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Ulrike Sammer: Verlust, Trauer und neue Freude

Cover Ulrike Sammer: Verlust, Trauer und neue Freude. Wie Abschiednehmen gelingt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. 196 Seiten. ISBN 978-3-608-86025-2. 14,95 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Klett-Cotta Leben!. Expertenrat - Übungen - Lösungen.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Reihe Klett-Cotta Leben! will Menschen dabei unterstützen, den Herausforderungen des Lebens aktiv zu begegnen. In diesem Sinne richtet sich das Buch von Ulrike Sammer an Menschen, die sich in Trauersituationen befinden - insbesondere nach einem Abschied, „der keinen Stein auf dem anderen lässt“ bzw. „der von niemandem in seiner Tragweite verstanden wird“ (13). Die Psychologin bringt ihr Wissen aus der langjährigen Begleitung von Trauernden sowie eigene biographische Erfahrungen mit Trauer- und Verlustsituationen ein.

Autorin

Dr. phil. Ulrike Sammer, * 1944, lebt in Wien. Sie war als Psychologin, Psychotherapeutin, Supervisorin und Lehrtherapeutin tätig und ist Autorin zahlreicher Bücher zu psychologischen Themen.

Aufbau und Inhalt

Das Inhaltsverzeichnis enthält alle Zwischenüberschriften und erlaubt eine schnelle Orientierung. Den sieben Hauptteilen ist der jeweils relevante Ausschnitt des Inhaltsverzeichnisses und meist ein kurzer Einführungstext vorangestellt. Sammer illustriert ihre Erläuterungen mit zahlreichen Beispielen und Erfahrungen von Trauernden. Mehrfach fügt sie Übungen oder Gedankenimpulse ein. Ein zweiseitiges Literaturverzeichnis ergänzt die Ausführungen.

In Teil A „Verlust – eine unfreiwillige und unwiederbringliche Trennung“ unterscheidet Sammer drei Verlustformen. In einer ersten Gruppe fasst sie dramatische, nach außen sichtbare Ereignisse zusammen wie beispielsweise Tod, Krieg oder das Nachlassen von Fähigkeiten. Eine zweite Gruppe bilden Verluste, die in ihrer Dimension für Außenstehende nicht erkennbar sind, etwa der Tod von Haustieren, aber auch Erwerbslosigkeit und Umzüge. „Verluste des Alltags“ (24ff) als dritte Gruppe betreffen jeden Menschen, etwa beim Wechsel von Lebensabschnitten.

Der mit dem „Verlust eines nahestehenden Menschen“ (Teil B) verbundene Abschied beginnt nicht erst mit dem Tod. Entsprechend geht Sammer nicht nur auf die Situation von Angehörigen, sondern auch auf die der Sterbenden ein. Sie rät, sich Zeit für den Abschied zu nehmen und über Sterben bzw. Tod zu reden. Auf mehreren Seiten befasst sie sich mit körperlichen und seelischen Beschwerden, die bei einem Verlust auftreten können – etwa Zorn, Rachegelüste, Gleichgültigkeit oder Erleichterung.

In Teil C „Trauer und Trauerarbeit“ spricht die Autorin sich dafür aus, den (durchaus umstrittenen) Begriff „Trauerarbeit“ zu verwenden, und betont so die Aktivität und Mühe, die in diesem Prozess steckt. Nach dem Hinweis, dass „alle schematischen Modelle notgedrungen eine gewisse Passivität suggerieren“ (69), erläutert sie die Ansätze von Elisabeth Kübler-Ross, Verena Kast und Yorick Spiegel. Sammer geht davon aus, dass Trauer zwar lang dauert, jedoch meist nach und nach erträglicher wird. „Wenn eine neue Lebensaufgabe gefunden und der Alltag wieder zu bewältigen ist, dann ist die Trauerarbeit beendet“ (78).

In Teil D „Rituale“ skizziert Sammer Bestattungsrituale in verschiedenen Religionen und geht auf die Möglichkeit ein, den eigenen Körper nach dem Tod der Forschung zur Verfügung zu stellen. Sie ermutigt, den Abschied selbst zu gestalten, und unterstreicht dies mit einem Ritual aus ihrem Freundeskreis. Dem ganz privaten Abschied widmet sie ein separates Kapitel. Hier stellt sie exemplarisch zwei öffentliche Plätze in Wien vor, „die zur inneren Einkehr einladen“ (90): den Park der Ruhe und Kraft sowie den Babyfriedhof. Die Autorin bestärkt Trauernde darin, in Gedanken mit Verstorbenen in Verbindung zu bleiben.

Teil E thematisiert „Hindernisse einer erfolgreichen Trauerarbeit“. Sammer geht hier beispielsweise auf eine „narzisstische Störung“ (104f), auf fehlende Vorbilder im Umgang mit Verlusten, eine nicht gelöste Symbiose und Schuldgefühle ein. „Schätzungen zufolge ist in etwa einem Zehntel aller Trauerfälle eine so genannte ‚komplizierte Trauer‘ zu erwarten“ (121) – die Autorin nennt dafür konkrete Anlaufstellen.

In Teil F stellt Sammer hilfreiche Ansätze zusammen. Den Betroffenen empfiehlt sie eine Vielzahl an Möglichkeiten, von Klarheit und dem Formulieren eigener Bedürfnisse bis hin zu körperlicher Bewegung und Entspannung. Die Autorin schlägt mehrere Übungen vor - etwa den „Gedankenstopp“ (136f) oder eine Übung zur Stärkung des Selbstwertgefühls (139). Explizit weist Sammer darauf hin, bei einem zerstörerischen Trauerprozess oder psychischen Krankheiten die Hilfe von Fachleuten in Anspruch zu nehmen. Sie betont die „Psychohygiene für die Unterstützer“ (150f) und stellt Selbsthilfegruppen, Krisenintervention sowie verschiedene psychotherapeutische Ansätze vor. Hinsichtlich der Begleitung von Kindern benennt Sammer viele Versäumnisse – Kinder werden häufig allein gelassen oder gar nicht wahrgenommen, zudem gibt es zu wenige Muster, mit Trauer umzugehen. Erwachsene sollten deshalb Kinder in ihrer Trauer ernst nehmen und selbst einen konstruktiven Umgang mit Verlusten vorleben. Anlaufstellen für trauernde Kinder bieten weitere Unterstützung.

Der letzte Teil G „Licht am Ende des Tunnels“ befasst sich mit der Entwicklung neuer Lebensperspektiven. Der Verlust wird nunmehr positiv bewertet, denn er weitet den Blick und ermöglicht Veränderung. Sammer betont, wie wichtig es sei, die eigenen Ressourcen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Vielfach komme es – wie beim Bild vom halb vollen und halb leeren Glas – bei der Bewertung des Verlustes auf den Blickwinkel an. In einem eigenen Kapitel erzählt Sammer von ihren persönlichen Erfahrungen: „Offenbar habe ich ein paar drastische Verluste gebraucht, um endlich wirklich zu begreifen, dass man nichts auf die lange Bank schieben soll“ (184). Sie lenkt den Blick der LeserInnen auf Glück und Lebensfreude, gibt Tipps zur Neuorientierung und ermutigt abschließend noch einmal, selbst aktiv zu werden.

Diskussion

Ulrike Sammer versteht „Verluste“ sehr umfassend. Tod steht zwar immer wieder im Mittelpunkt, dennoch macht sie an mehreren Stellen darauf aufmerksam, dass Verluste jeglicher Art Trauerreaktionen nach sich ziehen. Sie spricht mehrmals häufig unterschätzte Situationen an, so etwa den Verlust von Körperteilen oder die Trauer in inoffiziellen Beziehungen. Damit holt sie viele Trauernde in ihren unterschiedlichen Ausgangssituationen ab. Auch die zahlreichen Beispiele machen Betroffenen deutlich, dass sie nicht alleine sind. Übungen und Gedankenimpulse laden ein, sich gezielt mit sich selbst auseinanderzusetzen und aktiv zu werden. An mehreren Stellen bestärkt die Autorin die LeserInnen darin, klar zu sein, sich abzugrenzen und für die eigene Trauer einen Ausdruck zu finden.

Dagegen bewertet sie andere Verhaltensweisen im Trauerprozess ebenso wie psychische Krankheiten immer wieder negativ und nicht etwa als sinnvolle Strategien, mit unerträglichen Situationen zurecht zu kommen. So heißt es beispielsweise, „alle, die nicht weinen wollen, flüchten ins Lachen“ (108), Menschen „belügen“ sich selbst (68) oder meinten irrtümlicherweise nur, ihr Ablösungsprozess sei gelungen (119). Sammer steht mit dieser Perspektive in der Psychotherapie nicht alleine. Im Sinne der LeserInnen wäre hier dennoch mehr Respekt vor unterschiedlichen Trauerformen und insbesondere vor Menschen mit psychischen Krankheiten wünschenswert gewesen.

Die Abgrenzung zwischen Trauer und Depression bleibt unklar – dass Trauer nie das Selbstwertgefühl beeinträchtigt, jedoch zu einer Identitätskrise führt (44), ist nicht unmittelbar einsichtig.

Kritisch ist zudem anzumerken, dass Sammer die Phasenmodelle immer wieder linear-schematisch interpretiert. Sie spricht beispielsweise von „Rückfällen“ (70) im Ablauf der Trauerphasen.

Einige Überschriften lassen andere Inhalte vermuten. Zwei Beispiele: Sammer beschreibt unter „Private, intime innere Abschiede“ zwei öffentliche Plätze, weitere Formen fehlen hier. Und unter „Psychische Barrieren“ befasst sich der Unterpunkt „Die Trauer wird hochstilisiert“ mit gesellschaftlichen Tendenzen, während die Unterpunkte vorher und nachher erwartungsgemäß beim Individuum ansetzen.

Die Abschnitte sind kurz gehalten und somit auch zum Blättern in aktuellen Trauersituationen geeignet. Vereinzelt sind Quellen im Text genannt, Fußnoten oder Anmerkungen gibt es keine – das trägt zur leichteren Lesbarkeit bei. Wer weitere Literatur sucht, bekommt allerdings hier nur wenige Hinweise.

Fazit

Das Buch bietet erste Informationen rund um Trauer für Betroffene und alle, die auf nichtprofessioneller Ebene Betroffene unterstützen wollen. Die LeserInnen erhalten einen Einblick in die Prozesse und erfahren Ansätze für hilfreiches Verhalten. Die Reihenfolge der einzelnen Abschnitte ist nicht immer schlüssig (z.B. platziert die Autorin Hindernisse einer erfolgreichen Trauerarbeit zwischen Ritualen und hilfreichen Strategien). Deshalb ist Betroffenen zu empfehlen, im Buch zu blättern und das zu lesen, was in der jeweiligen Trauersituation hilfreich ist.


Rezensentin
Dr. Mechthild Herberhold
Ethik konkret, Altena (Westf.).
Homepage www.ethik-konkret.de
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Zitiervorschlag
Mechthild Herberhold. Rezension vom 17.02.2011 zu: Ulrike Sammer: Verlust, Trauer und neue Freude. Wie Abschiednehmen gelingt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-608-86025-2. Reihe: Klett-Cotta Leben!. Expertenrat - Übungen - Lösungen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10404.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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