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Mart Busche, Laura Maikowski u.a. (Hrsg.): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken

Cover Mart Busche, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp, Ellen Wesemüller (Hrsg.): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. transcript (Bielefeld) 2010. 327 Seiten. ISBN 978-3-8376-1383-4. 29,80 EUR, CH: 41,00 sFr.

Reihe: Gender studies.
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Thema

Mädchenarbeit kann seit den 1980er Jahren als zentrale Impulsgeberin für die differenzsensible Gestaltung bildungspolitischer und sozialpädagogischer Praxen verstanden werden. So sensibilisiert Mädchenarbeit, indem sie die in der Jugend- und Bildungsarbeit lange Zeit ausgeblendeten Bedürfnisse und Problemlagen von Mädchen in den Fokus rückt, allgemein für die Notwendigkeit (geschlechter-)differenzbewusster Perspektiven in der pädagogischen Theorie und Praxis. Zugleich erweisen sich mädchenpädagogische Angebote und Konzepte als wichtige Beiträge zur Gestaltung einer geschlechtergerechteren Gesellschaft. Ungeachtet ihrer Erfolge und Errungenschaften ist Mädchenarbeit aber weiterhin und immer wieder Anfechtungen ausgesetzt und muss sich für ihre differenzsensiblen Ansätze und Konzepte rechtfertigen. So wird Mädchenarbeit zum einen seit Mitte der 1990er Jahre mit dem Einwand konfrontiert, die heutige Mädchengeneration sei so selbstbewusst und gleichberechtigt, dass eine spezielle Unterstützung überflüssig sei. Zum anderen werden aus der Genderforschung selbst Einwände gegen eine pädagogische Praxis formuliert, die von der Einheit aller Mädchen und Frauen ausgehe und dabei die Differenzen innerhalb der Genusgruppe wie auch die vielfältigen Verknüpfungen mit anderen Differenzlinien wie Ethnizität oder Klasse unberücksichtigt lasse.

Auf beide Einwände gibt der von Mart Busche, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp und Ellen Wesemüller herausgegebene Sammelband ebenso überzeugende wie innovative und wegweisende Antworten aus der konkreten Bildungsarbeit mit Mädchen und Jungen. Schließlich sind die Herausgeber_innen wie auch alle in dem Band vertretenen Autor_innen selber als Pädagog_innen in der Alten Molkerei Frille, einer westfälischen Bildungsstätte, aktiv tätig (gewesen). Die Alte Molkerei Frille versteht sich als „Ort für geschlechtsbezogene politische Jugendbildung mit überwiegend `sozial benachteiligten´ Kindern und Jugendlichen“ (S. 9). Wie die Autor_innen selber schreiben, ging es ihnen darum „eine Leerstelle“ (S. 11) zwischen Theorie und Praxis zu füllen, indem die bestehenden Herausforderungen an Mädchenarbeit wie auch die aktuellen Umsetzungen und Weiterentwicklungen aus einer Perspektive theoriegeleiteter Praxis diskutiert werden. Dass dabei aktuelle gendertheoretische Überlegungen und Forderungen mitgedacht und umgesetzt werden, wird auch in der Zusammenstellung der Autor_innen deutlich. Vor dem Hintergrund der Einsicht, dass Mädchenarbeit nicht loszulösen ist von Jungenarbeit, sind nämlich explizit auch männliche Pädagogen als Autoren beteiligt; zugleich werden jungenpädagogische Themen aufgegriffen und bearbeitet.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einführung geben die Herausgeber_innen drei zentrale Themen an, die für die Beschäftigung mit der Weiterentwicklung feministischer Mädchenarbeit richtungsleitend sind: Erstens die nach wie vor bestehenden strukturellen Ungleichheiten und Gewaltverhältnissen, von denen Mädchen betroffen sind, zweitens eine dekonstruktive, das heißt eine geschlechtsbezogene Ansätze und Praxen kritisch reflektierende Haltung sowie drittens eine Orientierung an dem Konzept der Intersektionalität, durch das die unterschiedlichen Zugehörigkeiten und Positionierungen der Mädchen in ihrer Vielfalt in den Blick gerückt werden sollen.

Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Perspektiven bieten die Herausgeber_innen einen vielfältigen Einblick in aktuelle genderpädagogische Überlegungen und Konzepte. Schwerpunkte bilden dabei solche Überlegen, die sich kritisch mit den normativen und machtvollen Aspekten von Differenzordnungen befassen, diese reflexiv im Rahmen von Mädchen- und Jungenarbeit zu bedenken und mit anderen Kategorien in Verbindung zu setzen suchen.

In einem ersten Zugang werden deshalb auch Möglichkeiten und Perspektiven einer normativitätskritischen Praxis diskutiert. In den Blick rücken dabei Konzepte heteronormativitätskritischer und transgenderorientierter Pädagogiken (Ines Pohlkamp, Regina Rauw), Ansatzpunkte einer die Kategorie „Klasse“ reflektierende Mädchenarbeit (Ellen Wesemöller) sowie pädagogische Aspekte im Umgang mit sozial benachteiligten Mädchen (Ines Pohlkamp, Malgorzata Soluch). Mit den möglichen rassistischen und machtvollen Effekten im Umgang mit Mädchen und Frauen of Color setzen sich dann die Beiträge von Fidan Yiligin, Svenja Reimann und Jennifer Vogt auseinander. Auch hier werden mit Bezug auf konkrete Situationen in der Mädchenarbeit praktische Handlungsempfehlungen und Reflexionshilfen gegeben. In einem weiteren Zugang beschäftigen sich die Pädagog_innen mit den besonderen Bedingungen und Aufgaben geschlechtssensibler Pädagogiken in koedukativen Settings (Mart Busche, Laura Maikowski) und stellen ein Konzept zur geschlechtersensiblen Arbeit mit tauben Jugendlichen vor (Laura Maikowski im Interview mit Sabine Pacalon).

Auf die ebenso notwendigen wie bedeutsamen Verbindungen zwischen Mädchen- und Jungenarbeit weisen die nachfolgenden Beiträge hin. Während Mart Busche ihre Erfahrungen als weiblich wahrgenommene Teamerin in der Jungenarbeit reflektiert, werden in dem Beitrag von Mart Busche und Michael Cremer Möglichkeiten einer intersektional ausgerichteten Jungenarbeit vorgestellt. Björn Nagel hingegen zeigt auf, wie in der Jungenarbeit Bilder von Mädchen reproduziert werden.

Der Band endet mit einer weiterführenden Positionsbestimmung. So ziehen Regina Rauw und Michael Drogand-Strud in ihrem Aufsatz ein Resümee über die Veränderungen und Kontinuitäten der vergangenen 20 Jahre geschlechtsbezogener Arbeit in der Friller Bildungsstätte. Daran anschließend diskutieren ehemalige und aktuelle Mitarbeiterinnen der Einrichtung Wandlungsprozesse in der geschlechtsbezogenen Pädagogik und benennen neue und alte Themen von Mädchen. Das abschließende von Mart Busche und Ellen Wesemöller konzipierte „Manifest für Mädchen_arbeit“ fasst die aktuellen Maximen und Postulate von und für die Mädchenarbeit noch einmal pointiert zusammen.

Diskussion

Der von Mart Busche, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp und Ellen Wesemüller herausgegebene Sammelband erweist sich als perspektivreiche Auseinandersetzung mit den aktuellen Anforderungen und Herausforderungen (geschlechter-)differenzsensibler Pädagogiken. Dabei gelingt es dem Band die theoretischen Debatten der Geschlechterforschung an die konkreten Anforderungen der Praxis rückzubinden. Der in der Einleitung formulierte Anspruch der Herausgeber_innen, die bestehende Leerstelle zwischen Theorie und pädagogischer Praxis zu füllen, kann damit als überaus überzeugend eingelöst verstanden werden. Insbesondere die in zahlreichen Beiträgen zu findenden Reflexionen und Diskussionen konkreter Praxisbeispiele geben ebenso anregende wie theoretisch fundierte pädagogische Impulse. Zugleich widerlegen diese Praxisreflexionen solche Einwände, die den dekonstruktiven und intersektionalen Theorien eine mangelnde Praxistauglichkeit vorwerfen.

Neben der gelungenen Theorie-Praxis-Verknüpfung zeichnet sich der Band durch zwei weitere Besonderheiten aus: zum einen durch eine durchgängig machtkritische Perspektive der Autor_innen, die sich immer wieder selbstreflexiv auf die Analyse der eigenen Haltungen und Konzepte richtet und zum anderen durch ein Subjektverständnis, das die Subjekte zwar als durch Strukturen beeinflusst und bedingt erkennt, andererseits aber auch deren Handlungsfähigkeiten zu betonen und zu stärken sucht.

Gleichzeitig vermittelt der Band den Eindruck, dass eine solch hoch selbstreflexive und machkritische Arbeit keine „Last“ ist, sondern Spaß machen und zu einer weiteren Professionalisierung der Praxis beitragen kann. Insbesondere die dialogische Form der Beiträge verdeutlicht, dass das „Weiterdenken“ in der Bildungsarbeit als gemeinsamer Austauschprozess verstanden werden muss, bei dem es Gemeinsamkeiten zu entdecken aber auch Kontroversen und Veränderungen zuzulassen gilt. Allein: Gerade weil der Band sich für eine selbstreflexive, Normen kritisch bedenkende Pädagogik stark macht, hätten vielleicht auch noch die Effekte dieser Anforderungen für die Pädagog_innen bedacht werden können. So kann das von den Autor_innen profilierte Profil der hochreflexiven, intersektional und dekonstruktiv denkenden Pädagog_in ja selber eine normative Anrufung und Anforderung an (zukünftige) Praktiker_innen darstellen.

Fazit

Dem von Mart Busche, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp und Ellen Wesemüller herausgegebenen Sammelband gelingt es auf inhaltlich beeindruckende wie gut lesbare Weise Mädchenarbeit innovativ weiter zu denken. Die in dem Band versammelten Beiträge verdeutlichen den Nutzen eines reflexiven, machtsensiblen und theoriegeleiteten Vorgehens - und zwar sowohl für die Adressat_innen wie auch für die Pädagog_innen. Zugleich können sie als reflexive und engagierte Fortführungen bestehender Konzepte verstanden werden, im Zuge derer die machtkritische Funktion feministischer Theorie und Praxis nicht aufgegeben, sondern um wichtige Perspektiven auf alte und neue Ungleichheitsverhältnisse ergänzt wird. Die engagierte und reflektierte Weise, mit der die Autor_innen ihr Verständnis von „Weiter“ profilieren, lädt somit nicht nur zum (Weiter-)Denken, sondern ebenso zu einem selbstreflexiven (Weiter-)Machen ein.


Rezensentin
Prof. Dr. Melanie Plößer
Homepage www.fh-bielefeld.de/fb4/personen/ploesser
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Zitiervorschlag
Melanie Plößer. Rezension vom 12.07.2011 zu: Mart Busche, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp, Ellen Wesemüller (Hrsg.): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1383-4. Reihe: Gender studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10439.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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