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Stephanie Witt-Loers: Trauernde begleiten

Cover Stephanie Witt-Loers: Trauernde begleiten. Eine Orientierungshilfe. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 160 Seiten. ISBN 978-3-525-63020-4. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 29,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Mit den gesellschaftlichen Umwälzungen, den sozialen Veränderungen im Umgang mit Sterben und Tod hat sich auch das Trauerverhalten stark gewandelt. Die Selbstverständlichkeit und das routinierte Gestalten von Sterben, Tod und Trauer folgen heutzutage einer anderen Logik als zu früheren Zeiten, weil die moderne Gesellschaft nicht mehr über ein kollektiv geteiltes Todesbild verfügt. Nicht nur der Tod, insbesondere die Trauer wird zur reinen Privatangelegenheit erkoren. Trauern wird in unserer Gesellschaft unmodern, nach einer Zeit sozial unauffälliger Trauergestaltung muss es für den Trauernden wieder ‚normal‘ weitergehen. Trauer(nde) zu erkennen wird aufgrund einer entsprechenden Verhaltens- und Affektkontrolle immer schwieriger, obwohl uns Trauer in allen sozialen Belangen und Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens begegnet, wie Stephanie Witt-Loers beispielhaft schildert. Das Werk ist als „Orientierungshilfe“ im Umgang mit Trauerenden konzipiert. Trauernde zu begleiten und ihnen hilfreich zu begegnen erfordert ein sich Einlassen auf tiefere Aspekte von Sterben, Tod und Trauer und führt uns als Begleiter auch vor die Aufgabe, uns mit eigenen Trauererfahrungen auseinanderzusetzen. Die Trauerbegleiterin Stephanie Witt-Loers untermalt anschaulich anhand vieler Beispiele aus eigener Praxis, wie Trauer erlebt und erfahren werden kann. Die Resonanz diese Erfahrungen auf unser eigenes Leben soll uns ermutigen, trauernde Menschen mit Aufrichtigkeit und Akzeptanz zu begegnen. Denn, so der Grundtenor des Buches: Trauer (be)trifft uns alle gleichermaßen und jeder kann sich eines Tages in der Rolle des Trauernden wiederfinden.

Autorin

Stephanie Witt-Loers, geboren 1964 in Bergisch Gladbach, ist ausgebildete Kinder-und Familientrauerbegleiterin und Trauerbegleiterin in eigener Praxis. Sieunterstützt und begleitet trauernde und sterbendeKinder, Jugendliche und Erwachsene, leitet regelmäßig Trauergruppen und ist alsFortbildungsreferentin an verschiedenen Institutionen unter anderem fürLehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen und Berufsgruppen in sozialhelfenden Disziplinen tätig, die in ihrem beruflichen Alltag mit Trauer und Todin Berührung kommen.

Aufbau und Inhalt

Das Werk ist in mehreren Kapiteln überschaubar gegliedert und das Theoretische mit zahlreichen Beispielgeschichten aus der Praxis unterlegt.

Nach dem einleitenden ersten Kapitel, in dem Sinn und Wahrhaftigkeit einer Trauerbegleitung vorgestellt und dem Leser Ermutigung zugesprochen wird, sich auf diesen Weg einzulassen, referiert Kapitel 2, wie Trauer verstanden werden kann und welche Trauerreaktionen auf einen Verlust eintreten können. Das Kapitel beinhaltet ferner theoretische Auffassungen und Modelle von Trauer. Unter Bezugnahme auf den amerikanischen Trauerforscher William Worden (2007) werden Traueraufgaben dabei als Themen definiert, die den Trauerprozess prägen und einen Anhaltspunkt liefern, mit dem Verlust und der neuen Situation leben zu lernen.

Im Kapitel 3 gibt die Autorin einen Überblick über Gruppen von Trauernden. Sie interpretiert auf der Beziehungsebene die Bedeutung des Verlustes und resultierender Trauerreaktionen um einen „Partner“, um das „eigene Kind“, gibt einen Einblick in das „Abschieds- und Todesverständnis von Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Kindern“, reflektiert zudem die „Trauer im Alter“ und die „Trauer Sterbender“. Die Autorin unterstreicht dabei für sie essentielle Punkte, die in der Begleitung mit Trauernden an Berücksichtigung finden können.

Kapitel 4 beleuchtet den Zusammenhang zwischen der jeweiligen Todesart und den Prozess der Trauer: Fällt es leichter zu trauern, wenn die Möglichkeit einer Verabschiedung gegeben war? Wie gestaltet sich Trauer, wenn der Verstorbene durch Suizid, einen plötzlichen Tod oder äußerer Gewalteinwirkung aus dem Leben geschieden ist?

Aus den vorgestellten Traueraufgaben leitet die Autorin in Kapitel 5 Aufgaben für eine adäquate Begleitung und Begegnung ab und ergänzt diese um weitere, essentielle Themen einer unterstützenden Begleitung Trauernder. In diesem Kapitel, mit 46 Seiten der umfassendste Teil dieses Werkes, bietet Stephanie Witt-Loers dem Leser und Begleiter konkrete Umsetzungsideen und Anhaltspunkte. Die einzelnen Unterpunkte belegen das Referierte mit praxisnahen Beispielgeschichten. So wird zuallererst die Empfehlung ausgesprochen, inne zu halten und sich vergangenen Verlusterlebnissen zu widmen, zu erkennen, wo die eigenen Fähigkeiten liegen und der Ratschlag erteilt, offen zu bleiben, „mit warmen Herzen und wachem Geist“ (S.70). Nach dem sich Öffnen und Begegnung Zulassen beschreibt die Autorin, wie es gelingen kann, Kontakt herzustellen, mit Trauernden im Gespräch zu bleiben und referiert anschließend „grundlegende Aspekte“, die in einer Begleitung an Berücksichtigung finden sollen. Zu einer angemessenen Aufgabe des Begleiters gehört auch die Aufgabe, das „Überleben“ Trauernder zu stützen sowie Trauernde darin behilflich zu sein, den Verlust begreiflich zu machen. Dass Trauernde auch Raum und Zeit brauchen, den Verlust zu verstehen und den Schmerz zu erfahren und welche Herausforderungen für den Begleiter in dieser Zeit erwachsen wird ebenfalls ausgeführt wie die Tatsache, dass Trauernde informelle Unterstützung benötigen oder durch kreatives Tun Gefühle besser kanalisiert werden können. „Glaube und Spiritualität“ können, sofern gewollt, auch eine Stütze in dieser Ausnahmezeit sein; vor allem ist es aber die Aufgabe des Begleiters, den Betroffenen an ein Leben heranzuführen, in dem nichts mehr ist, wie es einmal war. Aufmerksam sein, „Stärken aufzeigen“, vor Augen führen, wie weit man bereits gekommen ist, wertschätzend sein und immer wieder „nachfragen“, was „hilfreich“ und „tröstend“ sein könnte (S.103) sowie dem „Trauernden ermutigen, dem Toten einen neuen Platz zuzuweisen“ (S.104) sind Ratschläge, die Stephanie Witt-Loers als Orientierungshilfe anbietet. Da jeder Mensch anders trauert, können Rituale der Trauer eine wertvolle Stütze sein und Halt geben, denn der Ritus hilft den Tod sinnhaft zu erleben. So bieten insbesondere individuelle Rituale neben kollektiv verankerten Ritualen den Hinterbliebenen die Möglichkeit, gemeinsame Erinnerungen über den Verstorbenen lebendig zu halten. Das Kapitel schließt mit Vorschlägen zur „Sinnfindung“ und „Sinngebung“ angesichts des erlebten Verlustes und wie wir als Begleiter in diesen Prozessen unterstützend sein können, ohne oktroyierend zu wirken, wie die Autorin abschließend in Erinnerung ruft: „Wichtig ist eine ehrliche Antwort unsererseits, wenn Trauernde uns nach der Sinngebung fragen: Wir wissen es nicht! Die Sinngebung, die ein Trauernder dem Geschehen zuschreibt, müssen wir respektieren.“ (S.114).

Kapitel 6 gibt eine Übersicht, was Trauernden gut tut, und was nicht, und weist darauf hin, das es oft Unbeholfenheit und Unwissenheit im Umgang mit Trauernden ist, die verletzend sein können.

Kapitel 7 trägt die Überschrift Beileidschreiben und subsumiert Orientierungen, Formulierungsvorschläge und Textbeispiele, wie Trauer, Beileid und Mitgefühl in Worten ausgedrückt werden können. Feiertage, Geburtstage und Jahrestage, einschließlich der Todestage Verstorbener, sind für Hinterbliebene eine herausfordernde und oft schmerzhafte Zeit, die besondere Unterstützung von Außen benötigt.

Verstorbener zu gedenken kann eine „Bereicherung“ für das eigene Leben sein und in über einer „Ankerkennung des physischen Todes“ hinaus in einer neuen Beziehungsebene mit dem Verstorbenen münden, wie in Kapitel 8 dargestellt wird.

Das 9. Kapitel, Unterstützung und Beratung, gibt eine Übersicht über das Spektrum unterschiedlichster Unterstützungsangebote, die Trauernden heutzutage in unserer Gesellschaft zur Verfügung stehen. Im abschließenden 10. Kapitel des Werkes stellt die Autorin dem Leser Links und Adressen im Internet sowie eine Zusammenfassung von Literaturempfehlungen zur Verfügung.

Diskussion

Das Buch ist vor allem praxisorientiert und so verstanden durchaus eine „Orientierungshilfe“ für Begleiter, die sich einlassen auf das Wagnis eines unmodern anmutenden und oft mit Sprachlosigkeit konnotierten Weges der Trauerbegleitung. Die Autorin umgeht damit einer Fixierung auf Patentrezepte zu einer für Alle gleichermaßen gültigen Lösung in Trauerfragen, die es so nicht geben kann. Denn die Privatisierung der Todeserfahrung erfordert ihr ergänzendes Korrelat: Trauern wird zum Kraftbewältigungsakt eines jeden Einzelnen, normiertes Trauern als ausgehöhlt und unangemessen empfunden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, das neue Formen individueller Trauergestaltung lautstark eingefordert werden. Dass Trauernden helfen also nicht nur eine Angelegenheit professioneller Berufsausübung ist, zeigt auch das Werk von Stephanie Witt-Loers, die uns als Betroffene Mut macht, uns auf diesen doch sehr existentiellen Weg einzulassen. Sehr schön gelungen finde ich das Zusammenspiel von Theorie und Praxis und die für den Leser hervorgehobenen „Orientierungshilfen“ in Form von komprimierten Kernsätzen, die sich wegweisend wie ein roter Faden durch das gesamte Werk ziehen. Die Autorin erzählt mit einfühlsamer und allgemein verständlicher Sprache und spricht damit auch und insbesondere Jene an, die keine entsprechenden Fachkenntnisse besitzen. Um es anders auszudrücken: das Werk ist ein Plädoyer, die Sprachlosigkeit aufzubrechen und Trauernden die Hand zu reichen. Denn in der bewussten Wahrnehmung der ‚Bruchhaftigkeit‘ menschlichen Lebens als Grundsituation des Menschseins überhaupt kann die Fähigkeit zur Trauer, Hoffnung und aufrichtiger Begegnung gewahrt werden; und damit Respekt und Solidarität dem Trauernden gegenüber in einer Haltung des Mitgefühls.

Fazit

Stephanie Witt-Loers macht deutlich, dass Trauer ein ständiger Begleiter in unserem Leben ist und dass Menschen über kleinere und größere Verluste in unterschiedlichem Ausmaß trauern. Insofern ist das Buch empfehlenswert für Alle, die mit Trauer und Verlust auf die eine oder andere Art in Berührung gekommen sind. Insbesondere ist es aber als hilfreiche Stütze für Jene zu verstehen, die Trauernden in ihrer schwierigen Zeit beistehen und sie auf ihren Weg begleiten möchten, ob nun als Privatperson oder beruflich Betroffener. Insgesamt ein sehr gelungenes und kompaktes Nachschlagwerk mit zahlreichen Anregungen und Leitgedanken.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 17.02.2011 zu: Stephanie Witt-Loers: Trauernde begleiten. Eine Orientierungshilfe. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-63020-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10474.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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