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Armin Sohns: Frühförderung

Cover Armin Sohns: Frühförderung. Ein Hilfesystem im Wandel. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. 303 Seiten. ISBN 978-3-17-020012-8. 26,80 EUR.

Reihe: Praxis Heilpädagogik - Handlungsfelder.
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Autor

Dr. Armin Sohns ist Professor für Heilpädagogik an der Fachhochschule Nordhausen. Er leitet darüber hinaus das „Institut für interdisziplinäre Frühförderung“ an der SRH-Hochschule für Gesundheit in Gera und lehrt dort als Gastprofessor.

Thema und Aufbau

Sohns befasst sich in seinem jüngsten Werk zur Frühförderung mit der Entwicklung der Frühförderung zu einem eigenen interdisziplinären System. Mit der Einführung einer Komplexleistung hat der Gesetzgeber 2001 neue Rahmenbedingungen für die Frühförderung definiert, die Sohns nach nunmehr 10 Jahren einer kritischen Analyse unterzieht. Er selbst bezeichnet seine Analyse als „Dokumentaton eines historischen Misserfolgs dieses anspruchsvollen Innovationsversuchs“ (S.15). Im Mittelpunkt der Arbeit stehen 3 zentrale Fragen: „1. Was hat die Frühfördersysteme bisher ausgezeichnet? Welchen gesellschaftlichen Veränderungen und fachlichen Anforderungen muss ein reformiertes Frühfördersystem Rechnung tragen? (…) 2. Wo und mit welcher Zielsetzung sollten sie verändert werden? 3. Inwiefern kann eine vom Gesetzgeber vorgegebene „Komplexleistung“ als strukturelle Antwort auf neue Anforderungen dienen?“ (S.14). Übergeordnetes Ziel soll die Vermittlung von „Grundlagen-Informationen für ein „Empowerment für die Frühförderfachkräfte“ sein (S.15). Frühförderung wird als interdisziplinäres Feld konzipiert, das einer neuen Fachlichkeit auf der Basis eines interdisziplinären und sich daraus entwickelnden transdisziplinären Ansatzes bedarf.

Insgesamt gliedert sich das Buch in 7 Kapitel:

  1. Die Entstehung der Frühförderung
  2. Die rechtlichen Grundlagen der Frühförderung
  3. Theorie und Forschungsergebnisse
  4. Die Umsetzung er Komplexleistung Frühförderung in den einzelnen Bundesländern
  5. Konzepte der Frühförderung
  6. Beispiele für innovative Ansätze der Frühförderung („Best Practice“)
  7. Perspektive: Ein Gesamtsystem Frühförderung

Im ersten Kapitel wird die Ausgangslage, der Rechtsanspruch auf (pädagogische) Frühförderung, die pädagogisch-medizinischen Auseinandersetzungen, das Spannungsfeld von Sozial- und Sonderpädagogik und schließlich der Rechtsanspruch auf Komplexleistung skizziert. Sohns zeigt auf, dass die Frühförderung heute neuen Anforderungen gerecht werden muss, nicht mehr die „Behinderung im klassischen Sinne“ (S.15) stehe im Vordergrund, sondern die gestiegenen Betreuungsanforderungen, die die Ressourcen und Kompetenzen der bestehenden Systeme übersteige. So fänden sich heute in der Frühförderung Indikationen die eher Folgeerscheinungen kindlicher Entwicklungsrisiken und umfeldbedingter Einflüsse darstellten. Notwendig seien deshalb „systemübergreifende, professionelle Denkansätze“ (S.25) Mit der Einführung des SGB IX im Juli 2001 wird Frühförderung vom Gesetzgeber offensiv als „Komplexleistung“ bestehend aus medizinischer Rehabilitation und pädagogischer Frühförderung als interdisziplinär abgestimmte Aufgabe definiert. Standen bisher medizinisch-therapeutische Leistungen unabhängig und unkoordiniert neben Leistungen der Behinderten- und Eingliederungshilfe, wird nun eine Abstimmung gefordert, die in den Folgejahren zu Verunsicherung hinsichtlich der Umsetzung geführt hat, sodass bis heute keine befriedigende Umsetzung des Gesetzes zu verzeichnen ist.

Im zweiten Kapitel werden ausführlich die rechtlichen Grundlagen der Frühförderung behandelt. Zunächst wird die Heterogenität der Frühförderstruktur in Deutschland thematisiert, um anschließend die medizinisch-therapeutische Frühförderung (SGB V) und die Frühförderung im Rahmen der Eingliederungshilfe (SGB XII) und schließlich die Frühförderung im Rahmen der Jugendhilfe (SGB VIII) in den Blick zu nehmen. Neben der Schwangerenberatung wird dann die Frühförderung nach dem Rehabiltationsgesetz (SGB IX) ausführlich behandelt. Abschließend nimmt Sohns auch die Frühförderungsverordnung (FrühV) und die Stellungnahme der Bundesministerien und das Konsenspapier der Länderministerien unter die Lupe. Aus Sicht der Bundesregierung wird ein Umsetzungsdefizit bei der Komplexleistung Frühförderung konstatiert, das eine stärkere Einflussnahme der politischen Entscheidungsträger erfordere.

Das dritte Kapitel „Theorie und Forschungsergebnisse“ nimmt Ausgangslage und fachliche Orientierungen in den Blick. Es werden zentrale Begriffe wie z. B. Behinderung, Integration/Inklusion, Interdisziplinarität/Transdisziplinarität definiert und erläutert; Fallbeispiele verdeutlichen die Stärke inter- und transdisziplinärer Arbeitsansätze. Auch werden wissenschaftstheoretische (entwicklungstheoretische, sozialökologische, ressourcenorientierte und bindungstheoretische) Ansätze und die besondere Bedeutung der Resilienz- und Risikoforschung dargestellt. Abschließend wird der Bedarf an Frühförderung thematisiert. Hier stellt sich das Problem, dass Frühförderung weniger tatsächliche Bedarfe denn ein bereits für Förderpotentiale sensibilisiertes Mittelschichtsklientel bedient. Bestehende Bedarfe, die derzeit erst bei der Einschulung sichtbar werden, werden vom System Frühförderung bisher zu wenig erfasst.

Das vierte Kapitel widmet sich der Umsetzung der Komplexleistung Frühförderung in den einzelnen Bundesländern. Es beschreibt eine große Heterogenität in der Ausgestaltung, die insgesamt als „halbherzig“ bewertet wird. Grund sei der fehlende Strukturwandel bei neuer Konzeption. Interdisziplinäre Ansätze werden genauso selten wie Eltern- und Familienarbeit finanziert, sodass es häufig der Improvisationsgabe der beteiligten Akteure überlassen bleibt, wie sie ihre hohen fachlichen Ansprüche realisieren.

Das fünfte Kapitel umreißt sechs verschiedene Aufgabenfelder der Frühförderung: Früherkennung, Diagnostik, Erstellung des Förder- und Behandlungsplans, Behandlung und Förderung des Kindes, Elternbegleitung und schließlich Netzwerkorientierung u. Öffentlichkeitsarbeit.

Das sechste Kapitel zeigt Beispiele innovativer Ansätze der Frühförderung. Es gibt sie also doch schon, die gelungene Umsetzung, aber eben viel zu selten! Gezeigt werden Beispiele, die sich durch einen offenen Zugang, flexible Angebotsstrukturen und Diagnostikverfahren im Rahmen interdisziplinärer Kooperation, durch Zusammenführung von Eingliederungs- und Jugendhilfe im Rahmen von Sozialraumbudgets und durch Frühförderung als Bestandteil von wohnortnahen Familienzentren in überschaubaren Sozialräumen auszeichnen.

Im siebten Kapitel plädiert Sohns noch einmal eindringlich für ein abgestimmtes Gesamtsystem Frühförderung, das bestehende Konkurrenzstrukturen überwindet und fachübergreifende interdisziplinäre Kooperationen im Sinne einer Gesamtplanerstellung ermöglicht.

Zielgruppen

Vorrangig PraktikerInnen aus folgenden Bereichen: Frühförderung, Heilpädagogik, Behindertenhilfe, Soziale Arbeit, Medizin, Psychologie, Therapie, Schule, interessierte Eltern.

Fazit

Sohns beleuchtet in der vorliegenden Veröffentlichung die Potentiale der Neuordnung des Hilfesystems der Frühförderung, relativiert jedoch die anfänglich gehegten Hoffnungen auf den großen Wurf, da auch noch 10 Jahre nach Einführung des SGB IX eine große Diskrepanz zwischen fachlichen Ansprüchen und praktischer Umsetzung zu verzeichnen ist.

Der Anspruch des Buches, Grundlagen-Informationen für ein „Empowerment für die Frühförderfachkräfte“ zu vermitteln, wird nur bedingt eingelöst. Während die rechtlichen Rahmenbedingungen ausführlich thematisiert werden, erscheinen die theoretischen Grundlagen, Handlungskonzepte und Forschungsergebnisse eher oberflächlich dargestellt. Ein Schwerpunkt liegt in der Darstellung der Umsetzung der Komplexleistung Frühförderung in den einzelnen Bundesländern. Hier findet sich eine ausführliche Bestandsaufnahme der Situation der einzelnen Bundesländer. Der Gewinn des Buches liegt damit in einer detaillierten und kritischen Bestandsaufnahme der Umsetzung der Frühförderung als Komplexleistung 10 Jahre nach Einführung des SGB IX.

Die Gestaltung gewinnt durch zahlreiche eigene Kommentierungen und lebendige Fallbeispiele eine ganz eigene Note. Allerdings wird die Lesbarkeit durch fehlende Überleitungen, Fokussierungen und Zusammenfassungen etwas beeinträchtigt.


Rezensentin
Prof. Dr. Annette Clauß
Duale Hochschule Baden-Württtemberg, Villingen-Schwenningen, Fakultät Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Annette Clauß. Rezension vom 15.03.2011 zu: Armin Sohns: Frühförderung. Ein Hilfesystem im Wandel. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020012-8. Reihe: Praxis Heilpädagogik - Handlungsfelder. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10433.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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