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Jürgen Steiner: Sprachtherapie bei Demenz

Cover Jürgen Steiner: Sprachtherapie bei Demenz. Aufgabengebiet und ressourcenorientierte Praxis. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. 164 Seiten. ISBN 978-3-497-02174-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Praxis der Sprachtherapie und Sprachheilpädagogik - Band 5.
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Thema

Basierend auf einer heilpädagogisch orientierten Logopädie bei Demenz befasst sich die Publikation überblicksartig mit der Symptomatik des demenziellen Sprachabbaus. Das zu besprechende Buch zeigt auf, wie die Diagnostik in diesem Feld ressourcenorientiert und personenzentriert erfolgen kann. Darüber hinaus werden Einblicke in konkrete Rahmenbedingungen geliefert und Verfahren für die Einzel- und Gruppentherapie, die systemische Beratung sowie für die präventive Arbeit dargestellt.

Autor

Jürgen Steiner ist habilitierter Professor und Leiter des Studiengangs Logopädie an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. „Seine Arbeitsschwerpunkte sind Prävention, Diagnostik, Aphasie und Sprachabbau bei beginnender Demenz“ (S. 4).

Torsten Bur, der für das achte Kapitel verantwortlich ist, ist Abteilungsleiter der Logopädie im Bethanien-Krankenhaus Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Inspiriert zum Verfassen dieses Buches wurde der Autor u. a. durch:

  • „Watzlawick und Schulz von Thun (Kommunikationspsychologie),
  • die patholinguistische Denkweise von Peuser,
  • die dialogische Sicht von Martin Buber, die in Staemmler angepasst wird für die Grundlagen der Gestalttherapie,
  • die anthropologische Sicht von Viktor Frankl, der den Menschen als Wesen sieht, das dazu aufgerufen ist, Antworten auf Fragen zu finden, die das Leben an ihn stellt,
  • die systemische Sichtweise vor allem bei Capra und Bateson, die bei Huschke-Rhein für das Pädagogische fokussiert wird,
  • Tich Nath Han, dessen Thema die Praxis der Achtsamkeit ist,
  • sinnorientierte Management- und Rhetorikbücher, für die stellvertretend Anselm Grün genannt sei,
  • Brezinka und (wiederum) Huschke-Rhein, die in der Meta-Theorie und in der systemischen Sichtweise der Pädagogik als Disziplin Selbstvertrauen geben“ (S. 10).

Das eigentliche Motiv für das Engagement im Themenkreis Demenz führt Steiner auf die Begegnung mit an Demenz erkrankten Menschen zurück.

Aufbau

Die Publikation ist nach dem Vorwort in 9 Kapitel strukturiert:

1. Themenkreis Alter

  1. Altern als facettenreicher Begriff
  2. Demenz als gesellschaftliche Herausforderung
  3. Demenz und logopädische Fragestellungen
  4. Alte Menschen als gesellschaftliche Ressource

2. Demenz und heilpädagogische Logopädie

  1. Logopädie und Pädagogik
  2. Logopädie als Teil eines komplexen Systems
  3. Systemische Grundlagen einer heilpädagogischen Logopädie
  4. Normalität und Veränderung von Leistung im Alter
  5. ICF als Bezugsrahmen in der Geriatrie

3. Symptomatik des demenziellen Sprachabbaus

  1. Basisinformationen zu Demenz
  2. Sprache und Kommunikation im Kontext
  3. Sprachstrukturelle Aspekte
  4. Aspekte des Dialoges
  5. Nonverbale Kommunikation

4. Sprachheilpädagogische Diagnostik des demenziellen Sprachabbaus

  1. Diagnostik als interprofessionelle Aufgabe
  2. Klärung der Indikationsfrage
  3. Überblick über bestehende diagnostische Verfahren
  4. VABIA: Test kognitiver und kommunikativer Fähigkeiten
  5. Z-DD: Zürcher Demenz Diagnostik

5. Sprachheilpädagogisch-logopädische Therapie des demenziellen Sprachabbaus

  1. Logopädie im Gesamtkontext der therapeutischen Maßnahmen
  2. Übersicht über therapeutische Angebote
  3. Ziele, Kontexte und Wirksamkeiten
  4. Therapiedidaktik für die Arbeit mit Erwachsenen
  5. Verfahren für die Aktivierung der Sprachlichkeit

6. Systemische Beratung im Kontext Demenz und Sprachlichkeit

  1. Grundlagen für eine logopädische Beratung im Kontext Demenz
  2. Beratungsinhalte und Beratungskonzepte

7. Prävention von kommunikativem Rückzug im Alter

  1. Resilienz und Risiken im Alter
  2. Präventive Maßnahmen im Fokus Sprachlichkeit

8. Schluckstörungen bei fortgeschrittener Demenz – Berücksichtigung von Lebensqualität und Patientenwille

  1. Basisinformationen zu Dysphagie bei Demenz
  2. Fallbeispiele zur Dysphagie

9. Ausblick

Abgeschlossen wir das Buch von einem Literaturverzeichnis und einem Sachregister.

Inhalte

Die Bläck Fööss singen in einem ihrer unvergesslichen Schlager „En d„r Kayjass Nr. 0“ von einer steinalten Schule und dem ein unverfälschtes Kölsch sprechenden Lehrer Welsch, bei dem sie gelernt haben. Im Refrain heißt es da: „Nä nä dat wesse mer nit mih, janz bestemp nit mih“ Bläck Fööss 2010). So dürfte sich das auch für die demenziell Erkrankten anfühlen, wenn die Abbauprozesse unaufhörlich und unabänderlich voranschreiten.

Im ersten Kapitel führt Steiner in die geriatrische Logopädie. Alter und Altern ist ein facettenreicher Begriff, der geprägt ist durch:

  • den Wandel der Arbeitsstruktur
  • ein juristisch definiertes Zeitfenster
  • kognitive Abbauprozesse
  • Gedächtnisabbau
  • die Lebensproduktivität

Weiter gilt es „Demenz aus der Perspektive von Ressourcen und verbleibender Normalität zu betrachten“ (S. 16) – und das heißt:

  • Interventionsmotive zu eruieren
  • die Dringlichkeit für Lösungen aufzuzeigen, denn „die Behandlung demenzieller Erkrankungen ist eine der ganz großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft“ (S. 16)
  • Demente für die Ärztinnen und Ärzteschaft attraktiv zu machen, da „Menschen mit Demenz beim Arzt in ökonomischer Sicht unbeliebt“ (S. 17) sind.

Demenz und heilpädagogische Logopädie rückt im zweiten Kapitel den Menschen ins Zentrum. „Es geht um Sinn, Kontakt, Orientierung und Kompetenzerleben zur Stabilisierung des Selbst und zur Aufrechterhaltung der Teilhabe“ (S. 24). Daus folgend ist die Arbeit an Sprache und Kommunikation am tatsächlichen Leben und am Alltag zu orientieren. Die Logopädie ist Teil eines hochkomplexen Systems. Altersforschung, Gerontologie kann somit nur auf einem multidiszplinären Campus erfolgen. Die systemische Basis der heilpädagogischen Logopädie ist eine, durch das dialogische Prinzip geprägte, heilpädagogische Raute, der wenigstens vier Partnerinnen oder/und Partner angehören, als da wären die Therapeutin oder der Therapeut, die oder der Primär-, die oder/und der Sekundärbetroffene und die oder der Helfer bzw. Pflegenden.

Im dritten Kapitel präsentiert der Autor Basisinformationen zu Demenz, die ein Blitzlicht auf die Geschichte, die Inzidenz, die Zeit vor der Diagnosestellung, für Demenz relevante Altersausschnitte, Ursachen von demenziell bedingten Hirnfunktionsstörungen, Ursachen der Alzheimerschen Erkrankung, Demenzstadien, die Häufigkeit der einzelnen Demenzformen und die sekundäre Demenz umfasst. Hierauf aufbauend liefert der Autor eine Definition von Demenz. „Sprach- und Kommunikationsstörungen im Rahmen einer Demenz müssen im Gesamtzusammenhang gesehen werden“ (S. 45). Dies veranlasst Steiner dazu Sprache und Kommunikation im Kontext zu betrachten. Demgemäß ist Demenz als eine komplexe Beeinträchtigung anzusehen. Die gesamte Störungspalette bildet ein interagierendes System.

Durch das demenzielle Fortschreiten treten unterschiedliche Probleme auf. In der Sprache betrachtet der Verfasser die Ressourcen, welche im Zustand der Demenz vorliegen. Dies führt zur Definition der Phänomene Sprache, Kommunikation und Dialog. Aspekte in Verhalten, Sprache und Kognition, die der Vorphase der diagnostischen Etikettierung zuzuordnen sind, werden angeführt, ebenso wie Individualität und Kollektiv, Gedächtnis, die Anpassungsfähigkeit des Gehirns, die Nähe von Sprache und Gedächtnis sowie der Sprachabbau bei Demenz und warum dieser allen anderen Benennungen vorzuziehen ist. Dies führt Steiner zur Definition des zuletzt genannten Phänomens. Um zu einer individualisierten Beschreibung zu gelangen, aus welcher sich eine Idee von Behandlung und Beraten ableiten lässt, ist es notwendig eine ressourcenorientierte Statuserhebung durchzuführen.

Wichtig ist der Hinweis auf die sehr unterschiedlichen Demenzen, was die sprachstrukturellen Aspekte betrachtenswert erscheinen lässt.

Weiter betrachtet Steiner im dritten Kapitel die Aspekte des Dialogs, als da wären:

  • die Gesprächsintention
  • die interindividuellen Dialogkonventionen
  • die störenden Elemente
  • Versprecher und Klima
  • Kommunikative Hilflosigkeit
  • Gelingende Gespräche

Den Abschluss dieses Kapitels bildet der Fokus auf die nonverbale Kommunikation, die eine hohe Bedeutung für die Demenz hat, in Bezug auf:

  • Emotion und Festigung
  • Nonverbale Kommunikation in der Diagnostik.

Kapitel 4 legt den Fokus auf die Logopädie im Verbund mit der ärztlichen und der neuropsychologischen Diagnostik, wobei sich die Diagnostik der Sprachlichkeit auf Ressourcen konzentriert und biographisch-dialogisch verläuft.

Ziel des fünften Kapitels ist es, eine geordnete Übersicht über nicht-medikamentöse Therapiemaßnahmen zu geben und das Interventionsangebot der Sprachheilpädagogik/Logopädie besonders herauszustellen

Zusätzlich zur medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapie gehört die Beratung zur Demenzbehandlung, die ihre Abhandlung in Kapitel 6 findet.

Das siebte Kapitel liefert eher allgemeine Maßnahmen, die dem kommunikativen Rückzug im Alter vorbeugen. Eher allgemein, weil es „derzeit keine Konzepte für präventiv-logopädische Maßnahmen in Bezug auf ‚successful aging‘ oder beginnende Demenz“ (S. 131) gibt.

Das achte Kapitel, für welches Torsten Bur verantwortlich ist, befasst sich mit Schluckstörungen bei fortgeschrittener Demenz. „Während kommunikative Probleme in allen Demenzstadien vorliegen, zeigen sich Beeinträchtigungen der Nahrungsaufnahme und des Schluckens erst in späteren Stadien. […] Im Verlauf können zusätzliche Wahrnehmungsstörungen verhindern, dass Nahrung noch als solche erkannt wird.“

Kapitel 9 schließlich gibt den Ausblick, der besagt das weitere Forschungsarbeiten auf dem Feld der Demenz notwendig sind.

Fazit

Die Publikation ist eine lesenswerte Lektüre, die sich eigentlich nicht nur auf den gerontologischen Bereich beschränkt, sondern genauso in der seriösen Behindertenarbeit und der Behindertenbegleitung, die von jeglicher strukturellen Gewalt Abstand nimmt, verwirklichen lässt.

Literatur

Bläck Fööss: Kayjass Nr. 0. URL: http://www.youtube.com/watch?v=o9lrGFfSPog [Download: 24.11.2010]


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 09.12.2010 zu: Jürgen Steiner: Sprachtherapie bei Demenz. Aufgabengebiet und ressourcenorientierte Praxis. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-497-02174-1. Reihe: Praxis der Sprachtherapie und Sprachheilpädagogik - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10471.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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