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Dorothee Kimmich (Hrsg.): Kulturtheorie

Cover Dorothee Kimmich (Hrsg.): Kulturtheorie. transcript (Bielefeld) 2010. 300 Seiten. ISBN 978-3-8376-1284-4. 19,80 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Basis-Skripte - Band 1.
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Kultur ist…?

Ist Kultur, „wenn man es trotzdem tut“; oder „weil man es immer schon so getan hat“; oder „was man tut“…? Dieser primitive Zugang sei verziehen; aber die Frage, was Kultur ist, bewegt die Geister des Alltags und der Wissenssphären über die Jahrtausende hinweg. Die cultura animi wird beim römischen Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.) zum „lebendigen Geist“, und für den italienischen Rechtsphilosophen Giovanni Battista Vico (1668 – 1744) zum „Menschheitsziel“ überhaupt. In der Präambel der Verfassung der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) vom 16. November 1945 heißt es u. a, dass „.die weite Verbreitung der Kultur und die Erziehung des Menschengeschlechts zur Gerechtigkeit, zur Freiheit und zum Frieden für die Würde des Menschen unerlässlich sind und eine heilige Verpflichtung darstellen, die alle Völker im Geiste gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Anteilnahme erfüllen müssen“. Damit sind zwar Fixpunkte im Diskurs um Menschlichkeit und Humanität gesetzt – aber die Frage, was Kultur ist, wird damit nicht hinlänglich beantwortet. In der von den Vereinten Nationen für die Jahre 1988 bis 1997 ausgerufenen Weltdekade für kulturelle Entwicklung wird postuliert, dass Kultur friedensstiftend ist und definiert, dass „Kultur heute als die Gesamtheit aller geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden kann, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen“. Als Ziele der Weltdekade wurden festgelegt, dass die kulturelle Dimension bei jeder Form von (individueller, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, kultureller…) Entwicklung berücksichtigt werden muss; dass es gilt, die kulturellen Identitäten der Menschen überall auf der Welt zu stärken; dass eine Ausweitung der Teilnahme aller Bevölkerungsschichten am kulturellen Leben notwendig ist; und dass die internationale kulturelle Zusammenarbeit gefördert werden soll.

Spätestens seit dem Cultural turn, als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Geistes- und Sozialwissenschaften in stärkerem Maße ein erweitertes Kulturverständnis aufnahmen und die kulturelle Blickrichtung hin zur Gesellschaft wendeten, haben auch die Kulturtheorien einen festen Platz im sozialwissenschaftlichen Denken, Forschen und Lehren. Damit entwickeln sich auch ganz unterschiedliche Zugänge, Kulturtheorien zu begründen: Es sind ideengeschichtliche und vor allem anthropologisch-gesellschaftliche Entwürfe, bei denen es darum geht, eine „Balance zwischen Relativismus und Universalismus zu finden“, die sich auf die folgenden Definitionen von Kulturtheorie stützen:

  • Theorien, die „aus unterschiedlichen theoretischen und disziplinären Perspektiven Erklärungsangebote sowohl für den Wirkungszusammenhang von Kultur und Gesellschaft als auch für Kultur als einen mehr oder weniger eigenständigen Phänomenbereich“ bieten (Peter M. Heil, 1998);
  • Theorien, als Teil eines „kulturtheoretischen Feldes…, dessen kleinster gemeinsamer Nenner in einem wachsenden Interesse für die kulturellen Dimensionen des Sozialen besteht“ (Stephan Moebius / Dirk Quadflieg, 2006);
  • Kulturtheorien, die die Perspektive vermitteln, „dass die Welt für den Menschen nur insofern existiert, als ihr auf der Grundlage von symbolischen Ordnungen Bedeutungen zugeschrieben und sie damit gewissermaßen erst sinnhaft produziert wird“ (Andreas Reckwitz, 2006).

Entstehungshintergrund

Theoretische Auseinandersetzungen, beim wissenschaftlichen Lernen, Argumentieren und Forschen, bedürfen eines objektiven (Denk-)Gerüstes, also einer Theorie. Studierenden werden immer wieder Textauswahlen angeboten, in denen die für das Fach und die Studienrichtung wichtigen Quellentexte zusammen gefasst sind. Die Auswahlkriterien bestimmen dabei sowohl das (vermeintliche, gewollte oder tatsächliche) Who is who, als auch pragmatische Überlegungen darüber, was für die Studierenden in der jeweils projektierten Studienzeit, dem Studienziel, der Intensität und der Qualifizierungsstufen angezeigt und machbar ist. Die Textauszüge sollen natürlich, im Sinne eines echten Studierens, anregen, sich intensiver mit den Originalen der ausgewählten Literatur auseinander zu setzen. Die Auswahlkriterien dieser Textvorlagen sind zwangsläufig subjektiv gefärbt und orientieren sich entweder an dem im jeweiligen Wissenschaftsbereich angesagten Mainstream, oder bewusst unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt, an konträren Positionen.

Im vorliegenden Fall haben die Literaturwissenschaftlerin an der Universität Tübingen, Dorothee Kimmich, die ebenfalls dort lehrende Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Schamma Schahadat und der Ethnologe von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, Thomas Hauschild klassische Schlüsseltexte „zu den zentralen und aktuellen Wissensgebieten innerhalb der Kulturwissenschaften“ ausgewählt, und zwar überwiegend orientiert an den Bedürfnissen, wie sie in der akademischen Lehre gefordert und benutzt werden. Der Band „Kulturtheorie“ wird in der von Kimmich und Schahadat begründeten Reihe „Basic-Scripts. Reader Kulturwissenschaften“ herausgegeben.

Aufbau

Das Herausgeberteam gliedert die Textsammlung in die Kapitel „Das Heilige und das Profane“, „Natur und Kultur“, „Das Eigene und das Fremde“ und „Herausforderungen der Moderne“. In jedem Kapitel werden drei bzw. vier Texte von Vertretern abgedruckt, die „die Reflexion auf Kultur im 20. Jahrhundert aus den Bereichen der Anthropologie, der Soziologie und der Kulturwissenschaften“ bilden und die Bereiche der anthropologischen Theoriebildung und der frühen, klassischen Soziologie umfassen. Die Texte in jedem Kapitel werden mit einem Essay eingeleitet.

1. „Das Heilige und das Profane“

Das erste Kapitel führt Schamma Schahadat ein, indem sie deutlich macht, dass eine Grunderfahrung menschlicher Kultur in der Unterscheidung von „Heilig“ und „Profan“ zu sehen ist. Die Entdeckung, dass die eigene kulturelle Identität und die angestammten Lebens-, Sitten- und Moralauffassungen dadurch erklärt, verstanden und ihrer habhaft gemacht werden kann, indem der Blick über den eigenen ethnischen und kulturellen Gartenzaun gerichtet wird, ist eine, die sich im 19. Jahrhundert durch die Neugier und das Staunen über das Andere, das Klassische, Primitive… entwickelt hat; freilich mit vielfältigen Irrunngen, Höherwertigkeitsvorstellungen und Rassismen verbunden. Die inter- und transkulturelle Sichtweise – „Ich bin ich in dir!“ – ist gerade erst dabei, sich zaghaft und schwergängig in unser Bewusstsein zu bringen. Denn die „Entzauberung der Welt“, durch die Technisierung, Säkularisierung, das Machbarkeits- und Wachstumsdenken und globalisierte Entgrenzung, konnte die „Sphären des Heiligen“ nicht verdrängen, höchstens relativieren.

In dieser Übergangssituation der Infragestellung des „Sakralen“ und der Betonung des „Profanen“ ist die Studie des französischen Ethnologen Arnold van Gennep über „Übergangsriten“ (. Les rites de passage, 1909) von Bedeutung. Er zeigte auf, dass Rituale immer im gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet und bewertet werden müssen. Übergange – Passagen und Phasen – seien Anzeiger für die im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und im Vergleich mit Ritualen aus anderen Kulturen sich darstellenden Bedeutungen. Die Herausgeber wählen aus van Genneps Werk das Kapitel über „räumliche Übergänge“ aus, als Exempel für die Erkenntnis, dass zu den Übergangsriten sowohl räumliche, als auch zeitliche, Zustands-, positions-, Status- und Altersgruppenwechsel gehören und van Gennep eine Klassifizierung vornimmt, indem er von Trennungsriten (rites de separation), Übergangs- bzw. Schwellenriten (rites de marge) und Angliederungsriten („rites d„agrégation“ spricht. „Räumliche Übergänge“ signalisieren gesellschaftsstabilisierende, -ordnende und –trennende Elemente. Die Gesellschaft bilde gewissermaßen ein strukturiertes Haus mit verschiedenen Stockwerken, Fluren, Räumen und Funktionen, mit Haupt- und Nebeneingang. Die Benutzung ist verbunden mit „Riten des Hineingehens, Wartens und Hinausgehens“, und natürlich des „Aufhaltens“, also des Lebens. Auch die „Initiationsriten“, wie der kurze ausgewählte Text zeigt, sind Übergangsriten und in den verschiedenen Kulturen institutionalisiert und im Lebensablauf integriert.

Der zweite ausgewählte Text ist überschrieben mit „Transgression: Rausch, Ekstase, Karneval“. Er stammt aus dem Buch „Théorie de la religion“, das der französische Schriftsteller, Philosoph und Mitbegründer des Pariser „Collège de Sociologie“, Georges Bataille, 1974 veröffentlichte und 1997 als „Theorie der Religion“ in deutscher Sprache erschien. Mit der „Theorie der Transgression“. Indem Bataille das Gegensatzpaar heilig / profan durch heterogen / homogen ersetzt und zudem den Begriff der „Intimität“ in den soziologischen Diskurs einbringt, zeigt er „die Immanenz von Mensch und Welt, von Subjekt und Objekt“ auf.

Das Ritual des Opfers, gewissermaßen als Stellvertreter (Sündenbock) zur Schaffung und Wiederherstellung einer von der Gesellschaft und dem sittlich-moralischen und kulturellen Denken und Handeln gewollten Ordnung, thematisiert der französische Kulturanthropologe und Religionsphilosoph René Girard in seinem 1972 in Paris erschienenem Buch „La violence et le sacré“, 1992 in deutscher Sprache als „Das Heilige und die Gewalt“ publiziert. „Es gehört zur Funktion des Opfers, interne Gewalttätigkeiten zu besänftigen und das Ausbrechen von Konflikten zu verhindern“ (erlaubt sei in diesem Zusammenhang der Verweis des Rezensenten auf Bertolt Brechts Schulopern „Der Jasager und Der Neinsager“, es 171/1975).

Der Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Dürr fragt in seinem Text, der 1978 in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie erschienen ist: „Können Hexen fliegen?“. Die Unsicherheiten und die Suche nach neuen Standortbestimmungen in der schuldbelasteten deutschen Nachkriegszeit, insbesondere in der Religionspsychologie und Ethnologie, konnten ein Werk wie Dürrs „Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation“ (1978) hervor bringen. Der Autor diskutiert mythische, mystische, psychedelische und irrationale Riten und Gebräuche aus verschiedenen Kulturen und Mentalitäten mit dem Ziel, „diese archaische Art der Wahrnehmung für eine entzauberte, technisierte Welt zu retten“.

2. „Natur und Kultur“

Das zweite Kapitel „Natur und Kultur“ kommentiert Thomas Hauschild. Mit dieser in der europäischen Ideengeschichte postulierten Gegenüberstellung wird sowohl die Raum-, als auch die Machtbedeutung von cultura und colere, von Kultivierung und Kolonisierung, deutlich. In der wechselhaften Verbundenheit, vom Gleichklang bis zu den Entzerrungen und Rissen, lässt sich die geschichtliche und geisteswissenschaftliche Diskussion um Materialismen, Idealismen und Dekonstruktionen lesen als Grenzziehungen und Grenzauflösungen. Die ausgewählten Textbeispiele orientieren sich dabei an der „kulturwissenschaftlichen Wende“, die es ermöglicht, dass „Kultur ( ) einen `Denkraum` (öffnet), in dem die Erkenntnis materieller Zusammenhänge abstrahiert wird“, diesseits und jenseits von Kulturrelativismen und menschenrechtlichen Gewissheiten (vgl. dazu auch: Carsten Würmann / Martina Schuegraf / Sandra Smykalla / Angela Poppitz, Hg., Welt. Raum. Körper. Transformationen und Entgrenzungen von Körper und Raum, Bielefeld 2007, Rezension).

Der Text des französischen Ethnologen und Kulturtheoretikers Claude Lévi-Strauss (1908 – 2009), La Geste d`Asdiwal, wurde 1958 erstmals veröffentlicht und als „Geschichte von Asdiwal“ 1973 in deutscher Sprache vorgelegt. Es geht um den Eingeborenen-Mythos der kanadischen Tsimshian-Indianer, in dem Strauss den sich über Jahrhunderte hinziehenden (europäischen) geistesgeschichtlichen Diskurs um den Konflikt zwischen Idealismus und Materialismus thematisiert. Der Mensch wird dabei als „Mittelpunkt der Natur“ entmachtet und zum „störrischsten Anhängsel, das durch seinen `Hyperaktivismus` eine vieldeutige Kultur und Technologie aufbaut und damit schließlich die Natur, auch seine eigene, überwuchert und transformiert“. Die Deutung ist eindeutig: Wird ein angestammter Mythos und ein Bedeutungszusammenhang von einer kulturellen Gruppe auf eine andere übertragen und in dieser Assimilation durch sprachliche Missverständnisse und mangelhafte Interpretationen, andere soziale Auffassungen, Einstellungen und Lebensweisen unzureichend kommuniziert und vermittelt, verarmt der Mythos und verliert an Bedeutung. Diese Weisheit übrigens lässt sich – auch heute – an vielen Problemen unserer Integrationsdebatte verdeutlichen.

Die US-amerikanische Anthropologin Sherry B. Ortner gilt als eine der führenden Vertreterinnen der feministischen Anthropologie. Sie hat den Text „Is Female to Male as Nature is to Culture?“ 1974 produziert; er ist 1993 als „Verhält sich weiblich zu männlich wie Natur zu Kultur?“ in die deutsche Veröffentlichung „Unbeschreiblich weiblich. Texte zur feministischen Anthropologie“ aufgenommen worden. Da wird die „Universalität weiblicher Unterordnung“ thematisiert, und es werden die Zuschreibungen der näheren Nähe der Frau zur Natur als zur Kultur kritisch und empathisch diskutiert.

Der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour plädiert in seinem Essay „Nous n`avons jamais été modernes“, 1991 publiziert und 1995 auf Deutsch erschienen als „Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie“, für eine Synthese von Geist und Natur. Dabei führt er aus, dass dem Wort „modern“ ganz unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden; etwa die der „Übersetzung“ von Praktiken in „vollkommen neue Mischungen zwischen Wesen: Hybriden, Mischwesen zwischen Natur und Kultur“, und das der „Reinigung“, indem „zwei vollkommen getrennte ontologische Zonen, die der Menschen einerseits, die der nicht-menschlichen Wesen andererseits“ geschaffen werden. Die sich daraus ergebenden Fragen und spekulativen wie konsumtiven und humanen Annahmen sind noch nicht beantwortet; und sie sind zu adressieren an die Prämodernen, Modernen und Postmodernen.

3. „Das Eigene und das Fremde“

Im dritten Kapitel „Das Eigene und das Fremde“ thematisieren Dorothee Kimmich und Schamma Schahadat die vielfältigen, ego-, ethno- und eurozentrierten Auffassungen vom Fremden und den Fremden im Laufe der Menschheitsgeschichte. Die Primitiven und Wir, die Barbaren und Wir, bis hin zu der „Entdeckung“ Amerikas und dem Staunen in der Moderne, dass „das Fremde einerseits in der Ferne gesucht, andererseits aber auch zu Hause gefunden (wird)“. Es ist das humane Maß der „Reichweite von Wahrnehmung“, das die Auswahl der vier Texte dieses Kapitels bestimmt: Das Exotische im Kontext einer Kulturtheorie des Fremden, das ästhetische Fremde, und der Fremde, der die Fremdheitserfahrung besonders seit der Moderne verkörpert.

Der in den vorherigen Texten immer wieder zitierte französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss (1872 – 1950) kommt mit seiner „Kulturtheorie des Exotischen“ endlich zu Wort. Es ist der Gabentausch, das Geben und Nehmen im menschlichen Zusammenleben, der das soziale Leben bestimmt. Mit seinem „Essai sur le don“, in dem er 1923/24 den Ursprung der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Interaktion im Geben beschreibt: „Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“ (1990). In der je unterschiedlichen Bedeutung von Eigentum, Besitz, Pfand, Leihgabe, Kauf, Verkauf, Depositum, Mandat…, und in der je verschiedenen, kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auslegung und Verwendung der Gabe werden Fehlentwicklungen – etwa hin zum Geiz, zum Wucher, zum Unmäßigen – deutlich, und es zeigen auch a u c h heute Notwendigkeiten zur Auseinandersetzung mit der „symbolischen Anthropologie“, wie sie von Mauss und Clifford Geertz (1998) entwickelt wurde.

Der polnische Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski (1884 – 1942) gilt in der Ethnologie als der „Vater der Feldforschung“. Seine Beobachtungen, Beschreibungen und Interpretationen gelten als Wegweiser für die Forschung, bis heute. Mit seinem Text „Baloma – die Geister der Toten auf den Trobriand-Inseln“, im Pazifik, die in englischer Sprache erst 1948, also nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung erkennt Malinowski, dass es nicht nur Fremde für die Fremden, sondern auch Fremde im Eigenen gibt.

Endlich auch Clifford Geertz (1926 – 2006). Der US-amerikanische Ethnologe hat die „interpretative Ethnologie“ im wesentlichen mit geprägt. Als „dichte Beschreibung“ schildert er in seinem Text „Deep Play: Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf“, als englischer Originaltext 1973 und 2002 in deutscher Übersetzung erschienen, die in der balinesischen Kultur eingebundenen Mythen, Riten und Bedeutungszuordnungen im feierlichen und alltäglichen Leben der Menschen. „Der Hahn bin ich“ – diese interpretationsbedürftige und missverständliche Aussage gewinnt ihre Bedeutungskraft im Ritual des Hahnenkampfes; es ist „der Einsatz von Emotionen für kognitive Zwecke“.

Der Ethnologe Fritz Kramer formuliert mit seinem Text „Geist, Bild, Realität“, 2005 erschienen, die Notwendigkeit des Perspektivenwechsels in der Betrachtung und im Vergleich von kulturellen Handlungen. Am Beispiel einer Beschreibung vom afrikanischen Denken über das leiblich-geistige Dasein und die Vorstellungen von seiner eigenen Existenz, vom Mitmenschen, von der Welt und vom göttlichen Wesen, zeigt er auf, dass der Fremde als verkehrte Welt wahrgenommen wird; eine für die Interpretation und Inbesitznahme von Bildern, Anschauungen, Anhörungen, Gesten und Gestalten wichtige Standortbestimmung; denn „die Fremdheit der Herkunft erscheint als Fremdheit der Formulierungen, und diese ist nicht Hindernis, sondern Voraussetzung eines bestürzten Wiedererkennens“.

4. „Herausforderungen der Moderne“

Im vierten Kapitel „Herausforderungen der Moderne“ versammelt Dorothee Kimmich vier weitere Texte. Sie lässt die Moderne mit der Jahrhundertwende um 1900 beginnen. Als die Geschwindigkeiten des menschlichen Daseins rapide zunahmen und die Grenzziehungen öfter einen Blick darüber hinaus ermöglichten, auch in der Kommunikation und kulturell, die Menschen weltweit zunahmen und die Städte wuchsen, wucherten auch die scheinbaren Gewissheiten, dass der Mensch alles kann! Das ist die problematische Seite der Moderne, und es ist der eurozentrierte Blick – und die Hegemonie – die es notwendig machen, über die Moderne auch im kulturellen Sinne, theoretisch und praktisch, lokal und global, nachzudenken.

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858 – 1918) beschreibt in seinem Text „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1901/08) die Situation und die Problematik des modernen Lebens die Verletzlichkeit der Individualität der Menschen in den Massenansammlungen der Städte, die Entstehung des Industrieproletariats, aber auch die Freiheits- und Emanzipationsbestrebungen und –erfolge in dieser „nervösen Zeit“ – „denn die gegenseitige Reserve und Indifferenz, die geistigen Lebensbedingungen großer Kreise, werden in ihrem Erfolg für die Unabhängigkeit des Individuums nie stärker gefühlt, als in dem dichtesten Gewühl der Großstadt, weil die körperliche Nähe und Enge die geistige Distanz erst recht anschaulich macht“.

Der deutsch-amerikanische Soziologe, Publizist und Filmwissenschaftler Siegfried Kracauer (1889 – 1966) wird als der Begründer der Soziologie der modernen Großstadt und Massenkultur bezeichnet. In seinem Beitrag „Die Angestellten – Aus dem neuesten Deutschland“(1930 / 2006) analysierte Kracauer die Situation im aufstrebenden Berlin der 1920er / 1930er Jahre. Er verstand die Arbeit als Diagnose einer gesellschaftlichen Entwicklung, bei der die durch die Industrialisierung und Entstehung von Großbetrieben eine Schicht entstand, die sich als „Mittelschicht“ verstand, aber sich, so der Autor, vor allem dadurch vom Arbeiter-Proletariat unterschied, dass die Masse der Angestellten „geistig obdachlos“ seien. Es seien die Lustbarkeiten, Vergnügungen und Zerstreuungen, die auf der Kinoleinwand, dem Varietétheater und im Luna-Park auf sie einströmen, die sie betäubten und orientierungslos machten (vgl. in dem Zusammenhang auch den kontroversen Diskurs um die Funktion, Bedeutung und Macht der „Mittelschicht“ in Deutschland: Herfried Münkler: Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung., Berlin 2010, Rezension).

In diesem Reigen der Kritiker am (kapitalistischen) Wirtschafts- und Gesellschaftssystem darf natürlich der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930 – 2002) nicht fehlen. Mit seinem Buch „Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital“, das 1983 erstmals in deutscher Sprache erschienen ist, unternimmt Bourdieu den Versuch, den Begriff „Kapital“ nicht nur in der wirtschaftlichen Bedeutung zu betrachten, sondern, angelehnt an Émile Durkheim, Max Weber, Karl Marx – und über sie hinaus denkend, „Kapitalumwandlungen“ zu vollziehen und kulturelles und soziales Kapital in den soziologischen und kulturanthropologischen Diskurs einzubringen

Der Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ von Sigmund Freud lässt sich, durchaus im Freudschen Sinne als „Kränkung“ des durch das Individuum mühsam angeeigneten Selbstbewusstseins vom „Ich“ lesen – Freud formuliert, dass das Ich nicht „Herr im eigenen Haus“ sei, sondern das Unbewusste auch Eingang in die kulturtheoretische Debatte und das Subjektverständnis der Jahrhundertwende gefunden hat. Mit dem 1917 verfassten Text weist Freud auf drei Irritationen („Kränkungen“) hin, die sich im wissenschaftlichen Diskurs um die „Zerstörung der narzißtischen Illusion“, die Darwinsche Lehre von der Abstammung der Menschen vom Tierreich und der Verlustigkeit des Ich-Bewussten.

Fazit

Natürlich werden viele, die zum Buch „Kulturtheorie“ greifen, sich fragen, warum das Wort in der Einzahl steht; gibt es doch zahlreiche Kulturtheorien und auch nicht nur eine Auffassung von Kulturwissenschaft. Ebenso an der Auswahl der Texte werden sich einige stoßen und diesen und jenen Text vermissen, ihn unbedingt dazugehörend deklarieren. Doch die HerausgeberInnen und das Autorenteam haben diese Kritik mit ihrer Zielsetzung abgemildert, dass sie mit dem Studienbuch keinesfalls Vollständigkeit anstreben (was natürlich auch gar nicht möglich wäre!), sondern eine repräsentative Auswahl von wichtigen, theorieweisenden Standpunkten und Entwicklungen treffen wollten. Alle ausgewählten Texte und nicht zuletzt die den jeweiligen Kapiteln vorangestellten einführenden Reflexionen und Hinweisen des Herausgeberteams, verweisen auf weitere Denkrichtungen, die für ein wissenschaftliches Studium reflektiert und möglichst in der universitären Ausbildung diskutiert werden sollten.

Dass in der Sammlung fast ausschließlich europäische und US-amerikanische Denker und Theoretiker zu Wort kommen, signalisiert ein Bedürfnis und einen Auftrag für die Kulturwissenschaften: Den kulturellen, inter- und transkulturellen Diskurs auch mit denen zu führen, die in Lateinamerika, Asien und Afrika je eigene Theorien und Denkrichtungen entwickeln. Die interkulturelle, interreligiöse und kulturtheoretische Kooperation ist gefordert. Die Reihe „Basis-Scripte. Reader Kulturwissenschaften“ bietet hierfür eine gute Chance!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.12.2010 zu: Dorothee Kimmich (Hrsg.): Kulturtheorie. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1284-4. Reihe: Basis-Skripte - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10464.php, Datum des Zugriffs 23.08.2016.


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