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Sören Isleib: Das Projekt der Vielen

Cover Sören Isleib: Das Projekt der Vielen. Der Bologna-Prozess als europäisches Mehrebenensystem. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 168 Seiten. ISBN 978-3-8288-2412-6. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Thema

Ziel der zuerst als Abschlussarbeit an der Universität Leipzig verfassten Publikation ist die Anwendung von Theorien zur Politikverflechtung und zu multilevel governance auf den Bologna-Prozess. Dieses trägt zum besseren Verständnis bei, wie sich eine Angleichung der nationalen Hochschulpolitiken in Europa durchsetzen konnte, während vorausgehende Bestrebungen in diese Richtung mit teils sehr ähnlichen Zielen kaum Auswirkungen hatten. Es kennzeichnet den Bologna-Prozess zugleich als komplexes Gefüge, das sich durch die Interessen sehr vieler Akteure konstituiert. Über für den Laien nicht immer transparente Mechanismen kommt es zwischen den Akteuren der verschiedenen horizontal und vertikal diversifizierten Ebenen zum Interessenabgleich und zur Durchsetzung bestimmter Zielsetzungen. Isleib legt die Mechanismen und strategischen Spiele der Akteure offen, die zu einer Verständigung und Durchsetzung von Maßnahmen führen und dem Bolgna-Prozess schließlich seine inhaltliche Prägung gegeben haben.

Aufbau und Inhalt

Neben einem Vorwort, einer Einleitung und einem Fazit und Ausblick enthält die Arbeit drei Hauptkapitel.

1. Einleitung. Die Einleitung klärt Thema, Zielsetzung und Vorgehen der Arbeit.

2. Multilevel governance und Struktur des politischen Mehrebenensystem. Im wesentlichen stellt Isleib hier drei Theorien zur Kennzeichung von Mehrebenensystmen vor: Der Ansatz des Mehrebenensystems geht von einer komplexen Kompetenzverteilung auf mehrere Ebenen und der Verteilung von Aufgaben und Ressourcen innerhalb eines politischen Systems aus. „Multilevel governance“ beschreibt einen sehr ähnlichen Sachverhalt, jedoch ist hier die Dynamik des politischen Systems stärker berücksichtigt. Der Begriff der Politikverflechtung wiederum ist als eine Art Oberbegriff zu beidem zu sehen. Weiterhin stellt der Autor Koordinationsmechanismen und Strategien in Mehrebenensystemen vor. Beispielsweise können durch strategische Selbstbindungen intergouvernementale Verhandlungsergebnisse auf nationaler Ebene als Sachzwänge präsentiert und so leichter durchgesetzt werden.

3. Europäische Hochschulpolitik. Hier geht der Autor auf den „Vorspann“ zum Bologna-Prozess ein. Er teilt diesen in vier Phasen ein: In der ersten Phase von 1945-1970 begann die europäische Einigung mit der Gründung mehrerer Organisationen. Bildungs- und Hochschulpolitik waren zwar Gegenstand von Diskussionen, lagen im wesentlichen jedoch klar im Bereich nationaler Kompetenz. In der zweiten Phase der 1970er-Jahre wurden durch die Europäische Kommission erste Kooperationsprogramme initialisiert. Die 1980er-Jahre als dritte Phase europäischer Hochschulpolitik sind durch eine Erweiterung europäischer Kompetenzen gekennzeichnet. Urteile des EuGH zur Freizügigkeit, EU-Mobilitätsprogramme und die Magna Charta Universitatum trieben die europäische Zusammenarbeit voran. Die Lissabon-Konvention 1997 in der vierten Phase der 1990er-Jahre legte die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen durch die Unterzeichner-Staaten fest.

4. Der Bologna-Prozess. Hier wird der Verlauf des Bologna-Prozesses, angefangen bei der Sorbonne-Erklärung, dargestellt und einzelne Akteure werden näher betrachtet. Weiterhin geht Isleib auf die Berichterstattung im Bologna-Prozess und die Akteursstruktur in Deutschland ein, die an der Studienstrukturreform beteiligt ist. Schließlich wird diese als Mehrebenensystem charakterisiert, das durch die Verkopplung von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren gekennzeichnet ist, sich durch eine quantitiative, qualitative und inhaltliche Dynamik auszeichnet und hinsichtlich seines Kontextes und seiner organisationalen Struktur komplex ist. Die theoretischen Konzepte des zweiten Kapitels finden so eine empirische Entsprechung, die im vierten Kapitel expliziert wird.

5. Fazit und Ausblick. Hier werden die Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengefasst und die Relevanz für Verkopplung, Dynamik und Komplexität auch für den weiteren Verlauf des Bologna-Prozesses festgestellt. Als Desiderat formuliert der Autor eine verstärkte soziologische Forschung neben der politikwissenschaftlichen Forschung zum Bologna-Prozess.

Diskussion

Die Stärken des Buches liegen in einer klaren Sprache und einer differenzierten Sicht sowohl auf die chronologische Abfolge als auch auf die Art und Weise der Politikverflechtung im Bologna-Prozess. Dem Autor gelingt es, die ausgewählten theoretischen Ansätze für eine Analyse der Hochschulstrukturreform fruchtbar zu machen. Er bezieht dabei keine Position, sondern liefert eine Grundlage für weitergehende Forschung. Die breit angelegte Untersuchung, die das Phänomen in seiner Gänze erfassen will, bringt es mit sich, dass die Darstellung bisweilen etwas „trocken“ daher kommt, dies schmälert jedoch nicht den Wert der Arbeit, die ein Analyseraster zur Verfügung stellt, mit dem auch der weitere Verlauf der europäischen Hochschulpolitik klarer erfasst werden kann.

Fazit

Das Buch ist als politikwissenschaftliche Einführung in den Bologna-Prozess geeignet, ermöglicht aber zugleich auch ein vertieftes Verständnis für Dynamik und Komplexität der Reform.


Rezensentin
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 21.02.2011 zu: Sören Isleib: Das Projekt der Vielen. Der Bologna-Prozess als europäisches Mehrebenensystem. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2412-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10503.php, Datum des Zugriffs 11.12.2016.


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