlenswert. Sie befassen sich mit den zentralen Themen „Emotionen“ und „Knappheit“.

Zitierte Literatur:

  • Baudrillard, J. (2003). Der Geist des Terrorismus. Wien: Passagen Verlag.
  • Der Duden – Onlineausgabe; Quelle: http://www.duden.de/definition/ikonoklasmus; aufgerufen am 18.1.2011.
  • Ourghi, M. (2010). Muslimische Positionen zur Berechtigung von Gewalt. Einzelstimmen, Revisionen, Kontroversen. Bibliotheca Academica, Reihe Orientalistik, Band 16. Würzburg: Ergon Verlag.
  • Pressekonferenz Karlheinz Stockhausen am 16.9.2011; Quelle: http://www.swin.de/kuku/kammchor/stockhausenPK.htm; aufgerufen am 15.11.2010.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 26.01.2011 zu: Michael C. Frank, Kirsten Mahlke (Hrsg.): Kultur und Terror. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1405-3. Reihe: Zeitschrift für Kulturwissenschaften - 2010,1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10386.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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