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Charlotte Peter, Stephanie Raith-Kaudelka u.a.: Gehörlose Eltern - hörende Kinder

Cover Charlotte Peter, Stephanie Raith-Kaudelka, Herbert Scheithauer: Gehörlose Eltern - hörende Kinder. CODA-Trainingsprogramm ; mit DVD. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 284 Seiten. ISBN 978-3-621-27785-3. D: 79,95 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 129,00 sFr.

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Autorin und Autoren

Das Buch basiert auf der psychologischen Dissertation von Charlotte Peter; Stephanie Raith-Kaudelka ist selbst gehörlose Mutter hörender Kinder; Herbert Scheithauer (Entwicklungspsychologie) trug wesentlich zur Erstellung und Evaluation der Trainingsbeschreibungen bei. Von derselben AutorInnengruppe gibt es auch das Buch "Gemeinsam in zwei Welten leben. Ratgeber für gehörlose Eltern", welches die Inhalte des unten beschriebenen Elternkurses ausführlich und auf DVD auch in Deutscher Gebärdensprache darstellt.

Aufbau

Das Buch besteht in seinem Teil I aus einer etwa 30seitigen Einleitung zu den Themen Gehörlosigkeit/Gehörlosengemeinschaft (Kapitel 1), "Hörende Kinder gehörloser Eltern" (Kap. 2) und "Gehörlose Eltern" (Kap 3). Dem folgt die Erläuterung des den Hauptteil des Buchs darstellenden CODA-Trainingsprogramms (Kap. 4) sowie ein Kapitel (5) zu einer bereits durchgeführten Evaluation dieses Programms.

Die Teile II und III sind dem Trainingsprogramm selbst gewidmet.

Teil II enthält die "Trainingsmanuale" sowohl für den Kurs für hörende Kinder als auch denjenigen für gehörlose Eltern, Teil III die entsprechenden Kursmaterialien. Die beigelegte DVD enthält die Informationen des Buchs in teilweise etwas geraffter Form in Deutscher Gebärdensprache, nämlich die Inhalte der Kapitel 1-5; zu Kapiteln 6 und 7 gibt es Kurzinformationen zu den Modulen der Kurse in DGS.

Inhalt

Kapitel 1 ist sehr kurz; grundlegendes Wissen der LeserInnen zum Thema "Gehörlosigkeit" wird vorausgesetzt.

In den beiden Kapiteln (2 und 3) zu den "Familien-Interaktionspartnern", nämlich den hörenden Kindern und ihren gehörlosen Eltern, werden die wesentlichen Faktoren geschildert, welche die von anderen Familienkonstellationen unterschiedlichen Herausforderungen erzeugen. Das sind einerseits die unterschiedlichen (möglicherweise asymmetrischen) Kommunikationsformen, die Dolmetscher- bzw. Vermittlerrolle, welche hörende Kinder oft für ihre Eltern übernehmen müssen, sowie die aus der Situation folgenden Emotionen, insbesondere das spezielle Stresserleben und seine Bearbeitung. Zuletzt wird auf die "bikulturelle Identität" von CODAs eingegangen. Bezüglich der gehörlosen Eltern wird auf die Problematik der Beurteilung der Erziehungskompetenz der gehörlosen Eltern (sowohl durch sie selbst als auch durch die Umwelt), ihren Zugang zu entsprechenden Informationen, ihre Emotionen und ihre Identifikation mit der Elternrolle eingegangen.

Kapitel 4 schildert das für das Trainingsprogramm zentrale Modell der Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen, insbesondere auch solcher zur Stressbewältigung. Die Ziele des Programms sind eine "verbesserte Anpassung hörender Kinder gehörloser Eltern an ihre Lebenssituation und … eine Optimierung der Erziehungskompetenz gehörloser Eltern …" (S. 32). Damit soll möglichen Schwierigkeiten in dieser Familiensituation möglichst frühzeitig vorgebeugt werden (Präventionsmodell). Die verschiedenen wissenschaftlichen Modelle (z.B. zur sozial-kognitiven Informationsverarbeitung, zur emotionalen Kompetenz, zum transaktionalen Stressmodell und zur Personenzentriertheit) werden kurz dargestellt.

Der Kinderkurs (8 Module zu je 3 Stunden) ist für die Altersgruppe von 8-12 Jahren gedacht und zielt vor allem auf das Erkennen eigener und fremder Emotionen, die Lösung von Belastungssituationen durch "Situationskontrolle, positiver Selbstinstruktion und der Suche nach sozialer Unterstützung." (S. 38). Ähnliches gilt (erwachsenenangemessen) für den Elternkurs (5 Module zu je 3 Stunden) , der aber auch speziell auf die "Selbstwirksamkeit" der Eltern in der Erzieherrolle eingeht. Für beide Kurse werden Kursaufbau, Gruppenstruktur und inhaltliche Elemente ausführlich beschrieben.

Kapitel 5 stellt Methoden und positive Ergebnisse einer Evaluation beider Kurse dar.

Kapitel 6 und 7 sind umfassende Darstellungen der einzelnen Module des Kinder- und des Elternkurses (64 bzw. 49 Seiten). Diese sind wie "Stundenbilder" für die Schule aufgebaut und enthalten praktisch jedes Detail des Vorgehens. Die Module des Kinderkurses sind "Kennenlernen", "CODA - Was ist das?", "Gefühle erkennen", "Eigene Gefühle", "Umgang mit Gefühlen", "Stresserleben", "Umgang mit Stress" und "Selbstwertgefühl und Identität"; die Module des Elternkurses "Erziehungsziele und Erziehungsstile", "Entwicklung des Kindes", "Kommunikation in der Familie", "Gefühle in der Familie" und "Konflikte in der Familie".

Kapitel 8 und 9 enthalten modulweise alle Materialien (60 bzw. 31 Seiten) zu den beiden Kursen.

Diskussion

Alle Teile des Buchs sind in gut verständlicher Sprache geschrieben, Teil I informativ und von angemessener Knappheit, die Teile II und III, wie bereits erwähnt, ausführlich und detailreich. Die Kursmethoden (Geschichten, Rollenspiele, Gruppengespräche, Kärtchen u.a.) und Inhalte erscheinen angemessen.

Die Vorgaben für die KurstrainerInnen sind als sehr positiv einzuschätzen: der Elternkurs soll vollständig in Gebärdensprache gehalten werden, wenn möglich, von einer gehörlosen Person; im Kinderkurs soll die Gebärdensprache nicht unterdrückt werden, wenn sie von den Kindern eingebracht wird.

Etwas eigenartig mutet der mögliche Ausschluss von Kindern an, wenn sie "aggressiv", "hyperaktiv oder sozial ängstlich" sind (S. 41), gerade wenn wir an die Erkenntnisse zu CODAs denken, welche die AutorInnen selbst zitieren. Hier wäre doch ein deutlicherer, wissenschaftlich fundierter Hinweis nicht nur bezüglich möglicher individueller Therapien gefragt, sondern auch eine Art "Handreichung" für TrainerInnen, wie sie denn mit entsprechenden Verhaltensweisen von Kindern im Einzelfall umgehen können, sofern das Kind nicht unmittelbar und vollständig "therapiebedürftig" ist.

Mir ist bewusst, dass mit der Beilage einer DVD mit Informationen in Deutscher Gebärdensprache ein wichtiger innovativer, inklusiver Schritt getan wurde. Obwohl das eine äußerst begrüßenswerte Entwicklung ist, möchte ich doch anmerken, dass eine DVD alle didaktisch-methodischen Möglichkeiten der Neuen Medien (Visualisierung von Inhalten, Verknüpfungen, Illustrationen) bieten würde, welche aber leider überhaupt nicht genutzt wurden. Auch die Materialien sind nicht in elektronischer Form eingebunden.

Fazit

Ein wichtiges Buch, weil es einen ziemlich vernachlässigten Typ bzw. Bereich der Eltern-Kind-Beziehungen bearbeiten hilft und insbesondere die Inklusion gehörloser Eltern befördert.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das man sowohl für einen Erstüberblick zum Thema heranziehen kann (Teil I) als auch für jede pädagogische Praxis im Bereich: Anregungen bzw. Elemente können durchaus in Schulen, Kindergruppen oder in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden. Die Information in Deutscher Gebärdensprache (DVD) ermöglicht auch den gehörlosen Eltern den Informationszugang.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 10.12.2010 zu: Charlotte Peter, Stephanie Raith-Kaudelka, Herbert Scheithauer: Gehörlose Eltern - hörende Kinder. CODA-Trainingsprogramm ; mit DVD. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. ISBN 978-3-621-27785-3. DVD-Video. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10493.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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