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Wolfgang Beywl, Roland Mecklenburg u.a. (Hrsg.): Evaluation im Alltag

Cover Wolfgang Beywl, Roland Mecklenburg, Jörg Richard, Martin Wonik (Hrsg.): Evaluation im Alltag. Jugendverbände untersuchen ihre Wirkungen. Votum Verlag (Münster) 2001. 176 Seiten. ISBN 978-3-933158-41-3. 13,81 EUR.

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Hintergrund und Funktion des Buches

Um einen Werkstattbericht handelt es sich nach Aussagen der Verfasser bei dem vorliegenden Sammelband. Er enthält daher keine abschließende Darstellung, sondern eine — vorweg genommen gelungene — Momentaufnahme des so genannten 'Wirksamkeitsdialogs' über die verbandliche Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen. Dieses Modell ist bundesweit — nach meinem Wissen - immer noch einmalig: Die Jugendverbände haben sich in einer Vereinbarung mit der Landesregierung gemäß den neuen Richtlinien des Landesjugendplans zur Prüfung ihrer 'Wirkungen' verpflichtet und damit auf einen äußerst spannenden - und bisher, nach allem was man so hört, sehr konstruktiven - öffentlichen Dialog über die Grundlagen der künftigen Finanzierung eingelassen. So ist dieses Buch eine gute Gelegenheit für alle Fachkräfte und Ehrenamtliche, für alle fachlich, wissenschaftlich und politisch Verantwortlichen, sich über den aktuellen Stand der sehr kontroversen Debatte zu den Chancen und Risiken dieses Modells zu informieren. Und dieses Buch liefert — zumindest exemplarisch — Anregungen für das dazu notwendige methodische Inventar: Weil der Anspruch, die Wirkungen der eigenen Arbeit zu prüfen, methodisch ohne Selbstevaluationen nicht auskommt, werden in diesem Buch neben der Darstellung des Wirksamkeitsdialogs und der politischen Debatte um ihn sinnvollerweise auch fünf Projekte dargestellt, bei denen es inzwischen im Zuge der empirischen Beschreibung und Bewertung der Praxis verbandlicher Jugendarbeit zu ersten Ergebnissen gekommen ist.

Inhaltlicher Überblick über die einzelnen Beiträge

Theo Schneid fasst in einem kurzen Rückblick auf Jugendarbeit der letzten 50 Jahre historische Wurzeln des Themas Evaluation zusammen. Er fordert auf, "diese Traditionen wieder zu rekultivieren" und geht dann auf die jugendpolitische Diskussion der 70er und 80er-Jahre ein, in deren Verlauf ebenfalls von vielen Seiten die Prüfung der Wirkungen von Jugendarbeit gefordert, jedoch methodisch von der damaligen "Jugendforschung" kaum umgesetzt wurde.

Wolfgang Beywl, dessen Name inzwischen untrennbar mit dem Begriff Evaluation verbunden ist, umreisst kurz die wichtigsten Planungs- und Arbeitsschritte einer Evaluation. Seine Botschaft: Die Fachkräfte sollen selbst, durch formative (d.h. direkt eingreifende) Evaluationsansätze zur Verbesserung und Weiterentwicklung der eigenen Praxis beitragen und zwar, indem alle Betroffenen, also auch die Kinder und Jugendlichen selbst, beteiligt werden. Verbunden mit nützlichen, kurz kommentierten Literaturtipps und seinen Empfehlungen
zur sozialpolitischen Dringlichkeit von Evaluation in der Jugendhilfe,
zu Qualifikationsanforderungen an EvaluatorInnen,
zu den notwendigen Rahmenbedingungen und
zu Standards für Evaluation
ein für PraktikerInnen sehr nützlicher Beitrag. Er gibt im Wesentlichen die (manchmal stark verkürzten) Inhalte seiner Fortbildungen wieder und kann deshalb natürlich nicht als Ersatz dafür gelten.

Klaus Schäfer geht dann aus Sicht des zuständigen Ministeriums ganz konkret auf die zentralen Aufgaben und Ziele des Wirksamkeitsdialoges ein:
Prüfung der Effizienz der verwendeten Landesmittel,
Einsicht und Bereitschaft in die Notwendigkeit fachlicher Weiterentwicklungsprozesse und
gezielter Einsatz von Reflexions- und Evaluationsinstrumenten.
Sein Fazit: Nicht die staatliche Kontrolle wurde durch den Wirksamkeitsdialog erhöht, sondern die gemeinsame Verantwortung der Beteiligten, und vor allem die Chancen für eine systematische Legitimation für die öffentliche Finanzierung der Jugendhilfe.

Dem stellt nun Theo Schneid die konkrete Durchführung einer Evaluation im Zuge des Wirksamkeitsdialogs aus der Sicht eines Jugendverbandes gegenüber. Aus seiner Sicht bleibt bisher offen, was das Spannungsverhältnis zwischen Erwartungen und den dann tatsächlich insgesamt festgestellten Wirkungen bringen wird. Wahrscheinlich die 'Gretchenfrage'!

Auch Roland Mecklenburg zeigt Konkretisierungen aus der Sicht eines weiteren Jugendverbandes auf: Am Beispiel der Jugenderholung und der Kooperation Jugendarbeit-Schule wird gezeigt, mit welchen Instrumenten in der Praxis eine sinnvolle Prüfung der Wirkungen vorgenommen werden kann.

Auf diesen Grundlagen werden nun im zweiten Teil des Buches fünf bereits durchgeführte Evaluationsprojekte im Rahmen des Wirksamkeitsdialoges (drei Mal sehr ausführlich und zwei Mal leider sehr verkürzt) dokumentiert: Die Falken Schülerklubs, das Projekt "Erstmal Kommunalwahl", ein Ausbildungsprogramm für Kinder- und JugendgruppenleiterInnen, Selbstevaluation für Ehrenamtlerinnen und die Streetbasketball-Tour NRW. Jedes Mal werden — für die LeserInnen gut nachvollziehbar —
der Zusammenhang zum Wirksamkeitsdialog hergestellt,
Fragestellung, Design, Methoden und Instrumente kurz dargestellt (da gibt es jede Menge Anregungen für eigene Projekte!),
die zentralen Ergebnisse der Evaluationen aufgezeigt und
(leider eben oft viel zu kurz) die so wichtige Frage beantwortet, welche konkreten Konsequenzen diese Ergebnisse denn nun für die jeweilige Praxis im Sinne von Organisationsentwicklung haben werden bzw. schon gehabt haben.

Der letzte Teil des Buches zieht schließlich Bilanz, und zwar - sehr gelungen - in Form der Dokumentation eines Gespräches: Vertreter des Ministeriums, des Landesjugendamtes und der Verbände verständigen sich — moderiert von Beywl — über den derzeitigen Stand (Juni 2000) des Wirksamkeitsdialoges in NRW und versuchen deutlich zu machen welche langfristigen Perspektiven denn zu erwarten und welche Risiken und Gefahren zu befürchten sind.

Fazit

Engagiert und praxisnah ist diese Buch. Für alle, die direkt an der Qualitätsdiskussion in der Jugendarbeit beteiligt oder indirekt von ihr betroffenen sind, eine gute Gelegenheit, neue Ideen und Anregungen zu sammeln und sich über den neuesten Stand der Einschätzung von Perspektiven und Gefahren dieses modellhaften Prozesses 'Wirksamkeitsdialog' zu informieren.

Ich teile die Einschätzung der Autoren (keine Frauen bei einem Anteil von über 80% in der Sozialen Arbeit!), dass es gelingen kann, durch eine solchen Dialog

  • für mehr Transparenz für alle Beteiligten und Betroffenen zu sorgen,
  • die ‚Kundenorientierung‘ in der Jugendarbeit zu erhöhen,
  • von einer rein quantitativen hin zu einer eher qualitativen, systematisch inhaltlichen Legitimation des gesellschaftlichen Wertes der Jugendarbeit und ihrer öffentlichen Finanzierung zu kommen
  • und so vielleicht auch endlich den Mut zur ehrlichen und offensiven Analyse misslungener Experimente und Projekte zu haben und gerade dies als ein ganz zentrales Qualitätsmerkmal, genannt 'Fehlerfreundlichkeit', in der Jugendarbeit öffentlich zu würdigen.

Doch aufgepasst — und auch darüber sind sich die Verfasser bewusst: Nach allen Erfahrungen ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass wieder nur ein neuer, Warmluft produzierender Papiertiger entstehen könnte und so - auch aus Angst vor Entsolidarisierung und aus falsch verstandener Partnerschaftlichkeit unter den Verbänden — eben keine brauchbaren und differenzierten Aussagen über die spezifischen Wirkungen von Jugendarbeit in ihren einzelnen Feldern entstehen - und am Ende auch noch die gerade heute so wichtige Beteiligung der Ehrenamtlichen (und nicht zuletzt der Kinder und Jugendlichen) immer mehr auf der Strecke bleibt!

Die vorgelegten ersten Ergebnisse stimmen allerdings optimistisch. Das Buch ist nicht nur deshalb sehr zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften.
Allgemeine Pädagogik, Empirische Methoden, Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, Jugend- und Erwachsenenbildung, Praxisberatung und Fortbildung in Qualitäts- und Evaluationsfragen.
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation im kirchlichen, sozialen und Bildungsbereich.
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 01.11.2001 zu: Wolfgang Beywl, Roland Mecklenburg, Jörg Richard u.a. (Hrsg.): Evaluation im Alltag. Votum Verlag (Münster) 2001. 176 Seiten. ISBN 978-3-933158-41-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/104.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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