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Birgitta Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit

Cover Birgitta Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Gefährdete Kindheit - Risiko, Resilienz und Hilfe. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. 280 Seiten. ISBN 978-3-88414-509-8. 29,95 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung.
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Thema

Die besondere Herausforderung beim Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die in ihrer sozialen Teilhabe gefährdet sind, kennzeichnet die Arbeit von psychosozialen Professionen. Dabei spielt die Soziale Arbeit eine zentrale Rolle. Schon lange ist der Zusammenhang zwischen den sozialen Bedingungen beim Aufwachsen und der gesundheitlichen Entwicklung bekannt. Insbesondere die Zunahme sozialer Ungleichheit erfordert zunehmend ein fachlich versiertes Angebot Klinischer Sozialarbeit bei den entstehenden sozialen Problemlagen für Kinder, Jugendliche aber auch ihren Familien.

Somit richten die beiden Herausgeber Silke Gahleitner und Gernot Hahn ihren Blick auf den aktuellen Stand in der Bundesrepublik auch unter Berücksichtigung des 13. Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung und konnten für dieses Buch profunde Fachleute aus dem psychosozialen Bereich gewinnen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel:

  1. Risiko und Resilienz
  2. Belastungssituationen in Familie und Umfeld
  3. Hilfen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien

1 Risiko und Resilienz

Beginnend mit einer neurobiologischen Betrachtung von Traumatisierungen in der frühen Kindheit führt Jürgen Wettig bindungstheoretische Aspekte mit neurophysiologischen Erkenntnissen zusammen und nimmt Bezug auf epigenetische Forschung. Im zweiten Betrag beschreiben Silke Gahleitner und Roland Schleiffer den Zusammenhang zwischen „mehrdimensionale[r], beziehungssensible[r]“ Sozialarbeitsdiagnostik und beziehungs- und bindungsorientierter Intervention bei der Traumaversorgung von betroffenenen Kindern und Jugendlichen. Sehr anschaulich werden die Themen Bindung und Trauma plausibel zusammengeführt und anhand der möglichen Folgen von „Bindungsdestruktion“ für die Entstehung von Traumata erläutert (29ff.). Resilienz als eine wesentliche „Grundorientierung“ mit der impliziten ressourcenorientierten Sichtweise im Rahmen sozialarbeiterischen Handelns ist Schwerpunkt im Artikel von Klaus Fröhlich-Gildhoff et al. (42-53). Wie sich die Resilienzperspektive auch bei der prognostischen Beurteilung von minderjährigen Deliquenten als Ergänzung zur vorherrschenden Risikoabschätzung eignet, wird von Uta Kraft und Denis Köhler in ihrem Beitrag bearbeitet. Deutlich wird, dass es bisher an empirischer Forschung hinsichtlich möglicher Resilienzfaktoren bei der Entstehung von Jugendkriminalität fehlt (60).

Heiner Keupp nimmt direkt Bezug auf den 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung und diskutiert kritisch die aktuellen Handlungsperspektiven zur Verwirklichungschancen von Geburt an. Detailliert stellt der Autor drei Kinderschutzoptionen in Form von staatlicher Kontrolle, Risikobewertung und schließlich Gesundheitsförderung vor (66ff.). Wie die Konzepte „Agency“ und „Lebensbewältigung“ (77) in die konkrete Unterstützung bei der sozialarbeiterischen Begleitung von Jugendlichen in einer besonders vulnerablen Lebensphase integriert werden können, ist Inhalt des Beitrags von Hans Günther Homfeldt.

2 Belastungssituationen in Familie und Umfeld

Belastungssituationen von Kindern und Jugendlichen werden exemplarisch im zweiten Kapitel vorstellt. Beginnend mit Sigrid Meurer, die sich mit jungen Menschen in Krisensituationen und hier schwerpunktmäßig in suizidalen Krisen beschäftigt und praxisrelevant ein Fallbeispiel anführt. Bruno Hildenbrand befasst sich in seinem Beitrag mit der Trias Herkunftsfamilie, Pflegefamilie und Jugendamt mit einem erforderlichen sozialarbeiterischen Fokus auf die „schützenden Faktoren“ (102) in den jeweiligen Strukturen und Institutionen. Des Weiteren entwickelt er daraus resultierende Aufgaben von SozialarbeiterInnen im Sinne eines besseren Fallverstehens (110). Marc Schmid interessiert für die Schnittstelle zwischen Klinische Sozialarbeit und Kinder-und Jugendpsychotherapie bei der Zielgruppe von psychisch belasteten Heimkindern (113). Die besondere Herausforderung für die Klinische Sozialarbeit durch die vielfältigen möglichen „psychopathologischen Symptomen“ in der „stationären Jugendhilfe“ (119) lässt den Autor für eine verbesserte Ausbildung unter Berücksichtigung des dafür spezifischen (psychotherapeutischen) Fachwissens plädieren.

Die große Gruppe von Kindern psychisch kranker Eltern mit einer verbundenen mangelhaften gesellschaftlichen Aufmerksamkeit ist im nächsten Beitrag Thema von Michael Borg-Laufs. Die typischen Problemlagen wie auch mögliche „Handlungsansätze“ für die Praxis unter Bezugnahme zum aktuellen Forschungsstand werden hier vorgestellt. Zu den Lebenslagen und konkreten Chancen der Verwirklichung von Kindern, die von Armut und Benachteiligung betroffen sind, äußern sich Martina Biwo und Veronika Hammer. Nach erfolgten Definitionen und empirischen Befunden führen sie später über die „strukturelle“ Ursachenbenennung (135) zu einem möglichen (Be-)Handlungsauftrag für die Klinische Sozialarbeit (136ff.) auch mit einem gemeinwesenorientierten Fokus.

Die Folge einer Krebserkrankung von Elternteilen für die Kinder mit einer Hinführung zur psychoonkologischen Perspektive im Rahmen der risikoorientierten Analyse der kindlichen Lebenssituation ist Thema von Claudia Schulz-Behrendt. Daraus resultieren Fragestellungen möglicher Bewältigungsformen der betroffenen Kinder, die die Autorin mit Hilfe eines qualitativen Forschungsdesigns (144ff.) näher untersucht. Der letzte Beitrag befasst sich mit der häufig prekären Lebenssituation bei jungen Flüchtlingen. Dima Zito und Maximiliane Brandmaier weisen auf die Exklusionsrisiken und möglichen Belastungsparameter für Kinder und Jugendliche hin, denen man auch die die „Wegbegleiter“ Klinische Sozialarbeiter adäquat bei notwendigen Inklusionsbemühungen und vertrauensvolle Beziehungsarbeit im Rahmen sozialer Unterstützung begegnen kann (164).

3 Hilfen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien

Im letzten Abschnitt geht es um die Beschreibung von praxisorientierten Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder, Jugendlichen und ihre Familien. Beate Köhn erläutert am Beispiel des Berliner Notdienstes Kinderschutz die Umsetzung des Schutzauftrages für Betroffene und die notwendigen Kernaufgaben (171). Auch skizziert sie im Artikel Voraussetzungen zur möglichst guten Annahme von externen Hilfen bei den Familien. Die Resilienzförderung in Institutionen wie Schule und Kindertageseinrichtungen wird von Maike Rönnau-Böse et al. in ihrem Beitrag vorgestellt. Ein konkretes Projekt zu „Kinder Stärken!“ in einer KITA in Freiburg führt dann zur Erkenntnis, dass gezielte Interventionen zu erhöhten Kompetenzen im Sinne von Rollensicherheit und Ressourcenorientierung bei Eltern und ErzieherInnen führen können (191).

Die hohe Herausforderung an Klinische SozialarbeiterInnen, mit Kindern und Jugendlichen am Aufbau einer gelingenden Bindung und Kommunikation zu arbeiten, wird von Roland Schleiffer und Silke Gahleitner anhand von Praxisbeispielen verdeutlicht. Prinzipiell geht es dabei um die Möglichkeit, „desorganisierte Bindung“ konstruktiv in Beziehungsgestaltung zu verändern und „desorganisierte Hilfebeziehung[en]“ zu vermeiden (202).

Wolfgang Weissbeck umreißt die Aufgaben, Probleme und Möglichkeiten des Maßregelvollzuges für jugendliche Straftäter, wobei die Überschneidungen bzw. Grenzbereiche zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen, psychiatrischer Versorgung und Forensik beschrieben werden (15). Sehr deutlich wird die Jugendmaßregelvollzug als Ort des „sozialen Lernens“ und den dazu gehörigen strukturellen Bedingungen. Im nächsten Text geht es dann um die „Bedeutung traumapädagogischer Konzepte“ für die Kinder- und Jugendhilfe in vollstationären Settings. Danach sind mögliche Auswirkungen für junge Menschen mit „Vernachlässigungserfahrungen und interpersonellen Traumatisierungen“ sowie daraus folgenden Konsequenzen in der Zusammenarbeit zwischen Klinischen SozialarbeiterInnen und KlientInnen mit einem Plädoyer für Traumapädagogik im Fokus der Autoren Marc Schmid et al.

Besondere Lebenslagen als Begriffswahl für Jugendliche auf der Straße oder in krisenhaften Lebenssituationen ist Inhalt der Ausführungen von Claudia Steckelberg (250). Die Darstellung von Klinischer Sozialarbeit im niederschwelligen Zugang zu den Jugendlichen mit einem gesundheitsorientierten Schwerpunkt folgt stringent der Themenstellung. Gernot Hahn und Susanne Hahn beschäftigen sich in ihrem Buchbeitrag mit den Partizipationsmöglichkeiten und -formen von Kinder und Jugendlichen in der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und finden die Verbindung zur Klinischen Sozialarbeit durch einen ökosozialen Fokus.

Sonja Kirchweger befasst sich mit der Situation von Kindern und Jugendlichen in der psychiatrischen Versorgung und plädiert für einen besonderen Umgang in diesem Behandlungssetting aufgrund des einschneidenden Erlebnisses und eines „massiven Eingriff[s] in das Alltagsleben“ (274). Der Fokus sozialpädagogischer Familienhilfe auf die Grenzbereiche von „Jugendhilfe und Gesundheitssystem“ ist Inhalt der Ausführungen von Barbara Bräutigam und Matthias Müller (279). Dabei stellen sie die möglichen Berührungspunkte zur klinischen Sozialarbeit vor und erläutern den sog. Dreidimensionalen Vierschritt mit Blick auf Lebenswelt, Familienkultur, Inklusionsstatus sowie vier Schritte im Rahmen des Fallverstehens. Im letzten Beitrag geht dann um Ansatzpunkte einer angemessenen kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Versorgung aus dem Blickwinkel Klinischer Sozialarbeit. Silke Gahleitner et al. zeigen neben einem „Problemaufriss“ in der aktuellen Debatte auch Lösungswege zu einer verbesserten Therapielandschaft auf (297).

Diskussion

Nachdem die ersten beiden Bände der rührigen Herausgeber Silke Gahleitner und Gernot Hahn wichtige Impulse zur weiteren theoretischen und praxisorientierten Verortung Klinischer Sozialarbeit gegeben haben, war die Spannung auf den dritten Teil bei mir besonders hoch. Gerade die Beschäftigung mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche, den vielfältigen und komplexen Lebensbedingungen und mögliche Risiken und Resilienzen kann als anspruchsvolles Unterfangen bezeichnet werden, das in weiten Teilen die Erwartungen auch tatsächlich erfüllen konnte. Die Einbindung der Autoren aus unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen Sozialer Arbeit wie bspw. HochschullehrerInnen, (Klinische) SozialarbeitsforscherInnen und PraktikerInnen finde ich grundsätzlich sehr gelungen, allerdings gelegentlich auf Kosten eines durchgängigen roten Fadens und der Qualität theoretischer Begründungen und einzelner Beiträge, insbesondere im dritten Teil. Ich stimme aber der Einschätzung von Manfred Oster in seiner Rezension vom 02.06.2009 in Socialnet zum zweiten Band Klinische Sozialarbeit hinsichtlich des breiten Spektrums auch bei diesem Buch zu.

„Diese Heterogenität ist demnach alles andere als eine Schwäche, sondern der Komplexität des Spektrums Klinischer Sozialarbeit geschuldet…“

Insofern ist der vielfältige Blick auf die Bedeutung Klinischer Sozialarbeit in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen zur Resilienzförderung und Risikominimierung ein weiterer wichtiger Impuls für wissenschaftlich und praktisch tätige Klinische SozialarbeiterInnen in der Jugendhilfe und im Gesundheitssystem.

Fazit

Der dritte Band schließt an die beiden ersten gelungenen Veröffentlichungen in der Reihe Klinische Sozialarbeit nahezu mühelos an. Aufgrund der Fülle von Anregungen, theoretischen Konstruktionen und pragmatischer Ausrichtung im Kontext der sozialpolitischen Entwicklungen kann es uneingeschränkt ebenso Hochschuldozenten wie auch klinisch orientierten SozialarbeiterInnen empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 18.04.2011 zu: Birgitta Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Gefährdete Kindheit - Risiko, Resilienz und Hilfe. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. ISBN 978-3-88414-509-8. Reihe: Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10397.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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